Shelley, Mary W. – Verwandlung, Die

_Schwarze Romantik: der teuflische Zwerg_

Ein ausgestoßener junger Mann wird Zeuge eines Schiffsunglücks. Aus dem Wrack rettet sich nur ein missgestalteter Zwerg mit einer Seekiste. Der junge Mann klagt ihm sein Leid und der Zwerg bietet ihm einen seltsamen Tausch an: Wenn er für drei Tage die schöne Gestalt des jungen Mannes annehmen darf, so bekommt dieser zur Belohnung den Schatz, der sich in der Seekiste befindet. Nach langem Hin und Her willigt der junge Mann ein, doch nach drei Tagen ist der Zwerg noch nicht zurückgekehrt. Als Zwerg folgt er ihm auf seiner Spur und stößt auf alle Vorzeichen einer nahen Katastrophe …

_Die Autorin_

Mary Wollstonecraft Shelley (1797-1851 in London) war 19 Jahre alt, als sie das Manuskript zu ihrem berühmtesten Roman „Frankenstein“ schrieb. Sie war die Tochter eines Philosophen und einer Feministin, welche bei ihrer Geburt starb. Mit 17 brannte sie mit dem Dichter Percy B. Shelley (1792-1822) durch, dessen Frau Selbstmord beging, und heiratete ihn.

1816 verbrachte das Paar den Sommer mit Lord Byron und dessen Leibarzt Dr. John Polidori am Genfer See in der Villa Diodati. Nach dem Vorlesen deutscher Geistergeschichten schlug jemand vor, selbst Geistergeschichten zu schreiben. Daraus entstand „Frankenstein“, doch Byrons Geschichte „Der Vampyr“ wurde erst 1819 von Polidori vollendet (siehe dazu meine [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=525 zum Hörspiel von |Ripper Records|). Mary verwässerte ihren 1818 veröffentlichten Roman durch das Polieren in der Fassung von 1831.

Mary W. Shelley schrieb neben mehreren Erzählungen auch den Roman „The Last Man“ (1826), in dem eine Epidemie die Menschheit dezimiert. Als die Amerikaner England übernehmen, bleibt nach den Auseinandersetzungen ein letzter Mann übrig (der viel Ähnlichkeit mit Percy Shelley hat), der jedoch mit seinem Boot aufs offene Meer hinaussegelt. Dieses Motiv eines letzten weltlichen Überlebenden hat ebenfalls viele Autoren inspiriert.

Unsere Rezensionen zur Hörspielfassung von „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ im |Gruselkabinett| von |Titania Medien|:
[Teil 1]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2960
[Teil 2]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2965

_Die Produktion_

Der Sprecher Rainer Schmitt hatte nach dem absolvierten Studium an der Hochschule für Darstellende Kunst und Musik in Hamburg Theaterengagements unter anderem in Bochum und Hamburg und war in vielen TV-Serien zu sehen, beispielsweise in „Tatort“ und „Großstadtrevier“. Seine Sprecherkarriere begann er schon mit 17 Jahren beim NDR. Seitdem ist er erfolgreich für Funk, TV und Audio tätig. Schwerpunkte sind Synchron, Features, Schulfunk, Hörspiele und Hörbücher.

Regie führten Hardy Meiser und Lutz Rahn, Toningenieur Sven Heine steuerte die Aufnahme in der Tonfactory, Hamburg.

_Handlung_

Guido Carrega, der Ich-Erzähler, ist in Genua als Sohn eines reichen Mannes aufgewachsen. Dessen Freund Torella muss ins Exil gehen, doch lässt er seine Tochter Juliet in Carregas Obhut zurück. Sie ist ein Engel in Person: schön und unschuldig. Die beiden Kinder wachsen zusammen auf, und als Guido elf und Juliet acht ist, muss er sie gegen einen zudringlichen Cousin verteidigen. Er beansprucht Juliet für sich, was einer Verlobung gleichkommt.

Torella darf zurück, und als Guido 17 ist, stirbt sein Vater, so dass Torella sein Vormund wird. Doch Guido ist ein arroganter Rebell, der seinen Kopf durchsetzen muss. Kaum ist er in Paris, dauert es nicht lange, bis er durch seine Genusssucht all seinen Besitz durchgebracht hat. Nur noch der Palazzo Carrwga gehört ihm, als er zurückkehrt. Doch auch dort feiert er Orgien, bis er bettelarm ist. Weil er Torella nicht über seinen finanziellen Status aufgeklärt hat, ist dieser immer noch bereit, ihm Juliet zur Braut zu geben. Diese ist auch gar nicht abgeneigt.

