Pears, Iain – Urteil am Kreuzweg, Das

England, 1663, zur Zeit der Restauration. Oliver Cromwell ist tot, Charles II., Sohn des von Cromwell geköpften Charles I., ist an der Macht. Der Friede ist nur oberflächlich, noch immer herrscht großes Misstrauen zwischen Puritanern und Royalisten, zwischen Katholiken und Anglikanern. Marco da Cola ist ein junger Gentleman und Kaufmannssohn aus Venedig, der Arzt werden will und zunächst in den Niederlanden und anschließend in Oxford studiert. Ein Empfehlungsschreiben bringt ihn zum bekannten Progfessor Boyle, und der junge Mediziner Richard Lower wird bald zu da Colas engstem Vertrauten in England. Sein erster Patient ist eine alte Frau von ärmlicher Herkunft, die sich ein Bein gebrochen hat. Ihre Tochter Sarah wird wenig später als Mörderin verhaftet. Sie soll den Arzt Dr. Grove, Mitglied des ehrenwerten New College, vergiftet haben und wird dafür gehenkt. Obwohl da Cola das Mädchen für seinen Mut und Eigensinn zeitweilig bewunderte, schließt er seinen Reisebericht mit der Überzeugung, dass sie den Mord tatsächlich begangen hat.

Doch es gibt auch gegenteilige Ansichten. Jack Prescott, der mit de Cola Bekanntschaft schloss, sieht die Dinge ganz anders. Sein verschwundener Vater gilt als Verschwörer, der die Royalisten an Cromwell verraten haben soll. Prescott glaubt an seine Unschuld und die Suche nach der Wahrheit brachte ihn sogar zeitweilig ins Gefängnis, aus dem er mit einer List entfliehen konnte. Er findet Marco de Cola zwar recht sympathisch, schenkt seinem Bericht aber keinen Glauben und legt stattdessen seine Sicht der Ereignisse um den Mord an Dr. Grove und die Hinrichtung von Sarah Blundy schriftlich dar.

John Wallis liefert den dritten Bericht ab, der wieder eine andere Sicht offenbart. Wallis ist ein großer Mathematiker, Professor an Oxford und Spezialist für Geheimschriften. Früher arbeitete er als Kryptograph für Oliver Cromwell, heute steht er im Dienst des Königs. Mit großer Verachtung für Marco da Cola, den er eines Komplotts beschuldigt, schreibt er über die politischen und gesellschaftlichen Verstrickungen, die in Verschwörung und Verrat münden. Der vierte Bericht stammt vom Archivar Anthony Wood, ein kauziger Junggeselle, der für eine überraschende Wendung sorgt, die den Kreis um die widersprüchlichen Darlegungen schließt …

_Vier Ansichten und ein Todesfall_

Ian Pears entführt den Leser in eine turbulente Epoche. England befindet sich im Um- und Aufbruch, politische Verschwörungen und Ränkeschmiede bestimmen das Bild, Fremde misstrauen einander und der allmähliche Einzug der Aufklärung prallt gegen traditionelle und von Aberglauben beherrschte Denkweisen.

