Schwindt, Peter – Justin Time – Zeitsprung

_Filmreif: fein abgestimmte Geräuschkulisse_

England im Jahre 2385. Justin Time ist Vollwaise. Seine Eltern, Pioniere der Zeitreise-Technologie, sind bei einem Testlauf ihrer Maschinerie verschwunden. Nicht nur Justins Onkel hat jetzt die gefährlichen Experimente wieder aufgenommen – Justin findet sich in der Vergangenheit wieder, im Einsatz gegen das Böse, Seite an Seite zum Beispiel mit Charles Darwin …

_Der Autor_

Peter Schwindt ist der deutsche Autor der „Justin Time“-Trilogie, in der in der auch die Bände „Der Fall Montauk“, „Das Portal“ sowie „Verrat in Florenz“ erschienen sind. Die Abenteuer des Helden Justin Time, der seine Eltern in den Zeiten sucht, sind für junge Leser ab zwölf Jahren geeignet.

Schwindt wurde 1964 in Bonn geboren. Nachdem er als Volontär und Redakteur für verschiedene Verlage gearbeitet hatte, betreute er zahlreiche Erwachsenen-Comics und arbeitete in der PC-Spielebranche. Seit 1997 ist Schwindt freiberuflich tätig und schreibt unter anderem als Hörspiel- und Drehbuchautor für Radio und Fernsehen. Witzig: Er gründete eine Bauchtanz-Agentur. Er lebt mit Frau (eine Bauchtänzerin?) und Tochter im Siegerland.

Die „Justin Time“-Romane sind seine ersten. Sie beruhen auf den drei Hörspielen, die Schwindt 2000 für den WDR schrieb. (Ich habe zum Teil auf Verlagsinfos zurückgegriffen.)

_Der Sprecher_

Andreas Grothgar, „beliebter Bühnenschauspieler und erfahrener Radioerzähler“, schickt Justin und die anderen Figuren dynamisch auf die Zeitreise. (Verlagsinfo)

Für den guten Ton und die Geräusche sorgte Heiner Rennebaum. Der Text wurde bearbeitet von Regisseur Felix Partenzi.

_Handlung_

Justin ist ein vorwitziger Junge, den es nicht ruhig in seinem englischen Internat hält, seit seine Eltern bei einem Experiment mit einer Zeitmaschine verschwunden sind. Man schreibt zwar das Jahr 2385, aber in England, das noch nicht in der Nordseee versunken ist, gibt es immer noch die guten alten Internate. Und wieder einmal langweilt sich der aufgeweckte Justin in den Sommerferien fast zu Tode. Und da er es nicht geschafft hat, seine verschwundenen Eltern wiederzufinden, macht er sich immer noch Sorgen um sie.

Da bekommt er eine Einladungs-Mail geschickt, von seinem Onkel Chester, der auch gleich das Schulgeld für die nächsten fünf Jahre zahlt. Wie nett von ihm! Da die Rektorin, Frau Babette Zimmerli, Justin keinen Urlaub gibt, macht er sich heimlich selbst auf die Socken, reist über Bristol nach London und von dort zu Onkel Chester. Er platzt mitten in eine Pressekonferenz. Sein Onkel gibt gerade bekannt, dass seine Zeitreiseagentur Chrono Travel Incorporated vor zehn Minuten ihren ersten Kunden, Herrn Herbert Hanfstäckl, in die Vergangenheit geschickt habe (Reisen in die Zukunft sind unmöglich). Dass in diesem Moment die berühmte Zeitwaise auftaucht, hat natürlich einen verheerenden Effekt auf Chester Times Propaganda. Prompt wird Justin eingesperrt.

