Scherm, Gerd – Nomadengott, Der

_Parodie: Exodus mit El Vis_

Man schreibt das Jahr 1500 v. Chr.: Ganz Ägypten leidet unter dem Größenwahn des Pharao Ahmoses. Auch die versprengte Volksgruppe der Hyksos, die vor Generationen als Gastarbeiter ins Land am Nil kam, ist plötzlich bedrohlichen Anfeindungen ausgesetzt. Angeführt von Seshmosis, einem mageren Stubenhocker, der sich der Lage nicht im Mindesten gewachsen fühlt, ergreifen sie die Flucht. Doch als drohte der kleinen Karawane von den irdischen Ägyptern nicht schon genug Unheil, haben die Hyksos auch noch den Zorn der lokalen Götter auf sich gezogen – und das gibt mächtig Zoff.

Man stelle sich eine Kombination aus Terry Pratchetts „Pyramiden“ und Monty Pythons „Das Leben des Brian“ vor und bekommt eine gute Vorstellung von der komischen Sprengkraft des Buches.

_Der Autor_

Gerd Scherm, geboren 1950 in Fürth, arbeitet als Ausstellungsorganisator und Kommunikationsdesigner, außerdem forscht er in Sachen Mythologie, Mythenbildung und Symbolik. „Der Nomadengott“, sein erster Roman, wurde 2003 als Serie in einer Zeitung abgedruckt. Er wurde ausgezeichnet mit dem BoD Autoren Award (BoD: Book on Demand). Als der Roman für den bekannten Phantastikpreis der Stadt Wetzlar nominiert wurde, sorgte dies laut Verlag für eine kleine Sensation. Und er soll inzwischen ein Internet-Kultbuch sein. Der Autor lebt mit seiner Gattin in einem Fachwerkgehöft im Naturpark Frankenhöhe – gar nicht so weit von der Geburtsstadt Fürth entfernt. Mehr Info: http://www.nomadengott.de. (erweiterte Verlagsinfo)

_Handlung_

Man schreibt das Jahr 1500 v. Chr.: Ganz Ägypten leidet unter dem Größenwahn des Pharao Ahmoses, der seinen Vorgänger Kamoses unter ungeklärten Umständen im Amt „beerbt“ hat. Ahmoses hat es vor allem auf alle Ausländer abgesehen, die angeblich das Land am Nil in den Ruin treiben. Diese Ausländer werden ganz allgemein „Hyksos“ genannt. Sie leben schon seit Generationen in Ägypten und gehen ehrbaren Berufen nach. Die meisten wenigstens.

In Theben lebten die Hyksos bislang unbehelligt, doch immer mehr Übergriffe finden statt: von der Stadtwache, der Palastwache und der Tempelwache. Dass es dabei zu Kompetenzgerangel kommen kann, dürfte klar sein. Fällt man den Tempelwächtern in die Hände, hat man gute Chancen, bei der nächsten Opferung die Titelrolle spielen zu dürfen …

Die Hyksos halten zwar konspirative Treffen ab, aber diese werden scharf beobachtet. Der Intelligenteste unter den Hyksos ist der magere Schreiber Seshmosis, Sohn und Enkel von Schreibern. Er erkennt, dass Klugheit das bessere Ende der Tapferkeit und es an der Zeit ist, die Fliege zu machen. Seshmosis ruft seine Landsleute zum Exodus auf.

Nur Raffim, der Devotionalienhändler, sträubt sich noch dagegen. Da passiert etwas Wunderbares. Im Kampf mit einem seiner Krokodile, deren Tränen er so lukrativ als Gaben des Krokodilgottes Suchos verkauft, wird er erst schwer verwundet und findet dann auch noch ein göttliches Ankh, also ein Henkelkreuz. Nur dass dieses spezielle Henkelkreuz keine Fälschung ist, sondern das echte Ankh, das dem Gott Suchos gehört. Fortan beginnt der Fettwanst Raffim eine grünliche Färbung anzunehmen und kann anderen Leuten seine Worte in den Mund legen.

Diese Medaille hat aber auch eine Kehrseite: Er verspürt keinen Appetit mehr und braucht nicht mehr zu essen. Das bekommt seinem Bauchumfang gar nicht gut. Um den diversen Wächtern – siehe oben – zu entgehen, muss er Theben verlassen, ganz besonders nach einem verheerenden Erdbeben, an dem man den Hyksos die Schuld gibt. Sie sollen die Götter erzürnt haben. Suchos ganz bestimmt. Mal sehen, was der Krokodilgott deswegen unternimmt.

