Poe, Edgar Allan – Edgar Allan Poes Meistererzähler

_Gute Sprecher für eine repräsentative Poe-Auswahl_

Zehn Meistererzählungen von Edgar Allan Poe, dargebracht von Meistererzählern wie Pinkas Braun, Martin Held, Wolfgang Kieling, Hannes Messemer, Richard Münch, Hans Paetsch, Heinz Reincke, Werner Rundshagen und Klaus Stieringer. Die Vorträge dieser Sprecher stammen aus der Zeit zwischen 1958 und 1983, als die Rundfunklesung noch eine geschätzte Kunst war. (gekürzte Verlagsinfo) Viele dieser Sprecher sind bzw. waren professionelle Schauspieler und wissen Poes bekannteste Erzählungen wirkungsvoll vorzutragen.

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49), das Kind verachteter Schauspieler, wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia auf. Während der Vater ihn nie akzeptierte, liebt Edgar seine Ziehmutter, die sich seiner annahm, umso mehr. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich 1827 von seinem strengen Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die allesamt finanzielle Misserfolge waren. 1828 starb mit Mrs. Allan seine wichtigste Bezugsperson, und er zog zu seiner Tante „Muddy“ Clemm in Baltimore.

Von der Offiziersakademie in West Point wurde er am 28. Januar 1831 verwiesen, sein Bruder William stirbt im August. 1833 gewann er 50 Dollar für seine Story „MS. Found in a Bottle“, die einen Kaufmann auf ihn aufmerksam machte, der ihn förderte. Dadurch konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern. Allerdings schuf er sich durch seine scharfen Literaturkritiken zahlreiche Feinde.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, nachdem am 20. Januar 1845 sein Gedicht „The Raven“ auf größte Begeisterung gestoßen war, und das sowohl bei den Lesern als auch bei der Kritik. Er wurde Vortragsreisender und Partner bei einer Zeitschrift, die allerdings bankrott ging.

Dem Erfolg folgte bald ein ungewöhnlich starker Absturz, nachdem seine Frau Virginia, die Tochter seiner Tante (1822-1847, verheiratete Poe ab 1836, krank ab 1842), an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel mit der 45-jährigen Dichterin Sarah Helen Whitman – am 3. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden. Er starb an „Hirnfieber“ am 7. Oktober im Washington College Hospital. (Das Rätsel um seinen Tod wurde unter anderem von Matthew Pearl in [„Die Stunde des Raben“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3552 zu einem Roman verarbeitet.)

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert – in nur 17 Jahren des Publizierens.

_Die Erzählungen und Sprecher_

_1) Das Faß Amontillado_ (13:34 Minuten, gelesen von Werner Rundshagen)

Warum mauert Montresor seinen Freund Fortunato im Weinkeller des Familiengutes ein? „By the last breath of the four winds that blow / I’ll have revenge upon Fortunato …“ heißt es in Alan Parsons Song. „Nemo me impune lacessit“ lautet das Motto der Familie Montresor: „Niemand beleidige/verletze mich ungestraft“. Na, und der überhebliche Fortunato hat seine Strafe sicherlich verdient.

|Mein Eindruck|

Poe erzählt seine Rachestory sehr anschaulich, als habe er sie für einen Film schreiben wollen. Allerdings stammt der letzte verfügbare Wortlaut gar nicht von ihm, sondern von seinem schlimmsten Feind, der seinen Nachlass verwalten durfte …

|Der Sprecher|

Werner Rundshagen trägt mit einer kräftigen Stimme sehr deutlich und nuanciert vor. Wenn der betrunkene Fortunato mal spricht, lallt Rundshagen allerdings nicht, deutet nur eine „schwere Zunge“ an. Einmal lacht Fortunato leise in sich hinein, das klingt dann angesichts seiner Lage schon unheimlich. Leider spricht Rundshagen den Namen „Amontillado“ nicht wie es sich gehört spanisch aus, sondern deutsch, also mit einem L statt einem J.

_2) Das ovale Portrait_ (10:00 Minuten, gelesen von Wolfgang Kieling)

Der müde und fiebrige Wanderer hat Zuflucht in einem italienischen Bergschloss gefunden und ruht sich nun im Schlafzimmer aus. Es ist mit einer berühmten Gemäldesammlung ausgestattet, zu der er sogar einen Führer lesen kann. Als er den Kandelaber verschiebt, um das Buch besser lesen zu können, fällt das Licht auf ein kleines Bild in einer Nische: ein ovales Porträt einer jungen Frau. Es ist erstaunlich lebensecht.

