Pepper, Kate – 7 Minuten zu spät

Die Freundinnen Alice, Lauren und Maggie sind alle Mitte dreißig und stehen sich so nah wie Schwestern. Alice, verheiratet und bereits Mutter zweier Kinder, ist im sechsten Monat mit Zwillingen schwanger. Auch Lauren steht kurz vor der Entbindung ihres zweiten Kindes. Die beiden Frauen freuen sich schon auf die gemeinsame Zeit mit ihren Babys. An einem heißen Sommertag kommt Alice mittags ein paar Minuten zu spät zu ihrer Verabredung. Alice und ihrem Mann wurde die Wohnung gekündigt und sie braucht ihre Freundin dringend als Beraterin, da diese gerade eine ähnliche Erfahrung gemacht hat. Doch Lauren erscheint nicht am Treffpunkt. Zunächst macht sich Alice keine Sorgen. Sie holt ihre beiden Kinder, Nell und Peter, und Laurens Sohn Austin von Kindergarten und Schule ab, schaut bei Kollegin Maggie vorbei, mit der sie gemeinsam einen Schuhladen führt und nimmt deren Sohn mit zum Einkaufen.

Die Zeit vergeht und niemand hat etwas von Lauren gehört. Alice vermutet, dass bei ihr frühzeitig die Wehen eingesetzt haben, aber auch die Anrufe in allen Krankenhäusern bleiben ohne Erfolg. Laurens Ehemann Tim ist in großer Sorge und verständigt am Abend schließlich die Polizei. Die Ermittlungen ergeben, dass Lauren auf dem Weg zu ihrem Schwangerschaftsgymnastik-Kurs verschwunden ist. Wenige Tage später dann der Schock: Laurens Leiche wird im Fluss gefunden. Lauren wurde mit einem Kopfschuss getötet. Anschließend wurde ihr Bauch aufgeschnitten und das Baby entführt.

Alice und die anderen stehen unter Schock. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Bereits vor zwei Jahren verschwand eine schwangere Frau in der gleichen Gegend. Hat es ein Serienmörder auf die ungeborenen Babys abgesehen? Lebt Laurens Kind etwa noch? Eine fieberhafte Suche nach dem Täter und dem Baby beginnt. Doch auch Alice bekommt immer mehr das Gefühl, in Gefahr zu schweben, seit sie ein seltsamer Mann verfolgt. Aber sie will nicht eher ruhen, bis Laurens Mörder gefunden ist …

Eine verschwundene Frau, ein grausamer Mord, die Suche nach einem Baby und die Mördersuche einer Schwangeren, die sich selber dabei in Gefahr bringt – aus diesen Zutaten hat die Autorin einen über weite Strecken unterhaltsamen, wenn auch nicht überdurchschnittlichen Thriller gebastelt.

|Spannung in der ersten Hälfte|

Die Spannung ist von Anfang an hoch. Nur wenige Seiten dauert es, bis klar ist, dass Alices Freundin Lauren etwas zugestoßen sein muss. Gerade weil es sich um eine hochschwangere Frau handelt, ist die Situation besonders brisant. Der Leser wird hineingesogen in die hektische Suche nach der werdenden Mutter. Die Polizei führt erste Ermittlungen durch, Alice und ihre Freunde hängen Suchzettel in den Straßen auf, die Freundin macht gar Anstalten, eine Internetseite zu der Vermissten zu erstellen. Mit jeder weiteren Stunde, die vergeht, schwindet die Chance, dass Lauren unversehrt gefunden wird.

Als ihre Leiche auftaucht, entstehen gleichzeitig unzählige neue Fragen: Wo ist das Baby, lebt es noch? War Lauren ein Zufallsopfer oder wurde sie gezielt ausgesucht? Schweben auch andere schwangere Frauen in Gefahr? Besteht ein Zusammenhang mit der vor zwei Jahren verschwundenen Christine? Dem Leser wie den Charakteren ist völlig unklar, wer hinter dem grausamen Mord stecken mag. Lauren schien keine Feinde zu haben, ihre Angehörigen sind geschockt und ratlos.

Besonders fesselnd wird es, als Alice sich mehr und mehr beobachtet fühlt und Grund zur Annahme hat, dass auch sie ins Visier des Täters geraten ist. Gleichzeitig aber weiß Alice oft nicht, wie viele der Gefahren, die sie sieht, wirklich existieren – oder ob sie sich manche Dinge nicht aus Angst einbildet. Auch die Polizei reagiert skeptisch auf einige ihrer Mutmaßungen; immerhin ist Alice hochschwanger, die bevorstehende Zwillingsgeburt schwächt sie körperlich, dazu der schwere Schock über den Tod der Freundin. Ähnlich wie in „Rosemarys Baby“ wissen weder Alice noch der Leser hundertprozentig, welche Verdächtigungen ihrer angespannten Phantasie und welche realer Gefahr zuzuschreiben sind.

