Sander, Roman (Hg.) – Sherlock Holmes im Labyrinth der Lügen

_Holmes & Watson wider Moriarty & Das gefleckte Band_

Dieser Erzählband versammelt weitere Geschichten über die von Sir Arthur Conan Doyle geschaffenen Charaktere Sherlock Holmes und Dr. John Watson. Nicht nur findet sich darin die Wahrheit über „Das gefleckte Band“, sondern auch eine über Holmes’ unbekannte Jahre nach seinem scheinbaren Tod an den Reichenbach-Fällen. Und er macht Bekanntschaft mit den Alten Göttern eines gewissen Herrn Lovecraft …

_Der Herausgeber_

Roman Sander sieht sich am liebsten als Historiker aller Genres der Fantastik. Über sich selbst hat er in einem Interview Folgendes ausgesagt: »Ich bin ein Mann mittleren Alters, Journalist, und ich lese Science Fiction und Fantastik seit meiner Schulzeit, denn nichts anderes kann mir diese Weite der Vision und diese Freiheit der Fantasie bieten! Selbst auf der anspruchslosesten Ebene macht das noch unbändigen Spaß beim Lesen, und auf höchster Ebene ist die Fantastik die einzige Literaturform, die den ganz speziellen Anforderungen unserer Zeit gewachsen ist. Generell wünsche ich mir, dass eine Anthologie mehr ist als nur eine lose Geschichtensammlung, dass also ein verbindendes Element vorhanden ist, so dass dem Leser hinterher nicht nur einzelne Geschichten im Gedächtnis bleiben, sondern auch eine gewisse ‚Persönlichkeit‘ des gesamten Buches. Die Liste meiner Lieblingsautoren wäre ziemlich lang…« (zitiert nach |Amazon.de|)

_Die Erzählungen_

1) _Friedrich Gerhard Klimmek: Mrs. Hudsons Theorie. Die wahre Geschichte vom gesprenkelten Band_

Holmes weckt Watson aus dessen Schlummer, denn sie haben wieder eine Klientin. Im Wohnzimmer hat eine tief verschleierte Frau Platz genommen, die sich als Helen Stoner vorstellt. Als sie den Schleier lüftet, blickt ihnen ein kaum dreißigjähriges, leidgeprüftes und blasses Gesicht entgegen. Das Jahr wird bereits von grauen Strähnen durchzogen. Was hat soviel Leid hervorgerufen, fragen sich Watson, der Chronist, und Mrs. Hudson, die Haushälterin.

Sie habe Todesangst, erzählt sie. Dabei will sie in zwei Monaten heiraten. Ihr Verlobter hält ihre Ängste für Einbildung, doch sie hat guten Grund dafür: Ihre Zwillingsschwester Julia ist bereits vor zwei Jahren an einer unbekannten Ursache im Zimmer nebenan gestorben. Niemand weiß, wodurch. Und ebenfalls kurz vor ihrer Hochzeit. Julia hatte ein merkwürdiges Pfeifen gehört und sprach etwas von einem „gefleckten Band“. Rätselhaft, nicht wahr? Helen bittet Holmes in Todesangst um Rat.

Der Detektiv sagt sein Kommen zu, denn er nimmt den Fall ungewöhnlich ernst. Und mit Recht, denn kaum ist die junge Frau wieder gegangen, erscheint Dr. Roylott, ihr Stiefvater, unter dem sie offenbar zu leiden hat. Sein jähzörniges und grobes Auftreten sowie die Drohungen, die er gegen Holmes, sollte der sich einmischen, ausstößt, charakterisieren ihn vollständigen als gefährlichen Wüterich. Und wer weiß, was er an gefährlichen Dingen aus Indien, wo er Helens Mutter kennenlernte, mitgebracht hat? Helen erwähnte einen Geparden, einen Affen und sogar Zigeuner …

Als Holmes mit Watson und Miss Helen den Tatort untersucht, fallen ihm verschiedene Merkwürdigkeiten auf. Es werden noch sehr viel mehr, als es ihnen gelingt, auch Dr. Roylotts Arbeitszimmer in Augenschein zu nehmen. Durch Renovierungsarbeiten, die lediglich einen Vorwand bilden, ist Helen gezwungen, im gleichen Zimmer wie ihre Schwester Julia, das Todesopfer, zu nächtigen. Als Holmes und Watson das Schlafzimmer besichtigen, stoßen sie auf einige Ungereimtheiten: Das Bett ist an den Boden montiert, der Klingelzug führt ins Nichts und ganz oben ist ein Ventilator eingebaut worden, der zum Schlafzimmer Roylotts führt.

