Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Sphinx, Die (POE #19)

_Ein ertragreicher Ausflug in die Unterwelt_

„Die Sphinx “ ist der neunzehnte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |Lübbe Audio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Poe weiß nun, wo er den finsteren Dr. Baker finden kann. Doch dazu braucht er noch einen Schlüssel. Der einzige Weg führt durch die Katakomben der alten Kirche von Father O’Neill. Dieser ist rätselhaft wie eine Sphinx, und er hat die Antwort auf eine von Poes drängendsten Fragen.

Zur Vorlage: Die Cholera wütet in New York. Täglich sterben Hunderte. Viele Menschen sind auf das Land geflüchtet; nur dort gibt es noch Hoffnung auf Überleben. Da wird in den dichten Wäldern ein schreckliches Ungeheuer gesichtet. Woher kommt es? Worum handelt es sich? Ist das Monster eine noch größere Bedrohung für die Menschen als die Cholera?

Ulrich Pleitgen und Iris Berben haben auch an den ersten achtzehn Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

#1: Die Grube und das Pendel
#2: Die schwarze Katze
#3: Der Untergang des Hauses Usher
#4: Die Maske des roten Todes
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
#9: Hopp-Frosch
#10: Das ovale Portrait
#11: Der entwendete Brief
#12: Eleonora
#13: Schweigen
#14: Die längliche Kiste
#15: Du hast’s getan
#16: Das Fass Amontillado
#17: Das verräterische Herz

Die vier neuen Folgen sind:

#18: Gespräch mit einer Mumie
#19: Die Sphinx
#20: Die 1002. Erzählung
#21: Schatten

Die (am 30.3.2007) kommenden Folgen sind:

#22: Berenice
#23: König Pest
#24: Der Fall Valdemar
#25: Metzengerstein

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Laurie Randolph, die Ansage erledigt André Sander. Die deutsche Hörspielfassung stammt von Melchior Hala nach einer Idee von Marc Sieper, Dickky Hank und Thomas Weigelt. Für Regie, Musik und Ton waren Christian Hagitte und Simon Bertling vom |STIL|-Studio verantwortlich.

_Das Booklet_

Jede CD enthält ein achtseitiges, schwarz gehaltenes Booklet. Eingangs gibt es einen mittlerweile recht umfangreichen Abriss der Vorgeschichte der Episode. Kleine Biografien stellen die beiden Hauptsprecher Ulrich Pleitgen und Iris Berben vor. Die mittlere Doppelseite zeigt alle bislang veröffentlichten CDs und die [DVD]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1487 von „Die Grube und das Pendel“. Danach folgt eine Seite, die sämtliche Credits auflistet.

Die vorletzte Seite wirbt für das Hörbuch [„Edgar Allan Poe: Visionen“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2554 das ich empfehlen kann. Die letzte Seite gibt das Zitat aus E.A. Poes Werk wieder , das am Anfang einer jeden Episode – jeweils abgewandelt – zu hören ist.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon achtzehn Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt.

Am Anfang rekapituliert Poe sehr knapp die unmittelbare Vorgeschichte bis hin zum Inhalt von „Gespräch mit einer Mumie“, der 18. Folge der Serie. Das erleichtert den Einstieg in die Serie ein wenig, aber nur minimal.

_Handlung_

In dem Notizbuch, das Poe in Dr. Gumps Büro findet, enthält einen Hinweis auf den Polizisten Moloney. Der hat nun den bedauerlichen Nachteil, dass er in den Katakomben New Yorks lebend eingemauert wurde. Zudem beginnen die Cops, ernsthaft nach dem Verschwundenen zu suchen und die Gäste des Hotels, in dem Poe logiert, auszuquartieren. Er muss seinen Zimmerschlüssel aushändigen. Da er Zeuge war, wie Moloney umkam, hält er sich in dieser Angelegenheit sehr bedeckt.

Aber dass Moloney in den Katakomben umkam und Poe nun seine Taschenuhr benötigt, macht es notwendig, dass er einen alternativen Zugang sucht. Er findet ihn wenige Straßen weiter in einer verfallenen Kirche. Ein Gewitter bricht draußen los, und Poe geht rasch hinein. Jemand spielt noch die Orgel – es ist der evangelische Father O’Neill. Er begrüßt Poe, der sich als Journalist im Auftrag eines der Stadtväter ausgibt. Er wolle sich die Katakomben ansehen und winkt mit einer anständigen Belohnung für das Bemühen.

