_Mörderische Pointe – kongenialer Vortrag_

Der Kurzkrimi in Kürze: Eine seltsame Freundschaft verbindet Schlemmer, jung, gut aussehend, selbstbewusst, mit dem alten und todkranken Koch. Beide arbeiten als Puppenspieler. Der eine hat große Theaterambitionen, der andere führt ein sonderbares Einsiedlerdasein. Als Koch seinem Freund gesteht, dass er vor langer Zeit zehn Millionen von einer Kaufhauskette erpresst, das Geld aber nie ausgegeben hat, wittert Schlemmer seine Chance …

_Der Autor_

Frank Schätzing, geboren 1957, studierte Kommunikation und wurde Creative Director in internationalen Agentur-Networks. Er gründete die Kölner Werbeagentur |Intevi| und arbeitete als Musiker und Musikproduzent. 1995 debütierte er mit dem historischen Roman “Tod und Teufel”, der sich inzwischen zum Bestseller gemausert hat. Nach einer Reihe von Krimis und Kurzgeschichten folgte 2000 der Politthriller “Lautlos”. Die Synthese aus beidem ist “Der Schwarm”. Der Öko-Katastrophenthriller sauste die Buchcharts hoch und wurde sogar in die USA verkauft. Die Verfilmung dürfte unvermeidlich sein; die Filmrechte wurden Mitte 2006 verkauft. Schätzing wurde 2002 mit dem KölnLiteraturpreis ausgezeichnet und lebt auch in der Domstadt. 2004 erhielt er den Buchpreis Corine, 2005 den Kurd-Laßwitz-Preis, den Deutschen Science-Fiction-Preis, die Goldene Feder und den Deutschen Krimi-Preis.

Regie führten der Autor und Loy Wesselburg. Die Technik steuerte Niklas Richter.

|Frank Schätzing bei Buchwurm.info:|
["Der Schwarm"]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=731 (Hörspiel)
["Tod und Teufel"]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2566 (Hörbuch)

_Hintergrund_

Das Kölner Hänneschen-Theater (ausgesprochen: hännes-chen) ist ein traditionsreiches Puppentheater mit alten Kölner Originalen, allen voran dem Hänneschen, einem ewig zu Streichen aufgelegten jungen Burschen, seiner Freundin Bärbelchen, dem stotternden Speimanes, Tünnes und Schäl, dem kölschen Schutzmann und einer ganzen Reihe weiterer Charaktere. Den holzgeschnitzten Stockpuppen Leben zu verleihen, erfordert viel Geschick und die einwandfreie Beherrschung kölscher Mundart. Die Vorstellungen sind legendär und auf Monate ausgebucht. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Schlemmer und Koch sind beide Puppenspieler am Hänneschen-Theater. “Heil dir, Macbeth, Than von Cawdor, Than von Glamis!”, stellt sich Schlemmer vor, wie ihn auf der Straße die jungen Frauen – nach dem Vorbild der drei Shakespeareschen Hexen – grüßen und anhimmeln. Doch leider steht Schlemmers gigantisches Ego in krassem Gegensatz zu seinem Bankkonto, das in tiefem Rot warnblinkt.

Zu allem Überfluss hat er sich auch noch an einen jugoslawischen (ja, damals gab es Jugoslawien noch) Wucherer gewandt, der nun sein Geld samt Wucherzinsen zurückfordert. Allerdings ist Schlemmer so von sich eingenommen, dass er niemandem zuhört und auch keine andere Hilfe mehr annimmt. Sein reicher Papa hat ihn längst enterbt. Kurzum: Schlemmer sollte eigentlich verzweifelt sein. Er trinkt die Flasche Rotwein auf seinem Tisch also alleine. Klarer Fall: Die Welt ist ungerecht, ganz besonders zu ihm.

Deshalb hört er gar nicht so richtig hin, als Koch ihn zu sich einlädt. Was, in seine Wohnung, oder was?! Schlemmer weiß, dass Koch vor zwei Monaten gekündigt hat. Er habe Krebs im Endstadium, vertraute er ihm an. Echt traurig, Mann, echt, aber es kümmert Schlemmer im Grunde nicht. Er tritt sich aber in den moralischen Hintern und fährt in die Altstadt. Dort staunt er nicht schlecht: Fast alle Oberflächen der 200-Quadratmeter-Wohnung sind mit Puppen bedeckt: grinsenden, weinenden, lachenden Puppen. Natürlich auch mit solchen vom Hänneschen-Theater. Schlemmer ist platt. Als Koch auch noch einen edlen Whisky aus dem Jahr 1780 kredenzt, wundert er sich noch mehr. Das kann aber sein Bedürfnis nach Selbstbeweihräucherung nicht stoppen. Koch wartet, bis das schier Unmögliche eintritt: Schlemmers Redestrom versiegt!

