Palmatier, Joshua – Assassine, Die (Der Geisterthron 1)

Varis ist ein Straßenkind und eine Überlebenskünstlerin. Ihr Zuhause ist ein Loch in einer verfallenen Ruine irgendwo in den riesigen Slums diesseits des Flusses, sie lebt vom Diebstahl und von der Mildtätigkeit eines Bäckers. Bis sie eines Tages einem Assassinen der Regentin begegnet, der ihr anbietet, für ihn zu arbeiten. Varis zögert, doch dann sagt sie zu. Und schon bald verändert sich ihr Leben dramatisch …

Joshua Palmatier erzählt seine Geschichte in der Ich-Form, aus der Sicht von Varis.

Varis ist ein typischer Streuner, flink, scheu, misstrauisch und halb verhungert. Dennoch unterscheidet etwas sie ganz entscheidend von ihrem größten Konkurrenten, den sie auf Grund eines dunklen Flecks im Gesicht Blutmal nennt: Zwar hat auch sie mehr als nur ein Menschenleben ausgelöscht, allerdings macht ihr das Töten durchaus keinen Spaß.

Damit hat sich die Charakterzeichnung auch schon erschöpft. Zwar ist Varis sehr gut und eindringlich gezeichnet, alle anderen Figuren reichen jedoch kaum über Nachvollziehbarkeit hinaus. Varis kann keine Gedanken lesen und keiner der anderen Charaktere fasst seine Gedanken oder Gefühle jemals in Worte. Deshalb hat auch keiner von ihnen eine echte eigene Persönlichkeit, keine Vergangenheit, keine Zukunft. Motive oder Ambitionen werden – wenn überhaupt – lediglich in kurzen, belauschten Gesprächsfetzen vage angedeutet.

Ähnlich eingleisig wirkt zunächst auch die Handlung. Der Prolog erzählt von der ersten Phase der Ausführung eines Auftragsmordes. Und auch die Geschichte selbst fängt gleich als erstes mit einem Mord an. Da Varis‘ Auftraggeber ein Assassine ist, mangelt es auch im weiteren Verlauf nicht an Leichen. Aber das ist es nicht allein: So zurückhaltend der Autor in der Darstellung seiner Nebencharaktere war, so unverblümt ist er in der Darstellung des Tötens. Nicht, dass er es unnötig ausgedehnt hätte, aber er ist durchaus drastisch. Nach Palmatiers Beschreibung ist Töten ein schmutziges Geschäft, und so entspricht Palmatiers Assassine auch nicht dem derzeit modernen Bild dieses Berufszweigs: Keine übertriebenen Fähigkeiten, keine gefährliche, geheimnisvolle Ausstrahlung, keine magische Anziehungskraft. Nur eine blutige Spur, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. Die Entdeckung eines Komplotts im zweiten Teil des Buches verleiht der Handlung schließlich ein wenig mehr Vielschichtigkeit, aber auch in diesem Zusammenhang kommt es zu Mord und Totschlag. Fast sieht es so aus, als bestünde das Buch lediglich aus einem einzigen großen Schlachtfest … wären da nicht Varis‘ besondere Fähigkeiten.

Die erste dieser Fähigkeiten ist gar nicht so besonders. Varis kann geistig auf eine andere Ebene abtauchen, in der sie die Welt auf ungewöhnliche Art wahrnimmt. Sie nennt diese Ebene den Fluss. Dort kann Varis an den Farben erkennen, welche Menschen harmlos sind und wer eine Gefahr für sie darstellt. Außerdem befähigt der Fluss sie, Leute extrem deutlich und scharf wahrzunehmen, wenn sie sich auf sie konzentriert. Und offenbar kann sie die Kraft des Flusses auch gegen andere lenken und damit auf sie einwirken. Aber da ist sie nicht die Einzige.
Was dagegen tatsächlich einzigartig zu sein scheint, ist das weiße Feuer, das in Varis schlummert und bei Gefahr erwacht. Was es damit genau auf sich hat, bleibt vorerst unklar.

Dieses weiße Feuer ist es, das letztlich die Geschichte ein Stück aus den Strömen von Blut heraushebt, durch die Varis watet. Das Rätsel darum, wo es herkommt, was es bewirkt und warum es überhaupt immer wieder kommt, lässt erahnen, dass es letztlich doch um mehr geht als nur Würgen und Stechen. Leider bleibt jener Aspekt zunächst so weit im Hintergrund, dass der Leser ihn glatt vergessen könnte, wäre ein Rest der rätselhaften Flammen nicht in Varis hängen geblieben. Erst beim Showdown wird das weiße Feuer plötzlich wieder wichtig.

Der Showdown rückt auch Varis‘ Fähigkeiten im Zusammenhang mit dem Fluss in ein neues Licht. Unübersehbar hat es damit weit mehr auf sich, als es bisher schien. Zusammen mit der Tatsache, dass der Hintermann des Komplotts bisher nicht bekannt ist, ergibt sich daraus ein faszinierender Ausblick auf den nächsten Band.

Mit anderen Worten: Es dauert eine ganze Weile, bis der Autor zur Sache kommt. Allerdings verhindern die sehr lebendige sprachliche Gestaltung und der Ortswechsel zwischen den beiden Teilen des Buches, dass der Leser das Interesse verliert, ehe er den Kern der Geschichte erreicht, obwohl es trotz der vielen Kämpfe erst zum Showdown hin wirklich spannend wird. Wer Action mag, sich nicht daran stört, dass ständig Blut fließt, und ein wenig Geduld aufbringt, dem könnte dieses Buch durchaus gefallen.

Es steckt aber durchaus noch Entwicklungspotential drin. Immerhin hat die überraschende Entwicklung am Ende des Buches eine viel versprechende Ausgangssituation für die Fortführung der Geschichte geschaffen. Da Varis nun keine Assassine mehr ist, hege ich die Hoffnung, dass das Blutvergießen in der Fortsetzung zu Gunsten einiger Intrigen und der Geheimnisse im Hinblick auf die Magie stark in den Hintergrund rücken wird. In dem Fall dürfte der zweite Band wesentlich vielschichtiger und auch interessanter ausfallen als der erste.

Joshua Palmatier ist eigentlich Dozent für Mathematik an der Universität von Oneonta im Staat New York, schreibt aber schon, seit er in der Schule eine fantastische Kurzgeschichte verfassen musste. „Die Assassine“ ist sein erster Roman und der Auftakt zur |Geisterthron|-Trilogie, die auf Englisch bereits komplett erschienen ist. Auf Deutsch erscheint der zweite Band im Januar 2010 unter dem Titel „Die Regentin“. Der Autor schreibt derweil am ersten Band seines nächsten Zyklus.

|Broschiert: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3785760130
Originaltitel: |The Skewed Throne

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