Paxson, Diana L. – Herrin der Raben, Die (Artor 2)

_Artus-Fantasy: Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt _

Dieser Artor-Roman ist die direkte Fortsetzung von [„Die Herrin vom See“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=213 dem ausgezeichneten Startband von Diana Paxsons Artor-Zyklus. Paxson erzählt historisch annähernd zutreffend, mit Tempo und dennoch einem mystischen Hintergrund, der auch Fantasyfreunde anspricht. Trat in Band 1 Merlin als Zauberer auf (und auch in Band 2 ab und zu), so steht zunächst im zweiten Band die dänische Hexe Haedwig im Mittelpunkt.

Haedwig dient dem nordischen Obergott Woden (Wotan). Ihm ist der heilige Speer Gungnir geweiht, den sie geerbt hat. Der Speer ist der Widerpart zu Artors magischem Schwert (Excalibur), das ihm von der „Herrin vom See“ übergeben worden war und mit dem er die in Britannien eindringenden Sachsen wiederholt besiegt.

Der Originaltitel des Buches lautet daher folgerichtig „The book of the spear“. Der erste Band hieß „The book of the sword“. Beide gehören zum vierbändigen Zyklus „The hallowed isle“ (die geheiligte Insel). Mit der „Herrin der Raben“ des Titels ist übrigens die Göttin der Schlacht gemeint.

_Die Autorin_

Diana L. Paxson war zu Lebzeiten Marion Zimmer Bradleys deren engste Mitarbeiterin sowie die Co-Autorin der „Avalon“-Romane. In ihren eigenen Büchern verbindet Paxson genaue historische Recherche mit Elementen aus Mythos und Sage. Als eine der führenden Vertreterinnen der neo-heidnischen Bewegung in den USA zeigt sie dabei ein besonderes Interesse für die paganen Religionen der Spätantike (so etwa das 5. Jahrhundert) und des Mittelalters: Sie kennt die alten Göttinnen und Götter nicht nur aus Büchern, sondern möglicherweise auch aus eigenem Erleben, etwa von Besuchen an deren Tempeln und Altären. Mehrere genaue Beschreibungen solcher Orte in ihrem Artor-Zyklus sprechen dafür.

_Handlung_

Die Bewohner von Jütland sehen ihr Land Ende des fünften Jahrhunderts buchstäblich untergehen: Das Meer steigt, Stürme toben, Flüsse überschwemmen die sonst so fruchtbaren Felder, als Hengests Sohn Octha sie auffordert, mit ihm nach Britannien zu segeln, um Land zu erobern. Dort sind bereits die Sachsen und die Angeln sesshaft geworden, und der Jüte Hengest, Octhas Vater, hat sich in Kent als König fein eingerichtet.

Octhas Sohn Oesc folgt seinem Vater und nimmt schon bald an einer Schlacht in St. Albans teil, in der sein Vater stirbt. Mit dessen Kopf kann Oesc zu Hengest entkommen, wo ihn die Heilerin Haedwig wieder gesund pflegt. Unter Führung des Halb-Sachsen Cederic stellen sich im nächsten Frühjahr die vereinten Sachsen und Jüten den britischen Verteidigern Englands zur Schlacht. Nun wird Oesc gefangen genommen und in Artors Tross als Geisel festgehalten, um das Wohlverhalten Hengests zu garantieren.

Nach einer Weile freundet sich Oesc zusammen mit anderen Geiseln mit Artor an, ganz einfach, weil dies der interessanteste junge Mann in England ist. (Und einen Zauberer hat er auch: Merlin.) Als sie in Londinium in eine Straßenschlägerei geraten, steht Oesc Artor treu zur Seite. Er erkennt, dass ihn mit dem König mehr verbindet, als er geglaubt hat. Sie beide müssen sich mit einem schweren Erbe auseinandersetzen: Artor mit seiner etwas zweifelhaften Herkunft und den politischen Querelen unter den britischen Fürsten; Oesc mit der Nachfolge Hengests und den Streitigkeiten mit den angel-sächsisch-jütischen Häuptlingen.