Koch will beichten und Abbitte leisten. Er sei durch eine üble Geschichte zum Menschenfeind und Puppenfreund geworden. In seinem früheren Leben sei er nämlich mal Sprengstoffexperte bei der Polizei gewesen. Schlemmer staunt und fragt sich, was das soll. Er eignet sich nicht zum Beichtvater. Koch fährt fort, dass er kündigte, als er dreimal hintereinander fast tödliche Fehler machte – die Nerven. Doch um sich einen schönen Lebensabend zu verschaffen, habe er eine Kaufhauskette erpresst. Schlemmer glotzt. Koch gibt zu: Er musste drei Abteilungen sprengen, bis die Pfeffersäcke endlich zahlten. Wie viel? Zehn Millionen Euro. Schlemmer fallen fast die Augen aus dem Kopf.

Damit habe das Elend angefangen, beichtet Koch. Vor lauter Angst, wegen des Geldes erwischt zu werden, habe er eine regelrechte Paranoia entwickelt, zog sich vor allen Freunden zurück, verdächtigte sogar Nachbars Katze und wurde zum Misanthropen. Und das Geld, will Schlemmer, hellhörig geworden, wissen – wo ist es? Koch will mit Schlemmer an einem See den Sonnenaufgang genießen. Schlemmer muss gute Miene zum seltsamen Spiel machen und fährt mit.

Das Geld sei versteckt, sagt Koch, und zwar so, dass selbst er selbst Mühe hätte, an den Zaster ranzukommen. Schlemmer, vom Whisky etwas benebelt, gibt zu, dass er allein schon 50.000 Mäuse gut gebrauchen könnte. Er würde sie – garantiert! – wieder zurückzahlen. Das ist Koch völlig klar. Aber ihm geht es nicht ums Geld, sondern nur darum, seine Geschichte erzählen können – irgendjemandem, selbst wenn es nur Schlemmer ist. Der sieht jedoch rot …

In Kochs Wohnung fragt er sich, wo das Geld versteckt sein könnte. In der Wand, unter den Bodendielen, im Klo? Schwachsinn. Da fällt sein Blick auf die unzähligen Puppen und ein Geistesblitz erleuchtet sein Mörderhirn. “Heil dir, Macbeth!” Er fällt über sie her wie der schottische Thronräuber über Fortinbras’ Norweger. Doch Koch hat für ihn eine böse Überraschung hinterlassen.

_Mein Eindruck_

So sollten Kurzkrimis sein. Elegant erzählt, aber mit guten Charakterporträts und einer Pointe, die den Zuhörer unerwartet trifft. Kochs Lebensgeschichte, obwohl hart am Unwahrscheinlichen (sind Erpressungen das nicht immer?), berührt den Zuhörer, wenn auch nicht Schlemmer. Schlemmer ist ein trauriger Tropf, wäre da nur nicht seine plötzlich auflodernde kriminelle Energie. Ist der Druck groß genug, kann offenbar jeder zum Verbrecher werden.

Die Moral von Kochs Beichte ist zwar platt: Geld macht nicht glücklich, und es beruhigt auch nicht, egal, was der Volksmund behauptet. Aber interessant fand ich Kochs Entdeckung eines Zusammenhangs zwischen Misanthropie und Puppenspiel. Wer der Welt zum Feind geworden ist, sucht bei den Puppen Zuflucht, um sich in deren Spiel-Leben zu verwirklichen und alles immer zu einem guten Ende zu bringen.