Als die beiden ein wenig Messwein trinken, entschuldigt sich O’Neill und kehrt nicht wieder. Auf der Suche nach ihm muss Poe sehr weit hinuntersteigen und landet in den Katakomben. Ein seltsames Geräusch lässt ihn innehalten. Es klingt, als ob eine Steinplatte verschoben würde. Tatsächlich ist es O’Neill, der offene Gräber wieder schließt. Betreten gesteht er, dass er zu der ebenso uralten wie unwürdigen Zunft der Grabräuber zählt. Tja, man muss eben über die Runden kommen.

Mit den nächsten Worten gesteht O’Neill, dass er von Poes Gesicht erschreckt worden sei. Er habe nämlich einmal vor einem halben Jahr das Bloomington Asyl auf Blackwell Island besucht und sollte dort bei einer Notoperation geistlichen Beistand leisten. Der Operierte, an dem ein gewisser Dr. Baker arbeitete, hatte die gleichen Augen wie Poe!

Keine Zeit, sich zu wundern und weitere Fragen zu stellen! Das Regenwasser strömt die Treppen und Gänge herab und droht die beiden Männer in den Katakomben zu ersäufen. Sie müssen um ihr Leben laufen, doch für Father O’Neill endet diese Kletterpartie beinahe tödlich. Was schade wäre, denn er hat noch eine weitere Überraschung auf Lager.

_Mein Eindruck_

Es ist nicht besonders offensichtlich, wieso diese Episode den Titel „Die Sphinx“ trägt. Aber um den Grund dafür zu erklären, müsste ich weitere Teile der Handlung nacherzählen, und diese Zerstörung der Spannung würde mit Sicherheit jeden Interessierten davon abhalten, das Hörspiel überhaupt anhören zu wollen.

In diesem Rest macht Poe einen Ausflug zu einer Adresse im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Dieser liegt jenseits des East Rivers, so dass Poe die Fähre nehmen muss. Nicht nur akustisch ist damit ein anderes Ambiente verbunden. Brooklyn ist um 1845 noch recht klein und heruntergekommen, die späteren Flüchtlingsströme aus Irland und Mitteleuropa, wo die Revolution von 1848 scheitert, stehen noch aus. Aber Prostituierte und Kneipen gibt es natürlich schon, wie überall.

Poe findet sogar mehr, als er erhofft hat: Dr. Bakers Forschungsunterlagen fallen ihm in die Hände. Zusammen mit O’Neill und einem weiteren alten Bekannten, Kapitän Hardy von der gesunkenen „Independence“, liest er Bakers Tagebuch. Es ist das Dokument eines Menschen, der sich selbst bekämpft und heilen will. Dazu seziert er nicht nur Leichen, er operiert auch am Kopf von Lebenden. Eines dieser Opfer ist offenbar Poe selbst, wie ihm O’Neill verraten hat.

Das klärt aber immer noch nicht das Geheimnis um seine Identität auf. Doch wenn er Baker diese Unterlagen anbietet, dann könnte er im Austausch dafür vielleicht die alles entscheidende Frage beantwortet bekommen: Wer bin ich?

Wie man sieht, ist diese Episode voller Action, Szenenwechsel, Ausflüge und Informationen. Da bleibt es nicht aus, dass Poe ein- oder zweimal der Zufall auf recht günstige Weise in die Hände spielt. Da fragte ich mich dann doch, ob das nicht zu sehr konstruiert wirkt. Ein Tiefpunkt an Unplausibilität ist Poes Auftritt in der Savings Bank von Brooklyn. Der Bankangestellte prüft nicht einmal seine Berechtigung oder – und das würde gerade Poe schwerfallen – seine Identität.

_Musik und Geräusche_

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Es gibt Donnergrollen, Glockenschläge von Turmuhren (man kann die Stunde daran ablesen), jede Menge Hall in den Katakomben und auch sonst jede Menge zu hören.