Doch es gibt einen alten Vertrag, der sich nun als schier unüberwindliches Hindernis erweist. Torella würde Guido ja gern das nötige Geld für die Heirat leihen, doch er stellt derart rigide Bedingungen, dass sich Guido darüber empört und Torella seinem Ziehvater und sogar Juliet gegenüber als Feind schmäht. Das ist ein schwerer Fehler, und sie wendet sich von ihm ab. Je mehr der Widerstand wächst, den ihm die Torellas entgegenbringen, desto größer wird sein Groll. Es kommt zu einem Kampf und Guido hat zwei Schwerverletzte auf dem Gewissen. Torella holt ihn wieder aus der Patsche, allerdings fliegt auch Guidos Plan auf, Juliet nach Frankreich zu entführen. Bettelarm, einsam, von allen so genannten Freunden verlassen, sieht sich Guido in die Wildnis verstoßen.

|Der Zwerg|

Er wandert die Küste der Riviera entlang, bis er an ein Kap gelangt. Ein Sturm kommt auf, und ein Segelschiff kann sich nicht mehr davor bewahren, auf die Küstenfelsen aufzulaufen und auseinanderzubrechen. Guido schaut lediglich fasziniert zu. Der einzige Überlebende ist ein missgestalteter Zwerg auf einer Seekiste, bei dessen Anblick sich Guido ekelt. Der Zwerg stößt Verwünschungen aus, ruft Satan und Beelzebub an, bevor er Guido erblickt und schweigt. Dann befiehlt er den Winden und Wolken zu verschwinden, was diese auch gehorsam tun. Offenbar ist der Zwerg ein mächtiger Magier. Der Sturm, der das Schiff versenkte, war sein Werk. Er ist nicht wenig stolz darauf.

|Der Pakt|

Der Zwerg bietet Guido seine Freundschaft an und erkundigt sich, warum dieser so niedergeschlagen dreinschaut. Guido erzählt ihm, wie schlecht es ihm doch in der ungerechten Welt ergangen sei, und der Zwerg bekundet sarkastisch sein Mitleid, um Guidos Selbstmitleid zu tadeln. Was rät ihm der Magier? Der empfiehlt ihm, sich zu rächen und Juliet zu entführen. Als Guido darauf hinweist, dass er bettelarm sei, zeigt ihm der Zwerg den Schatz, der sich in der Seekiste befindet – genug für einen Staatsstreich.

Als Gegenleistung bittet der Zwerg um eine Kleinigkeit: Dass ihm Guido für drei Tage seine wohlgeratene Gestalt und sein schönes Gesicht leihen möge. Nach einigem Hin und Her über die Modalitäten und einer Rückversicherung erklärt sich Guido einverstanden, denn es gelüstet ihn wirklich nach dem Schatz, der Rache und dem Mädchen. Die Verwandlung wird schließlich vollzogen, und Guido fällt in Schlaf.

|Der Verrat|

Als Guido erwacht, ist alles wie geplant: Er ist hässlich, hat den Schatz und etwas Proviant, der Zwerg aber ist fort. Und er ist immer noch nicht zurück, als sich der Abend des dritten Tages herabsenkt. Guido hat einen unheilverkündenden Traum und die ersten Gewissensbisse. Doch unerkannt kann er Genua betreten und sich zur Villa Torella durchschlagen. Es ist wieder Abend, als er dort eine Feier vor sich gehen hört. Morgen soll Juliet mit dem jungen Herrn Guido vermählt werden, der sich nach seiner reuevollen Rückkehr der Verzeihung seines künftigen Schwiegervaters erfreuen kann.

Hätte er nur selbst so bußfertig gehandelt, tadelt sich der echte Guido. In seiner Zwergengestalt glaubt ihm niemand, dass er der wahre Guido Carrega sei. Es gibt nur eines, was er tun kann. Er muss den Verräter töten. Doch das ist leichter gesagt als getan, wenn man vom Teufel spricht …

_Mein Eindruck_

Die Geschichte hört sich an wie viele andere Rittergeschichten, die zur Zeit der Schwarzen Romantik Anfang des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland ziemlich beliebt waren. Schon 1764 begannt die Mode der Schauergeschichten mit Hugh Walpoles „Die Burg von Otranto“, und viele weitere folgten, bis sich schließlich die Schauerlichkeiten übereinander türmten und E. T. A. Hoffmann in seinen „Elixieren des Teufels“ allerlei Tabubrüche wie etwa Inzest einbauen musste, um das Publikum noch schockieren zu können.

