Remin, Nicolas – Requiem am Rialto

Mit seinem sympathischen Commissario Alvise Tron, der sogar schon Bekanntschaft mit Kaiserin Elisabeth von Österreich schließen durfte, hat sich Nicolas Remin längst in die Herzen der Krimifans geschrieben. Für mich gibt es im Bereich des Italienkrimis niemand anderen als ihn, denn niemand zeichnet so nette und authentische Charaktere wie Remin. In „Requiem am Rialto“ löst Commissario Tron bereits seinen fünften Fall.

_Ausgeweidet_

Venedig steht im Wettkampf mit Graz, Salzburg und Triest um die niedrigste Mordrate, doch noch ist die Zeit des Karnevals nicht überstanden. Dennoch wähnt sich Polizeipräsident Spaur bereits auf der Zielgeraden, hat er seiner anspruchsvollen Gattin doch bereits die Einladung zum Ball in die Wiener Hofburg in Aussicht gestellt, die dem siegreichen Polizeipräsidenten winken könnte. Zwei Morde könnte Spaur noch verkraften, wie dumm nur, dass gerade zu dieser so wichtigen Zeit ein Serienmörder auf den Plan tritt…

Die erste blonde Frau trifft im Zug auf ihren Mörder. Zurück bleiben ein Blutbad und eine fachmännisch heraus getrennte Leber, die die Putzfrau des Zuges kurzerhand einsteckt und ihrem Mann zum Abendessen serviert. Die nächste Dame, eine Prostituierte, entführt der Mörder auf eine Gondel. Hinter dem Vorhang versteckt, macht er sich an der wehrlosen Frau zu schaffen, während der Gondoliere von einem heftigen Liebesspiel ausgeht und passend dazu eine Arie anstimmt. Aber damit ist die Todesserie noch längst nicht abgebrochen. Immer wieder tauchen ausgeweidete Frauen – stets mit blonden Haaren und grünen Augen – in Venedig auf. Die Polizei steht vor einem Rätsel, sodass sie einen Lockvogel auf die Straßen schickt – Ispettore Bossi, verkleidet mit Perücke und Kleid. Und tatsächlich macht Bossi Bekanntschaft mit dem Frauenmörder von Venedig, muss ihn wegen seiner unbequemen Damenschuhe allerdings flüchten lassen.

Ein Tatverdächtiger nach dem anderen kann identifiziert und dingfest gemacht werden. Dummerweise geschieht immer dann ein neuer Mord, wenn die Polizei glaubt, den Fall gelöst zu haben. So müssen Tron und seine Kollegen ihre Ermittlungen immer wieder neu aufnehmen. Wer steckt bloß hinter der grausamen Mordserie, die Polizeichef Spaur den Ausflug in die Hofburg kosten könnte?

_Von Pralinés und Frauenkleidern_

Wieder einmal ist Commissario Trons Gespür gefragt, denn in Venedig werden Blondinen fachmännisch ausgeweidet, ohne dass der Täter eine Spur hinterlassen würde. Doch Tron kämpft nicht nur mit der Todesserie, sondern auch mit seinem Vorgesetzten, der seine Felle davon schwimmen sieht, und mit seiner Mutter, die den alljährlichen Maskenball vorbereitet und Alvise inzwischen mehr als nur subtil darauf hinweist, dass er seine Dauerverlobte ehelichen solle. Die aber interessiert sich nur marginal für eine mögliche Ehe und schreibt stattdessen dem gut aussehenden Julien Sorelli Briefe, die sie ihrem Verlobten gegenüber lieber verschweigt. Trons Eifersucht ist angestachelt, wenn auch nur oberflächlich, denn meist konzentriert er sich ganz auf die mehr oder weniger leckeren Speisen, die im Hause Tron serviert werden.

Bereits zu Beginn des Buches hat Tron seinen großen Auftritt, als er einen vermeintlich betrunkenen Störenfried in der Questura gekonnt zur Strecke bringt. Dummerweise handelt es sich bei dem Österreicher um einen kaiserlichen Offizier. Wie gut, dass Spaur andere Sorgen hat, als Tron zu rügen, denn er sieht sich vielmehr als baldigen Polizeipräsidenten des Jahres.

Alvise Tron ist der eigentliche Held von Nicolas Remins Krimireihe, denn seine liebenswert schrulligen Eigenschaften machen den besonderen Reiz aus, zumal seine Kollegen ihm in nichts nachstehen. Da ist nicht nur der Süßigkeiten-vernarrte Spaur, der ein Praliné nach dem anderen futtert, sondern in diesem Buch vor allem Ispettore Bossi, der als Lockvogel fungieren soll. Zunächst scheut er sich davor, sich als Frau zu verkleiden, dann aber findet er Gefallen an den Frauenkleidern und erscheint schlussendlich in großer Ballrobe zum Maskenball der Trons.

_Hinter Masken_

Vom Mörder erfährt der Leser zunächst wenig. Zwar begleiten wir ihn bei all seinen Taten und wissen, dass ein Tier in dem Manne wohnt, das ihn praktisch zu den Morden zwingt. Er verliert dann völlig die Kontrolle über sich selbst und lässt sich von dem Tier in sich lenken. Doch um wen es sich handelt, wissen wir nicht, und Nicolas Remin verrät uns zunächst nur wenig über diesen Mann. So rätseln wir gemeinsam mit Tron und seinen Kollegen. Allerdings ist uns etwas schneller klar als Polizeipräsident Spaur, dass die ersten Verdächtigen keineswegs für die Taten in Frage kommen dürften. Und so kommt es, wie es kommen muss: Nach und nach scheidet einer nach dem anderen aus Kreis der Verdächtigen aus. Doch wer ist wirklich verantwortlich für die ausgeweideten Frauen?

Anfangs fällt das Mitraten schwer, da man über den Täter nicht viel mehr weiß, als dass er für seine Mordgänge eine schwarze Halbmaske aufsetzt und ansonsten völlig unauffällig wirkt. Doch je weiter der Roman voranschreitet, umso mehr zeichnen sich einige heiße Verdächtige ab, die man auch als Leser näher unter die Lupe nehmen kann. Wer wirklich der Mörder ist, verrät Nicolas Remin allerdings erst ganz zum Schluss, und erst dann kann der Leser prüfen, ob er mit seinem Verdacht richtig lag. Der Spannungsbogen ist dadurch nahezu perfekt gelungen, auch wenn Remin zwischendurch fast schon zu viele Verdächtige präsentiert.

_Bildhaft_

Nicolas Remins Markenzeichen ist seine malerische und bildhafte Sprache. Er verwendet viele Metaphern, davon viele, die den Kern der Sache genau treffen und einen schmunzeln lassen. Kaum einmal findet sich eine Metapher, die bereits altbekannt ist, meistens streut Remin eigene Ideen ein und beweist seine Kreativität und sein Sprachgefühl. Sein Schreibstil ist sehr detailreich, Remin beschreibt alles haargenau, sodass man sich als Leser bestens in die Szenen hinein versetzen kann. Auch die schrullige Charakterzeichnung funktioniert nur mit der blumigen Sprache, mit Remins teils schwarzem Humor und mit seiner Detailverliebtheit.

Auch im Vergleich mit den bisherigen Tron-Bänden schneidet der vorliegende Fall gut ab. Speziell dank Ispettore Bossi in Frauenkleidern, des kauzigen Polizeipräsidenten Spaur und natürlich dank des sympathischen und so herrlich unehrgeizigen Tron unterhält das Requiem am Rialto hervorragend und macht schon jetzt neugierig auf Trons sechsten Fall.

|Nicolas Remin bei Buchwurm.info:|

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