Reese, Laura – Außer Atem

_Fantasy für S&M-Neugierige_

Die 17-jährige Carly Tyler erwacht ohne Gedächtnis aus dem Koma. Sie hat zahlreiche Wunden erhalten, und die Ärzte müssen ihr Gesicht neu zusammensetzen. Wer ist sie in Wahrheit? In dem Winzer James McGuane meint sie nach 15 Jahren den Mann wiederzuerkennen, welcher der Schlüssel zu ihrer Vergangenheit ist. Sie lässt sich als Köchin anstellen und spioniert ihm nach. Doch er hat Gelüste, die ziemlich ausgefallen sind. Carly steht jedoch auf Lust durch Schmerz und findet in James einen unbarmherzigen Lehrmeister. Aber ist er auch ihr Beinahemörder?

_Die Autorin_

Laura Reese lebt in der Universitätsstadt Davis in Nordkalifornien. Neben „Außer Atem“ hat sie auch den erotischen Roman „Brennende Fesseln“ verfasst, der in die Bestsellerlisten gelangte.

_Handlung_

Ein Bauer fand das halbtote Mädchen auf einem brachen Acker, sie lag in einem bereits ausgehobenen Grab. Etwas musste den Täter vertrieben haben. Die 17-Jährige ist derartig zerschlagen und entstellt, dass sie nach dem Erwachen aus dem Koma erst einmal zusammengeflickt werden muss. Am Schluss der Operationen hat sie ein völlig neues Gesicht, aber keine Erinnerung an das Geschehene. Als Namen legt sie sich „Carly Tyler“ zu. Ihre Eltern und Freunde haben sie nie besucht. Niemand erkennt sie.

Fünfzehn Jahre später hat Carly zwar immer noch keine Verbindung zu ihrer Identität und ihrer Vergangenheit, doch sie kann sich sehr gut als Köchin über Wasser halten. Einen Freund hat sie nicht. In einer Weinfachzeitschrift entdeckt sie eines Tages das Gesicht eines Prachtexemplars von Mann, das etwas in ihr anspricht. Der Name dieses kalifornischen Winzers aus dem berühmten Napa Valley ist James McGuane, etwa 43 Jahre alt, Herr des Weinguts „Byblos“. Sie beschließt, alles über ihn herauszufinden, denn er könnte der Schlüssel zu ihrer Vergangenheit sein. Und sie hat noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen …

Carly lässt sich als Köchin auf „Byblos“ anstellen. James ist auch im wirklichen Leben ein imponierender Prachtkerl, der Carly um einen halben Meter überragt. Er hat eine Zwillingsschwester, Gina, mit der er das Weingut leitet. Seine verwitwete Mutter hat nichts dagegen, eine gute Köchin in den Haushalt aufzunehmen. Doch Carly, die im Haus eines verreisten Professors Unterkunft findet, befindet sich auf einer geheimen Mission und spioniert James nach. Schon in den ersten Nächten entdeckt sie, dass er es liebt, einer Frau Schmerzen zuzufügen. Mit angehaltenem Atem beobachtet Carly, wie er eine Frau auspeitscht, die das zu genießen scheint. Kein Wunder, sagt sie sich, dass James weder verheiratet ist noch eine feste Freundin hat. Sie fühlt sich sehr zu ihm hingezogen. Und Schmerzen sind ihr sehr vertraut …

Als die Durchsuchung seines Büros nichts bringt (außer dass sie verräterische Spuren hinterlässt), merkt Carly, dass sie sich näher mit ihm einlassen muss, um mehr zu erfahren. Sie lässt sich auf seine Sexspiele ein und bricht ein Tabu nach dem anderen. Und hat Erfolg: Er gibt zu, dass sie vor 15 Jahren hier war. Er zeigt ihr sogar eines der vielen Gemälde, die er seinerzeit von einem schwarzhaarigen Mädchen mit ärgerlichem Gesichtsausdruck gemalt hat. Sie befindet sich also auf der richtigen Spur! Sie entdeckt, dass seine junge Frau Anna Maria damals, vor 15 Jahren. ebenfalls starb, einen Monat vor Carlys Verschwinden. Gibt es einen Zusammenhang?

