Safier, David – Mieses Karma

Kim Lange strebt dem Höhepunkt ihrer Karriere entgegen, während ihre Ehe mit Alex ihren Zenit schon längst überschritten hat. So lässt die gefeierte Polit-Talkmasterin ihre Familie wieder einmal im Stich, als Tochter Lilly ihren fünften Geburtstag feiert. Kim hat schließlich Wichtigeres zu tun, als mit kleinen Kindern Topfschlagen zu spielen, und so nimmt sie noch am gleichen Tag stolz den Deutschen Fernsehpreis entgegen. So richtig genießen kann Kim ihren Triumph allerdings nicht mehr, da sie noch am gleichen Abend von den Überresten einer russischen Raumstation erschlagen wird. Aus und vorbei.

Doch halt, nicht ganz aus und vorbei, denn als Kim wieder zu sich kommt, steckt sie im Körper einer Ameise. Das, was Kim zunächst noch für eine Halluzination halten mag, entpuppt sich schon bald, dank der fachkundigen Erläuterungen Buddhas, als Reinkarnation. Weil Kim in ihrem Leben so viel schlechtes Karma gesammelt hat, wurde sie als Ameise wiedergeboren und hat sich als solche erst einmal zu bewähren, um irgendwann einmal Aussicht auf den Einzug ins Nirwana zu bekommen.

Ganz pragmatisch nimmt Kim die Herausforderung an und müht sich redlich, gutes Karma zu sammeln und sich langsam aber stetig die Reinkarnationsleiter heraufzuarbeiten. Begleitet wird sie dabei von Giacomo Casanova, der ebenfalls so seine Schwierigkeiten mit der Qualität seines Karmas hat. Kim nimmt eine Reinkarnationsstufe nach der anderen, mal als Meerschweinchen, dann als Regenwurm, ein anderes Mal als Kalb oder als Beagle.

Doch Kims Ziel ist es, endlich wieder menschliche Gestalt anzunehmen, denn ihr inzwischen wieder innig von ihr geliebter Alex befindet sich in den Fängen der heiratswilligen Nina – ihrer intriganten früheren besten Freundin. Nina kommt natürlich weder als Gattin für Alex noch als Stiefmutter für Lilly in Frage, und so kennt Kim nur ein Ziel: die Heirat zu verhindern. Schließlich wird Kim tatsächlich als Mensch reinkarniert und bekommt ihre Chance – als dicke Frittenverkäuferin Maria Schneider …

Schon der Handlungsabriss von „Mieses Karma“ klingt ziemlich abgedreht. David Safier erzählt eine wahrhaft verrückte Geschichte, über deren skurrilen Verlauf man immer wieder aufs Neue lachen kann.

Kim Lange macht durch ihre Reinkarnation als Ameise einen sehr starken Wandlungsprozess durch. Zuerst die rücksichtslose Karrierefrau, die ihre Tochter vernachlässigt und ihren Mann betrügt. Für Kim geht stets der Beruf vor, die Familie ist zweitrangig. Das ändert sich dank ihres reinkarnationsbedingten Perspektivenwechsels recht schnell. Was Kim an ihrer Familie hatte, wird ihr erst klar, als sie sie verloren hat, und das ist für sie Grund genug, alles dafür zu tun, ihre Familie wiederzubekommen.

Emsig sammelt sie gutes Karma und schafft es in den verschiedenen Reinkarnationsformen immer wieder in die Nähe ihrer Familie. Was sie dabei sieht, gefällt ihr gar nicht. Nina schließt eine innige Freundschaft mit Alex und kümmert sich aufopferungsvoll um Lilly – kurzum, Kims frühere Rolle droht neu besetzt zu werden, und das kann Kim natürlich nicht zulassen. Sie hinterfragt dabei natürlich nicht, was das Beste für Alex und Lilly ist und es interessiert sie gar nicht, dass Alex vielleicht mit Nina glücklich ist. Sie will nur um jeden Preis verhindern, dass die beiden heiraten. Dass das eigentlich ganz mieses Karma bedeutet, ist Kim trotz ihrer Sammelwut in Sachen gutes Karma ziemlich einerlei.

Ein Schwachpunkt ist sicherlich Kims eher rudimentär begründeter Gesinnungswandel (oder sollte der Tod da als Begründung alleine schon reichen?) von der rücksichtslosen Karrierefrau zur gutherzigen Ehefrau mit stark ausgeprägten Muttergefühlen. Dennoch kann David Safier mit „Mieses Karma“ durchaus gut unterhalten. Seine Erzählung ist voller Witz, dem man sich kaum entziehen kann, und die saftige Prise Kitsch, mit der er das Ganze garniert, stört da höchstens marginal.

Natürlich klingt gerade das Finale mit seinen „Und die Moral von der Geschicht“-Allüren ein wenig nach ZDF-Fernsehfilmunterhaltung, aber das kann die Freude nicht so weit trüben, dass einem der Hörgenuss vermiest wird. „Mieses Karma“ fällt eben ganz eindeutig in die Rubrik seichte Unterhaltung, und die ist nun einmal erwartungsgemäß nicht nur unterhaltsam, sondern gerade auch seicht.

Wer David Safiers TV-Serien-Drehbücher à la „Berlin, Berlin“ kennt und schätzt, der weiß, was ihn erwartet, denn auch „Mieses Karma“ lässt sich ähnlich einordnen: witzig, charmant, oft kitschig und mit Hang zum Überspitzten und Unrealistischen, aber dabei so herrlich leichtfüßig und sympathisch unterhaltsam, dass man die Schwachpunkte gerne verzeiht.

„Mieses Karma“ ist einfach locker-flockige Unterhaltungskost, bei der man nicht zu sehr auf Tiefgang und Charakterentwicklung schielen, sondern sich einfach zurücklehnen und gut unterhalten lassen sollte. Auch „Mieses Karma“ hat viele schöne Momente, die sich auch gerade im Teamwork der beiden „Gutes-Karma-Sammler“ Kim Lange und Giacomo Casanova wiederfinden. Dass Safier dabei auch immer wieder typische Klischees einfließen lässt, kann man ihm kaum krumm nehmen, tragen sie schließlich auf ihre Art zum Unterhaltungswert der Geschichte bei.

Lob verdient in jedem Fall auch die Hörbuchproduktion von |Hörbuch Hamburg|. Nina Petri liest die Geschichte voller Elan und man kann hören, dass es ihr jede Menge Spaß bereitet. Sie füllt die Geschichte auf wunderbare Art mit Leben und sorgt so dafür, dass sie zu einem echten Hörgenuss wird.

Kurzum, „Mieses Karma“ ist nicht unbedingt nur Unterhaltung für |“einsame Frauenherzen in Vorstadtreihenhäusern“|, sondern eine Geschichte, die jeden erfreuen dürfte, der sich auch mal auf luftig-lockere Unterhaltung einlassen kann, die sich vielleicht nicht gerade durch ihre tiefsinnige Art auszeichnet. Man muss sich einfach mal auf David Safiers unverkrampfte Art einlassen, dann kann man seinem Humor einiges abgewinnen.

Für mich bedeutete das Hörbuch 297 kurzweilige Minuten mit vielen Lachern. Seinen Hang zum Kitsch und zum Bedienen bestimmter Klischees kann man David Safier da durchaus schon mal verzeihen, denn man hat definitiv trotzdem seinen Spaß.

http://www.hoerbuch-hamburg.de

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