Doch wie Schlemmer zu seinem Leidwesen erfahren muss, hält sich das wirkliche Leben nicht an die Spielregeln. Es stellt einem immer ein Bein, und sei es auch durch einen Kollegen, der wie ein harmloser Puppensammler wirkt, es aber faustdick hinter den Ohren hat. Wieder einmal ist die Welt ungerecht zu Schlemmer. Zum Glück ist es wirklich und endgültig das letzte Mal.

|”Heil dir, Macbeth!”|

Immer wieder fallen die Zitate aus Shakespeares Stück “Macbeth” auf, einer regelrechten Räuberpistole mit Horroreinlagen. Die Geschichte des schottischen Thronräubers, wie Shakespeare sie erzählt, dürfte bekannt sein. Drei Hexen haben ihm eine strahlende Zukunft vorausgesagt, die ihn zum Fürsten (Than) und sogar zum König machen werde. Macbeth hilft denn auch nach Kräften dem Schicksal nach. Der Headcount ist relativ hoch, aber das verwundert bei einer elisabethanischen Tragödie wenig. Ben Jonsons Stücke und die von Christopher Marlowe sind ebenfalls recht blutrünstig.

Die Pointe ist jedoch bei Shakespeare von sogenannter Schicksalsironie erfüllt. Die Versprechen der Hexen sind ebenso Betrug wie die des Teufels, und der Ruhm, den sich Macbeth wünschte, tritt in ganz anderer Form ein als erwartet. Sogar als sie ihm prophezeien, nur “ein Mann, von keiner Frau gebor’n” könne ihn besiegen – also niemand – erweist sich dies als Täuschung und Verrat.

Wenn sich also Schlemmer ständig auf Macbeth beruft, um sich als selbst als großen Tragöden in Pose zu setzen, so ist dies lediglich Hochmut, der vor dem Fall kommt. Und der Fall ist diesmal ziemlich tief. Er hat versucht, ein Thronräuber wie sein Vorbild zu sein und Koch, seinen als Puppenspieler wesentlich besseren Kollegen, zu beerben, wie weiland Macbeth seinen König Duncan. Doch der Schuss geht nach hinten los. Wer genau hinhört, wird in der Erzählung jede Menge bittere Ironie heraushören.

_Der Autor & Sprecher_

Es gibt drei Stimmen in diesem Kammerstück. Sie sind voneinander völlig verschieden. Was nun das völlig Verblüffende daran ist: Sie alle gehören dem Autor Schätzing. Es fällt mir immer noch schwer, das zu glauben, aber auch der Abspann bestätigt die Angaben im Booklet: Nur Schätzing spricht. Es haut mich um.

Zunächst hören wir Schlemmer wieder mal predigen und jammern, wie schlecht und ungerecht die Welt zu ihm ist und wie mies das Niveau des Theaters ist, das offenbar nur auf ihn wartet, um es vor dem völligen Untergang zu retten. Schlemmer klingt jung, er redet schnell und wirkt dynamisch. Koch hingegen klingt behäbig und resigniert, ein Mann an die 60, mit einer sehr tiefen, etwas gepresst klingenden Stimme. Krebs? Die Diagnose klingt plausibel.

Die dritte Stimme gehört dem “Erzähler”. Seine Tonlage ist ebenfalls tief, klingt aber entspannt und beruhigend. Ein neutraler Beobachter sozusagen. Schätzing macht seine Sache ausgezeichnet, und nur an einer Stelle unterläuft ihm ein Aussprachefehler. Es geht um Poes Erzählung ["Der Fall / Untergang des Hauses Usher".]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2347 “Usher” spricht er wie [uscher] statt wie [ascher] aus.

_Unterm Strich_

Dieses Hörbuch hat mir sehr gut gefallen und ist sein Geld wirklich wert. Schätzing erweist sich hier nicht nur als gewitzter und eleganter Erzähler, sondern auch als vielseitiger und kompetenter Sprecher. Seine Story hat eine böse Pointe, wie sie einem Krimi gut zu Gesicht steht, verrät aber auch eine genaue Detailkenntnis über Theater, Puppenspiel und die Menschen, die mit beidem zu tun haben. Seine Figuren reden, wie eben Leute im richtigen Leben, zumal in Köln, reden würden. Es klingt echt. Nur Kochs “Beichte” ist etwas in die Länge gezogen, aber das ist ja der Sinn seiner Einladung: Er will seine Lebensgeschichte loswerden, und je mehr Details er enthüllt, desto verblüffender und spannender klingen sie für Schlemmer – und für den Zuhörer. Besser geht’s nicht.

|Original aus: “Keine Angst”, 2003
79 Minuten auf 1 CD|

http://www.hoerverlag.de

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