Zur Tarnung benennen sich die Hysos in „Touristen“ um, das richtige Wort lautet „Tajarim“. Die kleine Karawane zieht nilabwärts. Seshmosis will eigentlich so schnell wie möglich ans Rote Meer, um von dort nach Palästina und Libanon zu segeln, der Heimat der Tajarim. Diverse einschneidende Ereignisse machen ihm aber einen dicken Strich durch die Rechnung. Eines davon besteht im Auftauchen eines neuen Gottes, von dem der Schriftgelehrte aber noch nie gehört hat – und das Pantheon Ägyptens ist ziemlich groß. Der Gott materialisiert sich als höchstens dreißig Zentimeter großes Wesen, als Kätzchen, als Ziege oder als Mensch. Und er hat eine Machtreichweite von etwa 100 Metern, ist also ein recht lokaler Gott. Es findet es völlig okay, wenn ihn die Tajarim als GON, als „Gott ohne Namen“, titulieren. Dass er ein Gott ist und Seshmosis sein Prophet, lässt sich ganz leicht demonstrieren, anhand einer der heiligen Schriften.

Doch eines Tages wird es nicht Tag, sondern bleibt Nacht. Offenbar hat jemand oder etwas die Himmelsbarke des Sonnengottes Ra mitsamt der Sonnenscheibe gestohlen oder entführt – oder beides. Aber wozu? Seshmosis und seine „Touristen“ haben keine Ahnung, machen sich aber ziemliche Sorgen. Der GON hat vorhergesagt, dass etwas Schreckliches passieren werde. Aber auch er weiß nicht, wie lange die ägyptische Finsternis anhalten wird. Wenig beruhigend findet man es, als alle erstgeborenen Wesen in Ägypten sterben. Fehlen eigentlich nur noch der Blutregen und die anderen Plagen. (Oder stand das in einem anderen Buch?)

Recht beruhigend ist hingegen, dass unter den Tajarim kein einziges Erstgeborenes stirbt. GON sei Dank! Sie sind offenbar SEIN auserwähltes Volk. Auch wenn sie nur etwa hundert Köpfe zählen. Leider haben sie fortan die einheimischen Götter gegen sich, und unter den Pyramiden von Gizeh kommt es daher zu einer dramatischen Begegnung zwischen Seshmosis und dem ägyptischen Obergott Osiris.

_Mein Eindruck_

Um 1570 v.Chr. vertrieb der Pharao Ahmose tatsächlich die so genannten Hyksos aus ihrer damaligen Residenz und jagte sie nach Palästina. Danach gründete er mit der 18. Dynastie das Neue Reich, das Ägypten zu seiner später so bewunderten Pracht führte. So weit, so schön. Aber der Auszug der israelitischen Stämme unter Mose, der in Scherms Buch sowohl erwähnt als auch durch Seshmosis’ Exodus persifliert wird, erfolgte erst um das Jahr 1250 v. Chr. herum. Wenn sich also mein „DTV-Atlas zur Weltgeschichte Band 1“ (Seiten 25 und 37 in der 16. Auflage 1980) nicht irrt, erlaubt sich der Autor einige erzählerische Freiheiten in der Größenordnung von 320 Jahren.

Aber es ist ja nicht der Sinn und Zweck einer Parodie wie „Der Nomadengott“ – der oben erwähnte GON ist damit gemeint –, historisch akkurat zu sein. (Mit Verlaub: Die Bibel bzw. das Buch „Genesis“ ist es vermutlich auch nicht.) Ganz im Gegenteil: Es geht gerade darum, ähnliche Phänomene aus allen möglichen Zeiten zusammenzuführen, um ein bestimmtes Phänomen zu kommentieren oder der Kritik auszusetzen. Dass dabei die augenzwinkernde Unterhaltung nicht zu kurz kommen sollte, versteht sich von selbst. Es ist eine Todsünde, den Leser zu langweilen.

|Bekannte Vorbilder|

Der Autor erreicht meines Erachtens die genannten Ziele und entgeht der Todsünde. Ebenso wie Terry Pratchett in „Pyramiden“ und Monty Pythons Film „Das Leben des Brian“ gelingen ihm ein paar wunderbare Szenen, welche die auf den Sockel gestellten Wunder wie etwa den alttestamentarischen Gott, die Propheten und ganz besonders das altägyptische Pantheon dem Spott preisgeben. Durchweg menschelt es ganz wunderbar.

