Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Fass Amontillado, Das (POE #16)

_Fortunato macht ein Fass auf_

„Das Fass Amontillado“ ist der sechzehnte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von LübbeAudio, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Poe ist Doktor Templeton alias Francis Baker entkommen und nach New York geflohen. Dort mietet er sich in einem alten Hotel im sechsten Bezirk ein. Poe, ohne Kontakt zu den anderen Gästen, wird wieder von Visionen heimgesucht. Was er nicht weiß: Im Volksmund heißt die Gegend „der blutige alte Bezirk“. Und das Hotel hat seltsame unterirdische Gänge.

Ulrich Pleitgen und Iris Berben haben auch an den ersten Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

#1: Die Grube und das Pendel
#2: Die schwarze Katze
#3: Der Untergang des Hauses Usher
#4: Die Maske des roten Todes
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
#9: Hopp-Frosch
#10: Das ovale Portrait
#11: Der entwendete Brief
#12: Eleonora

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

(Nr. 13 wird vorerst ausgelassen.)

#14: Die längliche Kiste
#15: Du hast’s getan
#16: Das Fass Amontillado
#17: Das verräterische Herz

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan aus Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H.P. Lovecraft, H.G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Die Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

Till Hagen wurde 1949 in Berlin geboren und erhielt seine Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule. Zeitgleich drehte er seinen ersten Kinofilm, „7 Tage Frist“. Es folgten Engagements an den Stadttheatern Dortmund und Bielefeld. Später studierte er Deutsch und Theaterpädagogik. Als Sprecher beim Deutsche-Welle-Fernsehen und im Hörfunk wurde er genauso bekannt wie als Synchronstimme u.a. von Kevin Spacey und Jonathan Pryce.

Außerdem wirken Georg Schaale als George Appo und eine Reihe weiterer Sprecher mit. Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Penny Shepherd, die Ansage erledigt André Sander.

_Das Titelbild_

Das monochrome Titelbild, das Simon Marsden (www.simonmarsden.co.uk) geschossen und mit einer speziellen Technik entwickelt hat, zeigt bei „Das Fass Amontillado“ einen Festungsturm, in dessen heller Fassade ein Rundbogenfenster wie ein Auge klafft. Die Seiten des Turms sind von Efeu und anderen Schlingpflanzen umrankt, so dass das Gemäuer offensichtlich schon lange vernachlässigt worden ist. Es ist insgesamt ein sehr romantisches Motiv, passend zu jener Rachegeschichte um das „Fass Amontillado“, in welcher der leichtlebige Fortunato auf schmähliche Weise sein Leben in einem solchen Gemäuer lassen muss.

Das Motiv der Rückseite ist immer noch das gleiche wie in der ersten Serie: das von leuchtendem Nebel umwaberte ausgebrannte Gemäuer einer alten Abtei, deren leere Fenster den Betrachter ominös anstarren. Die Innenseite der CD-Box zeigt einen spitzbogigen Mauerdurchgang in einem wilden, überwucherten Garten. Der Durchgang könnte die Passage zu neuen, gruseligen Erfahrungen symbolisieren, im Sinne von Huxleys „doors of perception“.

_Das Booklet_

Jede CD enthält ein achtseitiges schwarz gehaltenes Booklet. Neben dem Eingangszitat auf Deutsch und Englisch werden hier auch der gesamte Stab und die Sprecherbesetzung der Rollen aufgeführt. Pleitgen, Berben und Hagen werden näher vorgestellt.

Eingangs gibt es einen kleinen Abriss der Vorgeschichte. Die Rückseite der CD fasst die Handlung zusammen und listet die wichtigsten Mitwirkenden auf. Die mittlere Doppelseite zeigt alle bislang veröffentlichten CDs und die DVD von „Die Grube und das Pendel“. Die vorletzte Seite weist auf die Band „We Smugglers“ hin, die den Titelsong „On the verge to go – Edgar Allan Poe Edit“ beigesteuert hat.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon vierzehn Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt.