Könnte es sich bei dem „Gefleckten Band“ um eine Schlange handeln, fragen sich Holmes, Watson und Hudson sofort. Aber man kann eine Schlange nicht mit Pfeifen und Milch abrichten, denn erstens sind Schlangen stocktaub und zweitens verschmähen sie Milch. Bei einer zweiten Besichtigung, die ohne Miss Stoner vonstatten geht, stößt Holmes in Roylotts Schlafzimmer auf einen verdächtigen Tresor, seltsame Haare, eine Hundepeitsche, einen Stuhl unterm Ventilator, aber auf keinerlei Reptilien.

Wochen vergehen, bis endlich das eintritt, was Holmes erwartet hat: Der Inhaber einer Londoner Tierhandlung alarmiert ihn. Sofort müssen sie nach Stoke Manor. Sie kommen vielleicht gerade noch rechtzeitig, um das Schlimmste zu verhindern. Watson ist mit seinem Revolver bewaffnet, und Holmes hat seinen Stock dabei. „Vorsicht, Watson! Es besteht höchste Gefahr!“ flüstert Holmes, als sie ins Haus eindringen. Denn natürlich kennt Holmes bereits die Lösung des Rätsels …

|Mein Eindruck|

Die Sache mit der Milch kam mir schon beim ersten Goutieren der Story merkwürdig vor. Wer würde, ja, könnte denn eine Schlange mittels Milch und Pfeifen abrichten? Das müsste schon eine extrem ungewöhnliche Schlange sein. Und da der Autor Klimmek ein Fachmann für Reptilien ist, wie seine Biografie verrät, ließ ihm dieser Fehler keine Ruhe: Er musste die korrigierte Version schreiben – von keinem anderen als Dr. Watson erzählt.

In der Tat ist die korrekte Lösung des Mordfalls so umwerfend einleuchtend, dass man sich fragt, warum bisher niemand darauf gekommen ist. Natürlich gibt es jede Menge Einwände gegen diese neue Deutung, aber Holmes weiß sie alle abzuschmettern. Und damit keiner ihm und seinem Klienten auf die Schliche kommt, soll Watson „Mrs Hudsons Theorie“ aufschreiben anstelle der richtigen Lösung: nämlich dass jedes Kind weiß, dass Kobras nach den TÖNEN der Flöte tanzen und nicht nach deren Bewegungen.

2) _Gary Lovisi: Die fehlenden Jahre_

Mai 1891, die Reichenbach-Fälle bei Interlaken, Schweiz: In einem Kampf mit seinem Erzfeind, Prof. James Moriarty, gelingt es Holmes, die Oberhand zu behalten. Während Watson nirgends zu sehen ist, stürzt Moriarty in die Tiefe und stirbt. Holmes gerät in einen Nebel und in eine Parallelwelt. Von diesem Umstand ahnt er jedoch lange nichts, denn er wird von zwei Schweizern freundlich gesundgepflegt.

Erst nach Monaten schaut er im Nachbardorf mal wieder in eine britische Zeitung. Kaltes Entsetzen packt ihn ob der bestürzenden Nachrichten, die die „London Times“ bringt. Königin Victoria ist verstorben, und ihr flegelhafter Sohn Eddy, ein lüsterner Wüstling, der mancherorts für den Ripper gehalten wird, hat den Thron bestiegen. Damit nicht genug, ist kein anderer als Prof. James Moriarty sein engster Berater geworden und wird jetzt zum Ritter geschlagen!