Der Führer erzählt dazu die grauenerregende Geschichte seiner Entstehung … Die junge Frau liebte den Maler des Bildes so leidenschaftlich, dass sie bereit war, für ihn wochenlang Modell zu sitzen. Doch je länger der Maler pinselte, um das Bild so lebensecht wie möglich zu gestalten, desto blasser und kränklicher wurde dessen Vorlage. Und während die Bewunderer des Malers von der Qualität des Bildes schwärmten, merkten weder sie noch der Maler, wie schlecht es dem Modell ging. Kaum war der letzte Pinselstrich getan, starb sie!

|Mein Eindruck|

Die kurze aber anschaulich erzählte Geschichte behandelt den metaphysischen Zusammenhang zwischen Kunst und Liebe bzw. Leben. Die Rivalin der jungen Frau ist die Kunst, wie sie selbst weiß, und doch opfert sie sich dieser, um der Liebe zu ihrem Maler willen. Jeder Künstler bringt der Muse Opfer, um ihr dienen zu können, und allzu oft besteht das Opfer in Liebe, manchmal sogar in Leben. Vielleicht ist dies nicht nur ein romantisches Motiv.

|Der Sprecher|

Wolfgang Kieling ist mir als hervorragender Schauspieler bekannt. Seine Stimme ist tief und volltönend, er intoniert die Sätze deutlich und erzeugt gehörige Spannung. Wunderbar.

_3) Das verräterische Herz_ (14:10 Minuten, gelesen von Heinz Reincke)

Der verrückte Ich-Erzähler plant detailliert den perfekten Mord an einem alten Mann, dessen eines „Geierauge“ ihm Furcht und Wut einflößt. Die Tat gelingt, doch aufgrund seines überfeinen Gehörs vermeint der (wahnsinnige) Bösewicht, das Herz des Getöteten wieder schlagen zu hören, justament als er die Polizei im Hause hat …

|Mein Eindruck|

Wahnsinn, überfeinerte Sinne und vorzeitige Beerdigung sind die Standardthemen Poes. „Das verräterische Herz“ ist kurzer, psychologischer Thriller um Schuld und Sühne. Er ist nicht nur sehr anschaulich geschildert, sondern auch zu einem grauenerregenden Finale hin konzipiert.

|Der Sprecher|

Heinz Reincke ist bzw. war ein temperamentvoller Volksschauspieler, der in unzähligen TV-Serien des NDR auftrat. Bereits 1958 entstand diese unvergessliche Aufnahme. Reincke liest sehr flott vor, gestaltet seinen Erzähler als gehässigen und wahnsinnigen, aber auch ungeheuer selbstverliebten Typen. Wenn der Mord erfolgt, wird der Vortrag beschleunigt, drängend und angstvoll – wir fiebern geradezu mit. Nach diesem ersten Höhepunkt gelangt Reincke wieder in ruhiges Fahrwasser – Erleichterung macht sich breit. Dann folgt Nervosität, schließlich wieder Panik und Wahn. Am Schluss überschlägt sich Reinckes Stimme fast, wird richtig laut, als es das Unfassbare zu äußern gilt: Das Herz des Alten schlägt wieder!

_4) Der Massenmensch_ (27:45 Minuten, gelesen von Klaus Stieringer)

Der Erzähler sitzt eines Tages in einem Café in London und teilt die Passanten in Klassen ein. Er ist offenbar ein genauer Beobachter. Da bemerkt er einen ungewöhnlichen, alten Mann, weil er aussieht wie der „Erzfeind“, der Teufel, persönlich. Er folgt ihm den ganzen Tag hindurch, wie der sich durch die Menge schiebt und nirgendwo eine Rast einlegt, um sich zu stärken oder zu ruhen. Nein, der Mann, der Dolch und Diamant unter seinem Mantel stecken hat, sucht immerzu nur die Menge. Und als sich ihm sein Verfolger in den Weg stellt, schaut er nicht auf, sondern umgeht ihn einfach.

|Mein Eindruck|

Die ungewöhnliche, völlig handlungslose Story ist die detailliert beobachtende Studie eines neuen psychologischen Typus, wie er nur in der Stadt vorkommt: der Mensch, der nur zufrieden ist, wenn er in einer Menschenansammlung anonymen Kontakt findet. Dass dieser Typ keine menschlichen Bedürfnisse an den Tag legt, macht ihn zu unheimlich. Poe schreibt ihm Schuld zu, aber woher diese rührt, bleibt unklar.

