Prineas, Sarah – Auf der Spur der silbernen Schatten (Der magische Dieb 2)

_|Der magische Dieb|-Trilogie:_

Band 1: „Auf der Jagd nach dem Stein der Macht“
Band 2: _“Auf der Spur der silbernen Schatten“_
Band 3: „Auf der Suche nach dem goldenen Drachen“ (08.02.2013)

_Ein Zauberlehrling im Clinch mit dem Osama bin Laden der Wüste_

Im ersten Band der Trilogie wurde der junge Dieb Connwaer von dem Zauberer Nevery als Lehrling angenommen. Er gerät in den Machtkampf zwischen den Magiern, der Herzogin und dem finsteren Underlord Crowe, der einen unlizensierten Magier beschäftigt, wie Conn weiß. Alles hat damit zu tun, dass die magische Energie im Herzogtum Wellmet rapide abnimmt und Verfall einsetzt. Doch wer steckt dahinter?

Conn hat es herausgefunden und den Schaden behoben. Doch nun tauchen (in Band 2) furchtbare Schattenwesen auf, die ihre Opfer in Stein verwandeln. Die Magie von Wellmet versucht Conn zu warnen, stößt aber auf taube Ohren. Erst ein schrecklicher Unfall zwingt ihren Jünger Conn, Wellmet zu verlassen und in der Wüstenstadt Desh nach der Herkunft der Schattenwesen zu suchen …

_Die Autorin_

Sarah Prineas lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Iowa City und unterrichtet an der dortigen Universität u.a. Literatur und kreatives Schreiben. „Der magische Dieb – Auf der Jagd nach dem Stein der Macht“ war ihr Romandebüt und Auftakt zur gleichnamigen Trilogie. Mehr Infos: [www.der-magische-dieb.de]http://www.der-magische-dieb.de

_Handlung_

Connwaer, der magiebegabte Dieb, hat in seinem letzten Abenteuer die Stadt Wellmet vor dem Verschwinden der Magie, die sie wärmt und erhellt, bewahrt. Allerdings kam es bei seiner Rettungsaktion zu einer Explosion, bei der er seinen Zauberstein, den Locus magicalicus, verlor. Ohne diesen ist er nicht mehr als Zauberer qualifiziert.

Außerdem verbreitet er noch ketzerische Reden, die den Rat der Magier in rasende Wut versetzen: dass nämlich die Magie ein eigenständiges Wesen sei, und dass Zaubersprüche nur eine Methode, um mit diesem Wesen zu kommunizieren. Frechheit! Für seine Aufstiegschancen in der Zauberer-Community sieht es denkbar schlecht aus.

Bei der Explosion hat er direkten Kontakt mit der Magie von Wellmet aufgenommen. Diesen Erfolg will er nun wiederholen, denn er glaubt, dass die Magie etwas mitteilen will. Womöglich sogar eine Warnung. Denn es ereignen sich unerklärliche Todesfälle in Wellmet und zwar nicht nur im Armen- und Arbeiterviertel Twilight, sondern auch im Reichenviertel Sunrise: Menschen werden versteinert. Aber wodurch und von was?

Um dies herauszufinden, will Connwaer eine klitzekleine, wirklich nur eine winzige Explosion in seiner Stube in Magier Neverys Haus zustande bringen. Leider machen die Zutaten flüssiges Silbes und Tourmalefine ihm einen dicken Strich durch die Rechnung, indem sie sich verselbständigen. Die Detonation ist recht beachtlich und verwüstet die Stube. Immerhin gibt es einen Erfolg: Die Magie versorgt Connwaer mit einem ellenlangen Zauberspruch. Leider versteht er davon nur den Namen „Desh“. Dies ist die nächstgelegene Stadt im Süden. Sie wird von dem Zauberkönig Jaggus beherrscht.

Entgegen der Proteste von Meister Nevery besorgt sich Connwaer mit der finanziellen Unterstützung seiner Freundin Rowan, der unternehmungslustigen Tochter der Herzogin, eine Menge Nachschub für seine Explosionen. Den bekommt er nur in Twilight. Dort warnt man ihn vor den Schatten, den Bösen. Und tatsächlich versucht ihn so ein Schattenwesen zu überwältigen und in Stein zu verwandeln. Bei dem Jungen Dee ist es ihnen bereits gelungen. Er entdeckt, dass diese tödlichen Wesen aus dunklem Silber bestehen, einer verdrehten Form von flüssigem Silber. Doch wem gehorchen sie? Nevery sagt, dass der Hauptlieferant von flüssigem Silber die Minen von Desh seien …

Die nächste Explosion zerstört Nevrys Haus vollständig und verletzt den Hausdiener Benet schwer, von Neverys Bibliothek ganz zu schweigen. Connwaer kann von Glück sagen, dass er noch am Leben ist. Nun ist seine Verbannung unvermeidlich, Connwaer muss fort und die Wärme der Wellmet-Magie verlassen. Das mit Benet tut ihm von Herzen leid. Aber da Rowan im Auftrag ihrer Mutter bereits nach Desh unterwegs ist, um als Diplomatin Jaggus nach den Schatten zu befragen, braucht er sich ihr nur anzuschließen.