Die vorliegende Erzählung muss nach 1818 entstanden sein, als Shelleys erster Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ veröffentlicht wurde und sie schlagartig bekannt machte. Das war ihre erste veröffentlichte Geschichte überhaupt, soweit man weiß. Viktor Frankenstein zeigt sich in diesem Briefroman nicht nur zerknirscht und reuig wegen dem, was er verbrochen hat, sondern wird auch noch von seiner eigenen Schöpfung, dem so genannten Monster, bis ins ewige Eis verfolgt – und dort verschwinden beide auf Nimmerwiedersehen.

Auch Guido Carrega ist ein gefallener Mann, als er dem Zwerg begegnet, der zu seinem Verhängnis wird. Es vergeht erst einmal eine Weile, bis er seine Geschichte überhaupt beginnt, denn er muss sich erst selbst dafür rechtfertigen und seine Bußfertigkeit an den Tag legen. Tatsächlich hat er sogar die Beichte abgelegt und sich geläutert. Erst jetzt wagt er sich mit seinen Sünden an die Öffentlichkeit. Seine Geschichte ist die eines Sündenfalls, denn er begibt sich wider besseres Wissen in die Hand Satans. Der Zwerg ist ja nicht bloß irgendein Feld-, Wald- und Wiesen-Magier, sondern ein Diener des Höllenfürsten selbst. Der Zwerg ruft Beelzebub und Satan an.

Die Lage Guidos ist verzweifelt. Die Sünde des Tausches seiner gottgegebenen Gestalt gegen Tand wie den trügerischen Schatz zieht aber schon bald die Einsicht des Verrats nach sich, so als nage bereits ein Selbstzweifel an ihm – eigentlich kein Wunder, nachdem sich die lange geliebte Juliet von ihm abgewandt hat. Immerhin bricht der Verratene nun nicht zusammen, sondern sinnt auf Rache. Dass ihm nicht einmal das Schicksal Juliets in den Sinn kommt, ist symptomatisch für seinen Egozentrismus.

Der Andere, der aussieht wie er – das ist Guidos schwarzes Ebenbild, sein wahres inneres Ich, das im Gegensatz zu seinem schönen Äußeren steht. Die Reflexion des Ich ist normalerweise eine Funktion der Gesellschaft und der Ehe, aber in Märchentexten muss dieser Funktion unbedingt Gestalt verliehen werden, sonst kann sie nicht auftreten. Auch Drachen, diese teuflisch dargestellten Kreaturen der Hölle (siehe auch [„Das Silmarillion“),]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4483 rangieren auf einer Ebene mit Zwergen, Doppelgängern, Vampiren und Werwölfen – allesamt Verkörperungen als böse abqualifizierter Charaktereigenschaften. Dass diese auch ganz anders interpretiert werden können, zeigen nette Drachen, abstinenzlerische Vampire und liebenswürdige Hexen wie Oma Wetterwachs.

Selbsterkenntnis ist die eine Hälfte von Guidos Errettung – es geht ja um seine Seele, und dadurch um das Wohlergehen von Juliet und Torella. Doch woher kommt die andere Hälfte? Bevor Guido die Erlösung erringen kann, muss er den bösen Doppelgänger besiegen. Ob ihm dies gelingt, soll hier nicht verraten werden. Auf jeden Fall macht dieser Verlauf der Geschichte Guidos Schicksal zu einer moralischen Parabel. Das war eigentlich schon durch seine Vorrede deutlich geworden.

Ebenso wichtig wie Guidos Rettung sind die Voraussetzungen seines Sündenfalls. Eigentlich ist es der gleiche Katalog von Sünden, den man in jeder Bibel nachschlagen kann – die sieben Todsünden – und die im 19. Jahrhundert jeder protestantische Pfarrer oder katholische Priester von der Kanzel wetterte. Interessant wäre es nun zu wissen, wann diese Sünden auch als Todsünden verfolgt wurden.