|Vier Erzähler, vier Wahrheiten|

Der besondere Clou dieses Mammutwälzers von über 900 Seiten liegt in der Präsentation vierer Sichtweisen, die den gleiche Vorfall behandeln und doch unterschiedlicher kaum sein könnten, was auch für die Charaktere der Berichterstatter gilt. Den Anfang macht Marco da Cola, der auch gleich den amüsantesten Bericht abliefert. Marco da Cola ist ein Fremder in England, ein Italiener, der mit viel Staunen und Befremden die Gepflogenheiten der Engländer kennen lernt. Mit Schaudern beschreibt er die Essensgewohnheiten des Landes, die ihm ein ums andere Mal Magenschmerzen verursachen, mit Kopfschütteln kommentiert er die Angewohnheiten und Bräuche seiner Gastgeber, verfolgt fassungslos ein Theaterstück, das jeder seiner Vorstellungen von Kultur widerspricht, und wird nicht müde, die Gepflogenheiten Englands mit denen seiner Heimat zu vergleichen. Der distanzierte Leser schmunzelt öfters über diese Ansichten und die Missverständnisse, die sich aus den verschiedenen Mentalitäten ergeben; nicht zuletzt auch über Nebencharaktere wie John Lower, der ständig eifrig bemüht ist, an Leichen für seine medizinischen Untersuchungen zu gelangen und dabei wenig feinfühlig vorgeht. Da Cola versteht es trotz seiner Fremdheit, sich in seinem Umfeld Sympathien zu verschaffen und sich einigermaßen zu etablieren. Dem Leser erscheint er in seinem Bericht als humorvoller und durchaus glaubwürdiger Erzähler, wenn man auch manchmal ein wenig spöttisch über seine gezierte Art lächeln muss. Gut nachvollziehbar ist sein zwiespältiges Verhältnis zu Sarah Blundy, die ihn einerseits beleidigt und die andererseits nicht nur da Cola durch ihren Stolz, ihre Intelligenz und ihre Willenskraft beeindruckt.

Der zunächst plausible Bericht da Colas wird erheblich geschwächt durch die folgenden Sichtweisen. Sowohl Prescott als auch John Wallis und Anthony Wood bezweifeln einige seiner Aussagen und stellen die Ereignisse jeder in ein anderes Licht. Prescott bezichtigt Sarah Blundy der Hexerei und lässt seinen fast wahnhaften Vorstellungen, die von der verzweifelten Suche nach der Wahrheit über seinen Vater verstärkt werden, freien Lauf. Der geniale wie hinterhältige John Wallis macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber da Cola und hebt die Geschichte in den Stand eines großangelegten Komplotts, das sich um höchste politische Kreise dreht. Als Leser rätselt man hin und her, welchem der Erzähler man am besten Glauben schenken soll, denn jeder von ihnen bringt Argumente vor, doch scheinen all die Berichte nicht in Einklang zu bringen zu sein. Erst durch die abschließende Darlegung von Anthony Wood, den zurückhaltenden Archivar, gelangt Licht in die Angelegenheit – und den Leser erwartet nicht nur Klärung, sondern auch eine große Überraschung. Auch für erfahrene Leser von Krimis und ähnlich knifflig angelegten Werken, die zum Mitdenken auffordern, werden die finalen Enthüllungen sicherlich Verblüffung in mehrfacher Hinsicht mit sich bringen, wenn sich gewisse Dinge als völlig anders als zunächst dargestellt präsentieren, und letztlich auch Erleichterung, dass sich der Kreis endlich schließt.

|Bunter Detailreichtum|

Über den Plot hinaus präsentiert sich dem Leser ein ungemein detailgenaues Sittengemälde der Restaurationszeit mit all seinen positiven wie negativen Facetten. Die angespannte politische Lage, die Vorgeschichte um Cromwell und die Folgen seiner Regierung werden ebenso aufgezeigt wie das Leben der verschiedenen Stände, von den adligen Kreisen bis hin zu den Ärmsten der Armen, zu denen die Blundys zählen. Der epische Umfang des Buches ergibt sich nicht nur aus den präzisen Darstellungen der zentralen Ereignisse, sondern auch aus den Schilderungen des alltäglichen Lebens, inklusive Exkurse in die Bereiche der Philosophie oder der Medizin. Vor allem beim geschwätzigen Marco da Cola erfährt der Leser über etliche Seiten hinweg genaue Informationen zum Stand der damaligen Wissenschaft. Mal mit Abscheu und mal mit Faszination verfolgt man die teils abergläubischen und teils gewagt fortschrittlichen Ansichten und Experimente. Einerseits glauben selbst gelehrte Bürger noch an Tierexkremete als Salbenersatz, andererseits wagen Marco da Cola und sein Freund und Kollege John Lower ohne Kenntnisse über Blutgruppen in einer Zeit, in der der Aderlass noch populär war, Experimente mit Bluttransfusionen. Zartbesaitete Leser müssen sich darauf gefasst machen, dass hier nicht mit sinnlichen Eindrücken gegeizt wird, etwa bei medizinischen Behandlungen oder auch bei Details zum Sezieren von Leichen. An anderer Stelle wird man wiederum zu einem passiven Teilnehmer an spitzfindigen, seitenlangen Diskussionen über philosophische, religiöse und medizinische Aspekte, die das Denken der damaligen Zeit auf den Punkt bringen. Ein besonderes Schmankerl bilden die zahlreichen historischen Personen, die in die Handlung eingeflochten werden. Im Anhang nimmt der Autor sich die Zeit, zu den wichtigsten Figuren ein paar Sätze zu schreiben, die dem Leser sagen, ob sie fiktiv oder historisch sind. Neben den einst realen Ich-Erzählern John Wallis und Anthony Wood begegnen wir unter anderem dem Theologen Thomas Ken, dem „Vater der Chemie“ Robert Boyle und dem Philosophen John Locke. Sarah Blundy und Jack Prescott dagegen sind zwar fiktive Gestalten, besitzen jedoch historische Vorbilder, an deren Schicksal sich ihre Charaktere anlehnen.

