Scholes, Ken – Sündenfall

_Die Psalmen Isaaks:_

1) _“Sündenfall“_
2) „Lobgesang“
3) „Hohelied“ (Oktober 2011)

_Zwischen Papst und Roboter: Romantik und Action_

Als Rudolfo, der Herr der Neun Wälder, in der Ferne eine gewaltige Rauchsäule aufsteigen sieht, erkennt er, dass etwas Schreckliches geschehen ist – und dass die Zeiten des Friedens vorbei sind: Die Metropole Windwir, in der das gesamte Wissen einer längst vergessenen Vergangenheit bewahrt wurde, ist nur noch ein Haufen schwelender Trümmer. Dort angekommen, stoßen Rudolfo und seine Männer inmitten des Ruinenfeldes auf den geheimnisvollen Metallmann Isaak. Ist der gramerfüllte Isaak der einzige Überlebende der Katastrophe – oder hat er sie womöglich sogar ausgelöst? (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Ken Scholes hat mit seinen Kurzgeschichten bereits zahlreiche Preise errungen, und auch seine ersten beiden Romane „Sündenfall“ und „Lobgesang“ wurden von Lesern wie Kritikern begeistert aufgenommen. Ken Scholes lebt in Gresham, Oregon. Mehr Info: [www.kenscholes.com]http://www.kenscholes.com

_Handlung_

Der Orden der Androfranziner hat in den zwei Jahrtausenden nach der großen Katastrophe in Windwir einen prächtigen und machtvollen Ordenssitz mitsamt Papst errichtet, der über 100.000 Ordensmitglieder gebietet. Die gigantische Bibliothek des Ordens birgt ungeheure Schätze an Wissen – Wissen, das die fleißigen Mönchlein in tausenden von Jahren aus den Trümmern der Alten Welt gebuddelt und zusammengetragen haben.

Dieses Wissens ermöglichte es dem Bankier des Ordens Li Tam, eiserne Schiffe zu bauen und anzutreiben, aber auch dem Orden, künstliche „Mechoservitoren“ zu erschaffen, die dort arbeiten können, wohin sich menschliches Fleisch und Blut nicht wagen darf. Und sie haben noch weitere geheimnisvolle Eigenschaften, so etwa die Speicherung großer Mengen von Wissen. Doch es zeigt sich, dass die Mönchlein und ihr Papst zu tief in den Trümmern der Alten Welt gegraben haben …

Als König Rudolfo, der Herr der neun Wälder, die im Osten Windwirs liegen, an diesem Morgen aufbricht, um die Stadt zu besuchen, starrt er erstaunt auf die enorme Rauchwolke, die sich wie ein Totenmal über dem erhebt, was einst die mächtigste Stadt der Welt war. Kaum hat er geflügelte Boten an seine Verbündeten geschickt, reitet er los. Doch es ist zu spät. Die Verheerung, die Windwir heimgesucht hat, ist so vollständig, dass kein Stein mehr auf dem anderen liegt. Alles, was sein Männer finden, ist ein abseits liegender Mechoservitor, den Rudolfo Isaak tauft.

Aber wo sind die anderen Mechoservitoren, fragt sich Rudolfo? Er folgt einer Einladung seines Verbündeten Sethbert, dessen Loyalität allerdings dem Entrolusischen Städtebund gehört. Sethbert hat nicht weniger als dreizehn der künstlichen Menschen erbeutet. Er muss also schon viel früher als Rudolfo in Windwir gewesen sein. Das macht Rudolfo stutzig. Weiß Sethbert, wer für die Zerstörung der Papststadt verantwortlich ist?

Doch nicht nur das. Sethbert stellt dem Waldkönig seine Gefährtin vor: Jin Li Tam, die 42. Tochter des Papstbankiers Li Tam. Sofort fühlt sich Rudolfo wie bezaubert. Die hochgewachsene Frau mit den feuerroten Haaren wirkt auf ihn wie ein Sonnenaufgang. Er muss sie haben! Doch er ahnt nicht, über welche ungeahnten Fähigkeiten die Spionin und Kämpferin Jin Li Tam verfügt. In der Fingersprache der Alten zeit warnt sie ihn vor der Tücke des Aufsehers der Entrolusischen Städte. Insgeheim sieht sie in Rudolfos unverkennbarem Interesse eine Chance, dem egoistischen und ungehobelten Fettsack Sethbert zu entkommen.