Denkt er. Doch wie sich herausstellt, ist er bei Rowan und ihren Beschützern alles andere als willkommen. In Desh allerdings ist es nur Connwaers Schlossknackerkunst zu verdanken, dass Rowan überhaupt etwas herausfindet. Und was sie dort erfahren, ist alles andere als ungefährlich …

_Mein Eindruck_

Wie schon im ersten Band der Trilogie (siehe meinen Bericht) freute ich mich über den unerschrockenen Einfallsreichtum des Zauberlehrlings, der überhaupt nicht brav ist. Seine Situation ist weit entfernt von den geregelten Abläufen einer Internatsschule wie Hogwarts. Und Harry Schotter wäre niemals Weltmeister im Schlösserknacken geworden.

Wenigstens hat Connwaer in Rowan eine mindestens ebenso unternehmungslustige Gefährtin, auch wenn er sie nicht immer fair behandelt. Aber sie ahnt im Herzen, dass er der einzige Magier ist, der Wellmet retten kann. Denn die alten, verknöcherten Magier-Knacker sperren sich für jede Idee, die auch nur im Ruch steht, neu zu sein – und somit ihre Autorität infrage stellt.

Als Tochter der Herzogin bricht Rowan nach Desh auf. Sie hat dort eine diplomatische Mission zu erfüllen, und ihre Fechtkünste sollen ihr ebenfalls gute Dienste erweisen. Die Fechtlektionen, die sie ihren Lehrer Argent dem ungeschickten Connwaer erteilen lässt, sind allerdings kein Quell der Freude für die beiden, sondern nur für uns, die Leser. Connwaer kommt eben aus der Gosse von Twilight, und als Gossenkind befleißigt er sich durchaus unlauterer Kampfmethoden.

Diese Szenen dienen der Vorbereitung auf das, was die Wellmet-Delegation in Desh erwartet. Von König Jaggus ist kein verräterisches Wort herauszubekommen, und auch sein Locus Magicalicus ist nirgendwo zu finden. Erst als es Conn gelingt, in dessen geheimes Arbeitszimmer einzudringen, wird ihm klar, was Jaggus vorhat: Er produziert dunkles Silber, um damit die Magie von Desh in seine Gewalt zu bringen, Nicht genug damit, schickt er auch noch Schatten aus, um auch Wellmet zu terrorisieren. Erst als Jaggus den Zauberlehrling gefangen nimmt, wird klar, dass noch mehr dahintersteckt: Die Magie des Schreckens hat Jaggus in Besitz genommen, und der genießt nun scheinbar unbegrenzte Macht.

Spannend wird es, als Jaggus Arhionvar, die Magie des Schreckens, auf Conn loslässt. Wird sie ihn ebenfalls verschlingen?

|Terroristen aus der Wüste|

Dass diese Handlung eine Parabel, lässt sich unschwer erkennen. Schon im ersten Band war die Aussage sehr deutlich: Die Magie ist dort nur eine weitere Form von Energie, die Wärme und Helligkeit spendet. Hier geht es nun um das Gegenteil. Die Schatten sind eine pervertierte Form von Magie, die Terror verbreiten sollen. Ihre Opfer erstarren buchstäblich vor Angst zu Stein. Die Parallele zum Terrorismus unserer Tage ist unübersehbar.

Deshalb ist es interessant zu schauen, wie die Autorin Terrorismus Begriffen der Magier-Fantasy erklärt. Jaggus, der Entsender der Schatten (= Agenten), genießt die Macht, die er durch seine Schreckensherrschaft erlangt. Doch er erweist sich selbst nur als Nutznießer und Agent einer größeren Macht. Ahrionvar, die Magie des Schreckens, hat von ihm Besitz ergreifen können, weil er es zuließ.

Jaggus weist Conn eindringlich auf die Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden hin. Sie waren beide einsame Waisenkinder, die Hilfe und Anerkennung suchten. Jaggus ließ sich von Arhionvar besitzen, um nicht mehr einsam und allein sein zu müssen. Und auch Conn sucht den Kontakt zur Magie von Wellmet. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Conn hat Rowan, Nevery und Benet, die ihn alle unterstützen.

Nicht nur dies hilft ihm, Arhionvars Angriff zu parieren. Conn hat beinahe Benets Leben auf dem Gewissen, einen Mann, den er liebt wie eine Mutter. (Nevery stellt die Vaterfigur dar.) Conn hat eine Schuld auf sich geladen. Würde er sich in die Hand des Schreckens begeben, dann wird er nicht nur diese Schuld verraten, sondern sich auch noch auf jene Seite stellen, die Benet so schwer verletzt hat. Es würde sich selbst doppelt verraten.

