Peace, David – 1983

Dass die Polizei nicht immer die Guten sind, weiß man nicht nur aus der Verfilmung von [„L.A. Confidential“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1187 Es gibt auch eine Unmenge von Büchern, die sich mit diesem Thema beschäftigen, wie zum Beispiel der Roman „1983“ von David Peace, der das Finale von Peaces Red-Riding-Quartett darstellt.

In Yorkshire verschwind 1983 die kleine Hazel Atkins. Die Öffentlichkeit ist erschüttert. Die Polizei unter der Leitung von Chief Superintendent Maurice Jobson hat schnell einen Verdächtigen parat, doch Hazel bleibt verschwunden. Der übergewichtige, nicht besonders erfolgreiche Anwalt John Piggott wird von der Mutter von Jimmy Ashworth gebeten, seine Verteidigung zu übernehmen.

Doch als John zum Polizeirevier kommt, erfährt er, dass Jimmy sich aufgehängt hat. John Piggott glaubt nicht daran, dass dies wirklich Selbstmord war, und beginnt, sich näher mit Maurice Jobson zu beschäftigen. Dieser führte nämlich auch die Ermittlungen, als Jahre zuvor andere kleine Mädchen verschwanden. Auch hier hatte man schnell einen Verdächtigen zur Hand, doch wie es scheint, mit einem erpressten Geständnis. Der lethargische Anwalt beginnt im Dreck zu wühlen und fördert dabei Dinge zutage, welche die Polizisten lieber für sich behalten hätten …

Bereits auf der ersten Seite fällt auf, dass David Peace sehr viel Wert auf einen individuellen Schreibstil legt. Beinahe schon in stenografisch abgehacktem Stil wirft er dem Leser bestimmte Details wie Örtlichkeiten, Zeiten oder anwesende Personen vor, und auch sonst greift er immer wieder auf verkürzte oder unvollendet Sätze zurück, um die Gedanken seiner Protagonisten möglichst realitätsgetreu wiederzugeben. Er verwendet außerdem eine sehr bildhafte Sprache und schmückt diese mit Zitaten aus Songs oder völlig abwegigen, poetisch angehauchten Gedanken, die sich mit der Lebenssituation der jeweiligen Person auseinandersetzen. Häufig wiederholt er auch einzelne Sätze oder sogar ganze Abschnitte, um die Ausweglosigkeit der Situation seiner Figuren darzustellen. Nicht immer wird dem Leser dabei die wirkliche Bedeutung von Peaces Worten klar. Er schreibt auf der einen Seite sehr angenehm und schön, nämlich nachdenklich, pessimistisch, düster, dann aber auch wieder sehr kryptisch. Manche der Textabschnitte sind einfach zu introvertiert und unverständlich. Dem einen Leser mag das mehr, dem anderen weniger liegen.

Ob das bei der Handlung auch so ist, sei dahingestellt. Peace behandelt zwei gegenläufige Stränge. Auf der einen Seite ermittelt John Piggott in der Gegenwart, auf der anderen werden die Geschehnisse der früheren Mädchenentführungen in den Siebzigern aus der Sicht von Maurice Jobson gezeigt. Das geschieht allerdings unstrukturiert und verwirrend. Es fehlt der rote Faden, der diese beiden unterschiedlichen Ansätze am Ende geschickt und verständlich miteinander verknüpft. Das ist bei „1983“ nicht unbedingt der Fall. Es passiert auch immer wieder, dass einige Textabschnitte zu beliebig oder zu unpassend wirken, so dass man in diesem Fall nicht von einem runden Ganzen reden kann.

Die Personen sind hingegen gelungen, ihre Ziellosigkeit und Deprimiertheit wird gut dargestellt. Vor allem die Figur des John Piggott zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich total gehen lässt und nicht unbedingt mit Enthusiasmus bei der Sache ist. Das wirkt alles sehr authentisch. Vermutlich jeder hat schon einmal so eine Phase in seinem Leben gehabt und kann sich dementsprechend damit identifizieren. Anders ist es da bei Maurice Jobson: Während Piggotts Perspektive auf eine Du-Anrede zurückgreift, erzählt Jobson aus der ersten Person. Trotzdem wirkt er immer kühl und distanziert, verschlossen, introvertiert. Das hängt vor allem mit Peaces Schreibweise zusammen, die diesen Charakter sehr gut reflektiert.

In der Summe überzeugt „1983“ trotzdem nicht immer, dafür fehlt es dem Buch an Struktur. Gerade der Handlung hätte ein wenig mehr roter Faden gutgetan. Der Schreibstil von David Peace und seine Figurenzeichnung überzeugen allerdings trotzdem, auch wenn sie sich wegen der dramaturgischen Schwächen nicht völlig entfalten können.

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[„1974“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1483
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