Ein ebenfalls eingesperrter Journalist lässt aber Justin wieder frei, so dass er gerade rechtzeitig kommt, um einer Katastrophe beizuwohnen: Die Agentur hat ihren Kunden verloren, irgendwo im Jahr 1836: auf dem Segelschiff „HMS Beagle“, auf dem sich kein Geringerer als Charles Darwin befindet. Chesters Assistent Rupert Bontempi gelingt es, die Kontrollen zu reparieren. Weil höchstens 50 Kilo transferiert werden können, erklärt sich Justin bereit, den Zeitreisenden zurückzuholen. Dazu braucht er bloß zwei Transponder mitzunehmen, mit deren Hilfe er im Zeitraum-Kontinuum geortet werden kann. Den anderen legt er Herbert Hanfstäckl an, sobald er ihn gefunden hat. Was bleibt Onkel Chester anderes übrig als einzuwilligen? Los geht’s, ab durch das Wurmloch …

_Mein Eindruck_

Eine zweite Zeitreise führt Justin ins London des Jahres 1862, wo gerade die Weltausstellung stattfindet. Jemand ist offenbar dabei, diese Zeitlinie zu ändern, indem er Charles Babbages Urvater aller Computer, die „Differenzmaschine“, vervollständigt. Diese Wundermaschine ist in der Realität bis heute unvollständig.

Gegen das, was Justin in London erlebt, ist jedoch seine Aktion auf der „HMS Beagle“ der reinste Kindergeburtstag. Von den Sklaventreibern, denen er in die Hände fällt, wird er fast totgeprügelt und fängt sich eine ausgewachsene Erkältung ein, die leicht zu einer tödlichen Lungenentzündung werden könnte. Zum Glück hat er ein paar Freunde, darunter ein ungleiches Geschwisterpaar. Davy ist jedoch ein gesuchter Vatermörder, und nur Fanny, der Justin das Leben gerettet hat, wird mit Justin in die Zukunft reisen, um an seinen Abenteuern in „Der Fall Montauk“ teilzunehmen, weiterhin auf der Suche nach seinen Eltern.

Es gibt wohl nur wenige Kinderbücher, in denen dem jugendlichen Helden derart übel mitgespielt wird. Dafür ist das Buch aber auch superspannend bis zum Schluss und voller Überraschungen. Der kundige Leser fühlt sich in London sofort in die schummrige Welt von Dickens „Oliver Twist“ versetzt. Das geht Justin nicht anders, obwohl er einen Zeitweg von 500 Jahren hinter sich hat. Prompt nennt er sich gegenüber der Polizei „David Copperfield“, was nicht sonderlich schlau ist, denn diesen Namen kennt um diese Zeit jedes Kind: eine Romanfigur von Dickens. (Weil Dickens auch in Zeitungen gedruckt wurde, wurden seine Storys nicht nur von den gebildeten Ständen gelesen, die sich teure Bücher leisten konnten.)

|Hommage an William Gibson|

Es gibt einen bekannten Science-Fiction-Roman von den Herren William Gibson und Bruce Sterling, die man mit Fug und Recht als Begründer (Gibson als Aktivist und Sterling als Ideologe der Bewegung) des SF-Cyberpunks der achtziger Jahre bezeichnen darf. Sie schrieben mit [„Die Differenzmaschine“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1339 einen Thriller, in dem Charles Babbages – fertig gestellter – Computervorläufer eine bedeutende Rolle spielt. Und natürlich zanken sich etliche Machtkreise um diese vielversprechende Technik.

Sicherlich kennt auch der Autor Schwindt diesen Roman und das titelgebende Gerät. Um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, er habe von Gibson & Sterling abgeschrieben, hat er sich dadurch aus der Affäre gezogen, dass er eine Figur namens Willi(am) Gibson auftreten lässt. Willi ist ein Stadtstreicher auf der Suche nach einer sicheren Bleibe. Leider verirrt er sich dabei in eine sehr obskure Ecke der neuen U-Bahn-Tunnel an der Baker Street. Was er dort unten sieht, versetzt ihm ein schweres Trauma. Er landet als Verrückter in der Irrenanstalt Bedlam. Und wer weiß, vielleicht würde auch Justin dort enden, wenn ihn nicht seine Freunde aus Gegenwart und Vergangenheit retten würden.

|Zeitkontrolle|

Immer wieder laufen Justin mysteriöse Agentinnen über den Weg. Bevor er in seinem eigenen London den Zeitsprung macht, warnt ihn die Direktorin des „Amtes für Zeitkontrolle“, eine gewisse Dr. Cassandra Janus, davor, sich mit Chester Times Machenschaften einzulassen oder gar seine verschwundenen Eltern zu suchen. Dr. Janus verfügt selbst über ein Zeitportal und ist ganz genau darüber im Bilde, was Chester mit seinem Zeitportal so treibt. Ihre Warnung ist also nicht unbegründet.