Allerdings gibt es ein Problem. Der Jüngling Nebios wird in Sethberts Lager gebracht. Er wurde ertappt, wie er über das Trümmerfeld taumelte. Sethbert erhofft sich Auskünfte über den Ablauf der Zerstörung. Warum nur, wundert sich Jin Li Tam. Doch Neb ist von dem Anblick der Verheerung, in der sein Vater Hebda ums Leben kam, derart traumatisiert, dass er keine menschlichen Worte formen kann. So nützt er Sethbert nichts. Und was Sethbert nichts nützt, das wirft er weg, weiß Jin Li Tam. Sie beschließt, Neb auf ihrer Flucht mitzunehmen.

Sie bekommt heraus, dass Sethbert selbst für Windwirs Zerstörung verantwortlich ist. Doch wie das möglich sein sollte, ist ihr unklar, denn es gibt keine Waffe, die diese Schäden anrichten könnte. Außer es war Magie im Spiel. Könnte es sein, dass Sethbert einen Spion im Papstpalast und der Bibliothek hatte, der die Magie der Alten Welt entfesselte?

Bereits mit Neb im Schlepptau zu Rudolfo unterwegs, flüstert sie dem Jüngling diese Erkenntnis zu. Zu ihrer Überraschung reißt er sich los und eilt ins Lager zurück: Offensichtlich will er sich an Sethbert dafür rächen, dass er seinen Vater auf dem Gewissen hat.

|Unterdessen|

Die in den Himmel steigende Todeswolke über Windwir erregt die Aufmerksamkeit vieler Menschen und Völker. Der Stamm der Sumpfbewohner sieht seine alten Prophezeiungen nunmehr erfüllt und wagt sich aus seinen sicheren Wohnstätten, in die Rudolfos Vorväter sie zurückgetrieben haben. Der seherisch begabte König der Sümpfler will ein altes Bündnis erfüllen.

Und noch andere Augen sehen die Wolke des Todes. Petronus, der Fischer, war einst der Papst von Windwir, doch er wurde abgesetzt und gleich darauf vergiftet. Zum Glück war er nur scheintot und konnte sich in die Anonymität zurückziehen. Dreißig Jahre sind vergangen, dreißig Jahre, in denen die Gefahr der Hybris in Windwir wuchs: Die wissbegierigen Ordensleute haben zu tief gegraben.

Nun macht sich Petronus wie unter einem inneren Zwang auf den Weg, um die Toten zu begraben. Und vielleicht den Mann wiederzusehen, der ihm damals das Gift verschafft hatte, das ihm zur Freiheit verhalf …

_Mein Eindruck_

Der Auftaktband der Trilogie entfaltet vor dem Leser ein weitgefächertes Panorama von Ländern und Beziehungen zwischen den sie repräsentierenden Personen. Mit dem Horror-Szenario des Untergangs der wichtigsten Stadt dieser Welt beginnend folgt die verzweigte Handlung der Entwicklung der wichtigsten Figuren in einem Spiel, das mehr als einem als Machtspiel, als „Damenkrieg“, bezeichnet wird. Kurz gesagt, geht es um die Frage, ob die Vergangenheit wiederauferstehen soll (Restauration) oder sich die Welt weiterdrehen soll (Revolution). Das ist ein Sujet, das einer Trilogie durchaus würdig ist.

Dabei stellt die Handlung des ersten Bandes den Leser vor die Herausforderung, häppchenweise den Aufbau dieser Welt selbst zu verstehen, da es kein Glossar gibt, das selbigen erklärt. Zweitens besteht eines der Spannungselemente der Handlung darin, dass sich manche Ereignisse wie etwa die Zerstörung Windwirs nicht als das entpuppen, was sie zunächst zu sein schienen. Auf diese Weise wird der Leser zu einer Art Ermittler, begleitend zu den Bemühungen der Hauptfiguren. Dieser Aspekt bereitete mir das Hauptvergnügen und veranlasste mich, den Roman schnellstmöglich fertigzulesen.