Man sieht also, dass die Autorin nicht nur eine Beschreibung des Terrorismus liefert, den sie als Herrschaftsinstrument interpretiert. Sie zeigt auch auf, wie es gelingen sollte, dem Terrorismus standzuhalten und sich nicht mit ihm und seinen Mechanismen gemein zu machen. Die Opfer verpflichten die Überlebenden, dem Terror abzuschwören – und ihm zu widerstehen. Wer dies unterlässt, verliert die Essenz dessen, was ihn menschlich macht – siehe Jaggus.

|Die Sendboten|

Die gute Magie hat ihre eigenen Sendboten, und sie treten in vielfältiger Zahl auf. In Wellmet sind es die Raben, die Conn auf Schritt und Tritt beobachten und später auch als Brieftauben dienen. In Desh nehmen ihre Stellen die Eidechsen ein, die überall zu finden sind – und die Jaggus abgrundtief hasst. Das ergibt einen Sinn, denn Jaggus ist als Diener der bösen Magie ein Feind aller Sendboten des Guten. Allerdings vermeidet die Autorin es, alles in gut und böse einzuteilen, als gäbe es weiße und schwarze Magie. Bei ihr ist der Übergang fließend, genau wie in der Realität.

|Schwächen|

Das Buch ist gut, aber nicht perfekt. So empfang ich den Schluss als Cliffhanger: Die Auflösung einer zentralen Frage fehlt nämlich meines Erachtens. Wenn Ahrionvar in Conns Kopf und Seele eingedrungen ist, wie soll es ihm gelingen, sie von dort wieder zu entfernen? Diese Frage scheint sich gar nicht zu stellen. Aber warum die böse Magie auf einmal verschwinden sollte, wird nie begründet. Meines Erachtens hat sie keinen Grund dazu. Ich hoffe sehr, dass der dritte Band, der im Februar 2013 bei uns erscheinen soll, die fehlende Antwort liefert.

Außerdem fand ich es ungewöhnlich, um nicht zu sagen: unplausibel, dass Rowan ihrem Freund praktisch alles durchgehen lässt und ihm alles nachsieht. Sie ist wie eine gütige Mutter oder ein guter Geist, die keinerlei Kritik übt, obwohl sich Conn dich einiges zuschulden kommen lässt. Aber wenigstens rettet er ihrer Mutter das Leben. Vielleicht ist sie ja einfach nur dankbar?

|Anhänge|

In den vier Anhängen findet der junge Leser Angaben über die wichtigsten Personen, die herausragenden Orte wie etwa die Akademie, sodann die Erklärung zum Runenalphabet, das wir unter Neverys Tagebucheinträgen sehen und zuletzt vier Backrezepte: Benets Brötchen und Conns Brötchen. Brötchen wirken zwar unscheinbar, doch unserem Helden verleihen sie auf seinen Schleichwegen Kraft und Durchhaltevermögen. Den Abschluss bilden Rowan Forestals Anmerkungen zum Schwertkampf, in denen die wichtigsten Grundbegriffe erklärt werden.

|Illustrationen|

Das Buch ist wunderschön illustriert. Die Bleistiftzeichnungen zeigen die wichtigsten Gebäude in Wellmet sowie diverse Wesen, beispielsweise die Schattenwesen. Allerdings tauchen diese Zeichnungen immer wieder als Leitmotive auf, quasi als Embleme, die eine bestimmte Örtlichkeit oder Person signalisieren. Da zahlreiche Briefe und Botschaften ausgetauscht werden, sind diese auch zu reproduzieren – inklusive Tintenflecken und Eidechsenfährten.

|Die Übersetzung |

Die Übersetzung ist außerordentlich gut gelungen. Ich stieß nur auf nur drei, vier Fehler, die meisten davon Endungsfehler.

_Unterm Strich_

Ich habe nur einen Nachmittag für diese flott geschriebene, actionreiche und spannende Geschichte benötigt. Die zahlreichen Botschaften und Briefe, die auf Pergament-Faksimile so groß gedruckt sind, sparen jede Menge Seiten, ebenso die umfangreichen Anhänge. So bleiben für die eigentliche Story nur etwa 260 Seiten übrig, die ratzfatz ausgelesen sind.

Das soll nicht bedeuten, dass die Handlung geradlinig vor sich hinplätschert. Es gibt durchaus ein paar Komplikationen, aber sie sind so schnell bewältigt, dass sie den Lesehunger nicht stoppen können. Es sind immer wieder die Auseinandersetzungen mit den Handlangern von Jaggus, der eine Art Osama bin Laden der Wüste darstellt, die für Spannung und Action sorgen. Diese Spannung wird immer wieder durch ironisch-humorvolle Szenen, in denen sich Conn entweder als Fechter-Niete, als gemeingefährlicher Chemiker oder als Schlossknackergenie erweist.

Ich würde das Buch ab etwa zehn Jahren empfehlen.

Wegen des Cliffhanger-Charakters des Buchschlusses bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung, der allerdings erst im Febriuar 2013 bei uns erscheinen soll.

|Taschenbuch: 287 Seiten
Originaltitel: The Magic Thief: Lost (2009)
Vom Verlag empfohlenes Lesealter: 10 – 12 Jahre
Aus dem Englischen von Knut Krüger
ISBN-13: 978-3570223376|
[www.randomhouse.de/cbjugendbuch]http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/index.jsp

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