Aber Justin ist misstrauisch. Irgend jemand muss Chesters Zeitportal so manipuliert haben, dass seine Eltern in der Zeit stranden mussten. Schließlich hatten sie ja wie alle Zeitreisenden Vorsichtsmaßnahmen getroffen und ihre zwei Kontrollgeräte dabei. Warum also sind sie nach sieben Jahren immer noch verschollen?

Das Amt für Zeitkontrolle hat selbstverständlich auch Agenten im London des Jahres 1862. Das wird Justin klar, als er in Fannys und Davys Versteck auf dem Friedhof liegt und sich plötzlich in Decken eingewickelt sieht, einen Essenskorb neben sich und 50 Pfund (damals ein Vermögen) in der Tasche. Wer der Wohltäter ist, wird im Hörbuch nicht aufgeklärt (oder ich habe nicht aufgepasst). Aber als die Agentin Portitia Abaddon auftaucht, wird Justin (und uns) einiges klar. Miss Abaddon ist die „Sonderemissärin der Königin“ und somit auch gegenüber den lokalen Polizisten weisungsbefugt. Man sieht also, dass die Zeitkontrolleure auf höchster Ebene tätig sind. Davon steht in den Geschichtsbüchern natürlich mal wieder nichts.

_Der Sprecher_

Andreas Grothgars Stimme erweist sich als ein recht flexibles Instrument, das es durchaus mit seinen Gegenstücken bei Gerd Wameling, Philipp Schepmann und vielleicht sogar Rufus Beck aufnehmen kann. Für ihn sind tiefe, energische Stimmen von alten Männern wie dem Kapitän der „Beagle“ ebenso kein Problem wie zarte, weibliche Stimmen wie der von Fanny. Dass er jedoch Herbert Hanfstäckl auf der „Beagle“ lispeln lässt, halte ich für ein klein wenig übertrieben, auch wenn es Kinder natürlich komisch finden dürften.

Stimmen charakterisieren, das weiß jedes Kind. Und deshalb ist es auch sehr passend, dass der Schurke Cronkite, der übelste Peiniger Justins, die schmierige, hässliche Stimme hat, die ihm gebührt. Er klingt wie Martin Semmelrogge, wenn er ganz übel gelaunt ist. Andererseits kann sich Grothgar auch sehr distinguiert und etepetete ausdrücken, so etwa dann, wenn Mrs. Zimmerli und Dr. Cassandra Janus sprechen – „parlieren“ möchte man fast sagen.

_Geräusche_

Musik gibt es zwar keine, aber dafür umso mehr Geräusche. Diese machen das Hörbuch zu einer inszenierten Lesung und verleihen der Handlung ein Flair von Kino. Dabei hat der Tonmeister darauf geachtet, stets die richtigen Geräusche einzusetzen, das heißt also wohldosiert und zu Anlass und Zeit passend. Dieses kluge Vorgehen ist bereits im ersten Akt zu registrieren. Zuerst zwitschern Vögel des Tages vor den Fenstern von Justins Internat Preston Manor. Dann folgen die Vögel des Abends und schließlich, als die Nacht hereingebrochen ist, ein Käuzchen.

Eine ähnliche Feinabstimmung zeigt sich bei Geräuschen des Wassers. Als Justin auf der „HMS Beagle“ angelangt ist, rauschen die Wellen ganz normal an den Bordwänden des Schiffs vorbei. Doch das Rauschen verändert sich deutlich, als sich das Schiff (wegen Hanfstäckls Manipulation des Kompasses) der Brandung eines gefährlichen Riffs nähert. Nun klingen die Brecher eindeutig bedrohlich, und die „Beagle“ sollte machen, dass sie wegkommt. Justin rettet sie in letzter Sekunde.

