Parker, Robert B. – God Save the Child – Ein Spenser-Krimi

_Susan Silverman top, der Rest Flop_

Ein Kind verschwindet spurlos … ist Kevin Bartlett (15) entführt worden, wie sein Vater glaubt, ein reicher Bostoner Bauunternehmer? Oder ist er nur durchgebrannt, wie Privatdetektiv Spenser argwöhnt, dem die seltsamen Begleitumstände Rätsel aufgeben? Oder ist er schon tot? Eine groteske Lösegeldforderung, ein Pappkarton mit grässlichem Inhalt, ein Toter im Hause Bartlett – das sind die rätselhaften Meilensteine auf Kevins Weg ins andere Leben, auf dem Spenser ihm folgt.

Der Titel der dt. Übersetzung lautet: „Kevins Weg ins andere Leben“ (1976 bei Ullstein).

_Der Autor_

Der US-Autor Robert B. Parker, 1932-2010, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren – er hat bis zu seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 50 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der „Spenser“-Reihe wohl seine neun „Jesse Stone“-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wird gerade vom ZDF gezeigt. Parker lebte in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen fast alle seine Krimis.

Außerdem schrieb Parker ein Sequel zu Raymond Chandlers verfilmtem Klassiker „The Big Sleep“ (mit Bogart und Bacall) „und mit „Poodle Springs“ einen unvollendeten „Chandler“-Krimi zu Ende. „Gunman’s Rhapsody“ ist seine Nacherzählung der Schießerei am O.K. Corral mit Wyatt Earp und Doc Holliday, ein klassischer Western.

_Handlung_

Spenser hat sich mit gerade mal 39 Jahren bereits einen gewissen Ruf als Bostoner Privatdetektiv erworben. Er kann deshalb auch recht gut mit der Bostoner Kripo unter Martin Quirk sowie mit der Staatspolizei unter Healy zusammenarbeiten, die ihn aber wegen seiner Unfähigkeit, sich unterzuordnen und seines berüchtigten Humors nur widerwillig kontaktieren. Die Jahre beim Bezirkstsaatsanwalt haben ihm gute Verbindungen verschafft, und die Erfahrungen als Cop, Boxer und Soldat kommen ihm stets gut zupass. So auch diesmal.

Das Ehepaar Roger und Margaret Bartlett wohnt im Bostoner Vorort Smithfield in der exklusivsten Ecke. Ihr fünfzehnjähriger Sohn Kevin ist verschwunden und sie denken, dass er entführt wurde. Dass er von selbst ausreißen würde, ist für sie undenkbar. Doch bisher haben die Mannen von Sheriff George Trask keine Spur von Kevin entdeckt. Bis eine Lösegeldforderung eintrifft, die Marge Bartlett schier einen Nervenzusammenbruch bereitet. Ihre Befürchtungen werden wahr. Was Spenser stutzig macht, ist die Form der Lösegeldforderung: ein Comic Strip.

Natürlich stellen Trask und Healy eine Falle auf, die den Geldabholer bei der Übergabe – an einer Landstraße – einfangen soll. Spenser spielt in einem nahen Pferdestall Kiebitz. Doch auch er wird von dem einfachen Trick des Räubers überrumpelt: Der Motorradfahrer entkommt auf einem simplen Reitpfad! Spenser könnte sich in den Hintern beißen.

Nun macht sich der Privatdetektiv Gedanken darüber, welche Art von Person Kevin Bartlett überhaupt ist. Er sucht die Schülerberaterin Susan Silverman auf, die an Kevins High School die Schüler psychologischen Rat erteilt. Sie sieht umwerfend auf und Spenser verliebt sich in sie. Neben seiner Einladung, die sie gern annimmt, ist aber auch ihre Information wichtig, dass Kevin sich in letzter Zeit sehr aufsässig verhalten hat und sich mit einer Clique Halbstarker einließ, deren Kopf ein gewisser Vic Harroway sein soll.

Nachdem der erste Abend mit Susan zur beiderseitigen Zufriedenheit verlaufen ist, fahren sie zu diesem Vic Harroway hinaus. Es ist ein flacher Bungalow abseits der Landstraße, dessen halb fertiggebaute Garage mal bessere Zeiten gesehen hat. Ein rauchendes 14-jähriges Mädchen im T-Shirt ruft Vic heraus, als die Besucher eintreffen. Vic ist, wie sie erstaunt sehen, ein muskelbepackter Bodybuilder. Und er verweigert nicht nur jede Auskunft bezüglich Kevin Bartlett, sondern bedroht sie mit seinen Fäusten. Ein strategischer Rückzug erscheint Spenser angebracht. Aber die Beleidung „Schlampe“ für Susan will er dem Kerl heimzahlen.

Die Entführung kommt immer weniger koscher vor. Das Ehepaar Bartlett führt keine gute Ehe, und wie Susan gesagt hat, sind beide keine guten Rollenvorbilder für einen heranwachsenden Jungen. Nachdem Mrs Bartlett, die Gattin mit Schauspielerambitionen, eine Todesdrohung erhalten hat, besteht sie hysterisch darauf, von Spenser bewacht zu werden. Und als die Leiche ihres Anwalts im Wohnzimmer liegt, fällt sie schier in Ohnmacht. Dennoch: Sie muss ihre Dinnerparty organisieren, komme, was da wolle.