Doch die Wahrheit trägt eine bitteres Preisschild: Er gibt sie ihr nur, wenn sie ihm alles gibt, was sie zu geben hat. Und das ist nicht etwa ihr Geldbeutel, sondern ihre gesamte Existenz …

_Mein Eindruck_

Ich habe dieses flüssig erzählte und spannende Buch in nur zwei Tagen gelesen. Es beginnt wie ein Kriminalfall und endet auch wie einer, doch eingebettet in die Wartezeit am Anfang und Ende des Buches („Vor …“ bzw. „Nach dem Urteil“) verfolgen wir den Weg der Ich-Erzählerin in einen Bereich ausgefallener sexueller Praktiken. Eigentlich sollte statt „Roman“ auf dem Cover „Fantasy“ stehen. Denn obwohl das soziale Umfeld auf dem Weingut Byblos in sehr realistischen und stimmungsvollen Farben gemalt wird, so bilden doch die „Stellen“ mit den Sexszenen für den weiblichen oder männlichen Leser den Hauptanreiz, die Geschichte weiterzulesen. Er ist neugierig darauf, welche neue abwegige Teufelei sich James ausgedacht hat.

Ich schwanke immer noch in meinem Urteil, ob die prekäre psychologische Situation, in die sich die Hauptfigur wissentlich begibt, nicht kompletter Unsinn ist, oder doch zumindest fahrlässiger Unsinn. Wehe dem Leser oder der Leserin, die dies nachzuahmen versucht. Mein Bedenken gilt nicht so sehr den Praktiken, bei denen sich die Hauptfigur keine Verletzungen zuzieht (außer ein paar Peitschenstriemen), sondern vielmehr dem Verhältnis absoluter Hörigkeit, in das sie sich wissentlich und sehenden Auges begibt. Sie könnte jederzeit von Byblos weggehen, doch sie braucht den Sex mit James wie eine Droge.

Es finden sich über solche Master-Slave-Verhältnisse Unmengen von Literatur – die selbstverständlich zu 99 % verboten ist. Aber das Internet lässt sich nichts verbieten, und so findet der Suchende wie gesagt Unmengen von so genannten „Mind-Control“-Storys. Ich sehe davon ab, entsprechende Webadressen anzuführen, aber ein wenig Googeln fördert sie schnell zutage. Allen diesen MC-Storys liegt ein Publikations-Kodex zugrunde, der dem Leser sagt, dass es sich ausschließlich um eine Fantasy für Erwachsene handelt, die keinesfalls in die Hände von Minderjährigen fallen sollte. Dieser Hinweis fehlt im vorliegenden Buch.

Die Master-Slave-Verhältnisse sind im Gegensatz zu dem von der Autorin geschilderten Verhältnis stark formalisiert und es gibt an keiner Stelle die Möglichkeit, dass die Sub-Person, hier Carly Tyler, das Kommando übernimmt, nicht einmal zeitweilig (Sub = submission: Unterwerfung). Man kann allerdings vereinbaren, dass die Sub- zur Dom-Person (Dom = dominance: Vorherrschaft) gewählt wird, doch stets wird ein Konsens zwischen Erwachsenen vereinbart. Auch dies kann man nicht eindeutig von der Beziehung Carlys zu James behaupten. Diese ganze Beziehung ist von Anfang bis Ende reine Fantasy. Aber leider eine sehr clever ausformulierte Phantasie.

Die Autorin verknüpft die S&M-Beziehung Carlys mit ihrer völlig stümperhaften Ermittlung der zwei Verbrechen, die auf dem Weingut Byblos 15 Jahre zuvor stattgefunden haben. Damals kam James‘ Frau Anna zu Tode – wurde sie gestoßen oder war es ein Unfall? Auch Carly wurde einen Monat später aus dem Fenster gestoßen – wieder mit Absicht? Doch sie starb nicht, und nun kommt zu ihrer Amateurermittlung auch noch Rachsucht hinzu. Doch wen soll ihre Vergeltung treffen? Im Fadenkreuz ist von Anfang James, dann aber Gina – und schließlich sogar Carly selbst.

Doch da sie schon einmal hier ist, muss der Schrecken ohne Ende schließlich ein Ende mit Schrecken haben. Es gibt zwei Tote, aber der Leser darf davon ausgehen, dass Carly ihm nicht aus dem Gefängnis heraus berichtet. Ihre selbstgerechte Lynchjustiz ist vollzogen. Was das Gericht über sie verfügt, interessiert Carly nicht und es wird auch nicht für nötig gehalten, den Leser über die Urteilsfindung zu informieren. Nur das Ergebnis zählt. Auch ihre Identität hat sie nicht zurückerhalten.

