Rossi, Sonia – Fucking Berlin (Lesung)

_Kein Schamdreieck: Zwischen Uni, Heim und Bordell_

Sonia, die Mathematikstudentin, verkauft im Nebenjob ihren Körper im Bordell. Sie redet darüber, wie sie in das Rotlichtmilieu geriet, wie es dort zugeht und mit welchen Männern sie es zu tun bekommt. Und wie kommt sie mit ihrem Privatleben klar? Die freimütige Schilderung ihres Doppellebens ist ein autobiografisches Bekenntnis zur Ware Liebe.

_Die Autorin_

Sonia Rossi wurde 1983 in Italien geboren. Sie ist Ende zwanzig, lebt in Berlin, arbeitet in der IT-Branche und hat einen Sohn.

_Die Sprecherin_

Catrin Striebeck war langjähriges Ensemblemitglied des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg und ist eine gefragte TV- und Filmschauspielerin. Sie spielte in Kinofilmen wie „Gegen die Wand“ und „Bunte Hunde“ und ist regelmäßig im Niedersachsen-„Tatort“ zu sehen.

Regie führte Gabriele Kreis. Die Aufnahme erfolgte 2009 im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg.

_Handlung_

Sonia stammt von den Liparischen Inseln Italiens, mit 18 kommt sie in Berlin an, um hier Mathe zu studieren und Deutsch zu lernen. In der Disco lernt sie Ladislaw kennen, kurz Ladja. Sie verliebt sich in ihn und lässt ihn bei sich einziehen. Erst als sie erfährt, dass er tagsüber anschaffen geht, hat sie ein Problem und echten Liebeskummer. Man rät ihr, mit Ladja Schluss zu machen. Als er mit Blumen zurückkehrt, stellt sie ihn vor die Wahl: sie oder den Job. Er wählt sie. Und damit beginnen die Schwierigkeiten.

Denn beim Kellnern verdient sie zu wenig für zwei, und als sie gefeuert wird, ist kein Geld da. Zunächst wird sie ein Webcam-Girl. Da kriegt sie wenigstens 10 Euro die Stunde, und Ladja hat nichts dagegen. Als Internetstripperin „Mascha“ lernt sie andere Mädels im Gewerbe kennen. Erstaunlich, wie viele Typen sie beim Videochat anquatschen, um sie kennenzulernen. Horst ist ihr größter Fan, und er will am Telefon beschimpft werden. Sachen gibts.

Kollegin Sandra rät ihr, dass sie als Nutte viel mehr verdienen könnte. Aber Sonia lehnt erstmal ab und macht mit Ladja einen drauf. Am nächsten Montag beginnt ihr fünfjähriges Diplomstudium. Wie soll sie das denn finanzieren, fragt sie sich. Nur die Kommilitonin Jule erhellt die Trostlosigkeit dieser Welt.

Zehn Tage nachdem Chef Torsten sie weg. Unpünktlichkeit gefeuert hat, braucht Sonia dringend Geld. Deshalb bewirbt sie sich für einen Job in der erotischen Massage. Nora, die Wirtschafterin, nimmt sie. Sex sei freiwillig, aber Bedingung, um konkurrenzfähig bleiben zu können. Sonia rackert acht Stunden lang und kriegt dafür nur 50 Prozent ihrer Einnahmen, nämlich schlappe 170 Kröten. Weil Sex 50 Piepen mehr bringt und sie nichts davon abgeben muss, steigt sie darauf um.

Doch ihr Erfolg erzeugt auch Neiderinnen im Puff. Besonders Jessica macht Sonia nieder. Statt zu kämpfen flüchtet Sonia nach Hause. Dort ist es auch nicht auszuhalten, doch in der Kneipe lernt sie Milan kennen, einen netten Kerl, der Ladja kennt. Ihr wird klar, dass sich was ändern muss. Deshalb wechselt sie den Puff und heiratet Ladja. Doch als er ihre Kondome findet, gibt’s Krach: Sie muss ihm gestehen, wie sie ihr Geld verdient – im Bordell. Sie wolle aufhören, sagt sie. Er findet einen Job auf einem Bauernhof. Können sie sich so über Wasser halten?

Doch Sonias Karriere als Sexarbeiterin hat gerade erst begonnen …

_Mein Eindruck_

Die Autorin erzählt ungeschminkt und ohne Verschämtheit, was Sache ist. Wie sie in das „Milljöh“, das schon Zille porträtierte, geschliddert ist, aus Geldmangel, wie so viele ungelernte Menschen. Sie entwickelt dennoch ein stabiles Privatleben, heiratet, bekommt ein Kind, lässt sich scheiden, verliebt sich in andere Männer und so weiter. Ein ganz normales Frauenleben also.

Das macht den Kontrast zu ihrem Job noch deutlicher. Aber beides gehört zusammen: ihre Dienste als Sexarbeiterin und ihr Privatleben als Ehefrau und Mutter. Hier ist nicht wie früher, etwa bei der Mutzenbacherin, eine bürgerliche Doppelmoral festzustellen, bei der die Nutte den Spaß (und das Geld) kriegt und der Freier die Schuldgefühle. Diese Zeiten sind vorbei. Sex-Business ist business as usual.