Ein Beispiel für einen Gegenstand der Ermittlung ist selbstverständlich die Zerstörung Windwirs – das größte Rätsel überhaupt, und alle Hauptfiguren wollen ihm auf den Grund gehen. Wie sich zeigt, war keine ausländische Macht durch Invasion daran beteiligt. Dafür war die Verheerung viel zu umfassend. Ihr entkam nur ein einziger mechanischer Vogel aus purem Gold (ein wichtiges Indiz).

Nebios, der jugendliche Held, und Petronus, der alte Held und sein Mentor, konferieren mit Herzog Rudolfo und der Superagentin Jin Li Tam über die Ursache – und natürlich auch über das Motiv. Hauptverdächtig ist Sethbert, der Aufseher, ein Unsympath in höchstem Grade. Aber da Windwir nicht nur ein Ort des Forschens und Lehrens, also eine Universität, war, sondern auch der Sitz eines religiösen Ordens, kommen auch religiöse Beweggründe als Motiv infrage. Wollte jemand nicht bloß den Hort teuflischen Wissens zerstören, sondern auch – unter allerlei Kollateralschaden – den Papst beseitigen? Das hätte man auch einfacher erledigen können, ohne fast hunderttausend Tote.

Aber warum ist dann der Mechoservitor so traurig, den Herzog Rudolfo mit gewissen Hintergedanken „Isaak“ getauft hat, fragen wir uns. Diese Erfindung des Autor stellt sich interessanterweise als ein zweischneidiges Schwert heraus. Die dampfgetriebenen Ungetüme in humanoider Gestalt beherbergen nämlich eine wiederbeschreibbare Festplatte, auf der sie ungeheure Mengen Wissens speichern. In ihrer Gesamtheit ließe sich daher 40 Prozent des Windwir-Wissens wiederherstellen. Eine verlockende Aussicht – und ein Begehren weckender Schatz.

Die Kehrseite dieser Mechoservitoren besteht ebenfalls in ihrem Wissen: Es lässt sich umprogrammieren. (Auf diesem Weg entpuppt sich die Geschichte auf einmal als Kritik an unserer eigenen Computer-gestützten Zivilisation.) Sobald er manipuliert wurde, hat Isaak, so erkennt er zu seiner tiefsten Beschämung, die neun Flüche eines vor Urzeiten von den Androfranzinern besiegten Zauberers ausgestoßen. Diese neun Flüche riefen neun Katastrophen auf Windwir herab. Die Gefahr kam also nicht von außen, sondern von innen.

|Das Vakuum|

Das Spiel „Fang den Täter“ trägt den Roman aber nur bis zur ersten Hälfte, denn die Verheerung Windwirs hinterlässt ein gigantisches Vakuum, das in jeder Hinsicht wieder gefüllt werden muss. Wer wird der neue Papst? Es zeigt sich, dass Sethbert vorgesorgt hat. Wer wird Windwir neu aufbauen? Herzog Rudolfo ist fest entschlossen, dies zu wagen. Und wer wird Rudolfos Geschlecht weiterführen? Jin Li Tam sieht sich erstaunt in einer Position, in der sie sich in ihn verliebt hat und sein Kind haben will – leichter gesagt als getan, wie sich ironischerweise zeigt.

Während sich ein neuer Krieg zusammenbraut, kristallisieren sich neue Gegenspieler heraus. Petronus ist der alte Papst, der neuer Papst wird. Und Nebios sorgt dafür, nachdem er dem König der Sümpfler begegnet ist. Auch dieser ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen: Es handelt sich in Wahrheit um ein Mädchen. Zum Glück ist Nebios, der angehende Odernsnovize, nicht an ein dämliches Keuschheitsgelübde gebunden, sondern kann mit ihr eine Liebesbeziehung eingehen.

|Joker|

Den Joker im Spiel der Mächte stellt Jin Li Tams Vater Vlad dar. Der alte Kaufmann hat mit seiner Heerschar von fast hundert Kindern ein Netzwerk von willigen Agenten aufgezogen, die überall seinen Willen befolgen müssen. Die Botenvögel sorgen für Kommunikation im Stundentakt. (Keine reitenden Boten in diesem Roman!)