Mit Mühe hält Holmes an seinem Verstand fest. Am Schluss seines Grübelns steht eine wesentliche Frage: Wenn Moriarty lebt, wer liegt dann in dem Grab des Engländers, von dem die Dorfbewohner wissen? Zusammen mit seinem Freund Hans betritt Holmes um Mitternacht den Friedhof und öffnet den Sarg. Darin liegt kein anderer als – er selbst! Alle Merkmale stimmen überein. Aber das ist auch ein Vorteil: Niemand wird vermuten, dass er noch lebt und nach London zurückkehrt.

Doch dort hat sich einiges geändert. Als Seemann Sigerson verkleidet, steht er vor der ausgebrannten Ruine von Haus Nr. 221B in der Baker Street. Von einem Nachbarn erfährt, dass Dr. Watson irgendwo verschwunden und sein Bruder Mycroft gestorben sei. Nach langer findet er John H. Watson in einer Kaschemme, wo er dabei ist, seinen Kummer über Holmes‘ Tod in Alkohol zu ertränken. Watson kann es erst nicht glauben, seinen alten Freund vor sich zu haben, verkleidet als Seemann. Und Holmes warnt ihn, ihn ja nicht „Holmes“ zu nennen.

Zusammen müssen sie es mit Moriarty aufnehmen, aber auch mit dessen Handlanger Cpt. Sebastian Moran, der jetzt Chef des Scotland Yard ist. Die hinausgeworfenen Gefährten Lestrade und Gregsson helfen Holmes, um sich wenigstens für die Schmach rächen zu können. Doch die Hauptrolle in Holmes‘ Plan spielt kein anderer als der Dalai Lama höchstpersönlich …

|Mein Eindruck|

Junge, Junge, dies ist ein richtiger Augenöffner, der den Leser bis zur letzten Zeile wachhält! Der Autor weiß, was Literatur vermag, und legt sich keine Scheuklappen an, um seine abgefahrene Story von Holmes in der Parallelwelt zu erzählen. Und was für eine schreckliche Alternative das ist. Londons Menschen fürchten die neue Geheimpolizei König Eddys, die Moriarty, das Verbrechergenie, empfohlen hat. Höhepunkt der Unterdrückung und Traditionsmissachtung ist die blutige Schlacht am Hyde Park Corner, von jeher geheiligter Ort ungehinderter Meinungsäußerung.

Und Holmes gerät mitten hinein. Offensichtlich ist sein Erzfeind bereits seit Monaten am Werk, um die gesamte Welt in einen Weltkrieg zu stürzen. Und London war erst der Anfang. Die Amerikaner rüsten unter einer Militärdiktatur zu einem neuen Bürgerkrieg, die französische Regierung wurde gestürzt, die Deutschen produzieren Kanonen für den nächsten Waffengang usw. Es braucht einen Sherlock Holmes und seinen Verbündeten, den Dalai Lama, um die nahende Katastrophe zu verhindern.

Doch wie soll Holmes an Moriarty herankommen, wenn der Verbrecher doch im Palast residiert? Das fragt sich der Leser die ganze Zeit. Doch auch dafür hat Holmes einen Plan ersonnen, der riskanter nicht sein könnte. Alles muss dorthin zurückführen, wo es begann: zu den Reichenbach-Fällen …

Der Einfall mit der alternativen Welt ist brillant, aber in Science-Fiction-Kreisen nicht gerade neu. So hat etwa Philip K. Dick in [„Das Orakel vom Berge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2384 eine Welt geschildert, in der die Achsenmächte den II. Weltkrieg gewonnen und die Vereinigten Staaten besetzt haben. Staatsmänner wie Churchill haben sich die Folgen eines geänderten Geschichtsverlaufs vorgestellt: Was wäre passiert, wenn Napoleon 1815 bei Waterloo oder die Spanische Armada 1588 gegen Francis Drake gewonnen hätte? Zumindest Letzteres wurde mehrfach von britischen Autoren wie John Brunner („Zeiten ohne Zahl“), Kingsley Amis („Die Verwandlung“) und Keith Roberts („Pavane oder die Ermordung Ihrer Majestät Elisabeths I.“) geschildert. In diesem Kontext ist „Die fehlenden Jahre“ ein wertvoller und erhellender Beitrag.