Diese mitunter recht verzweifelten Leutchen – „die judäische Volksfront bzw. Die Volksfront von Judäa“ – kennt der Leser aus „Das Leben des Brian“, so etwa die konspirativen Treffen der Hyksos in Theben. Man denke an den Anfang von Pratchetts „Wachen! Wachen!“, als gewisse Verschwörer den Umsturz in Ankh-Morpork (ist das „Ankh“ im Namen wirklich Zufall?) planen und einen Drachen herbeizaubern. Und wenn es um Götter geht, dann ist Pratchetts Roman „Einfach göttlich“ das Maß aller Dinge.

|Hohn und Spott|

Die Parodie folgt dem gleichen Muster wie die Vorbilder Pratchett und Monty Python. Der |Heyne|-Verlag vermarktet das Scherm-Buch denn auch auf der gleichen Schiene wie die Parodien von A.R.R.R. Roberts, die da „Der Hobbnix“ und „Das Stiehlnemillion“ heißen. Allerdings sieht das Kamel auf dem Titel mit seiner Fliegerbrille viel moderner aus. Nur die Gestalt des ibisköpfigen Gottes Toth auf der Rolle gemahnt an das auftretende Pantheon. Aus Gründen der Übersichtlichkeit habe ich es weitgehend aus meiner Inhaltsangabe herausgehalten.

Die Parodie funktioniert ganz einfach. All die Wunder werden auf den Boden der Tatsachen geholt und durch die Augen des einfachen Mannes betrachtet. Dabei gibt es natürlich allerlei Überraschungen. So etwa muss Sehsmoses feststellen, dass sein GON nur 30 Zentimeter groß werden und nur hundert Meter weit sehen kann. Diese Beschränkungen stehen in krassem Widerspruch zur biblischen Definition eines Gottes: allmächtig, allgegenwärtig und allwissend. Dass ein Gott etwas mal nicht weiß, macht ihn geradezu menschlich und sympathisch. Diesen GON würde ich mir eventuell auch anschaffen – der nötige Schrein erfordert ja nicht gerade den Bau einer Kathedrale: ein Würfel mit 33 cm Kantenlänge.

|Kleine Götter|

Im Gegensatz zum Gott der Israeliten Moses und Aaron und zum Pantheon der Ägypter ist der GON ein Lokalgott der Tajarim, ein echter Nomaden-Gott. Vielleicht deshalb erübrigt sich die Frage nach seinem Ursprung. Der Autor ist mit Erklärungen zur Herkunft und Entstehung der anderen Götter schnell bei der Hand, denn er hat ja Mythologien aus wissenschaftlicher Sicht untersucht. Doch der GON ist seine ureigenste Erfindung.

Zu einer zünftigen Parodie gehört auch, dass bekannte Figuren in anderem Gewand auftreten. Da wäre beispielsweise der unkonventionelle Sänger El Vis aus Memphis, der sich weigert, Klagelieder zu singen, sondern so schöne Songs wie „Pharao Creole“, „Herzensbrecher-Taverne“ und „Im Ghetto“ auf Lager hat. Die dunkelhäutige Prinzessin Kalala aus Nubien fährt total auf seine Stimme und noch mehr auf seinen genialen Hüftschwung ab. Diskret schaut ihr Lieblingsfächerwedler tafa weg, als sie El Vis auf ihr weiches Nachtlager zerrt …

Recht bekannt kommt uns auch die Gestalt vor, die sich hinter dem Namen Nostr’tut-Amus verbirgt. Selbstredend ist dieser altägyptische Vorfahre von Nostradamus ebenfalls ein Seher, und seine Vorhersagen des kommenden Unheils bewahren Seshmosis und seine Tajarim vor dem Schlimmsten. Dass der Seher zu den hässlichsten Menschen gehört, die Seshmosis je untergekommen sind, tut nichts zur Sache.

|Dämonenrevolte|

So nett sich der Handlungsstrang um die Tajarim anlässt, so klischeehaft und moralinsauer lässt sich die beabsichtigte Komödie um die altägyptischen Götter an. Das liest sich zunächst eher wie ein Kuriositätenkabinett, und als wir endlich die Räuberpistole über Osiris, seinen Bruder Seth und Göttergattin Isis und ihren Sohn Horus vernehmen, dann sind es wirklich nur die ahnungslosesten Leser, die darob gar mächtig staunen können. Für mich war das ein alter Hut.

Richtig nett und erfrischend erschien mir hingegen die fiese Revolte des Dämons Apophis, dessen Aufgabe es ist, die Himmelsbarke des Sonnengottes Ra auf ihrem Weg durch die Nacht anzugreifen. Diesmal hat sich Apophis allerdings fiese Verstärkung besorgt, und mit vereinten Kräften gelingt es dem Räuberpack, Ra gefangen zu nehmen und als Geisel gegen die Obergötter einzusetzen. Während der Verhandlungen ist es in der Oberwelt natürlich stockfinster – siehe oben.

