Paxson, Diana L. – Keltenkönigin, Die

_Matriarchalische Umdichtung von „King Lear“_

Anthropologie, Kultur- und Sittengeschichte, sehr viel Mystik und Fantasy bilden ein spannendes Gemisch, das sehr lesbar ist, aber niemanden aufregt. So etwas hat man schon in »Die Nebel von Avalon« gelesen. Auch dort kamen Ränkespiele, Mystik und ein guter Schuss Erotik nicht zu kurz.

Doch es ist sicherlich eines der Verdienste der Autorin, die Geschichte um König Lear durch diverse Hinzudichtungen lebendig werden zu lassen, ebenso wie sie es geschafft hat, den historischen Konflikt zwischen matriarchalen und patriarchalen Kulturen mit all seinen Aspekten vor Augen zu führen.

Diana L. Paxson ist eine Freundin und Mitarbeiterin von Marion Zimmer Bradley, eine Historikerin mit großem Interesse an keltischer Kunst und Kultur, die selbst die keltische Harfe spielt.

_Handlung_

Die junge Cridilla wächst in einem von ihrem Vater eroberten Land auf, das sich bis zur schottischen Grenze erstreckt. Die alte Rasse, die Pikten, wird von den neuen Herren, den keltischen Quiritani, unterjocht und vertrieben. Cridilla, die ihren Vater liebt, wird von ihm zur Ausbildung auf eine piktische Insel in Schottland geschickt; eine Ausbildung in einer feindseligen Natur, doch unter einer zaubermächtigen Frau, der »Bärenmutter«.

Das Mädchen entwickelt zunehmend seherische Fähigkeiten und körperliche Zähigkeit. Als sie zurückkehrt, werden gerade ihre Schwestern, Rigana (= Regan) und Gunardwilla (= Goneril), verheiratet. Da jede von Leirs Töchtern die Erbin eines der drei alten, eroberten Königreiche ist, stellt jede (und ihr jeweiliger Ehemann) eine potenzielle Thronanwärterin dar. Infolgedessen träumen Rigana und Gunardwilla von einem vereinigten Königreich, das nach Leirs Tod von ihnen zusammen mit Cridilla regiert werden soll: die Wiedereinsetzung des abgeschafften Matriarchats ist ihr großer Traum. Doch Cridilla glaubt nicht, daß dies gutgehen würde und distanziert sich davon.

Trotzdem wird sie von ihren Schwestern und anderen Priesterinnen der Pikten in die Geheimlehre der Frauen eingeweiht. Hierin folgt Paxson dem Roman »Die Nebel von Avalon« ihres großen Vorbilds Marion Zimmer Bradley.

Mit 16 unternimmt das heiratsfähige und von Freiern verfolgte Mädchen eine Reise zu den Quellen nach Bath. Dort nähert sich ihr erfolgreich ein alter Freund, den sie in Schottland kennen lernte: Agantequos, der verbannte Sohn eines Königs aus der Normandie. Wenige Monate später hat sie Mühe, ihre Schwangerschaft vor den Freiern, den Schwestern und ihrem Vater zu verbergen. In der Nacht, als Leir abdankt, weil er nach einem Fall krank ist und die Häuptlinge seinen Sturz betreiben, und er seine Töchter in jener berühmten Szene fragt, welche ihn am meisten liebe, kommt Cridillas vermeintlicher Verrat an ihrem Vater ans Licht. Leir, sich hintergangen fühlend, verbannt und enterbt sie, woraufhin sie mit ihrem Geliebten nach Frankreich flieht.

Während sie ihren Sohn bekommt, verschlimmert sich die Lage auf der Insel, so dass sie schließlich vom alten Seher ihres Vaters gebeten wird, zurückzukehren und sich um das Land zu kümmern. Ihre Schwestern führen Krieg und haben ihren Vater verraten. Cridilla kehrt ohne Mann und Sohn heimlich in ihre Heimat zurück. Sie findet zwar Leir und seinen Begleiter Krah (= Poor Tom) und versöhnt sich mit ihrem Vater, doch werden sie schließlich von Gunardwilias Mann Maglaros gefangen genommen und sogar gefoltert, weil der König weder Maglaros die Königswürde übertragen noch Cridilla Maglaros einen Erben schenken will.