Die Zeit, zu der Guido in Paris weilt, ist die Regentschaft von Karl (Charles) VI. Karl V. starb 1380, und Karl VII. regierte ab 1420. In die 40 Jahre dazwischen fallen die Siege der Engländer bei Azincourt 1415 sowie die Geburt von Jeanne d’Arc im Jahr 1412. Dies ist das hohe Mittelalter. Die Inquisition ist noch nicht abgeschafft, ergo wäre das Auftauchen eines satanischen Zwerges nicht geduldet worden. Daher muss sich der Zwerg, der in dieser Gestalt auf Guido nicht bedrohlich wirkt, um eine Verkleidung kümmern, will er wieder eine Seele in die Hölle holen. Diese Seele ist jedoch nicht Guido, der eh schon verdammt erscheint, sondern Juliet.

Leider wird dieser Sachverhalt von der Autorin nicht gut herausgearbeitet – oder das Hörbuch wurde entsprechend gekürzt. Für Guido geht es immer nur um das Wohlergehen der unschuldigen Schönheit, des Engels Juliet. Sie ist ihm das Paradies, die Erlösung usw. Nun ja, in seiner Brust kämpfen Himmel und Hölle mal wieder um die Oberhand, und es sieht ganz so aus, als ob die Hölle obsiegen würde …

|Der Sprecher|

Rainer Schmidt ist hörbar ein vollendeter Sprechkünstler. Er moduliert jeden Satz, als hätte er ihn schon tausendmal ausgesprochen – es klingt stets genau richtig. In allen Situationen findet er den richtigen Ton. Aber er kann auch seine Stimme flexibel für die Charakterisierung der Figuren einsetzen. Da die Verwandlung das wichtigste Ereignis des Story ist, ist der Zwerg, der sie herbeiführt, automatisch die zweitwichtigste Figur – nach dem Ich-Erzähler Guido Carrega selbst.

Zunächst führt sich der Zwerg wie ein Rumpelstilzchen auf, indem er krächzt und flucht und die Elemente beschwört. Seine Stimme ist relativ tief und männlich, denn die Zwergengestalt ist nur Verkleidung. Er klingt nicht wenig stolz auf sein Werk. Als er Guido erblickt, verstellt er sich und kehrt seine freundliche Seite heraus. Mit seiner nun deutlich höheren Stimme kann er den Bettler zu seinem Kuhhandel verführen. Als die beiden Paktpartner wieder aufeinandertreffen, haben sie sich herzlich wenig zu sagen, dafür spricht der Stahl eine deutlichere Sprache.

Trotz der erheblichen Unzulänglichkeiten der Story, für welche die Autorin verantwortlich ist, gelingt es dem Sprecher, das Interesse des Hörers wachzuhalten. Die Szenen der Begegnung mit dem Zwerg sind so anschaulich, dass sie geradezu fesselnd wirken.

Das Hörbuch verfügt weder über Musik noch Geräusche, daher ist die Qualität des Sprechers von ausschlaggebender Bedeutung. Er liest auch die Credits am Schluss.

Lediglich nach dieser Absage reißt ein kurzer Fetzen von „white noise“ den Hörer aus seiner Zufriedenheit, ein ekelhaftes Rauschen und Prasseln. Das ist offensichtlich ein Press- oder Aufnahmeschnittfehler und spricht nicht gerade für die Professionalität des Herstellers |AME hören|. Der Hörer sei hiermit gewarnt. (Der Fehler ist nicht zwangsläufig auf jeder gepressten CD dieser Produktion.)

_Unterm Strich_

Die Erzählung braucht lange, um in die Gänge zu kommen, aber sobald der Zwerg auftritt, wird es relativ spannend. Zwar ist Guido eine Art Frankenstein-Charakter nach seinem Sündenfall, aber wenigstens läuft nicht ein Monster in der Gegend herum, sondern nur sein Doppelgänger. Dass dieser Bursche jede Menge Unheil anrichten könnte, versteht sich von selbst. Doch wie kann sich Guido selbst erlösen?

Dieser märchenhafte Ton und das Setting im hohen Mittelalter entrücken die Geschichte in die Ferne, aber das ist okay, solange der moralische Konflikt, der Kampf um Guidos Seelenheil, deutlich erkennbar bleibt. Natürlich kommt es zu einem richtig actionreichen Showdown, und wer überlebt, bekommt das Mädel. Aber ist es der Richtige, der da überlebt? Das bleibt die spannende Frage.

Die Umsetzung als Hörbuch ist vor allem durch den routinierten Sprecher Rainer Schmidt sehr gelungen. Ihm ist es zu verdanken, dass uns Guido interessiert und besonders der Zwerg gut unterhält. Die Unzulänglichkeiten der Geschichten sind nur auf die Autorin zurückzuführen.

|55 Minuten auf 1 CD|
http://www.ame-hoeren.de

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