Schine, Cathleen – drei Frauen von Westport, Die

_Inhalt_

Joseph ist 78 Jahre alt, als er seiner drei Jahre jüngeren Frau Betty offenbart, dass er die Scheidung wünscht, und zwar wegen unüberbrückbarer Differenzen. Betty ist bass erstaunt, tief gekränkt und untröstlich. Natürlich gibt es unüberbrückbare Differenzen, aber die haben für Betty nichts mit Scheidung zu tun, sondern mit dem jahrzehntelangen Zusammenleben zweier unterschiedlicher Menschen.

Josephs Differenzen hören allerdings auf den Namen Felicity, und Felicity weiß genau, was sie will. Und da Joseph sehr verliebt ist, erfüllt er ihre Wünsche, was dazu führt, dass Betty ihre geliebte New Yorker Wohnung verlassen und in ein halbverfallenes Cottage in Westport ziehen muss. Ihre Töchter, Annie und Miranda, beide Frauen mittleren Alters, schließen sich ihr an. Miranda muss gerade zusehen, wie ihr Lebenswerk in sich zusammen stürzt, und Annie ist sowieso immer in Sorge: Um ihre beiden erwachsenen Söhne, um ihre Mutter, um ihre exaltierte Schwester. Ihre Söhne sind weit weg, doch zwei der Menschen, denen all ihr Denken gilt, wollen in dieses absurde Häuschen ziehen. Zwei der unpraktischsten Menschen, die je auf Gottes Erdboden gewandelt sind. Keine Frage, die kann man nicht allein lassen, denkt Annie und geht mit nach Westport.

Betty wandelt wie im Traum umher und spricht von Joseph wie von einem lieben Verstorbenen, Miranda unterlässt keine Anstrengungen, um ihr innerstes Selbst zu erforschen, und Annie versucht, das absurde Trio irgendwie über Wasser zu halten.

Die plötzliche Nähe zwischen den drei Frauen, die sich eigentlich sehr zugetan sind, sorgt für Zündstoff, es gibt Reibereien. Und doch, hier draußen am Wasser, ganz auf sich gestellt, nah am Abgrund und mit neuen Bekanntschaften, entdecken alle drei Frauen in sich noch gänzlich unbekannte Qualitäten. Es ist eine Art Neubeginn: Ein erzwungener zwar und ein teilweise stolpernder, aber doch einer, der die Möglichkeiten für eine ganz besondere Zukunft erschließt.

_Kritik_

Auf den ersten Seiten kann man noch ins Grübeln kommen, ob dieses Buch es tatsächlich schaffen wird, den Leser zu fesseln: Der Stil ist doch etwas schlicht. Doch was da in meist einfachen Worten gesagt wird, ist oft gleichzeitig von bitterer Wahrheit und sprühendem Witz. Und wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass man wohl nicht von kunstvoll konstruierten Sätzen aus den Schuhen gehauen wird, kann man das Hauptaugenmerk auf die Personen legen. Und die haben es verdient.

Betty als selbsternannte Witwe ist allein schon großes Kino. Es ist eine geradezu absurde Vorstellung, wie sie ohne jede Ahnung von geldlichen Dimensionen Dinge anschafft, die niemand braucht, und das halbverfallene Häuschen mit kostbaren Möbeln aus der schicken New Yorker Wohnung voll stellt. Annie als die Bodenständige bietet am wenigsten Überraschung, aber auch hier ist nicht ohne Witz und Ironie verzeichnet, wie sehr ein Leben aus der zweiten Reihe und dauernder Verzicht zu Gunsten anderer den Menschen prägen kann. Miranda schillert, polarisiert, ist anstrengend und liebenswert gleichermaßen. Manchmal hat man das Gefühl, dass sie überzeichnet ist, doch wenn man genauer nachdenkt, dann kennt man doch selbst mindestens eine Miranda, und das ist gut so.

Ein grandioser Sidekick ist die Figur des Cousin Lou, dessen Cottage die drei Frauen bewohnen und dessen Lebensinhalt es ist, Menschen einzuladen: Wer seine Frau zu Anfang nicht ausstehen kann, bekommt doch auch gegen seinen Willen im Laufe des Buches Mitleid mit ihr. Joseph und Felicity erfüllen ihre jeweiligen Rollen klischeegerecht, sind aber ebenfalls liebevoll gezeichnet und mit feinen Details bedacht.

Wenn man anfänglich das Gefühl hat, dass die Geschichte sich irgendwann totlaufen wird, so nimmt sie doch gegen Ende des Buches noch einmal gehörig Fahrt auf und bietet die eine oder andere Überraschung, ehe das Ganze dann wieder mit Folgerichtigkeit abschließt. Der Roman bietet genregerecht Stellen zum Lachen und zum Weinen und vermischt sie mit einer gehörigen Portion Versöhnlichkeit.

_Fazit_

„Die drei Frauen von Westport“ ist in der Retrospektive tiefgründiger und vielschichtiger, als man erwartet hatte. Cathleen Schines großes Talent ist es, Charaktere zum Leben zu erwecken und sie glaubhaft untereinander agieren zu lassen. Die Lektüre hat Spaß gemacht und kann nur empfohlen werden. Lesen!

|Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Originaltitel: The Three Weissmanns of Westport
Aus dem Amerikanischen von Sibylle Schmidt
ISBN-13: 9783442312412|
[www.randomhouse.de/goldmann ]http://www.randomhouse.de/goldmann
[www.cathleenschine.com]http://www.cathleenschine.com

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