Im letzten Akt, dem Höhepunkt der Action, fällt Justin fast den Schurken des „Schönen Bertie“ zum Opfer. Doch Davy geht dazwischen und greift an. Leider geht dabei alles in Flammen auf. Wir hören zunächst ein vereinzeltes Flackern und Prasseln, bevor schließlich daraus eine veritable Feuersbrunst wird, die wie Sturmgebraus klingt.

Jedes Kapitel wird mit dem hellen Schlagen einer Großvateruhr eingeläutet: ein deutliches Signal, dass die Zeit verstreicht. Auch eine Kirchenglocke schlägt am Schluss die Stunde. Dieser alte Klang passt sehr gut zu der zeitgenössischen Klangkulisse des Jahres 1862: Hufgetrappel, Tunnelhall, Vogelzwitschern – und viel, viel Regen (natürlich auch mit Donnergrollen). Einmal gerät Justin sogar unter Wasser: Blubbern und Rauschen und Gurgeln verraten deutlich, dass er sich in Lebensgefahr befindet. Der Tonmeister achtet sorgfältig darauf, dass sich die Geräusche – z. B. Hufgetrappel und Regen – nicht gegenseitig stören, was ja in der Realität der Fall wäre.

Diese alten Geräusche kontrastieren mit allem, was aus dem Jahr 2385 kommt. Dies ist besonders die blechern quäkende Stimme (offenbar gibt es auch in 400 Jahren noch keine anständigen Lautsprecher in den Handys), die aus den Transpondern und Pads der Zeitreisenden ertönt. Die Geräusche, die die Maschinerie des Zeitportals von sich gibt, sind rätselhaft: Woher soll dieses Knacken und Klicken kommen, wenn nicht von Relaisschaltern – vielleicht von defekten Bauteilen? Offenbar musste sich der Tonmeister mit recht drastischen Geräuschen behelfen.

_Unterm Strich_

Mir hat „Zeitsprung“ gut gefallen: Es ist spannend, abwechslungsreich, überrascht immer wieder mit neuen Wendungen, hat ziemlich üble Schurken, einige geheimnisvolle Figuren (der berühmte Mister X), zwei berühmte Gelehrte (Darwin und Babbage), die nicht als Selbstzweck auftauchen, sondern eine tragende Rolle für Justin spielen. Zu guter Letzt sind die zwei Episoden in einigermaßen realistisch anmutende Schauplätze eingebettet, wobei mich das Londoner Eastend mit seinen schrecklichen Arbeits-, Lebens- und Hygienezuständen (man denke an die Gefängnisepisode in Sean Connerys Film „Der große Eisenbahnraub“ oder an Jack the Rippers bevorzugtes Jagdrevier Whitechapel) mehr überzeugt hat als alle anderen Schauplätze.

Mit dem „Amt für Zeitkontrolle“ und seinen Agenten konnte ich allerdings herzlich wenig anfangen. Miss Portitia Abaddon – welch ein behämmerter Name: direkt aus einem Groschenroman! Schwindt sollte die Finger von solchen Karikaturen lassen, denn er ist in der Lage, ernst zu nehmende historische Romane zu schreiben.

Das Hörbuch wird von Grothgars wandlungsfähiger Stimme quasi mit Leben erfüllt. Frauen wie Männer erhalten stets die angemessen charakterisierende Ausdrucksweise. Und die Geräusche tun ein Übriges, um dem Geschehen das Flair einer Filmhandlung zu verleihen. Dabei ist mir der kluge und fein abgestimmte Einsatz der Geräusche (Vogelzwitschern, Wellenrauschen, Regen, Uhrenschlagen) aufgefallen, so dass ich dem Tonmeister ein besonderes Lob aussprechen möchte.

Fazit: Diesem Hörbuch vergebe ich eine volle Punktwertung.

_Hinweis:_ Wer die „Justin Time“-Reihe komplett hören oder lesen will, sollte unbedingt mit „Zeitsprung“ anfangen. Denn in der Fortsetzung „Der Fall Montauk“ wird ständig darauf verwiesen und nur so ist erklärlich, wo Fanny, Justins Gefährtin, herkommt. Alle diese Bücher sind erst ab 12 Jahren für Kinder geeignet. Zu den weiteren Bänden siehe die Liste oben unter „Autor“.

|ca. 256 Minuten auf 3 CDs|

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