Roncagliolo, Santiago – Vorsicht

„Vorsicht“ ist der zweite Roman des jungen peruanischen Autors Santiago Roncagliolo und mit ebensolcher Vorsicht auch zu genießen. Spitzfindig wird auf dem Buchrücken bereits die Frage gestellt, ob Roncagliolo in diesem Buch die Geschichte einer normalen Familie erzählt, doch kann man wohl nur hoffen, dass dem nicht so ist …

Auf nur 184 Seiten erzählt Santiago Roncagliolo die Geschichte einer nicht ganz alltäglichen peruanischen Familie, die kurz vor dem Auseinanderbrechen scheint. Im ersten Kapitel stirbt in Anwesenheit des kleinen Sergio seine Oma und von nun an sieht der kleine Mann vermeintlich Gespenster. Was sich jedoch wirklich hinter diesen ominösen Gespenstern verbirgt, erfahren wir erst später im Laufe der Erzählung. Opapa leidet offensichtlich an Alzheimer, denn den Tod seiner Frau vergisst er schnell wieder, stattdessen erinnert er sich an seine letzte Gelegenheit zu einem Seitensprung, die bereits einige Jahre zurückliegt und die durch ein kaputtes Leitungsrohr erfolgreich zunichte gemacht wurde. Doch Opapa möchte sein Liebesglück noch nicht aufgeben. Als er herausfindet, dass seine ehemalige Liebe Doris in ein Seniorenheim zieht, quartiert er sich dort gegen den Willen seiner Familie und der Heimleitung ein.

Zur gleichen Zeit erfährt Familienoberhaupt Alfredo Ramos, dass er höchstens noch sechs Monate zu leben hat. Als er diese Nachricht seiner Frau Lucy überbringen möchte, passieren allerdings andere Dinge, sodass Alfredo beschließt, sich stattdessen seiner Sekretärin Gloria anzuvertrauen. Zunächst scheitern diese Versuche kläglich, doch irgendwann landen Alfredo und Gloria zusammen im Bett und lösen damit eine neue Kette ungewollter Ereignisse aus.

Auch die beiden Kinder erleben einige Abenteuer; so kommt Sohn Sergio mit der Nachbarstochter Jasmin einem Toten auf die Spur, während die pubertierende Mariana sich übelst an ihrer ehemals besten Freundin Katy rächt, weil diese sich unter Drogeneinfluss mit einem Jungen eingelassen hat und Mariana nun erste Eifersuchtsanfälle zu überstehen hat.

Doch im Grunde genommen dreht sich in der Familie Ramos alles um Sex; so bekommt Mutter Lucy schlüpfrige Nachrichten in ihre Handtasche zugesteckt, die sie zu verschiedenen Orten führen, an denen sie sich selbst exhibitioniert, um die Wünsche des fremden Nachrichtenschreibers zu erfüllen. Lucy reagiert unerwartet heftig auf diese anzüglichen Nachrichten, sodass es fast zum Sex mit einem wildfremden Mann kommt. Aber auch der Kater der Familie, der erst spät zu einem eigenen Namen kommt, ist permanent rollig, weil er merkwürdige Düfte im Hause bemerkt. Auf Teufel komm raus möchte er seine Triebe ausleben und entkommt dabei nur knapp seiner eigenen Kastration, doch muss er schließlich feststellen, dass der 3-Sekunden-Sex auch nicht ganz so erfüllend ist wie erwartet …

Bei Santiago Roncagliolos Protagonisten dreht sich alles rund um Sex und insbesondere um das Scheitern desselben. Jedes Familienmitglied der Familie Ramos – der namenlose Kater eingeschlossen – sehnt sich nach Liebe und Zärtlichkeit, nach Verständnis und einem erotischen Abenteuer. Selbst der senile Opapa hat die Hoffnung auf eine neue Liebe noch nicht aufgegeben und erinnert sich ohne Scheu an sein eher peinliches letztes Erlebnis mit Doris zurück, das dann ganz offensichtlich nicht zum ersehnten Sex geführt hat. Nur der kleine Sergio kann noch nicht so viel mit Sex anfangen und ziert sich, wenn die Nachbarstochter Jasmin ihm einen Kuss geben will. Viel lieber spielt er noch mit Robotern und Barbies und merkt dabei allerdings gar nicht, dass seine beobachteten Gespenster auch sehr wohl mit Sex zu tun haben.

Tochter Mariana erlebt im Laufe der Erzählung nicht nur ihr erstes Mal, sondern auch die „Entmysthifizierung“ des Sex am eigenen Leibe. Nur aus Rache wirft sie sich einem komischen Jungen an den Hals, um ein gefülltes Kondom als Trophäe davontragen zu können.

