Schenkel, Andrea Maria – Kalteis. Das Hörspiel

_Geheime Reichssache: der Frauenmörder Kalteis_

Anfang der 1930er Jahre werden junge Frauen vergewaltigt und umgebracht. Josef Kalteis ist verhaftet worden, aber gehen wirklich alle Verbrechen auf sein Konto? In diesem Hörspiel kommen Täter wie Opfer zu Wort. Es basiert auf einem authentischen Fall. Josef Kalteis alias Johann Eichhorn wurde von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt, alle Akten zur Geheimen Verschlusssache erklärt.

_Die Autorin_

Andrea Maria Schenkel, 1962 geboren, ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Regensburg. Für ihren Bestseller „Tannöd“ erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis 2007. Die Lesung von Monica Bleibtreu wurde mit dem Dt. Hörbuchpreis 2007 ausgezeichnet. Der Roman wird zur Zeit verfilmt. Inzwischen ist ihr dritter Roman „Bunker“ erschienen, auch als Hörbuch.

Andrea Maria Schenkel auf |Buchwurm.info|:

[„Tannöd“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4057 (Hörspiel)
[„Tannöd“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2348 (Buchausgabe)

_Die Inszenierung_

|Die Rollen und ihre Sprecher|

Kathie: Laura Maire
Hofmann, Passantin: Andrea-Marie Wildner
Kathie als Kind: Linda Marie Schenkel
Kalteis: Ulrich Noethen
Und weitere.

|Der Regisseur und Bearbeiter|

Norbert Schaeffer, geboren 1949 in Saarbrücken, ist ein renommierter Hörspielregisseur. Er studierte Germanistik, Soziologe und Politologie. 1979 bis 1981 machte er eine Ausbildung zum Rundfunkjournalisten beim Saarländischen Rundfunk und arbeitete schließlich als Regieassistent. Von 1984 bis 2006 war er als freier Regisseur und Bearbeiter tätig. Seit März 2006 ist er Leiter der Hörspielabteilung des NDR in Hamburg. Hier hat er u. a. „Schnee“ von Orhan Pamuk und „Tannöd“ inszeniert.

|Die Musik| trug wie bei „Tannöd“ wieder Martina Eisenreich bei.

_Handlung_

Es ist der 29. Oktober 1939. Der Volksdeutsche Josef Kalteis wird zum Volksschädling erklärt und nicht begnadigt, also zum Tode verurteilt. Weil der Angeklagte ein Mitglied der NSDAP ist, wird die Prozessakte zur Geheimen Reichssache erklärt. Damit findet ein langes Verfahren seinen Abschluss. Aber hat man den Richtigen verurteilt?

Josef Kalteis gibt im Februar 1939 vorm Staatsanwalt zu Protokoll, er sei seit 1937 mit Walburga Pfafflinger verheiratet und habe mit ihr zwei Söhne, die mit ihnen in Aubing wohnen. Er arbeite als Rangierer bei der Bahn. Er sei aber kein Kostverächter, sondern schaue schon mal auch andere Frauen an, so etwa in bestimmten Gasthäusern. Die Schwarzhaarigen mit einem breiten Hintern mochte er am liebsten. Und er hat auch eine Methode, sie zu behandeln …

Seine Frau hat er erst nach der zweiten Schwangerschaft geheiratet, um Unterhaltszahlungen zu vermeiden. Auf die Behauptung, er habe seine Frau geschlagen, leugnet der Angeklagte erst, dann gibt er es zu. 1938 war er in Obermenzing bei München beim Schlachten einer Sau. Er kann alle Handgriffe kann genau beschreiben und erklären sowie Tipps geben.