|Langatmige Stellen|

Allerdings sind ein langer Atem und viel Geduld die Voraussetzungen, damit man dieses Epos nicht vorzeitig zur Seite legt. So interessant und vielfältig die Geschehnisse auch sind, der übermäßige Detailreichtum übertreibt es mitunter. Die Sprache der Erzähler ist gestelzt, es werden altmodische und ausschweifende Formulierungen verwendet. Viele der Nebenschauplätze sind unangemessen ausführlich gestaltet, doch ein Überfliegen wäre riskant, da man sonst Gefahr läuft, wesentliche Aspekte zu überlesen. Schwierig mag es auch sein, ganz ohne Vorkenntnisse der Epoche an den Roman heranzutreten. Die Anhangsinformationen über die zentralen politischen Gestalten reichen beileibe nicht aus, um sich klar zu werden über die Situation in England und Europa. Grundlegende Hintergründe zu Stichworten wie Oliver Cromwell, englischer Bürgerkrieg, die Konfrontationen zwischen König und Unterhaus sowie zwischen Katholiken, Presbyterianern, Puritanern und Anglikanern sollten bekannt sein, da das Lesevergnügen sonst getrübt wird. Mit jedem weiteren Erzähler ist es zudem schwierig, den Überblick zu behalten über Lüge und Wahrheit. „Das Urteil am Kreuzweg“ ist definitiv kein Buch, das man nebenbei im Urlaub lesen kann, sondern es gehört zu den Werken, die den Leser fordern und die die eine oder andere kleine Durststrecke mit sich bringen.

_Als Fazit_ bleibt ein sehr vielschichtiger Historienkrimi aus dem 17. Jahrhundert, der durch detailgenaue Anschaulichkeit und gekonnte Verstrickungen bis zum überraschenden Schluss besticht. Vier verschiedene Erzählperspektiven garantieren Abwechslungen, fordern aber auch Geduld vom Leser ab, ebenso wie der ausgeschmückte Stil und die zahlreichen Abschweifungen. Sehr gekonnt werden viele historische Persönlichkeiten in die Handlung eingebunden. Trotz eines kleinen Anhangs mit Erläuterungen sind Vorkenntnisse zur Epoche jedoch fast unabdinglich für das Lesevergnügen.

_Der Autor_ Iain Pears, Jahrgang 1955, studierte in Oxford und arbeitete anschließend als Journalist, Kunsthistoriker und Schriftsteller. Sein Spezialgebiet sind historische Kriminalromane. Weitere Werke sind unter anderem „Scipios Traum“ und „Die makellose Täuschung“.

http://www.heyne.de

|Originaltitel: An instance of the fingerpost
Originalverlag: Diana HC
Aus dem Englischen von Edith Walter, Friedrich Mader
Taschenbuch, 928 Seiten, 12,0 x 18,7 cm|

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