Rosoff, Meg – Was wäre wenn

Das heutige Leben ist so voller Möglichkeiten zu sterben, dass man sich manchmal die gleiche Frage stellen möchte wie der Held aus Meg Rosoffs Jugendbuch: „Was wäre wenn“ …

Der fünfzehnjährige David Case wohnt in dem kleinen englischen Dörfchen Luton und ist kein besonders auffälliger Teenager. Schlaksig und antriebslos, nicht besonders beliebt, aber auch nicht unbeliebt. Keine nennenswerten Hobbys, keine nennenswerten Vorlieben.

Doch alles ändert sich, als sein einjähriger Bruder Charlie eines Tages in einem unbeobachteten Moment auf die Fensterbank klettert und beinahe aus dem geöffneten Fenster fällt. David kann ihn gerade noch zurückhalten, doch dieses Ereignis ist der Auslöser für eine gewaltige Veränderung bei dem Teenager.

David wird bewusst, dass er dem Schicksal ausgesetzt ist, dass mit nur einem Wimpernschlag sein Leben komplett zerstören kann. Um dem Schicksal, das im Buch als Kismet kurze Auftritte hat, zu entkommen, beschließt er, seinen Namen und sein ganzes Leben zu ändern, damit es David Case nicht auf die Spur kommen kann. Stattdessen nennt er sich nun Justin Case, pflegt einen sehr sonderbaren Klamottenstil, legt sich einen imaginären Windhund zu und beginnt mit dem Marathonlaufen. Außerdem freundet er sich mit der vier Jahre älteren Agnes Bee an, einer schrägen Fotografin. Er ist in sie verliebt, doch sie lehnt ihn ab. Das verletzt den Jungen und langsam, aber sicher treibt er in seinem Unglück auf eine Katastrophe zu …

Meg Rosoff greift in ihrem Jugendbuch ein Thema auf, das die Zielgruppe ansprechen wird: das Erwachsenwerden, auch wenn David a.k.a. Justin dieses Problem auf sehr eigene Art zu lösen scheint. Er macht eine totale Veränderung durch, nachdem er durch den Beinaheunfall geweckt wurde.

Damit diese Veränderung authentisch erscheint, sollte sie aber dementsprechend aufrüttelnd geschildert sein. Leider misslingt dies Rosoff, so dass das Buch keinen besonders guten Start hat. Das Ereignis wird dafür, dass es so starke Wirkung auf David hat, nicht intensiv genug dargestellt. Es fehlen aufwühlende Gedanken und Raum, damit diese sich festsetzen können. Dabei hätte ein wenig mehr Vorgeschichte, in der Davids Persönlichkeit besser hätte dargestellt werden können, vermutlich schon gereicht, um dem großen Bruch die entsprechende Plattform zu bieten.

Die übrige Handlung kann ebenfalls nicht wirklich überzeugen. Es fehlt an interessanten Ereignissen, und die „Beziehung“ zwischen Justin und Agnes gibt auch nicht genug her. Dafür wird sie zu eindimensional, zu unpackend dargestellt. Manchmal hat man das Gefühl, dass Rosoff mehr auf den Außenseiterstatus ihrer Charaktere als auf die Handlung setzt, und das ist das Problem. Außerdem fehlt so etwas wie ein Strang, an dem alle ziehen. Der Plot selbst ist folglich nicht unbedingt als solcher zu bezeichnen, sondern ist sehr lose und scheint in seine kurzen Kapitel zu zerfallen.

Bei den bereits erwähnten Charakteren setzt die Autorin vor allem auf einen sehr eigenen Stil und unangepasste Lebensweise. Das ist an und für sich keine schlechte Idee. Originelle Persönlichkeiten haben schließlich schon so manches Buch gerettet. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Charaktere dementsprechend vielschichtig und scharf umrissen dargestellt werden.

Justin Case, aus dessen Perspektive hauptsächlich erzählt wird, ist ein verwirrter Teenager, der nicht weiß, wo er aufhört und wo er anfängt. Agnes gibt ihm so etwas wie eine Identität, doch in der literarischen Darstellung kommt er sehr farblos rüber. Es fehlt an einer wirklich kräftigen Darstellung, genau wie bei Agnes, deren Stil noch etwas paradiesvogelmäßiger ist. Das Schillerndste an ihr sind die Beschreibungen ihrer Klamotten, ansonsten wirkt auch sie sehr blass. Meg Rosoff schafft es einfach nicht, klar abgegrenzte Charakterzüge zu schaffen, wodurch das Buch sehr konturlos erscheint.

Die einzige Person, die gut ausgearbeitet wirkt, ist der kleine Bruder Charlie, der die Rolle eines (fast) allwissenden Philosophen übernimmt. Da er mit einem Jahr natürlich noch nicht besonders viel sprechen kann, denkt er die meiste Zeit und legt dabei die Intelligenz eines erwachsenen Menschen an den Tag. Das ist natürlich nicht besonders authentisch, aber tut dem Buch gut. Dadurch bekommt er die Rolle des unbeteiligten Beobachters, der dem Leser einen anderen Blickwinkel auf Justin-David erlaubt als dessen eigene Perspektive.

Unglücklicherweise wirkt Charlie manchmal ein bisschen zu bemüht philosophisch und metaphernschwanger. Letzteres soll wohl ein Bezug zu seinem eigentlichen Alter sein, indem Rosoff hier vermehrt auf einen kindgerechten Wortschatz setzt, leider aber immer noch zu kompliziert klingt.

Charlies Perspektive setzt sich dadurch stark vom Rest des Buchs ab, der mit einem einfachen, aber nicht simplen Vokabular auskommt. Meg Rosoff setzt auf Jugendnähe, ohne dabei viel zu fluchen oder großartig Teeniesprache zu benutzen. Stattdessen schreibt sie sehr trocken, wobei sie ab und an aber wirklich witzig und schlagfertig klingt. Viel passiert über die Dialoge und über die Gedanken von Justin-David, wobei sie diese gerne mit Metaphern ausschmückt. Meistens gelingt ihr das gut, in genügend Fällen klingt sie aber etwas zu bemüht und gezielt jugendbuchmäßig.

Insgesamt gelingt es ihr nicht, dem Leser wirklichen Zugang zu den Charakteren, allen voran Justin-David, zu verschaffen. Das ist sehr schade, denn wenn ein Buch so eine ausgefallene Handlung und (eigentlich) originelle Charaktere besitzt, sollte der Schreibstil dafür sorgen, dass auch ein durchschnittlicher Leser sich mit dem Geschehen identifizieren kann.

In der Summe ist „Was wäre wenn“ von Meg Rosoff ein Jugendbuch der schlechteren Sorte. Die Handlung weist einige Schwächen auf und auch der Schreibstil und die Personen sind nicht hundertprozentig gelungen.

http://www.carlsen.de

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