Anwohner bemerken, wie ein Pärchen im Schnee liegt, wenig später kommt die Frau zur Tür getorkelt und erklärt, sie sei vergewaltigt worden. Die Anwohnerin radelt dem Kerl nach, doch er versteckt sich hinter einem Gartnhaus. Frau Schreiber stellt ihn zur Rede, aber er läuft davon. Sie radelt ihm hartnäckig weiter nach, aber er hört nicht zu. Nur der Gastwirt Schmied eilt ihm nach und verfolgt ihn über die Felder. Kalteis erinnert sich an ein Mädchen auf dem Gehweg vor Aubing, seinem Wohnort. Er packte es, aber an den Rest will er sich nicht mehr erinnern können. Zwei Frau verfolgten ihn, so viel weiß er noch, und dass ihn auf den Wiesen die Gendarmen festgenommen haben.

|Ein Opfer?|

Am Samstag, den 3. Oktober 1931, bricht Kathi Hertl aus Wolnzach auf nach München, um es in der großen Stadt zu etwas zu bringen, wie die tollen Schauspielerinnen. Sie geht zuerst zur Firma Hofmann und deren Direktorin, aber die hat keinen Bedarf, und ein Dienstmädchen bei einem Rechtsanwalt will Kathie auch nicht gern sein.

Am nächsten Tag fragt sie ihre Tante, aber die hat auch keinen Platz, deshalb kriecht sie bei einer Freundin unter, für ein paar Tage. Sie denkt über die Gustl nach, die ein Model wurde und dann die Syphilis bekam. Am 5. Oktober wirft die Freundin die Kathi hinaus. Sie soll in die Marienherberge. Abends kehrt Kathie wieder im Gasthaus Soller ein. Dort lernt sie den Blonden kennen. Aber sie geht mit einem anderen und küsst ihn zum Abschied. Am 9. Oktober, einem Freitag, trifft sie ihn mittags und geht mit in sein Haus in Waldperlach. Aber sie gibt sich ihm nicht hin, sie sei ja noch Jungfrau und kein Flittchen. In seiner Brieftasche findet sie grausame Fotos, die sie aber verdrängt. Am nächsten Tag wartet sie vergeblich, und am Sonntag hat er schon eine andere.

Auf der Wiesn wurde ein etwa 16- bis 18-jähriges Mädchen zuletzt gesehen, wie es sich von einem Mann Mitte 20 ansprechen ließ und mit ihm ging, Richtung Krankenhausanlagen. Der Mann, so die Zeugin, sah aus wie ein Kraftfahrer, so kräftig. Josef Kalteis erinnert sich ebenfalls an die Kathi Hertl, denn sie gefiel ihm…

|Vermisst|

Mehrere Zeugen beschreiben einen Mann mit Sportmütze, zwischen Germering, westlich von München, und südlich von Starnberg mehrfach beobachtet wurde, wie er Radfahrerinnen auflauerte. Manche von ihnen entkamen seinen Nachstellungen, doch einige auch nicht. So etwa Marlies, verheiratet seit dem 7.5.1934, 26 Jahre alt, für die am 30. Mai 1934 im Radio eine Vermisstenmeldung ausgegeben wurde …

_Mein Eindruck_

Diese Inhaltsübersicht habe ich aus den verschiedenen Einzelszenen des Hörspiels zusammengestellt. Da es von der Autorin (oder nur vom Verlag?) eine „Stimmencollage“ genannt wird, konnte ich nicht erwarten, so etwas wie eine Thrillerhandlung zu erhalten. Aber das, was ich am Ende bekam, waren gerade mal Bruchstücke von Szenen, die ich zusammensetzen musste – so ähnlich erging es wohl auch den Polizisten, die die Mordfälle zu untersuchen hatten.

Es ist ein Puzzle aus Impressionen, aber es gibt wenigstens zwei rote Fäden. Der eine ist Josef Kalteis selbst, der vor dem Staatsanwalt aussagen muss. Der Vorgang, dass er erst nach Leugnen die Wahrheit eingesteht, ist einfach zu verstehen. Leider kommt er im letzten Drittel nur einmal vor. Der zweite Handlungsstrang dreht sich – minutiös protokolliert wie ein Tagebuch – um Kathi Hertl aus Wolnzach in Bayern, die in München und Umgebung gerade mal eine Woche überlebt, bevor sie umgebracht wird.