Es sieht eine Weile ganz gut für den rebellierenden Unterweltdämon Apophis aus, doch dann wendet sich das Blatt gegen ihn. Dabei wollte er eigentlich nur ein richtiger Gott werden, mit einem eigenen Tempel und so. Kann man ihm nicht verdenken, dem armen Underdog. Aber die Obergötter kennen kein Erbarmen und schicken ihn in die Wüste. Dort hat er später Gelegenheit, die Israeliten um Moses und Aaron zu verführen, zum Beispiel mit einem Goldenen Kalb …

_Zutaten_

Jeder Absatz und jedes Kapitel sind durch Illustrationen abgegrenzt, die wie alte Hieroglyphen aussehen, es aber natürlich nicht sind. Das ist ein nettes grafisches Element. Auf Seite 291 ist eine einfache Karte des ägyptischen und levantinischen Raumes abgedruckt, die bis Byblos reicht. Sie enthält fast alle im Text vorkommenden Schauplätze, selbst wenn sie nur in einem Nebensatz erwähnt werden. Es gibt nur einen Ort, der nicht verzeichnet ist, aber westlich von Abydos liegt: Umm el-Qaab (S. 122ff). Ausgerechnet hier offenbart sich der GON.

Das Glossar ist eigentlich keines, sondern zu 99 Prozent ein Namensverzeichnis. Der Rest erklärt beispielsweise, was ein Henkelkreuz oder Ankh ist.

_Fehler_

Auf Seite 19 „behaart“ Seshmosis statt zu „beharren“. Auf Seite 239 fehlt in der letzten Zeile ein ganz entscheidendes Komma, das dem nachfolgenden Satzteil erst seinen Sinn verleiht. „Osiris also, dachte Seshmosis, der(,) den Seth getötet, seine Leiche in 14 Teile zerstückelt und über ganz Ägypten verstreut hatte.“ Von den anderen Druck- und Flüchtigkeitsfehlern will ich schweigen, denn sie finden sich in fast jedem Buch aus dem Verlag |Heyne|.

_Unterm Strich_

Man sollte nicht vergessen, dass diese Kapitel zunächst in einer Tageszeitung abgedruckt wurden. Dementsprechend war der Autor offenbar nicht darauf aus, wider den Stachel zu löcken und die Kirche, geschweige denn die Gläubigen herauszufordern. Anders als etwa Dan Brown in „Sakrileg“ stellt er keine neue Möglichkeit der Glaubenslehre auf, sondern erfindet eine apokryphe Parallelgeschichte zu der in der Bibel offiziell abgesegneten Interpretation geschichtlicher Vorgänge (siehe oben: Auszug der Israeliten). In dieser Para-Historie ist alles erlaubt, auch der Auftritt eines Gottes ohne Namen (GON).

Die Tatsache, dass ein „Sturm- und Kriegsgott“ in seiner midianitischen Urform erwähnt wird, den man später „Jahwe“ nannte, lässt auf das tief reichende Wissen des Autors um die Ursprünge der Mythen und alttestamentarischen Geschichten schließen. Auch über diesen „Jahwe“ wird wohlwollender Spott ausgegossen – und so geht es im Grunde durch das ganze Buch hindurch. Selbst der ganze Mischwesen-Zoo des ägyptischen Pantheons ist als menschlich-metaphysische Komödie aufgezogen, und genau das hat mir gefallen. Es wird deutlich, dass all diese Götter Erfindungen der Gläubigen sind bzw. tatsächlich waren und somit deren mitunter ganz alltägliche Bedürfnisse widerspiegelten.

Weniger witzig war es, dann festzustellen, dass die Auseinandersetzungen im Pantheon nach Schema F ablaufen: Derjenige am längeren Hebel zwingt denjenigen, der den Kürzeren zieht, in die Knie – wir haben meist mit Letzterem Mitleid. Schade, dass auch einmal der Faden eines angedrohten Vergeltungsschlags nicht weitergesponnen wird, sondern im Nirwana endet (oder ich war nicht aufmerksam genug). Amüsant war lediglich die Revolte des Unterdämons Apophis – wir hätten ihm wenigstens einen kleinen Triumph gegen die hochnäsigen Obergötter gegönnt.

Das Fehlen einer Liebesgeschichte, in deren Zentrum Seshmosis hätte stehen müssen (die Möglichkeit wird nur am Schluss angedeutet), macht sich als Unbehagen bemerkbar: Die zentrale Handlung scheint sich nach einer Weile im Kreis zu bewegen und nicht vom Fleck zu kommen. Das ist vielleicht auch der Form der Fortsetzungsgeschichte zu schulden, die eine tiefere Verwurzelung eines Konflikts in der Geschichte von vornherein verhindert – der Autor weiß nämlich meist selbst nicht, was er als nächstes erzählen wird. So müssen sich romantische Gemüter mit der Lovestory von El Vis und Prinzessin Kalala begnügen. Kann ja auch ganz witzig sein.

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