Parker, Robert B. – Promised Land – Ein Spenser-Krimi

_Cape Cod: Gebrochene Versprechen im Gelobten Land_

Als sich Privatdetektiv Spenser weigert, den Aufenthaltsort der von einer Midlife-Crisis gebeutelten Frau des Immobilienmaklers preiszugeben, feuert dieser ihn kurzerhand. Aber das ist nur der harmlose Auftakt zu einer Geschichte, in der es bald nicht mehr um Ehestreitigkeiten geht, sondern ums nackte Leben.

Deutsche Übersetzungstitel: „Leichte Beute für Profis“; „Auf eigene Rechnung“, 1977 bei Ullstein, dann bei Rowohlt.

_Der Autor_

Der US-Autor Robert B. Parker, 1932-2010, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren – er hat bis zum seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 50 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der „Spenser“-Reihe wohl seine neun „Jesse Stone“-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wird gerade vom ZDF gezeigt. Parker lebte in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen fast alle seine Krimis.

„Jesse Stone“-Krimis:

1) [„Night Passage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6811
2) [„Trouble in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6816
3) [„Death in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6815
4) [„Stone Cold“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6810
5) [„Sea Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6812
6) [„High Profile“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6813
7) [„Stranger in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6814
8) [„Night and Day“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6873
9) „Split Image“

Die „Sunny Randall“-Reihe:

1) [„Family Honor“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6831
2) [„Perish Twice“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6832
3) [„Shrink Rap“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6833
4) [„Melancholy Baby“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6834
5) [„Blue Screen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6835
6) [„Spare Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6852

Unter anderem in der „Spenser“-Reihe, die 39 Romane umfasst, erschienen:

[„Paper Doll“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6818
[„Stardust“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6819
[„Potshot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6821
[„Walking Shadow“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6820
[„Widow’s Walk“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6826
[„Chasing the Bear“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6837
[„Hundred Dollar Baby“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6838
[„Taming a Sea-Horse“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6839
[„Bad Business“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6840
[„Back Story“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6842
[„Painted Ladies“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6843
[„Cold Service“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6844
[„The Professional“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6866
[„Playmates“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6867
[„Thin Air“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6872
[„Small Vices“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6829
„Hugger Mugger“ , „The Godwulf Manuscript“ …
Und viele Weitere.

Außerdem schrieb Parker ein Sequel zu Raymond Chandlers verfilmtem Klassiker „The Big Sleep“ (mit Bogart und Bacall) „und mit „Poodle Springs“ einen unvollendeten „Chandler“-Krimi zu Ende. „Gunman’s Rhapsody“ ist seine Nacherzählung der Schießerei am O.K. Corral mit Wyatt Earp und Doc Holliday, ein klassischer Western.

_Handlung_

Boston baut um, und nachdem Spenser ein neues Quartier als Büro bezogen hat und noch beim Renovieren ist, besucht ihn auch schon der erste Klient. Harvey Shepard ist ein gutbetucht aussehender Geschäftsmann aus der schönen Gegend am Cape Cod, dort wo die Bostoner ihre Ferien verbringen und die Kennedys ihren Stammsitz haben. Spenser soll für Harvey dessen verschwundene Frau Pam wiederfinden. Nichts lieber als das, vor allem nach einem üppigen Vorschuss!

Spenser quartiert sich natürlich auf Cape Cod ein und ist von dort aus tätig. Schnell findet er heraus, dass Pam Shepard nach 22 Jahren Ehe und drei Kindern die Nase voll von Ehe und Familie hatte und sich mit jungen, starken Kerlen herumtrieb. Eine Durchsicht ihrer Telefonrechnungen und Kreditkartenabrechnungen weist auf ein Versteck im nahen New Bedford hin. Sie lebt bei zwei Feministinnen, Rose und Jane. Nachdem Jane ihn in den Schritt getreten hat, schickt er die Karatekämpferin mit einem gezielten Faustschlag auf die Bretter.