3) _Klaus Peter Walter: Auftrag in Kiew_

Man schreibt das Jahr 1912, und sowohl Watson als auch Holmes, die in Sussex leben, sind schon in fortgeschrittenem Alter. Holmes widmet sich der Bienenzucht und dem ruhigen leben, Watson wohl noch immer dem Abfassen der Chroniken. Er verrät uns, dass er den russischen Ausflug seines Freundes nach Kiew bislang unterschlagen hat, vor allem, um die daran Beteiligten zu schützen.

Eines Tages im Jahr 1912 also besuchte ein russischer Zionist namens Israel Zangwill Holmes‘ Domizil und bat um dessen Besuch eines ungerechten Gerichtsverfahrens gegen einen Glaubensbruder, das demnächst in Kiew stattfinden würde. Holmes zeigt zunächst wenig Neigung, der Bitte Folge zu leisten, doch ein Brief seines Freundes Arthur Conan Doyle erweicht sein Herz. Drei Tage später ist er vor Ort, beschattet von einem groben Kerl, dem man den Soldaten auf hundert Meter ansieht.

Die vorrevolutionäre Zeit verrät sich auch in der Hauptstadt der Ukraine durch eine angespannte innenpolitische Lage. Nationalistische und antisemitische Schlägertrupps mit oberster Sanktionierung, so genannte Schwarzhundertschaften, bedrängen Juden in allen Bereichen. Nach dem ersten Besuch von Zangwills Freunden, zweier Schriftsteller, dauert es nicht lange, bis ihm Emissäre der Schwarzhundertschaften dringlich ans Herz legen, die Finger von diesem Fall zu lassen. Holmes ist nicht beeindruckt und lässt sich zum Gericht fahren.

Der Fall stinkt zum Himmel, denn die Anklage basiert auf der Meinung eines sogenannten Experten, der sich bei näherer Befragung als ahnungslos erweist. Doch als Holmes in sein Hotelzimmer zurückkehrt, findet er dort brisanten Lesestoff: Bücher von Revolutionären wie Trotzki und Lenin. Kaum hat er seinen ukrainischen Freunden davon erzählt, eilen sie, die kompromittierenden Bücher zu entsorgen. Wenig später erscheinen auch schon die Typen von den Schwarzhundertschaften, um sein Zimmer zu durchsuchen. Sie finden natürlich nichts und ziehen enttäuscht wieder ab.

Doch der Fall wird lebensgefährlich, als sich Holmes bis zum Tatort vorwagt. Dort kommt es zur gewaltsamen Konfrontation und er wird bewusstlos geschlagen. Als er aufwacht, steckt er von Kopf bis Fuß in einem Gips, irgendwo in einem dumpfen Krankensaal …

|Mein Eindruck|

Der Autor erweist sich als sehr kenntnisreich, was die literarischen Verflechtungen zwischen jüdisch-zionistischer Literatur in Kiew und der revolutionären Literatur in Russland angeht. Er belegt diese Bücher mit zahlreichen Fußnoten, was allerdings nicht so schön gelöst ist. Wenigstens wirft der Fall, den Holmes lösen soll, ein Schlaglicht, auf den Antisemitismus in Kiew, der offenbar staatlich sanktioniert wurde. Nur fünf Jahre nach Holmes‘ Besuch brach die Februar-Revolution 1917 aus, danach die Revolution der Bolschewisten im Oktober 1918. Doch aus den zionistischen Träumen eines Theodor Herzl wurde leider nichts, zumindest bis 1948.

Wie man meiner Inhaltsangabe sicher entnommen hat, steht der zu lösende Fall gar nicht zur Debatte. Es geht viel mehr um das politische Umfeld, dem Holmes um ein Haar zum Opfer fällt. Er kann von Glück sagen, wenn er mit heiler Haut wieder nach Hause kommt. Das literarische Motiv des Lebendig-Begrabenwerdens wird hier wieder einmal genutzt, sehr zum Vorteil der Spannung. Natürlich hatte E. A. Poe schon vorher daran gedacht, es effektiv zu nutzen, aber bei Holmes findet man es selten.