_Handlung_

|“By the four winds that blow
I’ll have revenge upon Fortunato …“|

Nach dem Schiffbruch der „Independence“, der in „Die längliche Kiste“ erzählt wurde, sind der Mann namens Poe und sein Freund, der Bettler und Dieb George Appo, wohlbehalten in New York City angekommen. Hier kennt sich Appo aus: Er hat als Dieb vor dem Hotel Astor und bei der nahen Kunstakademie gearbeitet. Von ihm könnte Poe ein paar Tricks lernen. Nachdem Appo einen Polizisten gesichtet hat, macht er sich aus dem Staub, aber nicht ohne einen Treffpunkt zu vereinbaren und einen Hoteltipp zu geben.

Letzterer entpuppt sich als das „Washington House“. Das heruntergekommene Hotel steht an der Ecke Broadway und 6. Bezirk, den Appo als Vorhof zur Hölle beschreibt. Dass da etwas dran ist, merkt Poe bald. In der Stadt sucht er den Kunstmaler Jimmy Farrell, der für Dr. Baker alias Templeton ein Porträt von Poe angefertigt hat. Also muss er auch Poes wahre Identität kennen, oder?

An der Kunstakademie verweist ihn der Pförtner an die St. Philipps African Church, die mitten im 6. Bezirk steht. Es dauert nicht lange, und die ärmlichen Bewohner der Gegend haben Poe als willkommene Beute ausgemacht. Vor dem Überfall kann er sich gerade noch im Gemüseladen in der Anthony Street in Sicherheit bringen. Dies ist der mit Appo ausgemachte Treffpunkt. Doch Appo ist nicht da, nur dessen Bekannte Rosanna, die Ladenbesitzerin – und Schnapsbrennerin. Nach zwei Stunden dieses Zeugs ist Poe reif für die Klapse. Er torkelt über den Hinterhof, um der auf ihn lauernden Menge zu entgehen.

Im nächsten Haus warnt ihn ein Mädchen vor Räubern, die manche Leute einfach im Keller verschwinden lassen. Sie weist ihm den Weg zu Jimmy Farrells Wohnung. Da Farrell inzwischen ein Spieler und Trinker geworden ist, erhofft sich Poe nichts von dem Mann außer Informationen. Doch nicht einmal die bekommt er, denn Farrell liegt im Sterben. Er hat eine blutende Kopfwunde. Sein letztes Wort, bevor er den Löffel abgibt, ist ein mysteriöses „Pharao“.

Ein Schrei schreckt den geschockten Poe aus seiner Erstarrung auf. Es ist das Mädchen. Sie hält ihn für Farrells Mörder! Er muss sofort abhauen. Im Hotel fällt er in einen Zustand der Erschöpfung. Da bemerkt er auf seiner Hand und an der Decke rote Flecken. Blut?! Doch er kann nicht hinauf, denn auf der Treppe bemerkt er den Polizisten Maloney, der ihm schon mehrmals begegnet ist und ihn nun wegen des Mordes an Farrell sucht.

Doch der Keller, in den er flieht, entpuppt sich als düsteres Labyrinth aus Gängen. Als er sich ausruht, bemerkt er, wie zwei Männer, die wie Räuber aussehen, einen Sack oder Ähnliches anschleppen. Es ist der betäubte Polizist Maloney. Sie fesseln ihn und mauern ihn bei lebendigem Leibe ein.

Poe gelingt es nicht, die Mauer einzudrücken und Maloney zu befreien. In dessen letzten Worten sind jedoch wertvolle Hinweise enthalten. Im Newarker Leichenhandel begegnete dieser einem gewissen Dr. Templeton. Eines Tages verschleppte er für ihn einen Mann (der Poe gewesen sein könnte) in eine Irrenanstalt im Stadtteil South Orange. Und vor wenigen Tagen traf er Templeton wieder und sollte einen Maler erledigen: Jimmy Farrell. Ende der Durchsage.