Auf diese Weise bringt er die Feministinnen dazu, ihn eine Weile mit Pam alleine zu lassen – unter strenger Aufsicht, versteht sich. Pam hat die Schnauze voll von Harvey und ihrem Ehedasein. Seit ihrer Jugend kennt sie nichts anderes: Sie heiratete ihren Göttergatten gleich nach dem Schulabschluss. Jetzt ist sie das erste Mal unabhängig. Und was hat sie jetzt vor, will Spenser wissen. Pam weiß es nicht. Er gibt ihr seine Karte, für alle Fälle.

Harvey Shepard ist keineswegs erbaut darüber, dass sich sein angeheuerter Privatschnüüffler weigert, ihm das Versteck der entfleuchten Ehefrau zu verraten. Er droht, ihn zu verklagen. Als Spenser einen Mann in Shepards Haus sieht, den er nie hier anzutreffen erwartet hat, rät er Shepard, seinen eigenen Hals zu retten: Hawk ist der Ärger in Person!

Der schwarzhäutige Söldner, den Spenser schon seit 20 Jahren kennt, arbeitet jetzt als Knochenbrecher für einen lokalen Kreditkai namens King Powers. Tatsächlich sieht Shepard mit seinem Veilchen im Gesicht und dem steifen Gang ganz so aus, als habe er von Hawk bereits einen Beweis seiner „Überredungskunst“ erhalten.

Da er nun keinen Auftraggeber mehr hat, fragt sich Spenser, was er noch in Cape Cod soll. Da taucht überraschend seine Freundin Susan Silverman auf – in seinem Hotelzimmer. Auch ihre Überredungskunst ist phänomenal, aber weitaus sensibler, wie Spenser umgehend feststellt. Als Pam Shepard ihn anruft, um ihn um Hilfe zu bitten, nimmt er Susan deshalb gleich mit.

Pam Shepard steckt bis zum Hals in Ärger, ja, bis zur Oberkante ihrer Unterlippe: Die Feministinnen haben mit ihr als Aufpasserin eine Bank in New Bedford überfallen und dabei den Wächter erschossen. Die einst so brave Ehefrau ist jetzt eine gesuchte Räuberin und Mordkomplizin! Dabei wollte sie ihnen doch bloß helfen, Geld für Waffen zu besorgen, die sie für ihren Kampf gegen den männlichen Kapitalismus brauchen. Spenser stöhnt ob so viel Schwachsinn. Er muss sich was einfallen lassen.

Kaum einen tag später ruft Harvey an: Auch der steckt bis zur Nasenspitze im Dreck: Spenser muss kein Einstein sein, um sich das Szenario vorstellen zu können. King Powersw will seine Wucherzinsen, die Harvey nicht aufbringen, umgehend – oder einen Anteil am Immobilienprojekt, in dem Shepards gesamtes Kapital steckt. Und wieder hat Hawk überzeugend zugeschlagen: Er packte eines von Shepards Kinder am Schlafittchen. Nun schlottert der „Geschäftsmann“ am ganz Leib.

Spenser erbittet sich Bedenkzeit, um die verfahrene Situation des Ehepaares Shepard wieder in erträgliche Bahnen lenken zu können. Es gibt viel zu tun. Hoffentlich kann ihm Susan Silverman so manchen klugen Rat geben. Er wird ihn dringend brauchen.

_Mein Eindruck_

Dieser Roman ist schon ein ganz anderes Kaliber als sein Vorgänger „Mortal Stakes“ (siehe meinen Bericht dazu). Parker nutzt den erweiterten Umfang (250 statt 180 Seiten), um nicht nur die Handlung und den Spannungsbogen völlig anders aufzubauen, sondern auch das Element der Psychologie und der Romanze viel stärker in den Vordergrund zu rücken. War Spenser im Vorgänger noch ein streunender Junggeselle, ist er jetzt bereit zu heiraten. Das verleiht seinem Charakter Festigkeit und der Figur Autorität. Der Privatdetektiv verfügt nun über die moralische Legitimation, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen und zu diesem Zweck andere zu manipulieren.