4) _Ralph E. Vaughan: Holmes und die Alten Götter_

Im Sommer 1927 besucht Holmes ohne seinen verstorbenen Freund Watson die schöne Stadt Boston in Massachusetts. Ein Ex-Professor der Miskatonic University von Arkham ergreift die Gelegenheit, um sich an ihn zu wenden. Holmes erkennt den Professor in Martin Philips sofort. Dieser trägt sein Anliegen vor: Seit Wochen wird sein Cousin Carter Randolph vermisst. Dass Carter an die Existenz uralter Götter glaube, die vor dem Auftauchen des Menschen auf der Erde herrschten, habe jedoch wohl nichts mit seinem Verschwinden zu tun, hofft er. Holmes ist fasziniert und macht sich mit Philips auf die Suche nach Carter.

Carters Wohnung wurde durchsucht, möglicherweise von den halbmenschlichen Wesen, die sie beschatten. Doch Holmes‘ scharfes Auge entdeckt einen Hinweis sofort, der einen dicken Umschlag zu Tage fördert, der unter den Schreibtisch geklebt war: seine Korrespondenz mit einem gewissen Howard Phillips Lovecraft aus Providence. Als sie am 18. Juli 1927 diesen Schriftsteller besuchen, erhalten sie einen wertvollen Hinweis. Für das Verschwinden Carters könnte die Starry-Wisdom-Sekte eines gewissen Enoch Bowen verantwortlich sein. Dieser Mann beruft sich auf Weisheit aus dem alten Ägypten und noch dunkleren Quellen. Lovecraft füchtet um Randolphs Leben.

In Boston ruht sich Martin erst einmal aus, doch Holmes unternimmt einiges. Plötzlich schleppen zwei Pinkerton-Detektive einen dieser halbmenschlichen Kerle herein, die wie große Kröten aussehen und in Mäntel gehüllt sind. Holmes offenbart, dass er diesem Kerl nächstens zum Hauptquartier von Bowen in der Werft gefolgt sei und gehört habe, wie er mit Bowen sprach. Daraufhin stößt der Kerl eine gutturale Anrufung Cthulhus aus und stürzt sich aus dem Fenster in den Tod.

Offenbar steht etwas sehr Ernstes bevor, schließt der besorgte Holmes, während Philips regelrecht bestürzt ist. Sie bewaffnen sich und gehen abends zu einer bestimmten Stelle am Atlantikstrand. Dort soll Carter Randolph dem Gott Cthulhu geopfert werden …

|Mein Eindruck|

Dieser Autor kennt seinen Lovecraft bestens. Er bettet Holmes’ Besuch in den USA in das Leben und Werk des Einsiedlers von Providence ein. Der Witz dabei ist jedoch, dass der von HPL erfundene Randolph Carter hier zu einem fiktiven, echten Carter Randolph mutiert und ein Eigenleben annimmt. Nicht, dass diese Figur irgendetwas zu sagen hätte.

Der Zeitpunkt des Sommers 1927 ist interessant. Lovecraft hatte gerade die Abenteuer Carters in „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ beendet und war kurz davor, in „Weird Tales“ die grundlegende Erzählung „Cthulhus Ruf“ zu veröffentlichen, die den Cthulhu-Mythos begründet. Diese hat den kleinen Schönheitsfehler, dass Carter nicht darin auftritt.

Das eigentliche Thema dieser Erzählung ist jedoch, wie bei HPL, das Aufeinandertreffen des alten Götterglaubens auf die Erkenntnisse und Theorien der modernen Wissenschaft. Wo auf der einen Seite das alte Ägypten und Götter aus anderen Dimensionen eine Rolle spielen, fallen auf Seiten der Wissenschaft Namen wie Einstein, Curie, Schrödinger und natürlich Heisenberg, kurzum Atom- und Quantenphysiker.