|Der Sprecher|

Klaus Stieringer ist ein beherrscht und deutlich artikulierender Sprecher. Mit Pausen vor jedem wichtigen Wort hebt er dessen Bedeutung für jeden Satz und Gedankengang hervor. So entsteht vor dem geistigen Auge des Hörers ein lebendiges Bild, das zunehmend unheimlichere Züge gewinnt …

_5) Die Maske des Roten Todes_ (14:00 Minuten, gelesen von Hannes Messemer)

Diesmal hat Fürst Prospero sich in eine burgartige Abtei vor den Verheerungen, welche die Pestilenz in seinem Land anrichtet, zurückgezogen. Trotz des Todes draußen schmeißt er eine Party, bei der sich tausend Ritter und Damen verkleiden dürfen (Maske = Maskenball), um der Schönheit in den unterschiedlich ausgestatteten Zimmers seines Refugiums zu huldigen. Als er jedoch einen unverschämt auftretenden Burschen erblickt, der es wagt, als Pestkranker aufzutreten, kennt sein Zorn keine Grenzen. Er verfolgt ihn, treibt ihn in die Enge, um ihn zur Rede zu stellen – und erlebt sein rotes Wunder …

|Mein Eindruck|

Poe hat zahlreiche Gedichte über den Tod und dessen unentrinnbare Herrschaft geschrieben, denn er war ja selbst ständig vom Tod umgeben. Auch seine junge Frau Virginia Clemm starb an der Schwindsucht. Er nannte den Tod „den Zerstörer“ und „Eroberer Wurm“. Auch in „Die Maske des Roten Todes“ ist der Tod unentrinnbar, und alles Schöne muss vergehen, insbesondere, wenn es so frivol wie von Fürst Prospero zelebriert wird.

|Der Sprecher|

Hannes Messemer trägt auf eine recht altmodische Weise vor, die inzwischen überholt ist. Man merkt nämlich, dass er den Hörer bewegen und erreichen will. Er gestaltet den Text aber sehr abwechslungsreich: mal heiter, mal ahnungsvoll, mal schnell, dann wieder langsam. Mitunter versteigt er sich zu einer Emphase, die harte Konsonanten wie K geradezu hervorschleudert. Auch der Höhepunkt ist sehr effektvoll „inszeniert“, voll Dramatik.

_6) Der wahre Sachverhalt im Falle Waldemar_ (28:10 Minuten, Pinkas Braun)

Die esoterische Modewissenschaft Mesmerismus (nach einem gewissen Monsieur Mesmer) wurde auch als Magnetismus bezeichnet und erregte seinerzeit – also zwischen 1840 und 1850 – einiges Aufsehen. Sie ähnelt der Hypnose, wird aber anders angewandt.

In der Erzählung verlängert Poe damit die Existenz der Seele von M. Waldemar, einem Opfer der Schwindsucht, nach dem Ableben des hinfälligen Körpers. Alle Schritte beim Vorgehen werden minutiös aufgezeichnet, so dass ein sehr realistischer Eindruck entsteht. Kann der Einzug des Todes in den Körper von M. Waldemar wirklich aufgehalten werden, lautet die Kardinalfrage. Doch es gibt eine ziemlich grässliche Pointe.

|Mein Eindruck|

Der Ich-Erzähler weiß seine (inzwischen verfilmte) Geschichte von der Aufhebung des Todes wohldosiert zu vermitteln. Das Unbehagen an der ganzen unnatürlichen Sache wächst, bis ganz am Schluss, im letzten Satz, das Grauen mit voller Wucht zuschlägt: das ist die „punch-line“, die den Leser bzw. Hörer in die Magengrube trifft. Poe konnte schon immer sehr effektvoll erzählen, aber hier hat er ein Meisterstück abgeliefert. Die Übersetzung des „Ulysses“-Übersetzers Hans Wollschlägers trägt zusätzlich zur starken Wirkung bei. Allerdings wimmelt es vor Fachausdrücken. Aber das ist ja bei Poe stets der Fall.

|Der Sprecher|

Pinkas Braun verfügt über eine tiefe, sonore Stimme, mit der er seine Sätze sehr deutlich, beherrscht und analytisch hervorhebend vorträgt. Seine Aussprache des Französischen ist makellos. Nur ganz am Schluss lässt er zu, dass er seinem Ekel heftig Ausdruck verleiht.