Poe fährt der Schreck in die Glieder. Templeton bzw. Dr. Baker ist bereits in der Stadt! Nachdem er bereits in New Orleans sämtliche Zeugen seiner illegalen und perversen Forschungsarbeiten an Menschen – Leonie kann davon ein Lied singen – beseitigt an, beginnt er nun, die Zeugen seiner Vergangenheit in New York beiseite zu schaffen. Und dreimal darf man raten, was passiert, wenn er auf Poes Spur stoßen sollte.

In der folgenden Nacht hat Poe einen grässlichen Albtraum, in dem es um ein Fass Amontillado und einen Gegener namens Fortunato geht. Fortunato wird lebend in einer Gruft eingemauert …

_Mein Eindruck_

Diese Episode bringt die Geschichte um die Identität von Mr. Poe eine gehörige Strecke weiter. Er stößt auf den dringend gesuchten Jimmy Farrell, allerdings unter weniger als günstigen Umständen. Und anhand von dessen letztem Wort („Pharao“) und dem Geständnis des Polizisten Malone führt eine neue Spur zu Dr. Baker. Diese wird in der nächsten Episode aufgenommen: „Das verräterische Herz“. Diese Ermittlungen scheinen zunächst von dem Hauch des Grauens überschattet zu sein, das wir von Mr. Poes Abenteuern gewohnt sind, doch es gibt einen Höhepunkt …

Mag zwar Leonie Goron nicht von der Partie sein, so ist Iris Berben doch in einer anderen Rolle präsent. Es gibt am Schluss wieder mal einen der bereits bekannten Träume Poes, und darin tritt sie als „Signora“ auf. Dieser Traum schildert die sattsam bekannte Poe-Story über das „Fass Amontillado“, so dass ich wohl kein weiteres Wort darüber zu verlieren brauche. Zunächst wirkt diese Binnenhandlung wie ein Fremdkörper, der mit dem Rest nichts zu tun hat, doch das stellt sich als Irrtum heraus.

Der Traum ist von dem Tod des Polizisten Maloney inspiriert und hat die Konsequenz, dass sich Poe sehnlichst die Anwesenheit von Leonie Goron herbeiwünscht. Er sieht ein, dass es ein Fehler war, sie so sang- und klanglos in New Orleans sitzen zu lassen – wo mag sie sich jetzt wohl herumtreiben? (Eifrige Hörer wissen Bescheid: Sie ist Dr. Baker auf der Spur und daher auf dem Weg nach New York City. Dies wird in „Du hast’s getan“ erzählt.)

|Machen wir ein Fass auf!|

Die Binnenhandlung um Fortunato ist ein dramaturgischer Hochgenuss. Als Poe-Kenner wissen wir zwar, was dem guten Mann bevorsteht, als er mit Montresor und der Signora in die zum Weinkelller umfunktionierte Familiengruft hinabsteigt. Doch die Häme und Rachsucht, mit der Montresor und die Signora den nichts ahnenden Fortunato behandeln, zeigt die beiden Sprecher Pleitgen und Berben in einer ihrer besten Leistungen. Sie spielen zwar nun beide Schurken, aber sei’s drum: Bekanntlich haben die Schurken im Theater die besten Sätze. Man kann förmlich den boshaften Spaß spüren, den ihnen diese Sätze bereitet haben müssen.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias „Montresor“|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In der Binnenhandlung tritt er als rachsüchtiger Montresor auf.

|Miss Leonie Goron alias „Signora“|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. In der Binnenhandlung tritt sie als Signora (Montresor vermutlich) auf.

|Dr. Baker alias Templeton alias Fortunato|

Hagen spricht den teuflischen Experimentator Dr. Baker alias Templeton. In der Binnenhandlung tritt er als unglückseliger Fortunato auf.

_Musik und Geräusche_

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet.

