Ruff, Matt – Bad Monkeys

Wenn Matt Ruff ein neues Buch veröffentlicht, ist das für sich genommen schon ein Anlass zur Freude. Ruff ist alles andere als ein fleißiger Schreiber und hat es in den 20 Jahren seit seinem Debütroman „Fool on the Hill“ auf gerade einmal insgesamt vier Bücher gebracht. Nichtsdestotrotz hat er eigentlich für jedes seiner Werke viel Lob geerntet. So ist es vielleicht auch ganz gut, dass er nicht dem Hype verfällt und weiterhin auf Qualität statt auf Quantität setzt – lieber sporadisch und dafür stets von gleichbleibend hoher Qualität, als viel Mittelmaß oder gar Ramsch.

Für sein aktuelles Werk „Bad Monkeys“ hat Ruff sich nur vier Jahre Zeit gelassen – für seine Verhältnisse schon fast ein Anfall von Arbeitswut. Herausgekommen ist der mit 251 Seiten bisher kompakteste Ruff, der wieder einmal (auch das ist typisch für ihn) in keine Schublade passt.

Ruff selbst sieht „Bad Monkeys“ als eine Hommage an Philip K. Dick. Wer deswegen einen astreinen Science-Fiction-Roman erwartet, der liegt dennoch daneben – wenn auch nur irgendwie. „Bad Monkeys“ ist Verschwörungsthriller, Coming-of-Age-Roman, Krimi und Science-Fiction-Geschichte in einem. Ein wilder Genremix, in dem Ruff die verschiedensten Elemente unter einen Hut bringt.

„Bad Monkeys“ erzählt die Geschichte von Jane Charlotte. Jane sitzt in der psychiatrischen Abteilung eines Gefängnisses in Las Vegas ein und ihre Anklage lautet auf Mord. Sie leugnet nicht die Tat, sondern will dem zuständigen Psychiater nur die genaueren Umstände erläutern. Jane behauptet, Mitglied einer Geheimorganisation zu sein und dort in einer Unterabteilung namens „Bad Monkeys“ zu arbeiten, deren genauer Name „Abteilung für die finale Ausschaltung nicht zu rettender Personen“ lautet.

Hier ist Jane für das Ausschalten böser Menschen zuständig, die bereits Schaden angerichtet haben und dies auch in Zukunft zu tun gedenken. Das Eliminieren der Zielpersonen erfolgt dabei stets so unauffällig wie möglich.

Jane ist für den Job als Bad-Monkey-Agentin prädestiniert: Schon als Teenager hat sie den Hausmeister ihrer Schule (einen mutmaßlichen Kindermörder) auf eigene Faust zur Strecke gebracht. Jane wird von den Bad Monkeys rekrutiert und schreitet mit vollem Eifer zu Werke, schießt dabei aber auch manchmal über das Ziel hinaus.

Je mehr Jane davon dem Psychiater erzählt, desto mehr kommen Zweifel an ihrer Geschichte auf. Ist das alles überhaupt wirklich passiert? Der Psychiater weiß viel über Jane und konfrontiert sie mit immer neuen Fakten, die ihre Geschichte in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen, wie z. B. die Geschichte ihres kleinen Bruders, der als Kind entführt wurde. Sieht die Wahrheit vielleicht doch ganz anders aus?

„Bad Monkeys“ ist allem voran ein temporeicher Roman. Ruff versteht es, den Leser unmittelbar in den Plot zu ziehen. Ruff springt immer wieder hin und her, zwischen Janes Gespräch mit dem Psychiater und ihrer Vergangenheit. Schlag auf Schlag ziehen die Ereignisse ihre Kreise. Schon nach wenigen Seiten steuert Ruff den ersten Spannungshöhepunkt an: Jane verfolgt den Hausmeister, und damit knüpft Ruff einen dermaßen dichten Spannungsbogen, dass man schon von Beginn an völlig hingerissen von der Lektüre ist.

Ruff versteht sich darauf, den Leser gewissermaßen einzulullen. Er hat eine so eingängige und lebhafte Sprache, erzählt in so klaren, plastischen Bildern, dass man schnell tief in die Geschichte gesogen wird. Dieses Talent hat er auch in früheren Romanen schon bewiesen. Ruff hat eine Art zu erzählen, bei der er dem Leser noch so abstruse Begebenheiten unterjubeln kann – der Leser schluckt willig so ziemlich alles.

Dieses Prinzip funktioniert auch bei „Bad Monkeys“ wieder wunderbar – zumal der temporeiche Aufbau des Romans sein Übriges dazu tut. Obendrein spannt Ruff diesmal den Leser mit ganz existenziellen Fragen auf die Folter: Was ist die Realität? Wer ist Jane Charlotte? Je weiter der Plot sich entrollt, desto mehr drängen sich diese Fragen in den Vordergrund, und das erinnert in gewisser Weise dann eben tatsächlich an die Romane von Philip K. Dick („Blade Runner“, „Minority Report“, „Total Recall“, „Paycheck“, „A Scanner Darkly“, „Next“ …).

Ruff spielt mit der Wahrnehmung des Leser, und auch wenn man innerlich schon auf die klassischen psychologischen Schachzüge gefasst ist (schließlich drehte Ruffs letzter Roman „Ich und die anderen“ sich um das Thema Persönlichkeitsspaltung), so ist man auf den Paukenschlag des furiosen, atemlosen Finales dann doch nicht wirklich vorbereitet. Ruff dreht alles gnadenlos auf den Kopf, zaubert eine unerwartete Wendung nach der anderen aus dem Hut und fordert den Leser damit richtig heraus.

Sind die ersten Zweidrittel des Romans eine Mischung aus spannenden, teils gar schaurigen und vor allem phantastischen Elementen, erzählt von einer Figur (Jane Charlotte), mit der man stets mitfiebert, so dürfte so mancher Leser vom letzten Drittel etwas überfordert sein. Manch einem mag das „Matrix“-mäßige Finale dann doch etwas zu dick aufgetragen sein, und ganz eindeutig geht Ruff hier bis an die Grenze des Erträglichen. Wie er das Ganze am Ende dann aber auflöst und eine unerwartete Wendung nach der anderen präsentiert, das wäscht ihn dann zu einem nicht unerheblichen Teil doch wieder rein. Ruff war halt schon immer der Meister abgefahrener Plots.

Alles in allem bleibt damit ein positiver Eindruck zurück. Matt Ruff beweist mit „Bad Monkeys“ wieder einmal seinen Sonderstatus als Schriftsteller. „Bad Monkeys“ ist ein ungewöhnlich kompakter Ruff, aber er strotzt vor atmosphärischer Dichte und Spannung. Ruff schafft es wieder einmal, einen höchst sonderbaren und absurden Plot auf so eingängige und leichtfüßige Art zu erzählen, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Ein abgefahrener Genremix, der in keine Schublade passt und sich vielleicht am ehesten noch mit Jasper Ffordes [„Der Fall Jane Eyre“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4165 vergleichen lässt.

http://www.hanser-verlag.de

_Die Romane von Matt Ruff:_
„Fool on the Hill“ (auf Deutsch 1991 erschienen)
„G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke“ (1998)
[„Ich und die anderen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2712 (2004)
„Bad Monkeys“ (2008)

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