Schätzing, Frank – Tod und Teufel

Nachdem Frank Schätzing mit [„Der Schwarm“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=731 einen wirklich genialen Bestseller verfasst und von Seiten der Presse endlich auch die Wertschätzung erhalten hat, die er schon seit längerer Zeit verdient, ist das Interesse am deutschen Erfolgsautor gewaltig. Diesem Umstand ist es nun wohl auch zu verdanken, dass Schätzings bereits hoch gelobtes Debütwerk „Tod und Teufel“ dieser Tage wieder ins Gespräch kommt. Der historische Roman, mit dem der Autor 1995 seinen Einstieg feierte, ist seit einiger Zeit auch als Hörbuch erhältlich und führt uns auf insgesamt 8 CDs zurück ins mittelalterliche Köln, genauer gesagt ins 13. Jahrhundert – und in eine Zeit, in der Verschwörungstheorien fast genauso aktuell waren wie zur Ära von Dan Brown und seinen Nachahmern.

_Story_

Köln im Jahre 1260: Erzbischof Rainald von Dassel hat die Gebeine der Heiligen Drei Könige als Beute aus dem Krieg mitgebracht und seine Heimatstadt im Nu zur Pilgerstätte für das gesamte Christentum verwandelt. Neben all den rechtschaffenen Bürgern, die gerne mehr über den historischen Fund erfahren wollen, zieht es aber auch Taugenichtse, Diebe und Betrüger nach Köln, welche die Situation gerne nutzen möchten, um sich am bunten gesellschaftlichen Treiben illegal zu bereichern.

Einer von ihnen ist Jacop, ein herzensguter Tollpatsch, der lediglich aus Armut auf unredsame Weise sein täglich Brot zusammenstiehlt. Als er eines Tages nach ein paar Äpfeln trachtet, die neben der Baustelle des gerade entstehenden Doms auf einem Baum wachsen, wird er unversehens Zeuge eines Mordes. Niemand Geringerer als der Dombaumeister Gerhard Morart wird von Unbekannten von einem Gerüst an der offenen Baustelle in den Tod gestoßen. Jacop, genannt ‚Der Fuchs‘ ist von diesem plötzlichen Ereignis derart schockiert, dass er ebenfalls stürzt und dabei direkt neben dem Sterbenden aufschlägt. Morart kann dem unfreiwilligen Zeugen mit letzter Kraft noch einige Worte zuflüstern. Dies bleibt dem Mörder jedoch nicht verborgen, der noch an Ort und Stelle Jagd auf Jacop macht, ihn aber entkommen lassen muss.
Jacop ist daraufhin ziemlich aufgedreht; von Morart hat er erfahren, dass eine große Verschwörung im Gange ist, an der höchste Gremien der Stadt beteiligt sind, und weil er dieses Wissen nicht verbergen kann, erzählt er seinen beiden Freunden Maria und Tillmann von der Tat. Deren Schicksal ist damit besiegelt: beide Eingeweihten sind kurze Zeit später tot.

‚Der Fuchs‘ gerät infolgedessen immer mehr in Bedrängnis, findet in dieser brenzligen Lage aber Zuflucht bei der Färberstochter Richmodis, die mit ihrem stets volltrunkenen Vater und ihrem Onkel, dem gebildeten Physikus Dechant Jaspar, zusammen lebt. Als diese jedoch eingreifen und Jacop beim Aufspüren der finsteren Gestalten behilflich sind, greift der Mörder des Dombaumeisters ein weiteres Mal ein und bringt das neue Gefolge in größte Gefahr. Und dabei war der erste Mord nur ein kleiner Baustein inmitten einer riesigen Verschwörung …

_Meine Meinung_

Wow, was für eine geniale Geschichte! Selbst in Zeiten, in denen besagter Dan Brown mit seinen verschiedenen rätselhaften Theorien eine Menge Staub aufwirbelt und man den Eindruck hat, dass zwischen Katharern, Gottlosen und Kreuzrittern mittlerweile alle verschwörerischen Gruppen in vergleichbaren Romanen genügend Zuspruch gefunden haben, ist „Tod und Teufel“ noch etwas Besonderes und absolut nicht minder spannend als „Illuminati“ oder das gerade wieder populäre „Sakrileg“. Die Geschichte um den verwegenen Tagedieb Jacop beginnt dabei so rasant, dass man gar nicht erst Zeit hat, sich über Ähnlichkeiten (wobei man bitte beachten sollte, dass dieses Buch vor der Brown-Ära entstanden ist) Gedanken zu machen. Recht schnell ist die Rahmenhandlung aufgebaut, und bevor man sich noch näher mit der historischen Einordnung der Ereignisse bechäftigen kann – die übrigens in diesem Fall prima recherchiert sind – liegt Jacop bereits am Boden neben dem sterbenden Dombaumeister und empfängt dessen letzte, folgenschwere Botschaft. Auch wenn Schätzing das Tempo nicht über die gesamte Dauer halten kann, ist es schon beachtlich, wie schnell es prinzipiell zu ermöglichen ist, den Leser bzw. in diesem Fall den Hörer mitten in eine prekäre Situation zu versetzen, in der man sich selber zeitweise als Teil des Protagonisten fühlt.