Fast noch bitterer gestaltet sich bei Lucy und Alfredo die Nicht-Erfüllung ihrer Wünsche und Träume. Alfredo möchte sich doch nur seiner Sekretärin anvertrauen, landet dann aber doch mit ihr im Bett und kann dort nicht seinen Mann stehen. Aber auch Lucy lernt den mysteriösen Briefeschreiber nicht kennen, obwohl sie all seinen Anweisungen nachgeht und dabei stets von ihm beobachtet wird. Als sie sich schließlich an einen Mann heranmacht, stellt er sich als der Falsche heraus, was sie jedoch erst bemerkt, als sie bereits vor ihm kniet und feststellt, dass sein Glied zwar sehniger ist als Alfredos, aber auch deutlich schlechter riecht.

Hautnah erleben wir das Scheitern und Zerplatzen der Träume der Familie Ramos mit. Einzig Opapa erreicht sein Ziel und kann sich unter Protesten im Seniorenheim einquartieren; auch der rollige Kater kommt zu einem kurzen Erfolgserlebnis, doch vorwiegend präsentiert uns Santiago Roncagliolo eine bittere und schwarzhumorige Familiengeschichte, wie sie trauriger kaum sein könnte. Einstieg in die Romanhandlung ist der Tod der Oma, der von Sergio fast herbeigesehnt war, weil er sich im Anschluss daran einen Besuch im Disneyland erhofft. Doch kurz darauf kommt es noch schlimmer, als Papa Alfredo von seinem bevorstehenden Tod erfährt. Schon früh macht Roncagliolo die Tragik des Lebens klar, und auch wenn der junge Autor mit viel schwarzem Humor schreibt, bleibt einem das Lachen meist im Halse stecken, weil wir praktisch in jeder Situation das familiäre Scheitern miterleben. Kaum Hoffnung wird uns präsentiert, immer wieder setzt Roncagliolo eine weitere Hiobsbotschaft drauf, immer wieder beschreibt er eine weitere peinliche Situation, die Zeugnis ist von dem Unglück, das in Familie Ramos vorherrscht.

Ungeschönt und präzise beobachtet erzählt Roncagliolo seine Geschichte und offenbart dabei nicht nur ein herrliches Erzähltalent, sondern auch eine unglaubliche Lebenskenntnis und ein fantastisches Einfühlungsvermögen. Der 1975 geborene Autor zeigt in vielen Situationen und Beschreibungen, wie gut er sich in andere Menschen hineinversetzen und wie gut er das Unglück aus verschiedenen Perspektiven erzählen und nachfühlen kann. Im Alter von nur 30 Jahren hat Roncagliolo dieses erstaunliche Buch geschrieben, welches sich der Sehnsüchte so unterschiedlicher Menschen annimmt und dabei ohne Scham und Scheu von all den zerplatzten Träumen erzählt, welche Familie Ramos erleben muss.

„Vorsicht“ ist nicht nur ein Romantitel, sondern auch eine Anforderung an den Leser, der die präsentierte Familiengeschichte mit Vorsicht genießen soll, um vielleicht nicht seine eigene Hoffnung zu verlieren. Wie hoffnungslos und traurig erscheint einem doch die Familie Ramos, die das genaue Gegenteil einer Bilderbuchfamilie zu sein scheint. Indem Roncagliolo uns die ganze Traurigkeit der Familie Ramos vor Augen führt, regt er uns selbst zum Nachdenken an. Roncagliolo zeigt uns anhand von Opapa, dass es nie zu spät ist zum Träumen und dass auch Alfredo kurz vor seinem Tod noch seine Ehe retten möchte. Roncagliolo fordert uns auf, selbst etwas für die Erfüllung unserer Wünsche zu tun, allerdings zeigt er uns auch genug Beispiele, die eine Warnung sein sollen.

Die Protagonisten sind einerseits so alltäglich, da sie sich doch nur ein Stück vom Lebensglück wünschen, andererseits erscheinen sie uns wieder alles andere als normal, da sie das Unglück gepachtet zu haben scheinen. Durch seine präzisen und detaillierten Schilderungen erweckt Santiago Roncagliolo Familie Ramos zum Leben, jedes einzelne Familienmitglied wird in dieser kurzen Erzählung zu einem guten Freund, da jeder Wesenszug so menschlich wirkt.

Auf nur 184 Seiten schafft Santiago Roncagliolo es, uns eine Familiengeschichte zu präsentieren, die sich vordergründig rund um Sex dreht, aber doch so viel mehr zu erzählen hat. „Vorsicht“ erzählt eine etwas andere Familientragödie, in der jede einzelne Figur ihren Raum erhält und von so vielen verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird, dass wir das Gefühl haben, die Familie Ramos nun genau zu kennen. „Vorsicht“ regt zum Nachdenken an, aber auch zum Lachen, obwohl die Geschichte eigentlich so bitter und tragisch ist, doch ist sie so wunderbar erzählt, dass durch die Erzählweise einige traurige Situationen wieder abgefangen werden. „Vorsicht“ ist ein erstaunlicher Roman von einem jungen Autor, von dem ich nun gerne noch mehr lesen möchte. Dieser kurze Roman ist zunächst so schnell durchgelesen, doch wirkt er nach und präsentiert einige seiner Facetten erst im Nachhinein, wenn man ihn nochmals Revue passieren lässt. „Vorsicht“ ist wunderbar, sehr lesenswert und einfach nur empfehlenswert!

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