Da Spenser nun im Bartlett-Haus übernachtet, lernt er auch Kevins Schwester Delilah alias Dolly kennen. Die Dreizehnjährige fasst Zutrauen zu dem starken Mann und zeigt ihm Kevins Geheimversteck. Wie in einem Votivschrein hat der Junge in einem Schrankkoffer eine ganze Sammlung von Zeitschriften und Postern über Vic Harroway versteckt. Offensichtlich ist der Bodybuilder Kevins Idol und Vaterfigur, wenn auch nicht gerade der beste Umgang. Was, wenn es sich gar nicht um eine Entführung handelt?

Aber was hat es mit diesem Harroway überhaupt auf sich, will Spenser herausfinden. Als er sich umhört, erfährt er, dass der große Kerl stockschwul sei. OK, aber womit verdient der seit einem Jahr Arbeitslose seinen Lebensunterhalt? Obwohl er damit Marge Bartlett wieder an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt, seilt sich Spenser ab und begibt sich in eine Schwulenbar. Als dort endlich Harroway auftaucht und nur eine Viertelstunde mit einem fetten Kerl redet, folgt er dem Bodybuilder durch den Regen. Im Stadtpark legt sich Spenser auf die Lauer, um herauszufinden, wen Harroway dort treffen will.

Zu seiner Überraschung handelt es sich um einen alten Bekannten aus dem Kreis um die Bartletts, der ebenfalls auf jener fulminanten und megapeinlichen Dinnerparty war, zu der Spenser auch Susan einlud. Als Spenser Harroways Spur weiterverfolgt, stößt er auf einen finsteren Zusammenhang. Doch wo ist der offenbar ahnungslose Kevin?

_Mein Eindruck_

Ich gebe offen zu, dass ich mir diesen zweiten „Spenser“-Krimi, der ja immerhin schon einige Jährchen auf dem Buckel hat, nur wegen eines einzigen Handlungsaspektes gekauft habe: Hier lernt Spenser seine Lebensgefährtin Susan Silverman kennen und lieben. Sie ist eine ungewöhnliche Frau: intellektuelle Jüdin mit großartigem Sinn für Humor und einem Hunger nach sexueller Erfüllung. Da kommt sie bei Spenser genau an den Richtigen.

Er hat zwar in „The Godwulf Manuscript“ („Spenser“-Krimi Nr. 1) die Sekretärin Brenda Loring kennengelernt und trifft sie auch noch in „Mortal Stakes“ (Spenser Nr. 3), doch schon in „Promised Land“ (Nr. 4) ist Susan die einzig Wahre. Kann man gut verstehen. Susan fügt seinem Leben interessante Aspekte hinzu, nicht zuletzt auch tiefere psychologische Einsichten. Kein Wunder also, dass sie in der TV-Serie „Spenser For Hire“ neben Robert Urich erstklassig besetzt wurde. Umso schlimmer daher, dass sie in „Valediction“ (Nr. 11) verschwindet und in „A Catskill Eagle“ (Nr. 12) gerettet werden muss!

|Eine dubiose Entführung|

Doch Spenser hat auch noch einen Fall zu lösen, auch wenn sich die Arbeit bei den Bartletts weder als anstrengend noch als vergnüglich bezeichnen lässt: Marge Bartlett ist eine egozentrische Nervensäge und betrügt obendrein ihren Mann, den Bauunternehmer Roger, der natürlich ständig auf Baustellen rumhängt. Nicht zuletzt Sheriff Trask gehört zu ihren Lovern. Bei dem Gedanken an den Fettwanst dreht sich Spenser der Magen um.

Dass sich in dieser Familie ein fünfzehnjähriger Junge nicht gerade wohlfühlte, kann Spenser gut nachvollziehen. Er wäre vielleicht auch ausgerissen und hätte seinen „Alten“ Streiche gespielt. Dazu gehören nicht nur gereimte Todesdrohungen sowie Lösegeldforderungen in Comicstripform, sondern auch eine Strohpuppe in einem Leichenwagen. Sehr witzig, Kevin, denkt Spenser.

|Das dunkle Imperium|

Dass Kevins Idol und Vaterersatz Vic Harroway nicht nur schwul, sondern auch ein Verbrecher ist, lässt den Detektiv nichts Gutes für die Zukunft des Jungen erwarten. Harroway könnte ihn vergewaltigen oder gar für seine kriminellen Aktivitäten einspannen. Doch wie sich herausstellt, hat der scheinbar unangreifbare Bodybuilder nicht nur einen mächtigen Beschützer, sondern gleich zwei, einer schlimmer als der andere. Von dem Freier einer minderjährigen Prostituierten, die Harroway ihm zuführte, quetscht Spenser brisante Informationen heraus. In Smithfield existiert demnach ein Verbrechensimperium, das seinesgleichen sucht. Aber wie kann das sein, wenn es doch den tüchtigen Sheriff Trask gibt …?

|Showdown|

Der Schlüssel zur Lösung der privaten Seite dieses kniffligen Rätsels ist Kevin. Und da dieser sich an Harroway gebunden fühlt, wer der sein unangreifbarer Beschützer ist, muss Harroway ausgeschaltet werden. Leichter gesagt als getan, schließlich ist der Typ Bodybuilder. Doch Spenser ist nicht umsonst ein ausgebildeter Boxer, der gleich merkt, dass er es mit keinem entsprechend trainierten Gegner zu tun hat.