|Das Gelobte Land|

Im Grunde ist das Thema dieses Krimis das Versprechen und dessen permanenter Bruch auf vielfältige Weise. Schon der Titel lässt es anklingen: „das versprochene bzw. verheißene Land“, wie es im Buch Mose die Israeliten von Jahwe versprochen bekamen. Dieses verheißene Land hat in Neu-England einen ganz konkreten Ort: Cape Cod. Die Halbinsel, von der früher die Walfänger à la herman Melville auf grpße Fahrt um die halbe Welt gingen, ist nunmehr Sommerfrische und Feriendestination für Städter, aber auch Stammsitz von Dynastien wie den Kennedys. Es ist das Long Island und Miami Beach des Nordens.

|Versprechen Nr. 1|

Es ist daher kein Zufall, dass die Immobilienfirma von Harvey Shepard ebenfalls „Promised Land“ heißt – und schweren Schiffbruch erleidet, als die Muttergesellschaft in Konkurs geht. Harvey vergreift sich an den eingelegten Geldern der Privatinvestoren, um die Grundstücke erschließen und verkaufen zu können – und wird sofort von ihnen verklagt. Versprechungen, Versprechungen! Von den Banken abgewiesen – sie leihen ihr Geld bekanntlich nur dem, der es nicht braucht – wendet er sich er fatalerweise an den Kredithai King Powers, einen denkbar schmierigen Typen ohne jede Moral und Skrupel. Dessen Knochenbrecher ist Hawk, ein wahrhaft furchteinflößender Söldner. Harvey bezeichnet ihn als „Nigger“ und „coon“ (Waschbär, Hinterwäldler).

|Versprechen Nr. 2|

Es ist nicht das fehlende Geld, das Harveys Frau aus dem Haus treibt. Pam will weg von der erdrückenden Zuwendung, die er ihr gibt, dieser besitzergreifenden Liebe, die ihr nichts als Schuldgefühle und Ekel einjagt. Doch auch sie fällt auf Versprechungen herein. Auf die von militanten Vertreterinnen der Bewegung Women’s Lib. Der Autor lässt Feministinnen nicht nur hier, sondern auch in „Looking for Rachel Wallace“ und in dem „Sunny Randall“-Krimi „Perish Twice“ auftreten.

Auch Pam wird betrogen, und zwar nicht aufgrund von schwesterlicher Zuwendung, sondern weil sich ihre „Schwestern“ einer militanten Umsetzung ihrer „Sache“ verschrieben haben: Sie knallen einen alten Mann ab, der seinen Job als Bankwächter zu erfüllen versucht – ein pensionierter Cop. Folglich suchen dessen Exkollegen fieberhaft nach den Mörderinnen – also auch nach Pam. Sie ist nach US-Recht des Mordes im ersten Grad schuldig.

Soll Spenser sie wirklich vor dem Knast bewahren, nur weil sie sich so närrisch verhalten hat? Wie immer nimmt er das Gesetz in seine eigene Hand. Denn Pam Shepard ist offensichtlich unschuldig. Ebenso wie ihr Mann, weiß sie nicht, was sie eigentlich für sich selbst will. Durch One-night-Stand versucht sie sich selbst zu beweisen, dass sie nicht „frigide“ sei – und ekelt sich am nächsten Morgen vor sich selbst. Spenser weiß nicht, ob dieses Wort eine Bedeutung hat, die real ist. Ebenso wie die Theorien der Feministinnen ist „frigide“ nur eine Erfindung von Theoretikern, in diesem Fall von weißen Medizinern.

|Die Lösung, der Showdown|

Spenser sieht sich in einem Viereck von Interessen: Die Cops wollen Pam, die Gangster Harvey, er selbst will die Gangster und Mörderinnen hinter Gittern und die beiden Shepards in Freiheit. Die Quadratur des Kreises? Nicht für Spenser! Mehr darf nicht verraten werden. Aber eines ist klar: Es gibt nicht bloß einen Showdown, sondern sogar gleich zwei. Denn King Powers kommt gleich nach seiner Festnahme wieder auf Kaution frei. Und dreimal darf man raten, an wem er sich rächen will.

|Zünglein an der Waage|

Dass Spenser diesmal selbst, wie noch in „Mortal Stakes“, die Gangster aus dem Weg räumt, kommt nicht in Frage. Seine Verpflichtung gegenüber Susan Silverman, seine intensiver gewordene Liebe zu der schönen, schwarzhaarigen Psychologin, verbietet es. Kneipenschlägereien sind OK, doch Tötungen sind es nicht, selbst in Notwehr. Der Detektiv läuft zwar immer mit eine Waffe herum, aber er setzt sie praktisch nie ein. Sehr löblich.