Holmes thematisiert diesen Gegensatz, meint aber letzten Endes: „Es gibt eben Menschen, die Götter brauchen.“ Und das ist auch heute so, wo Fantasy, SF und Horror in Massen konsumiert werden, obwohl sich unser Leben aufgrund der Technik grundlegend verändert hat. Will heißen, dass es durchaus immer noch möglich ist, dass Wahrheitssucher wie Carter Randolph auf dem Altar von Göttern geopfert werden. Das ist vielleicht die eigentliche Botschaft dieser Erzählung.

5) _Achmed A. Khan: Dr. Watsons geheimes Tagebuch (Epilog)_

Das geheime Tagebuch verrät nicht viel außer: Watson war Moriarty!

|Mein Eindruck|

Blanker Unsinn, nicht wahr? Und wenn nicht? Mehr lässt sich dazu nicht sagen, denn der Text ist nur drei Seiten lang. Damit hat der Herausgeber dieser Sammlung einen Bärendienst erwiesen, der zu Punktabzug führt.

_Die Übersetzung_

Die Rechtschreibung der Übersetzung ist fehlerlos und der Stil, mit gewissen autorbedingten Schwankungen, dem Stil der jeweiligen Epoche zwischen 1892 und 1927 angemessen.

Der Anhang enthält fünf Kurzbiografien der Autoren.

_Unterm Strich_

Ich bin ein Sherlock-Holmes-Fan, allerdings kein glühender oder gar vorbehaltloser. Nicht alles, was Conan Doyle über den Meisterdetektiv geschrieben hat, war das Goldene vom Ei, so etwa der Auftrag von 1917, einen deutschen Spion unschädlich zu machen, und das meine ich jetzt nicht nationalistisch. Doyle wollte damals wohl die Moral seines Volkes stärken, und was konnte er Besseres tun, als seine bekannteste Figur sich für den Sieg einsetzen zu lassen?

Von den hier gesammelten Erzählungen haben mir am besten die ersten zwei gefallen, besonders „Mrs. Hudsons Theorie“. Der Neueinsteiger muss, um das Vergnügen voll ausschöpfen zu können, natürlich die Vorlage „Das gefleckte Band“ kennen. Mir schien diese Vorlage seinerzeit fehlerhaft zu sein: Milch soll Schlangen domestizieren? Daher hat der Autor einige Irrtümer korrigiert.

Dass sich auf Amazon.de jetzt der Käufer dieses Bandes darüber erregt, er sei getäuscht worden, weil seine ursprüngliche Kopie von „Mrs. Hudsons Theorie“ nicht in der vorliegenden Übersetzung wiederzufinden sei, ficht mich nicht an. Ich finde die Story folgerichtig und fehlerfrei, selbst wenn Holmes sehr viele ergänzende Erklärungen aufbieten muss. Dass die „Charaktere wie Comicfiguren sprechen“, kann ich nicht bestätigen, ganz im Gegenteil: Sie reden wie alle Figuren bei Conan Doyle, nämlich in einem ziemlich gestelzten Stil. Der findet sich ja auch in den klassischen Verfilmungen mit Basil Rathbone als Holmes.

Auch „Die fehlenden Jahre“ konnte mir in seiner Kühnheit gut gefallen. Weniger witzig war der Fall in Kiew, denn es ging gar nicht um eine Ermittlung, sondern um deren Verhinderung. Stärker ist da schon „Holmes und die alten Götter“, denn dem Autor gelingt eine gute Verbindung zwischen den Holmes-Abenteuern und dem Cthulhu-Mythos. Das ist eine gelungene Pastiche. Man kann sich natürlich fragen, was, zum Geier, Holmes eigentlich in der Neuen Welt zu suchen hat.

Unnötiger Wurmfortsatz dieser Sammlung ist Khans superkurzer Text von gerade mal drei Seiten. Watson als Moriarty zu enthüllen, ist ein Schlag ins Gesicht jedes Holmes-Liebhabers – und steht wahrscheinlich deshalb als Herausforderung am Schluss der Sammlung.

|Aus dem US-Englischen von Hans Gerwien
limitierte Auflage von 888 Exemplaren
256 Seiten Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3-89840-288-0|
http://www.BLITZ-Verlag.de

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