Bevor er jedoch zum Schlag kommt, muss er mit ansehen, wie sich erst Roger Bartlett und dann auch dessen Frau wütend auf den „Kindsräuber“ stürzen. Ein zum Scheitern verurteilter Angriff, wie sich sogleich herausstellt. Aber Spenser rechnet es ihnen hoch an: Sie lieben ihren Sohn wirklich. Dann ist auch für der Moment der Wahrheit gekommen, als Harroway zum ersten Fausthieb ausholt.

In allen seinen ersten „Spenser“-Krimis hat Parker solche Boxkämpfe inszeniert. Man kann sie mögen oder auch nicht, doch sie gehören zu seinem frühen Stil dazu. Später weiß er es besser. Dann entscheidet der Grips und nicht die Faust, welchen Kampf Spenser gewinnt. Bemerkenswert ist jedoch, dass es praktisch nie zu Schießereien kommt. Die empfand Parker offenbar stets als öde und einem so intelligenten Helden als unangemessen.

In einem zweiten Showdown stellt Spenser die beiden Hintermänner, die Harroway lediglich als Erfüllungsgehilfen für die Drecksarbeit benutzt haben. Quirk und Healy helfen ihm dabei, wenn auch, wie so oft, widerwillig. Spenser sind eben manchmal nicht mit der Verfassung der Vereinigten Staaten zu vereinbaren (Habeas Corpus und so weiter). Aber das ist eben das Unterhaltsame an seiner Arbeit. Ganz im Gegensatz zu dem der Cops, die in dieser Geschichte nur rumhängen.

_Unterm Strich_

Wie gesagt, habe ich diesen „Spenser“-Krimi nur wegen des erstmaligen Auftritts von Susan Silverman, Spensers künftiger Lebensgefährtin, gekauft. Sie sorgt für zwei feine romantische Szenen und für einige wertvolle psychologische Einsichten. Mit Humor gesegnet, werden ihre Szenen sozusagen zum Salz in der Suppe. Und das ist wörtlich zu verstehen: Bei Spenser geht Liebe immer durch den Magen, denn er ist ein ausgezeichneter Koch.

Den Plot kann man ansonsten echt in der Pfeife rauchen. Die Story ist so dünn, dass sie sich auch auf der Hälfte der Seiten hätten erzählen lassen. Die restlichen hundert Seiten musste der Autor offenbar mit Silverman-Romantik, irreführender Action und nervenden Partys füllen. Ich brauchte viel Geduld und viel Sympathie für den Helden, um die Story zu bewältigen.

Das ist das erste Mal, dass mir das bei einem „Spenser“-Krimi passiert ist. Das letzte Drittel wiegt den vorhergehenden Rest dann beinahe wieder auf – aber nur beinahe. Die zwei Showdowns hätte Parker schon viel früher andeuten können. Später machte er einen besseren Job als hier. Diesen Roman muss man nur kennen, wenn man sich für den ersten Auftritt Susan Silvermans interessiert.

|Taschenbuch: 205 Seiten
ISBN-13: 978-0440128991|
[Verlagshomepage]http://bantam-dell.atrandom.com

_Robert B. Parker bei |Buchwurm.info|:_
[„Der stille Schüler“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4066
[„Gunman’s Rapsody“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6836

„Cole & Hitch“:

1) „Appaloosa“ (2005)
2) „Resolution“ (2008)
3) „Brimstone“ (2009)
4) „Blue-Eyed Devil“ (2010)

„Jesse Stone“-Krimis:

1) [„Night Passage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6811
2) [„Trouble in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6816
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7) [„Stranger in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6814
8) [„Night and Day“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6873
9) „Split Image“

Die „Sunny Randall“-Reihe:

1) [„Family Honor“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6831
2) [„Perish Twice“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6832
3) [„Shrink Rap“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6833
4) [„Melancholy Baby“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6834
5) [„Blue Screen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6835
6) [„Spare Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6852

Unter anderem in der „Spenser“-Reihe, die 39 Romane umfasst, erschienen:

[„The Godwulf Manuscript“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6921
[„Paper Doll“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6818
[„Stardust“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6819
[„Potshot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6821
[„Walking Shadow“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6820
[„Widow’s Walk“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6826
[„Chasing the Bear“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6837
[„Hundred Dollar Baby“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6838
[„Taming a Sea-Horse“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6839
[„Bad Business“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6840
[„Back Story“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6842
[„Painted Ladies“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6843
[„Cold Service“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6844
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[„Mortal Stakes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6922

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