_7) Der schwarze Kater_ (28:10 Minuten, gelesen von Martin Held)

Der Erzähler ist der trunksüchtige Ehemann einer zartfühlenden und tierlieben Gattin. Sie hat als liebstes Haustier einen Kater namens Pluto, der laut schnurrt, wenn man ihn streichelt. Das tut der Ehemann jedoch nie. Im Gegenteil: Die Augen der Katze lassen ihn sich irgendwie schuldig fühlen, dass die Trunksucht, der er sich hingibt, und die Misshandlungen, die er an seiner Frau begeht, ein großes Unrecht seien. Im Vollrausch sticht er Pluto ein Auge aus, später erhängt er das wehrlose Tier. Bei einem Feuer brennt das Haus bis auf die Grundmauern nieder und das mittellose Ehepaar muss umziehen.

Um diese Gedanken der Schuld zu vertreiben, ertränkt er sie immer öfter in Alkohol. Bis er schließlich auch im Wirtshaus eine schwarze Katze bemerkt, die er mit nach Hause nimmt. Doch aus Zuneigung wird schon wieder Hass und Abscheu gegen das vermaledeite Katzenvieh. Als er auf der Kellertreppe über es stolpert, will er es töten, doch seine Frau fällt ihm in den Arm. Er schlägt ihr den Schädel ein und mauert die Tote in einem „blinden“ Kamin (der nirgendwo hinführt) im Keller ein. Die Katze jedoch ist verschwunden und er kann wieder selig schlafen, selbst nach dem Mord. Doch der Fluch der bösen Tat fordert Sühne …

|Mein Eindruck|

Die Story ist ein psychologischer Thriller um Schuld und Sühne, mit einem typischen Poe-Motiv: lebendig begraben sein. Doch das Neue an der Geschichte besteht darin, dass die Bestrafung nicht von außen erfolgt, etwa durch göttliche oder fürstliche Intervention. Vielmehr kommt dieser Impuls von innen, aus der Psyche des unbestraften Verbrechers selbst: Er muss sich selbst entlarven, um Erlösung von der Last seiner Schuld zu erlangen. Schon lange vor Freud also wird tiefer schürfende Psychologie als Triebfeder einer Story-Handlung eingesetzt.

|Der Sprecher|

Martin Held war für mich einer der sympathischsten und integersten Schauspieler seiner Generation. Seine Stimme ist angenehm mitteltief, seine Intonation mitfühlend, sein Vortrag einfühlsam. Triumph und Erleichterung wechseln sich hörbar mit Angstpsychose ab. Wie bei Reincke mündet auch sein Vortrag in den Aufschrei eines gequälten Wahnsinnigen.

_8) Hopp-Frosch_ (17:30 Minuten, Hannes Messemer)

Froschhüpfer ist ein Krüppel und Zwerg, der als Hofnarr an des Königs Hof Possen treiben muss. Er wurde mit seiner wohlgestalten Freundin Tripetta aus seiner Heimat verschleppt, die man ebenfalls mies behandelt. Eines Tages wollen der König und seine sieben fetten Minister ganz besonders einfallsreiche Kostüme für den Maskenball tragen. Hüpfer hat eine „zündende“ Idee, wie er sich für erlittene Qualen rächen kann, schlägt ihnen Orang-Utan-Verkleidung vor und kettet sie aneinander. Das wird eine „feurige“ Überraschung.

|Mein Eindruck|

Poes letzte zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Erzählung wird häufig als Allegorie auf seine Rache an seinen Kritikern aufgefasst. Diese saßen vor allem in New York und unternahmen alles, um diesen unbequemen Mahner und Kritiker aus dem tiefen Süden zum Verstummen zu bringen. Sie erreichten ihr Ziel – fast.

|Der Sprecher|

Hannes Messemer trägt ebenfalls auf eine recht altmodische Weise vor. Sein König ist ein laut polternder Tyrann, dem jede Schlechtigkeit zuzutrauen ist und der grausam zischt, wenn er seinen Hofnarren, den Zwerg Hopp-Frosch, schikanieren will. Der Höhepunkt ist sehr effektvoll und dramatisch „inszeniert“.