Hochgehalten wird die Spannung zusätzlich durch das rasche Tempo, in dem die Handlung verläuft. Es existieren keine abschweifenden Nebenschauplätze. Die Story verläuft geradlinig, auch die Sätze sind eher kurz gehalten, die Beschreibungen eher spartanisch, sowohl was Örtlichkeiten als auch was das Aussehen der Personen angeht. Selbst wenn man das Buch mal eine Weile zur Seite legen sollte, gibt es keine Probleme, sich anschließend wieder in die Geschichte hineinzufinden.

|Sympathische Protagonistin|

Einen guten Anteil an der Spannung trägt auch die Hauptfigur Alice mit sich. Alice ist zwar kein herausragender Charakter, aber angenehm sympathisch. Als Leser leidet man mit ihr, wenn sie vom Tod ihrer Freundin erfährt. Ihre Lage wird durch ihre Schwangerschaft zusätzlich belastet. So fürchtet man nicht nur, dass der Täter es auch auf sie abgesehen haben könnte, sondern ebenso um ihren Gesundheitszustand.

Darüber hinaus lernt man Alice nicht nur als Mörderjägerin kennen, sondern es werden auch Aspekte aus ihrem alltäglichen Leben mit eingeflochten. So muss sie sich mit den oft gegensätzlichen Ansichten ihrer Freundin Maggie auseinandersetzen, die ihr manches Mal weniger eine Stütze als vielmehr ein Ärgernis bedeutet. Auch ihre Ehe ist einer Belastungsprobe ausgesetzt, denn Ehemann Mike arbeitet fast rund um die Uhr. Dazu kommen die Probleme mit ihrem neuen Hauseigentümer, der sie dazu zwingt, sich unter Zeitdruck ein neues Heim suchen zu müssen.

Zu guter Letzt fühlt sich Alice auch, was ihr Verhältnis zur Polizei betrifft, hin- und hergerissen. Einerseits ist ihr die junge Ermittlerin Frannie, die sie per Zufall bereits im Vorfeld kennen lernte, mehr als sympathisch. Sie hofft, in ihr eine neue Freundin zu finden, muss aber feststellen, dass die Umstände kein normales Verhältnis zulassen.

|Schwächen im zweiten Teil|

Leider stellen sich vor allem in der zweiten Hälfte einige Schwächen ein. Zum einen wird bald klar, dass es nicht um einen perfiden Serienkiller geht, der Ritualmorde verübt. Im Gegenteil, die Spuren, die verfolgt werden, deuten auf ganz profane Gründe für den Mord hin. Die Täterfrage wird zwar erst kurz vor Schluss geklärt, aber die Spannung verpufft merklich. Auch wenn Serienmörder nichts Neues mehr sind, bringen sie doch meist ein unheimliches Flair mit sich, ein Katz-und-Maus-Spiel, eine Note des Unberechenbaren, das zusätzlich Angst einflößt. Stattdessen konzentrieren sich die Ermittler und Alice auf Personen, die ganz rationale Gründe verfolgen könnten, Lauren aus dem Weg zu räumen.

Die zweite Schwäche liegt im sehr abrupten Ende, das insgesamt gesehen auch nicht besonders glaubwürdig ist. Im Gegensatz zu guten Thrillern stellt sich hier keine Erleichterung beim Leser ein, wenn sich die Täterfrage klärt. Der Schluss bietet kein klug eingefädeltes Aha-Erlebnis, sondern eher eine Enttäuschung. Statt einer befriedigenden Auflösung erwartet uns eine Pointe, die zu bemüht wirkt, um sich angemessen aus der vorherigen Handlung zu ergeben. Zwar bleiben keine wichtigen Fragen offen, doch das Ende wird zu kurz abgehandelt und wirkt lieblos angefügt.

Noch verwirrender ist der kurze Epilog, der etwa zwei Jahre nach den Ereignissen spielt. Vermutlich soll er beim Leser Nachhaltigkeit bewirken, ruft aber tatsächlich mehr Verärgerung hervor, da die Ereignisse zu konstruiert sind.

_Als Fazit_ bleibt ein in der ersten Hälfte durchaus unterhaltsamer und spannender Thriller um einen Mord und ein entführtes Baby. In der zweiten Hälfte lässt die Spannung deutlich nach, dem Täterkreis und dem Motiv fehlt es an Brisanz. Auch das abrupte Ende und der konstruierte Epilog enttäuschen. Insgesamt ein durchschnittlicher Thriller, der thematisch vor allem Leserinnen anspricht.

_Die Autorin_ Kate Pepper wurde in Frankreich geboren und lebt heute mit ihrer Familie in New York. Nebenbei gibt sie Kurse in Kreativem Schreiben. Ihr Debütroman „5 Tage im Sommer“ erschien 2005.

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