Jacop ist dabei nicht einmal eine wirklich besondere Figur; er hat zwar das Herz am rechten Fleck, und man verzeiht ihm auch schnell seine negativen Eigenschaften, aber er ist im Grunde genommen auch nur ein Normalbürger und damit auch kein besonderer unter vielen. Erst die unerwarteten Geschehnisse in seiner Umgebung und die seltsame Situation, in die er rasant hineingezogen wird, machen ihn zu einer Art Heldenfigur, die vom Profil her allerdings gar nicht als solche taugt. Schließlich ist Jacop als Person ein wenig trottelig und auch wegen seiner Statur nicht aus dem Stoff, aus dem Helden geschaffen sind. Der Ernst der Lage ändert an dieser Tatsache dann aber einiges; man fühlt sich mit dem Hauptdarsteller verbunden, nimmt Anteil an seinem unglücklichen Schicksal und wünscht ihm, schnellstmöglich Sicherheit und Geborgenheit zu finden; Dinge, die er in seinem bisherigen Leben nie hatte, nun aber nötiger braucht als je zuvor.

Die Beziehung, die man zu diesem Charakter aufbaut, bewirkt aber auch, dass man ihn irgendwann überschätzt und die Gefahr, die sich in wirklich jedweder neuen Situation für ihn ergibt, unterschätzt – was Jacop anfangs übrigens auch tut. Er ist zwar Zeuge eines Mordes, glaubt aber dennoch, dass er mit Hilfe seiner beiden Freunde vor den Auswirkungen seines Beiseins geschützt ist. Erst als der Tod ein weiteres Mal in seine Nähe tritt und ihn auch noch direkter betroffen macht, ist er sich bewusst, wie umfassend die Verschwörung ist, die ihn aus dem Nichts überrollt hat.

In erster Linie ist „Tod und Teufel“ daher auch ein historischer Thriller, jedoch mit durchaus moderner Sprache. Schätzling misst den bürgerlichen Gepflogenheiten des 13. Jahrhunderts zwar einen gewissen Wert zu, hält sich sprachlich aber selber nicht immer an die Vorgaben, die der geschichtliche Hintergrund liefert. Dies ist jedoch keine direkte Kritik, sondern eher die Feststellung, dass abseits der beschriebenen Umgebung nicht alles den tatsächlichen Begebenheiten des Jahres 1260 in Köln entspricht. Schätzing hat, wie bereits erwähnt, sehr genau recherchiert und vor allem die Geschichte der Stadt in den Vordergrund gestellt, im Bezug auf das gesellschaftliche Miteinander dann aber eher auf eine lockere Atmosphäre gesetzt. Mir persönlich gefällt dies ziemlich gut, wobei ich mir aber auch vorstellen kann, dass Geschichtsfanatiker in diesem Zusammenhang mehr Wert auf vollkommene Authentizität legen. Doch hier darf der Geschmack auch gerne verschieden sein. Allerdings können die vielen intellektuellen Wortduelle zwischen Richmodis Vater Goddert und seinem Trinkbruder Jaspar Rodenkirchen diesbezüglich wieder viele erregte Gemüter besänftigen und steigern alleine durch ihre Präsenz den Anspruch dieses hier vorgelesenen Romans noch einmal gehörig.

Letztendlich ist dem Autor so auch die richtige Mischung gelungen; „Tod und Teufel“ ist sowohl historischer Roman als auch Krimi, Verschwörungs-Thriller und Drama, je nachdem, ob man nun mehr auf die Charaktere oder den Plot als solchen blickt. Eines haben alle diese Versatzstücke aber gemeinsam: Sie tragen allesamt dazu bei, dass hier eine wunderbare Erzählung zustande gekommen ist, die zwar mittendrin ein paar dezente Längen aufweist, zum Ende hin aber (nicht zuletzt wegen der wunderbaren Atmosphäre) wieder derart Schwung aufnimmt, dass man nicht mehr von ihr ablassen kann, bis es zur entscheidenden Szene gekommen ist. Und deshalb kann ich im Fazit auch ohne schlechtes Gewissen behaupten, dass jeder, der „Sakrileg“ und „Der Schwarm“ gelesen hat und dabei auch historische Inhalte bevorzugt, dieses (Hör-)Buch lieben wird. Ganz sicher!

http://www.emons-verlag.de/

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