Um ganz deutlich zu werden: Das ganze Drumherum um die so genannte Gerechtigkeit, die Carly ebenso sucht wie ihre Identität, ist nur ein Vorwand der Autorin, um die oben erwähnten Sexszenen erzählen zu können. Sie schildert sie zwar eingebettet in ein realistisches Umfeld, dennoch bilden sie den Kern des Buches, sollen sie doch belegen, warum Carly sich in ihre Hörigkeit zu James begibt und immer tiefer sinkt. Manchmal hat mich die Art und Weise, wie James die neue Carly zu einem Abbild der früheren, jungen Carly modelliert, an Hitchcocks „Vertigo“ erinnert. Allerdings ist dieser Thriller tausendmal besser erzählt als „Außer Atem“.

|Schwächen|

Ich habe mich aber auch über einige Aspekte geärgert. Obwohl es darin um handfesten S/M-Sex geht, wird an keiner Stelle erwähnt, geschweige denn empfohlen, auch die Sicherheitsrichtlinien von echten S/M-Praktizierern zu beachten. Dazu gehört in erster Linie die vorherige Vereinbarung eines so genannten „safe-words“, auf dessen Aussprache hin die jeweilige Sexpraktik abgebrochen wird, wenn der eine oder andere Partner das Gefühl hat, es nicht mehr ertragen zu können. Die einzige Sicherheitsvorrichtung, die James seiner Sklavin zeigt, besteht in einem Panikverschluss eines Geschirrs, welcher sich mit nur einem Handgriff öffnen lässt. Dies ist der „panic snap“, der dem Original den Titel verleiht.

Leser und Leserinnen, welche die hier geschilderten Praktiken nachahmenswert finden, bitte ich eindringlich um die Einhaltung der international gültigen und vereinbarten Sicherheitsrichtlinien. Sie lassen sich auf seriösen S&M-Webseiten nachlesen (meist leider nur auf Englisch, aber es gibt sicher auch eine Übersetzung).

|Die Übersetzung|

Auf Seite 33 und 276 stößt der Leser auf das ausgefallene Wort „kahmig“. Das gibt es tatsächlich im Deutschen, und es bedeutet so viel wie „schimmelig“. Natürlich wird das an keiner Stelle erklärt.

Ich fand eine ganze Reihe von Flüchtigkeits- oder Druckfehlern. Auf Seite 53 muss es statt „wir Kerzenschein“ besser „wie Kerzenschein“ heißen. Seite 145 amüsiert den Leser mit der Formulierung „ein großer Wagen, ein älteres Model (sic!) mit getönten Fensterscheiben“. Es sollte „Modell“ heißen. Auf Seite 255 findet sich der Druckfehler „gob“ statt „grob“.

Es gibt aber auch Stilschwächen. Ich kann zum Beispiel mit der Beschreibung „Er ist ein kerniger Mann“ nichts anfangen. Natürlich soll James beschrieben werden, aber ob das Adjektiv „kernig“ seine Gestalt richtig beschreibt, bezweifle ich. (Ich glaube allerdings ebenfalls nicht, dass dies irgendjemandem auffällt.)

_Unterm Strich_

Nach einem sehr guten und spannenden Start fand ich die Geschichte Carly Tylers zunehmend verlogener und selbstgerechter. Neben ihrer stümperhaften Kriminalermittlung und schwachen psychischen Leistung – es gibt kaum irgendwelche Aussprachen zwischen ihr, James und Gina – tritt dadurch überproportional ihr sexuelles Abenteuer als wehrhaft erduldetes Eigentum von James McGuane in den Vordergrund.

Allerdings ist dies kein Martyrium, wie sie es gerne suggerieren möchte, sondern ein passives Hinnehmen und Zurückweichen, um immer wieder die gleiche Droge erhalten zu können: Sex mit einem Prachtexemplar von Mann. Diese Selbststilisierung zur Märtyrerin, die ja bloß Gerechtigkeit und Wahrheit sucht, ist verlogen und dient letztes Endes nur als Vorwand für die geschilderten Sexszenen. Dass aus der Obsession nichts Gutes oder Kreatives entstehen kann, hätte man Carly gleich sagen können. Aber sie hätte ja nicht auf Rat gehört.

Letzten Endes bleibt von einem guten Start nur ein bitterer, etwas ekliger Nachgeschmack zurück. Ich würde das Buch kein zweites Mal in die Hand nehmen.

|Originaltitel: Panic snap, 2000
319 Seiten
Aus dem US-Englischen von Jutta-Maria Piechulek|
http://www.goldmann-verlag.de

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