In dieser Episode treten sie nicht so in den Vordergrund wie im Seestück „Die längliche Kiste“, sondern bilden eine unauffällige Geräuschkulisse. Das gilt nicht für das ziemlich deutliche Herzklopfen, das Poe nach der Flucht von Farrells Domizil spürt. (Es wird in der Episode „Das verräterische Herz“ ziemlich dominant.)

|Die Musik|

Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der Hauptfigur und ihres jeweils gerade relevanten Ambientes darzustellen. Diese untermalende Aufgabe dient diesmal mehr der Gestaltung ganzer Szenen, so etwa in dem Amontillado-Traum oder beim Entdecken von Jimmy Farrells Leiche. Besonders interessant sind stets die Übergänge. Bevor der Traum beginnt, dröhnt beispielsweise eine große Kirchenorgel, und die Rückkehr aus dem Traum wird von einem Wuuusch-artigen Soundeffekt symbolisiert. Glockenläuten deutet den nächsten Stimmungsumschwung an. Manchmal erinnert Poe an eine Marionette, so schnell reagiert er auf äußere Reize.

Ein Streichquartett, Musiker des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu erschaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.

_Der Song_

Die Band „We Smugglers“ hat, wie erwähnt, den Titelsong „On the verge to go – Edgar Allan Poe Edit“ beigesteuert. Ihr Konzertplakat weist sie als vier recht schräg aussehende Herrschaften aus, die nichtsdestotrotz ihre Instrumente zu beherrschen scheinen. Was wir in der Länge von rund 3:30 Minuten zu hören bekommen, würde ich als balladesken Slow-Metal-Rock bezeichnen. Die Tonart ist recht ausgefallen: Cis-Dur.

Deutlich dominiert die E-Gitarre, die sich wie die von Jimmy Page anhört, als er sein berühmtes Stück „Kashmir“ für die MTV-Acoustic-Session neu arrangierte. Für mich klingt das gut und melodisch, aber kraftvoll. Der Klangteppich wird von einer deutlich zu vernehmenden Basslinie und unauffälligen Drums und Cymbals unterstützt. Der Gesang ließe sich noch verbessern, und die Lyrics könnte man auch mal abzudrucken beginnen. Vielleicht gibt es darin ja etwas zu entdecken. Die Band wird sich wohl etwas dabei gedacht haben, nicht wahr?

_Unterm Strich_

An Mr. Poe ist bekanntlich kein Dupin oder Holmes verloren gegangen, und so gestalten sich seine Ermittlungen im Elendsviertel des 6. Bezirks alles andere als geordnet oder zielstrebig. Was er findet, ist dazu angetan, seinen Seelenfrieden zu untergraben, und so wundert es nicht, dass ihn wieder mal einer seiner morbiden Träume heimsucht – eben die bekannte Poe-Story. Sie bildet in ihrem hämischen Sarkasmus einen starken Kontrast zu der übrigen Erzählung und ist daher in ihrem dubiosen Humor umso erfrischender.

|Die Spur der Leichendiebe|

Der weitere Weg Poes ist nun für den kenntnisreichen Poe-Leser und Hörer vorgezeichnet. Die Spur führt einerseits zu Leonie Goron, andererseits aber auch in den höchst zwielichtigen Leichenhandel. Dass dieser Handel nicht frei erfunden, sondern eine historische Tatsache ist, kann jeder Autor, der je in Edinburgh gelebt hat und sein Pulver wert ist, bestätigen (und Anne Rice hat darüber einen ganzen Roman geschrieben). Ja, glaubt man Ian Rankin in „So soll er sterben“, so machen sich schottische Studenten noch heute einen Jux daraus, geeignete Exemplare zu klauen und unters nichts ahnende Volk zu bringen …

Leichen – das führt zu einer ganzen Menge von Poe-Erzählungen, von denen beispielsweise „Die Fakten im Fall Valdemar“ nur die bekannteste ist. Wie dürfen uns auf einige Untote gefasst machen.

|Basierend auf: The cask of amontillado, ca. 1845
67 Minuten auf 1 CD|
http://www.luebbe-audio.de

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