Remes, Ilkka – Schwarze Kobra

Mit Thriller-Feinklost wie „Ewige Nacht“, „Höllensturz“ und „Das Erbe des Bösen“ setzte sich der finnische Bestseller-Autor Ilkka Remes in der vergangenen Dekade selber ein Denkmal. Wenig komplexe, straighte und richtig harte Kost ist das Spezialgebiet des 1962 geborenen Schriftstellers, der inzwischen ein Abonnement auf die vordersten Listenplätze gebucht hat. Doch Remes kann auch anders: Mit „Operation: Ocean Emerald“ veröffentlichte er vor geraumer Zeit auch seinen ersten entschärften Thriller, speziell für das jugendliche Publikum entwickelt. Dessen Erfolg bestätigte ihn schließlich darin, auch auf dieser Ebene fortzufahren. Mit „Schwarze Kobra“ ist nun sein zweites Projekt für den Jugendbuchmarkt veröffentlicht worden.

_Story:_

Der 14-jährige Aaro Nortamo beschäftigt sich bereits seit einigen Monaten mit der Faszination von Sportwetten und hat hierbei speziell den britischen Markt ins Visier genommen. Mittels eines Internet-Chats lernt er die gleichgesinnte Gemma Dolan kennen und nutzt die Gelegenheit eines Trips zu seiner Tante nach London, um diesen Kontakt weiter auszubauen. Doch bevor sich Aaro versieht, wird er in ein Komplott von verheerender Tragweite hineingezogen. Gemmas Vater plant den Einstieg in ein Atomkraftwerk und möchte mit dem Diebstahl eines Plutoniumstabs die britische Regierung unter Druck setzen. Und ausgerechnet Aaro, dessen körperliche Statur bestens für die Mithilfe geeignet scheint, wird ausgewählt, den Einsatztrupp hierbei zu unterstützen.

Nachdem Gemma ihn in eine Falle gelockt und die Entführung vorbereitet hat, ahnt Aaro allerdings erst, in welchen Skandal er unbewusst hineingezogen wurde. Mehrere Fluchtversuche scheitern, und auch wenn der Sohn des legendären finnischen Kommissars Timo Nortamo die Hoffnung schon fast aufgegeben hat, sieht er noch eine letzte Chance: Er muss Gemma auf seine Seite ziehen und an ihre Vernunft appellieren. Als die Mannschaft schließlich aus eigenen Reihen verraten wird, scheint der verbliebene Rettungsanker tatsächlich zu greifen …

_Persönlicher Eindruck:_

Die eigensinnige Eigenschaft, vor dem Genuss eines neuen Schmökers nicht den Backprint zu lesen, um nicht schon zu viele Details über den Verlauf der Handlung zu erspähen, hat sich im Falle von Ilkka Remes‘ aktuellem Roman als Initiator für etwas Verwirrung entpuppt. Denn nicht der bislang für den Stammleser bewährte Hauptakteur Timo Nortamo nimmt in „Schwarze Kobra“ das Zepter in die Hand, sondern sein erstaunlich reifer, 14-jähriger Sohn Aaro, der zwar schon in „Ewige Nacht“ einen größeren Auftritt hatte, insgesamt aber eher eine Randfigur in den Nortamo-Romanen gewesen war. Ihn nun in die Position des Hauptakteurs zu setzen, birgt natürlich gewisse Risiken, zuvorderst natürlich jenes, dass hier Erwartungen durch den erwachsenen Leser gesetzt werden, die Aaro womöglich gar nicht halten kann – denn in der Tat: den souveränen Protagonisten mimt der Sprössling in dieser Geschichte nicht.

Überhaupt präsentiert sich Remes in „Schwarze Kobra“ nicht in Bestform. Die Story ist definitiv von zu vielen Zufällen durchsetzt, und man muss gerade deshalb immer wieder staunen, wie naiv die Charaktere teilweise agieren und reagieren. An vorderster Front steht natürlich der junge Aaro, der sich nach Strich und Faden vorführen lässt und in die Rolle des Helden, die ihm eigentlich auf den Leib geschneidert werden soll, zu keinem Zeitpunkt hineinwachsen kann. Diese Position übernehmen, wenn auch unfreiwillig, die Schurken, mit denen sich Aaro notgedrungen einlassen muss. Nicht etwa, dass ihr Handeln moralisch vertretbar ist, geschweige denn ihre Aggressionen Lob und Anerkennung verdienen. Doch wenigstens agieren sie zielstrebig und nachvollziehbar und lassen sich nicht in stete Lethargie treiben wie der vermeintliche Hauptdarsteller.

Dieser hat von den Qualitäten seines offenkundigen Vorbilds, seines Vaters, nicht sonderlich viel geerbt. Er verhält sich stets unsicher, unterlegen und ist in seinem Denken oft getrieben und schließlich auch wieder sehr eingeschränkt. Die sich ihm bietenden Fallen nimmt er immer wieder hin, und auch die Naivität, die seinen Charakter prägt, ist nicht das eigentliche Merkmal einer starken Hauptfigur. Kurzum: An Aaro Nortamo hat Ilkka Remes bei der Konzeption dieses Romans keine gute Arbeit geleistet.

Doch auch die übrige Geschichte ist schwammig und beraubt sich durch ihren strikt linearen Aufbau eines großen Teils der möglichen Spannung. Die Wendungen erwecken einen arg sterilen Eindruck, und auch sonst wirken die Entwicklungen der Story von der Stange konstruiert, aber nicht sonderlich originell oder gar fortschrittlich. Zwar legt Remes den Schwerpunkt seiner Handlung am Ende auf das ungleiche Verhältnis zwischen Gemma und Aaro, jedoch kann er sich dies alleine deswegen nicht wirklich leisten, da die Tragweite des Plots sowie dessen brisante Inhalte keine solchen Prioritätenverschiebung dulden. Der Atomtransport wird zwar über viele Kapitel zum Schwerpunkt deklariert, fühlt sich in dieser Position aber nicht sonderlich wohl – und das ist ein Problem, das sich leider durch den kompletten Roman zieht.

Was am Ende bleibt, ist sicherlich eine Spur von Enttäuschung, aber auch die Erkenntnis, dass Remes nicht gut daran tut, ein solch schwerwiegendes Kernthema derart abzuschwächen, dass es trotz seiner Tragweite zur Jugendsache geraten soll. Die Diskrepanzen zwischen Inhalt, Themenwahl und Darstellung sind einfach zu groß, so dass „Schwarze Kobra“ als Lektüre bis zuletzt nie richtig in Fluss geraten will. Sicher, jüngere Leser werden auch das geringe Potenzial an diesem Roman schätzen. Aber wer Remes und dessen Qualitäten kennt, weiß auch, dass der finnische Starautor weitaus mehr draufhat als das, was er in diesem Buch zustande bringt.

|Originaltitel: Musta Kobra
Aaro Nortamo Band 2
299 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-71348-1|
http://www.ilkka-remes.de
http://www.dtv.de
http://www.ilkkaremes.com

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