_9) Berenice_ (27:50 Minuten, Hans Paetsch)

Der Träumer und die schöne Titelfigur sind Cousin und Kusine, doch während er sich schwächlich zurückhält, bewundert er an ihr das blühende Leben. Dieses Verhältnis ändert sich schlagartig, als Berenice – ähnlich wie Poes echte Frau Virginia Clemm – an Tuberkulose und Auszehrung erkrankt. Dabei verfällt sie mitunter in einen todesähnlichen Zustand der Trance.

Der Träumer wiederum ist einer Monomanie verfallen, die ihn in einen Geisteszustand verfallen lässt, in dem er sich stundenlang auf nur einen Gegenstand konzentriert. Er scheint dadurch in eine Art Geistesabwesenheit zu geraten. Trotzdem heiraten die beiden. Das Verhängnis ist unausweichlich, als ihm Berenices unglaublich weiße und lange Zähne auffallen …

|Mein Eindruck|

Vielfach ist diese unheimliche Erzählung als Vampirgeschichte interpretiert worden, denn wozu sonst sollte Berenice derart lange Zähne aufweisen? Das Thema der verbotenen Beinahe-Geschwisterliebe erinnert zudem an das unselige Geschwisterpaar Madeleine und Roderick Usher. Klar, dass daraus nichts Gutes entstehen kann.

Und dass es schließlich zu einer abscheulichen Grab- und Leichenschändung kommt, dürfte kaum noch jemanden verwundern. Allerdings ist die Schuldfrage nicht eindeutig zu klären. Hat Berenice Schuld an ihres Cousins somnambulem Zustand, so dass er unter Amnesie zu leiden beginnt? Wenn ja, dann kann er nicht für seine Untat verantwortlich gemacht werden.

|Der Sprecher|

Hans Paetsch ist die Stimme des „Märchenonkels“ schlechthin. Er unzählige Märchen aufgenommen. Hier zeigt er sich von seiner kultivierten Seite. Er spricht das Französische ebenso makellos aus wie das Latein, das der Erzähler zitiert – und das leider nicht übersetzt wird. Diese sprachlichen Hürden haben wohl dazu geführt, dass diese Erzählung nur selten abgedruckt wird. Paetsch trägt intensiv, deutlich und genau hervorhebend vor. Auch hier gibt es einen gruseligen und effektvollen Höhepunkt.

_10) Der Fall des Hauses Ascher_ (ca. 52:00 Minuten, Richard Münch)

Der Berichterstatter ist in das Haus Usher eingeladen, geradezu vorgeladen worden. Es entragt einem schwarzen Teich, der ominös schimmert und in dem ein Riss in der Fassade verschwindet. Das Gemütsleiden Roderick Ushers, des Letzten seines Geschlechtes, hat seine Sinne unglaublich verfeinert, so dass jede Sinneswahrnehmung für ihn Marter bedeutet. Daher sind alle Vorgänge zugezogen, jeder Laut ist gedämpft, und es brennt keine einzige Kerze. Erst nach einer Weile, als sich seine Augen angepasst haben, erkennt der Gast in der Düsternis Rodericks ausgemergeltes Gesicht und erschrickt. Der eigentliche erst 30 Jahre alte Mann sieht aus wie der Tod. Er sagt, er freue sich aufs Sterben wie auf eine Erlösung. Aber er warnt ihn vor dem Wahnsinn seiner Schwester Madeline.

Tatsächlich glaubt er sogar, seine verstorbene, geliebte Schwester Madeline sei noch am Leben und suche ihn jede Nacht heim. Roderick taucht nachts im Zimmer des Gastes auf und führt ihn in den Keller, um ihm etwas zu zeigen: Es sind die Katakomben des Herrensitzes. In einem riesigen Saal sieht man in Nischen in den Wänden Hunderte von Särgen liegen – Generationen von Ushers. Die Gruft liegt unterhalb der Oberfläche des Sees, der gegen ihre Mauern drückt. In zwei der Nischen stehen bereits die Särge für Madeline und Roderick bereit. Der Gast findet dies höchst makaber.

Tage vergehen. An einem Regentag teilt Roderick seinem Jugendfreund mit, dass Madeline gestorben sei. Ohne geistlichen Beistand wird die Schönheit im vorbereiteten Sarg bestattet. Hier soll sie liegen – volle vierzehn Tage lang, wie Roderick es angeordnet hat.