Leider hält sich die Gegenseite nicht an das gleiche Prinzip. Spenser sieht sich und die Shepards sowie Susan von Waffen bedroht. Diesmal jedoch spielt Hawk das Zünglein an der Waage. Hawk, der Söldner, der nach eigenen Regeln spielt und gemäß eines eigenen Codex’ handelt, genau wie Spenser selbst (und wie Jesse Stone, Chollo, Crow und viele andere Helden bei Parker). Sie sind, was sie tun – und das ist meist genug, um den Ausgang einer Konfrontation zu entscheiden.

|Schockmomente?|

Wie einer der Kritikerinnen Robert B. Parkers klug aufgezeigt hat, wendet sich der Autor an intelligente Leser der „New York Times“, nicht an die der Revolverblätter. Folglich kann er mit einem gewissen Verständnis für Figuren rechnen, die Tabus brechen. 1977, als Parker für diesen Krimi seinen ersten EDGAR bekam (Er erhielt später sogar den EDGAR Grand Master Award), gab es in den USA noch jede Menge Tabus zu brechen.

Homosexuelle Paare waren ebenso verpönt wie zwischenrassische Beziehungen. Dennoch lässt Parker einen homosexuellen Cop auftreten (Lee Farell), einen homosexuellen Restaurantbesitzer (Spike), einen schwarzen Ehrenmann (Hawk), lesbische Feministinnen (Rose und Jane), Prostituierte sowie eine allein lebende, geschiedene Gesetzesvertreterin (Sunny Randall), von dem ohne Trauschein lebenden Paar Spenser und Silverman ganz zu schweigen. Auch jede Menge Ethnien sind vertreten, von Chinesen über Ukrainer und Latinos bis zu Indianern (Crow) und Chicanos (Chollo). Durch diese Randgruppen und Minderheiten wirken Parkers Romane bis heute so modern. Deshalb mag ich sie so.

|Unterm Strich|

Der Leser sieht sich in der glücklichen Lage, dass die Spannung nicht wie in „Mortal Stakes“ langsam ansteigt, um dann in einem explosiven Finale zu kulminieren, sondern einen steten dynamischen Rhythmus entfaltet, der wie kleine Adrenalinstöße wirkt. Spenser gerät erst mit einem von Pams Ex-Lovern aneinander, dann mit Hawks Auftraggeber King Powers, einem echten Ekelpaket, schließlich mit den Feminstinnen, die sich Mörder betätigen. Der erste Showdown ist fein eingefädelt, aber wenig spektakulär. Der zweite Showdown ist umso spannender, und es geht um alles. Der Ausgang ist unvorhersehbar und darf hier nicht verraten werden.

Die Aussage des Buches ist, wie es sich gehört, gesellschaftskritisch, aber nicht auf einer abstrakten, theoretischen Ebene (Spenser verachtet Theoretiker), sondern auf einer konkreten, menschlichen Ebene. Alle Klienten Spensers fallen auf die Versprechen Amerikas herein – und wundert sich dann, missbraucht, benutzt und ausgebeutet zu werden.

Kein Wunder also, dass dieser Krimi 1977 mit dem höchsten amerikanischen Preis für Krimiliteratur ausgezeichnet wurde, dem EDGAR Award. Die Lektüre hat mir nicht nur spannende Stunden bereitet, sondern auch viel Spaß gemacht sowie etliche Erkenntnisse vermittelt.

|Taschenbuch: 224 Seiten
ISBN-13: 978-0440171973|
[Verlagshomepage]http://www.randomhouse.com

_Robert B. Parker bei |Buchwurm.info|:_
[„Der stille Schüler“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4066
[„Gunman’s Rapsody“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6836

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