Ihr Schicksal wird nun verallgemeinert. Was diese zwei klaren Bilder im Bewusstsein des Hörers verwischt, sind die drei oder vier anderen Mordopfer wie etwa Melanie aus dem Jahr 1934. Zum Glück gibt es hier gemeinsame Nenner wie etwa den, dass alle Opfer Rad fuhren, allein waren und ziemlich lange Strecken über flaches Land zurücklegten, welches damals viel weniger dicht besiedelt war als heute. Sie waren folglich ihrem Jäger ziemlich stark ausgesetzt. Ob dieser Jäger nun Josef Kalteis war oder auch ein „Kraftfahrer“ (LKW-Fahrer), bleibt offen.

Leider erfahren wir auch über die Psyche des Mörders Kalteis herzlich wenig, zumindest im Hörspiel – im Buch könnte hierzu viel mehr stehen. Dass er ein Triebtäter ist, macht er selbst klar, als er den Staatsanwalt um Hilfe wegen seines Triebs anfleht, dem er immer wieder ausgesetzt sei. Und als er seine bevorzugten Opfer beschreibt – mollige Schwarzhaarige – wird ebenfalls klar, dass hinter seiner Gier nicht nur Sexgier steht, sondern noch etwas Schlimmeres: ein Wille zur Vernichtung des Opfers. Ohne weiter in Details gehen zu wollen, sei hier nur auf Kalteis‘ kundige Schilderung einer Sauschlachtung verwiesen. Es genügte ihm nicht, „nur“ zu töten; der Tod musste einer Schlachtung gleichkommen.

Man fragt sich unwillkürlich nach den tiefenpsychologischen Gründen für ein solches Verhalten. Davon ist im Hörspiel jedoch an keiner Stelle die Rede. Das ist sehr schade. Denn nun kann man keine Parallele ziehen von Kalteis‘ Verhalten zu dem der Nationalsozialisten, die ab 1938 über die umliegenden Völker herfielen und deren Juden sowie andere unerwünschte Gruppen vernichteten.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Das Hörspiel eröffnet mit der Verkündung des Urteils über Kalteis. Die Atmosphäre ist unpersönlich, funktional, der Richter oder Staatsanwalt anonym. Die erste richtige Figurenstellung betrifft Kathie Hertl, die ihre Gedanken sprechen lässt. Laura Maire und Linda Marie Schenkel sprechen diesen Part, mal Kathie als Kind, mal als jugendliche Kindfrau. Sie unterscheidet sich in keiner Weise von Millionen anderer junger Frauen jener Zeit und ist als Individuum uninteressant, sondern lediglich als Exemplar, als Typ. Das ist schade, denn so hält sich die Anteilnahme des Hörers in Grenzen. Lediglich Begegnungen mit Ima und Freundin etc. zeichnen ein diffuses Bild von ihr.

Auch das Bild, das Kalteis abgibt, ist diffus, wie schon oben angedeutet. Ulrich Noethen verleiht ihm mit seiner Stimme aber eine Glaubhaftigkeit, die Kathies Rolle fehlt: Diese Stimme ist nicht die eines abweisenden Despoten, sondern die eines Ehemanns, Familienvaters, Wirtshausgastes. Und dann ist da noch die andere Sache. Hier wird Noethen richtig emotional, bis es am Schluss aus ihm herausbricht, man möge ihn vor „dem Trieb“ retten.

Der Rest der Rollen verteilt sich auf Nebenfiguren, hauptsächlich Zeugen und Angehörige von Opfern. Hier wird zuweilen das Zeitkolorit eingefangen, so etwa als Mussolini, der Duce, München besucht und alles Volk herbeiströmt, um den Staatsbesucher zu begaffen.

|Geräusche und Soundeffekte|

In der Szene der Urteilsverkündung hören wir eine Schreibmaschine ihren bürokratischen Takt hämmern. Klar ist, dass hier ein Menschenleben zu Ende gebracht wird. Sogleich folgt als Kontrastprogramm das Läuten von Kirchenglocken, als Kathie nach München aufbricht. Sie ist behütet und religiös aufgewachsen, nun sehnt sie sich nach dem Glamour der Stadt, und romantische Geigen unterstreichen ihre Phantasien. Später kommt noch Caféhausmusik hinzu, nie jedoch die Wirtshaus-Blasmusik, die man von Bayern erwarten würde. Einmal läuft im Hintergrund aus dem Radio schmalzige Popmusik jener Zeit.