Auf die Dreidimensionalität wurde stärker geachtet: Stimmen von links und rechts, in der Ferne (leiser) und im Vordergrund (lauter), ja sogar innerer Monolog (spezielle Musikuntermalung mit ausgeblendeten Geräuschen) vermitteln den Eindruck einer Welt, in der sich ein Betrachter wie im Zentrum des Geschehens fühlen könnte.

Die Musik erhält eine wichtige Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese untermalende Aufgabe dient diesmal mehr der Gestaltung ganzer Szenen. Auf vielfältige Weise wird das zentrale Poe-Motiv, das aus der Titelmelodie der Serie bekannt ist, variiert. Am Schluss erklingt ein neues musikalisches Motiv, das für diese Staffel charakteristisch ist: schnell, dynamisch und vorwärts drängend, begleitet es das Geschehen, das meist in dramatischer Action besteht. Es kann aber auch die drängendste von Poes Fragen symbolisieren: Wer bin ich?

Auch in den Pausen ist Musik zu hören, aber hier hat sich die Regie eine Menge einfallen lassen: Mal spielt das Cembalo eine Fuge, mal ein Honkytonk-Piano, ein andermal summt ein Chor das Poe-Motiv. Wieder werden die Übergänge zwischen Poes Erleben und seiner Traumwelt mit gelungenen Soundeffekten angedeutet.

Ein Streichquartett, Musiker des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.

_Der Song_

|Mara Kim: A Dream within a Dream|

Die Sängerin Mara Kim wurde unter anderem mit dem Hessischen Songpreis sowie bei den Berliner Festspielen ausgezeichnet. Die erste Veröffentlichung »Infinite Possibilities« erschien 2003 auf der |Frankfurt Lounge|-CD mit dem Produzententeam »Superflausch«. Die 21-jährige Künstlerin, die sich auch selbst am Klavier begleitet, schreibt ihre Texte in verschiedenen Sprachen und arbeitet an ihrem ersten Soloalbum. Ihre Stimme ist einfach ein Ereignis und muss man gehört haben.

Die elegische Ballade „A Dream within a Dream“ wird im englischen Original vorgetragen, und zwar mit so viel Intensität, dass sie bei mir einen starken Eindruck hinterließ. Natürlich wird der klassische Gesang von einem Piano und den obligaten Streichern (gutes Cello) begleitet, insofern alles wie gehabt. Im direkten Vergleich mit der Vorlage fand ich heraus, dass der Teil der Strophen besser verteilt und am Schluss etwas gekürzt wurde. Dadurch erklingt der Refrain mit der Titelzeile häufiger und eindringlicher, der Song wirkt weniger wie ein Gedicht, sondern mehr wie ein Lied. Das Ergebnis der Bearbeitung spricht für sich.

_Unterm Strich_

Die geänderte Strategie des Dramaturgen wirkt sich in dieser Episode voll aus: Im Vordergrund steht die äußere Entwicklung der Geschichte. Das ist einerseits befriedigend, denn so kommt es zu viel mehr Action und menschlichen Verwicklungen, doch andererseits hat dies nur noch am Rande mit den literarischen Vorlagen zu tun, auf die sich eine jede Episode beruft.

Positiv ist, dass Poe zunehmend mehr mit dem echten Edgar Allan Poe zu tun hat, über den immer mehr Leser und Hörer Bescheid wissen. So wundert es beispielsweise nicht mehr besonders, wenn Poe in eine Kneipe geht und sich volllaufen lässt oder wenn er sich mal eine Prise Opium reinzieht. Beides nahm der echte Poe bestimmt zur Genüge zu sich, denn sein Leben war überreich an Schicksalsschlägen.

Obwohl man sich als regelmäßiger Konsument dieser Serie also etwas umgewöhnen muss, bekommt man doch die gewohnte Qualität hinsichtlich filmreifer Geräusche und Musikmotive geboten, von den guten Sprechern ganz zu schweigen. Allerdings sollte der Dramaturg wieder etwas an der Verbesserung der Plausibilität der Handlung feilen, denn mir schien ein- oder zweimal, dass Fortuna persönlich zugunsten unseres Helden eingegriffen hat.

|75 Minuten auf 1 CD|
http://www.poe.phantastische-hoerspiele.de/
http://www.luebbe-audio.de

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