Dabei ist dieses Business mitunter richtig beschissen zu den Arbeiterinnen. Nicht genug damit, dass sie untereinander im Konkurrenzkampf liegen wie Sonia mit Jessica, müssen sie auch noch die abartigen Wünsche der Kunden erfüllen. Da gibt es sämtliche Spielarten, denn Bordellbesuche sind für Bankangestellte und Ökoväter ebenso normal wie für Türken, Araber und Arbeitslose. Ganz besonders schlimm sind offenbar die Orientalen, die gerne Analverkehr bevorzugen, erfahren wir. Richtig lieb sind die Ossis, die einem schon mal Eintopf und Rotwein kredenzen – auch wenn der Stundenlohn dabei miserabel ist.

Natürlich taucht die spannende Frage auf, ob sie sich schon mal in einen ihrer Freier verliebt hat. Denn dass eine Nutte einen – nicht gespielten – Orgasmus kriegt, zählt eher zu den Seltenheiten. Tatsächlich taucht so ein Wunderbursche auf. Aber sie brennt natürlich nicht mit ihm durch.

Verwunderlich ist jedoch, dass Sonia nie einen Zuhälter hat, dem sie seinen Anteil abdrücken muss. Sie schafft auch nie auf der Straße an – das ist offenbar nur was für die abgebrühtesten oder wehrlosesten Frauen. Sie wird auch nie nach einem Polizeieinsatz gezwungen, zu einem Arzt zu gehen oder Steuern zu zahlen. Die Steuern bekommt sie zwar aufs Auge gedrückt (immerhin 30 Euro/Tag), aber eine Geschlechtskrankheit scheint sie sich nicht zu holen – das kann aber auch an einer Kürzung des Textes liegen.

Stattdessen erfahren wir, dass es in der Sex-Wirtschaft ein richtiges Im- und Exportwesen gibt (und warum auch nicht, wenn die Frau doch nur eine Dienstleisterin ist?). So reist Sonia von Berlin kreuz und quer durch die Republik, gerät auch schon mal an finstere Gestalten und Kolleginnen, die sie linken. Ausgerechnet zu dieser Zeit wird sie schwanger, nur wenige Monate vor der Diplomarbeit. Die Wechselfälle des Lebens schlagen stets unerwartet zu. Es kommt darauf an, Glück zu haben und flexibel zu bleiben. So bekommt sie nach ihrem Abschluss doch noch einen Job in der IT-Sicherheitsbranche (und dort sind Fachkräfte sehr gefragt, denn die Nachfrage nach mehr IT-Sicherheit steigt ständig).

_Die Sprecherin_

Catrin Striebeck entledigt sich ihrer Aufgabe mit Routiniertheit. Kaum dass sie einmal die Stimme hebt oder bewegt wirkt, wenn Sonia mal wieder ein schweres Tief durchlebt. In meinen Notizen hab ich mir keine einzige Stelle notiert, in der sie eine herausragende Leistung zu Gehör gibt.

Auch klingen Männer und Frauen völlig gleich, so dass der Vortrag so vor sich hinplätschert. Da es weder Musik noch Hintergrundgeräusche gibt, besteht die Gefahr, dass der Vortrag den Hörer einlullt. Lediglich derjenige Hörer, der sich wirklich für Sonias Schicksal und ihren Job interessiert, dürfte die Lesung aus zweimal rund 70 Minuten problemlos durchstehen.

_Unterm Strich_

Dies sind keine verschämt-frivolen „Memoiren“ à la Josefine Mutzenbacher, sondern eher ein Tatsachenbericht aus dem Sexarbeitermillieu, garniert mit einem ergänzenden biografischen Bericht. Der Kontrast zwischen Privatleben und Sexarbeit ist durchaus krass, doch beides gehört zusammen, denn das Privatleben wird nur durch die Sexarbeit finanziert. Dass Sonia überhaupt ihr Diplom schafft, grenzt an ein Wunder, denn die meisten Frauen im Milieu schaffen den Absprung nie.

Ebenso verwunderlich ist das Fehlen von Zuhältern und Geschlechtskrankheiten. Jedwede körperliche Gewalt scheint hier ebenso zensiert worden zu sein, und man könnte sich fragen, ob die Botschaft lautet: „Alles gar nicht so schlimm, Leute.“ Wenn man aber genau hinhört, dann wird klar, dass bei der Sexarbeit ein Begriff wie Menschenwürde ein Fremdwort ist. Alles in allem ist Rossis Karrierereport eine Erfolgsstory; da hat man leicht drüber reden. Über die Junkies und Psychowracks verliert sie kein Wort. Auch ihr Bericht ist also nur die halbe Wahrheit.

|Das Hörbuch |

Der Vortrag von Catrin Striebeck ist durch Routine gekennzeichnet und auf Zurückhaltung ausgelegt. Hier wird weder verurteilt noch um Mitleid geheischt. Vielmehr steht die triste Berufswirklichkeit im Vordergrund, aufgelockert durch heitere Episoden, die sich regelmäßig mit finsteren Erlebnissen abwechseln. Da merkt man schon, dass erstens der Text deutlich vorsortiert und die Endfassung noch einmal fürs Hörbuch gekürzt wurde.

Witzig fand ich lediglich den doppeldeutigen Titel: „Fucking Berlin“ beschreibt nicht nur die frühere Tätigkeit der Autorin, sondern charakterisiert auch das Wesen der Stadt Berlin als „verdammt“ bzw. „beschissen“, je nachdem, wie man „fucking“ übersetzen will.

|2 Audio-CDs
Spieldauer: 140 Minuten
Gelesen von Catrin Striebeck
ISBN-13: 978-3869090115|
[www.hoerbuch-hamburg.de]http://www.hoerbuch-hamburg.de/web/hbhh/classic/buch.html?tn=d011

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