Das Kontrastprogramm zu diesen Phantasien liefert die Vergewaltigung vor Frau Schreibers Garten, die Verfolgung (wieder per Rad) und das abschließende Kreischen von Krähen. Diese Szene ist quasi die kalte Dusche für den Hörer und lässt für Kathies Phantasien nichts Gutes erwarten.

Immer wieder fiel mir ein unterschwelliges Rumpeln auf, das an unheilverkündenden Textstellen – Szene wäre zu viel gesagt – eingesetzt wird. Das Rumpeln taucht zuerst am Ende der Sauschlachtungsschilderung durch Kalteis auf, dann wieder bei Erwähnung der ermordeten Hertha und schließlich bei der Erwähnung der Zeitungsartikel, die Kalteis aufhob. Der tiefe Soundeffekt fällt nur dem aufmerksamen Hörer auf, verfehlt aber kaum seine Wirkung: das der Beunruhigung.

|Die Musik|

Die Musik von Martina Eisenreich hält sich gänzlich fern von Melodien und Kadenzen, sondern beschränkt sich auf die Erzeugung von Stimmungen und einer unheimlichen Atmosphäre. Es ist nicht einmal eine Kirchenorgel zu hören, allenfalls eine Kirchenglocke. Dafür wirkt die Musik aber unterschwellig umso stärker. Niemand kann sich ihren subliminal wirkenden Klängen entziehen.

Ergänzt wird die Originalmusik mit Konserven, die ein wenig verzerrt aus dem Radio in den Haushalten dringen. Es ist Friedenszeit, Vorkriegszeit, eigentlich eine ländliche Idylle. Wenn da nur nicht Kalteis wäre.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel ist die Aufarbeitung einer langen Mordserie, die mindestens drei Jahre währte und das Münchner Umland unsicher machte. Dass man von diesem obsessiven Serientäter noch nie gehört hat, liegt wohl an dem Umstand, dass es sich um eine Geheime Reichssache handelt.

Es wäre interessant gewesen, mehr über die Recherche und die Motivation der Autorin zu erfahren, aber das Hörspiel ist als dritte Verwertung dieses Materials wohl nicht der rechte Ort für solche Informationen. Wer sich für dieses Thema interessiert, sollte zunächst zum Buch greifen. Spannend genug ist die Ermittlung ja. Die Frage, ob Kalteis der einzige Täter war, bleibt leider unbeantwortet. Aus verschiedenen Andeutungen geht hervor, dass er es nicht war.

|Das Hörbuch|

Die Sprecher sind ausgezeichnet für ihre Rollen geeignet, wenn mir auch die Rolle der Kathie ein wenig zu zurückgenommen vorkam. Dafür ist Kalteis relativ dominant, und er hat sogar das letzte Wort. Was ich mir unter „Britschn“ vorstellen soll, die er (seinem Opfer) „rausgeschnitten“ habe, wage ich mir allerdings gar nicht vorzustellen.

Realistische Geräusche ergänzen die Soundeffekte und die Orginalmusik sowie die Musikkonserven aus den 1930er Jahren. So wird das Geschehen sowohl in eine reale Zeit und Region gebunden als auch mit einer psychologischen Dimension vertieft. Die Ermittlung mit all ihren Zeugenschilderungen ist nur ein Drittel der Wahrheitsfindung, und die anderen beiden Drittel bestehen aus Kalteis‘ Aussagen und Kathis persönlichem Erleben, das sie aus subjektiver Sicht erzählt. Diese Darstellungsweise ist ein bewährtes ästhetisches Konzept, und es gibt nichts daran auszusetzen. Was noch fehlt, ist eine tiefere psychologische Dimension in der Figur des Kalteis. Vielleicht bietet das Buch mehr in dieser Hinsicht.

Dass selbst ein Hörspiel von nur 81 Minuten (inkl. einer Minute Absage der Mitwirkenden) rund 20 Euro kostet, ist schon ziemlich happig. Ich finde das zu teuer. Man sollte sich vielleicht die CD gebraucht zulegen, oder noch besser die Lesung kaufen, die von Monica Bleibtreu ausgezeichnet vorgetragen wird.

|81 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-639-8|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.andreaschenkel.de

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