Was dem Gast so seltsam vorkam, enthüllt sich schon bald als wohlbegründet. Als ein Sturm heraufzieht und ein irisierendes Licht im Nebel über dem schwarzen Teich liegt, bemächtigt sich seiner eine panische Beklemmung. Durch Vorlesen eines Ritterromans versucht er, diese Stimmung zu vertreiben, doch vergeblich. Auf einmal hört er seltsame Geräusche vor der Tür, als würde Holz reißen und Metall poltern, genau wie in dem Ritterroman. Roderick starrt wie gebannt auf die Tür zu seinem Gemach, ein Klopfen ist zu hören, die Tür öffnet sich und davor steht: Lady Madeline!

|Mein Eindruck|

Geschwisterliebe, Inzucht, Lebendigbegrabensein, überfeinerte Sinne eines dekadenten Adeligen – hier feiert Poe das volle Arsenal seiner Obsessionen ab. Die Wirkung dieser Erzählung – zumal in Arno Schmidts fulminanter Übersetzung – auf den Hörer ist umwerfend, die Wirkung auf Poes Epigonen war enorm. Lovecraft versuchte immer wieder, diese Meisterschaft zu erreichen und erzählte von verruchten Ritualen in Neu-England, ging dann aber schließlich über Poe hinaus und schuf seinen eigenen Schöpfungsmythos.

|Der Sprecher|

Richard Münch trägt deutlich und genau betonend vor, sehr kontrolliert. Das ist auch nötig, um die komplizierten Schachtelsätze, die Arno Schmidt nach Poes Vorbild schuf, bewältigen zu können. Hier sind ein gutes Gedächtnis und viel Aufmerksamkeit gefordert. Es gibt nicht nur viele Fremdwörter, sondern auch befremdlich veraltete deutsche Ausdrücke. So gehen wohl auf Schmidts Konto Ausdrücke wie „Empfindnisse“, „altfränkisch“ oder „gaumig“.

In der Wiedergabe des Ritterromans passt die veraltete Ausdrucksweise, sonst aber weniger. Kurz vor dem Höhepunkt wird Münch recht leise, um Rodericks Gemurmel wiederzugeben, dann jedoch bricht der Wahn der Situation herein, als Lady Madeline ihren Bruder abholt …

_Unterm Strich_

Von diesen guten Sprechern vorgetragen, entfalten die schaurigen Erzählungen Edgar Allans Poes erst richtig ihren besonderen Reiz: das Grauen vor den zahlreichen Tabubrüchen, die hier entweder überfeinerte Hypochonder oder durchgeknallte Verrückte begehen. Schaurige Experimente wie der „Fall M. Waldemar“ oder triumphale Racheakte wie in „Hopp-Frosch“ weiten den Horizont der Ideen in der Literatur aus.

Es finden sich aber auch genaue Beobachtungen wie der „Massenmensch“, der zunächst wie ein ganz normaler Stadtbürger aussieht, aber zunehmend eine unheimliche Präsenz entfaltet, so dass man es sich zweimal überlegt, ob man abends noch auf die Straße geht. Die Rolle der Psychologie kommt auch in den Verbrechergeschichten „Der schwarze Kater“ und „Das verräterische Herz“ zum Tragen. Die Sühne für die Untat wird nun von innen angestoßen und nimmt so Freud vorweg.

Die Sprecher sind in der Regel gestandene und beliebte Schauspieler wie Heinz Reincke oder Martin Held, aber auch Sprechkünstler wie Pinkas Braun und Klaus Stieringer. Hannes Messemer, der Senior unter den Sprechern, befleißigt sich eines veralteten Stils. Mit gefühlvoller Emphase will er denjenigen Effekt des Textes, der ihm am wahrscheinlichsten scheint, auch im Hörer erzeugen, ihn also steuern. Das ist zwar löblich, wenn Messemer ein Lehrer und der Zuhörer sein Schüler wäre, aber für die anderen grenzt es doch an Oberlehrerhaftigkeit.

Wie immer bei Poe stellen die Texte hohe Ansprüche an die Allgemeinbildung. In „Berenice“ wird französisch und Latein gesprochen, ohne dass eine Übersetzung geliefert würde. Das könnte relativ frustrierend sein. Meine eigenen entsprechenden Kenntnisse sind schon längst eingerostet.

|235 Minuten auf 3 CDs
Aus dem US-Englischen übersetzt von Hans Wollschläger, Arno Schmidt und anderen|
http://schall-und-wahn.de
http://www.random-house-audio.de

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