Wie Rudolfo zu seinem Leidwesen herausfindet, hat Vlad auch sein Schicksal seit seiner Geburt manipuliert – und seine Eltern dafür geopfert, verflucht sei er dafür! Kann Rudolfo seiner Lebensgefährtin Jin nach dieser Einsicht wirklich noch trauen? Die Ehe wird auf eine harte Probe gestellt. In dieser Hinsicht trägt die romantische Liebesgeschichte zwischen den beiden sowie die Romanze um Nebios einen Gutteil zur Unterhaltung der weiblichen Leserschaft bei.

|Schwächen|

Was uns zu den Schwächen des Romans bringt. Denn dem männlichen Leser bietet der Autor lediglich eine kriminalistische Ermittlung sowie die Kämpfe um das Füllen des Machtvakuums an, wobei einige Köpfe rollen. Doch sonst? Am Anfang dürfen wir uns noch einiger Action erfreuen, die sich jedoch schon nach fünfzig Seiten im Gerangel der Beziehungen verläuft.

Es gibt zwar später noch eine sehr detailliert und kenntnisreich geschilderte Kampfszene, in der sich Rudolfo seiner Haut erwehren muss. Aber danach herrscht dröge Untätigkeit, als hätte den Autor entweder die Lust oder die Vorstellungskraft verlassen. Die katholische Kirche indes jubelt über die Schilderung einer Welt mit einem Papst. Dabei verkennt sie eklatant, dass Petronus zwar Papst wird, indem er den Gegenpapst absetzt und tötet. Doch danach sorgt er dafür, dass es nie wieder einen Papst geben kann. Dumm gelaufen? Nein, volle Absicht.

Irgendwie erinnert mich dieser Verlauf fatal an den Verlauf von Frank Herberts späteren DUNE-Romanen, insbesondere an „Gottkaiser des Wüstenplaneten“ und „Ordensburg des Wüstenplaneten“, in denen fast nichts passierte, aber die in religiösen Orden organisierten Figuren wie die Geehrten Matres und Bene Gesserit umso mehr quasselten. Wenigstens wird Letzteres in „Sündenfall“ nicht so exzessiv betrieben – ständig geht die Handlung zielstrebig voran. Und ich hatte das Gefühl, dass der Autor für seine Trilogie noch eine ganze Menge geplant hat.

_Die Übersetzung _

Die Übersetzung ist fast fehlerfrei und sowohl stilistisch einwandfrei als auch sprachlich leicht verständlich. Doch hin und wieder treten Flüchtigkeitsfehler auf, wie etwa eine falsche Endung oder ein vergessenes Wort. So etwa auf Seite 455 in dem Satz “ …Wolke von Verdauungsgasen, die Ihr ihm [in] die Lunge getrieben habt …“. Das Wörtchen „in“ ist doch ein recht notwendiges Satzteil, wie mir scheint.

_Unterm Strich_

Ich habe diesen Roman in wenigen Tagen gelesen, aber es waren sicherlich nicht bloß drei, sondern mehr. Denn um ein wirklicher Schmöker für einen männlichen Leser sein zu können, müsste das Buch nicht bloß einen komplexen Weltentwurf, zwei romantische Liebesgeschichten und eine kriminalistische Ermittlung vorweisen. Es müsste auch eine Menge Action darin vorkommen. In dieser Hinsicht knausert der Autor jedoch, wohl in der Annahme, zu viel Blut könnte die Damen erschrecken und die Ermittlung ins Stocken geraten lassen. Werch ein Illtum!

Aufgrund dieser Tugenden und Schwächen bin ich nicht sicher, ob ich den Rest der Trilogie wirklich lesen möchte. Allenfals macht mich die Aussicht auf eine Schilderung neugierig, in der aus der Asche der mit Windwir zerstörten Welt eine neue entsteht, die es mit einer äußeren Bedrohung aufnehmen muss (über die der Autor aber nur Andeutungen fallen lässt).

Wer also einen komplexen Weltentwurf und doch eine actionreiche Handlung lesen möchte, der greife lieber zu den Romanen von Peter V. Brett „Das Lied der Dunkelheit“, „Das Flüstern der Nacht“) und ähnlichen Fantasywerken von den Britischen Inseln.

|Taschenbuch: 541 Seiten
Originaltitel: Psalms of Isaak 1. Lamentation (2008)
Aus dem US-Englischen von Simone Heller
ISBN-13: 978-3442266722|
[www.randomhouse.de/blanvalet]http://www.randomhouse.de/blanvalet

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