Im Laufe der Ränke finden Rigana und Gunardwilla den Tod. Hier wird das Buch sehr zum Staatsroman. Doch nicht für lange: Kurz vor der drohenden Hinrichtung Leirs durch Maglaros beschwört die Zauberin Cridilla die Schlange am Grunde der Welt (= die Midgardschlange) herauf und tötet Maglaros und seine Leute. Die Schlange ist Cridillas Totemtier, daher rührt auch der Originaltitel des Romans, »The Serpent’s Tooth«.

Im Augenblick von Cridillas Triumph erscheint ihr Mann Agantequos mit ihrem Sohn auf der Szene, aus ihrer Heimat von nachdrängenden Kelten aus dem Osten Europas vertrieben. Leir, der im Sterben liegt, hat gerade noch die Kraft, seinem Schwiegersohn die Königswürde zu übertragen. Cridilla vereinigt als Königin die drei alten Reiche und führt sie zu neuer Blüte, kraft ihrer mystischen Zaubermacht.

Laut Monmouth regierte sie nur fünf Jahre, bevor die Söhne ihrer Schwestern sie gefangen nahmen. Im Kerker habe sie ihrem Leben ein Ende gesetzt, wie uns das informative Nachwort verrät.

_Fazit_

Ranke-Graves wichtiges Werk »Die Weiße Göttin« war der Autorin offenbar eine große Hilfe, was man an vielen Stellen bemerkt, wo es um die Erscheinungsformen dieser Göttin geht. Cridilla selbst wird als Tochter oder Verkörperung dieser Göttin dargestellt. Dies erklärt z. B. die Bitte der Männer ihrer Heimat, zurückzukehren, um das Land zu heilen: Als Tochter der Göttin hat sie Fruchtbarkeit bringende Macht – diese wird ihr nicht nur zugeschrieben.

Paxsons Maß an möglichst großer historischer Genauigkeit, wie es im Nachwort deutlich wird, bei gleichzeitiger dichterischer Freiheit ist ebenfalls zu würdigen. Wunderschön und sehr gut gelungen sind die Übertragungen der zahlreichen Gedichte und Zaubersprüche sowie der Zitate aus keltischer Literatur, die Helmut Pesch vorgenommen hat. Lore Straßl hat dem Text einfühlsam Form gegeben. Wen dies alles weniger interessiert, wird hier auch mit einer spannend zu lesenden Geschichte gut bedient.

_Hintergrund zur Lear-Legende_

In enthusiastischer Weise hat sie sich des King Lear-Stoffes angenommen, allerdings lässt sie nicht einen Historiker sprechen, sondern eine der Hauptpersonen des Dramas, König Leirs jüngste Tochter Cridilla (= Cordelia). Diese weibliche Perspektive auf Geschehnisse aus mehreren Jahrzehnten von Leirs Herrschaft im Britannien des 5. vorchristlichen Jahrhunderts trägt ganz wesentlich zu einer Neuinterpretation der damaligen Zeit und des Dramas an sich bei.

Shakespeare hatte seinen Stoff ja von Holinshed und der wiederum von Geoffrey von Monmouths »Geschichte der Könige Britanniens« (12. Jh.). Doch erst Shakespeare machte daraus kein höfisches Ränkespiel, sondern ein menschliches und kosmisches Drama, in dem die Natur eine zentrale Rolle spielt. Dieses Element übernimmt Paxson in der »Keltenkönigin«.

|Originaltitel: The Serpent’s Tooth, 1991
Aus dem Amerikanischen von Lore Straßl und Helmut W. Pesch|

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