So erwächst zwischen beiden Respekt und Freundschaft. Doch es kommt, wie es kommen muss: Eines Tages stehen sich die beiden jungen Führer auf unterschiedlichen Seiten einer Schlachtordnung gegenüber. In der Schlacht von Mount Badon treffen Artors Schwert und Wodens Speer aufeinander.

_Mein Eindruck_

Schon von der ersten Seite an hat mich dieses Buch in seinen Bann geschlagen. Es beginnt im Prolog mit dem größten Zusammenhang überhaupt, dem Anfang des Universums, und führt dann langsam über die Schaffung des heiligen Speers bis zur Rolle Wodens, des Obergottes, in der ganzen Handlung.

Der Blickpunkt des Lesers bleibt stets nah dran an den Figuren: an Oesc, Haedwig, Artor und den anderen, und verliert sie nicht aus den Augen. Der Überblick bleibt gewahrt und somit auch das Verständnis des Geschehens. Durchgehend begleiten wir Oesc auf seinem schicksalhaften Weg hin zum Mount Badon, nachdem ihm Briten seine geliebte Frau Rigana und seinen Sohn Eormenric entführt hatten. Das gemahnt ein wenig an den Krieg um Troja, nur dass die Auseinandersetzung diesmal nicht zehn Jahre, sondern „nur“ ein paar Monate dauerte und in einer für beide Seiten verlustreichen Schlacht endete.

Die Autorin delektiert sich nicht an den blutigen Einzelheiten einer Schlacht, sondern schildert lediglich das Grauen danach – das genügt auch vollkommen, um einem den Magen umzudrehen. Artors Schlachten werden ihm stets aufgezwungen, etwa durch Überfälle der schottischen Pikten. Daher sind sie nicht eine besondere Action-Zutat, um den Roman aufzupeppen, sondern einfach Tagesgeschäft beim Regieren. In ihnen erweist sich Artor neben seinem Mentor Merlin als ein ganz besonderer Herrscher, als ein Nachfolger der römischen Tradition nämlich.

Am faszinierendsten fand ich jedoch nicht Schlachtengemälde, die es in der Fantasy im Dutzend billiger gibt, sondern die Begegnung mit fremdartigen Sitten und Gebräuchen der höchst unterschiedlichen Völkerschaften, die im 5. Jahrhundert in Britannien anzutreffen sind.

Während die Briten auf das uralte keltische und dann das römische Erbe zurückblicken, bringen die Angeln, Jüten und Sachsen ihre nordisch-germanische Götter- und Sagenwelt mit. Demzufolge feiern sie ihre Festtage wie etwa Beltene oder Jul auf andere, althergebrachte Weise, meist mit Tieropfern.

Der bretonische Ritter Bediver hingegen ist vollkommen christianisiert. Ihn sollten eigentlich diese heidnischen Bräuche, wie Königin Morgause sie verkörpert, abstoßen. Dennoch versagt er es sich nicht, den festlichen Abend in den Armen einer schottischen Maid zu beschließen – und sein Kind ein Jahr später anzuerkennen. Schließlich bekommt man nicht jeden Tag einen Sohn geschenkt.

_Hilfreiches Beiwerk_

Ein Glossar, Ortsverzeichnis, Stammbäume und eine historische Karte Britanniens im 5. Jahrhundert runden den Band hilfreich ab. Eine Einführung gab Herausgeber Pesch schon im 1. Band. Die Übersetzung ist übrigens ganz hervorragend und ahmt das altertümliche Raunen des Originals ausgezeichnet nach – auch wenn dies nicht jedermanns Sache ist.

Kurios am Rande: Auch die Nibelungensage um König Gunther und Etzel, den Hunnenkönig, wird erwähnt. Das wundert mich nicht, denn Paxson hat selbst eine Version der Nibelungensage geschrieben: [„Die Töchter der Nibelungen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1659 (1997). Hier macht die Autorin also Werbung in eigener Sache.

|Originaltitel: The hallowed isle: Book two: The Book of the spear, 1999
Aus dem US-Englischen übertragen von Michael Krug|

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