Shirley, John – Stadt geht los

_Innovativer Cyberpunk_

William Gibson nennt diesen Roman „die proplasmische Mutter aller Cyberpunk-Romane“ und wahrscheinlich hat er damit Recht. Hier finden jedenfalls gegenüber der vorherigen Literatur wichtige Veränderungen statt, wie sie für den späteren Cyberpunk kennzeichnend sind: die Wahrnehmung ganzer elektronischer oder urbaner Systeme als Gestalt und Quasi-Organismus; die direkte Verbindung dieses Systems mit dem Menschen, was dessen Anverwandlung zur Folge haben kann; und schließlich die Wandlung des Low-Life-Bürgers zu einem kompletten Außenseiter der Gesellschaft, ja, letztlich zu ihrem Gegner, aufgrund seiner geänderten Wahrnehmung der Systeme, die sein Leben bislang bestimmt haben. Nun heißt es: low life gegen high tech (das gilt umgekehrt sowieso).

Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass ein einflussreicher Veteran wie John Shirley eine engagierte, interessante Geschichte spannend zu erzählen versteht und so flott, dass man das Buch kaum mehr aus der Hand legen möchte. Und die Perspektiven, die er aufzeigt, sind für uns wahrlich bedenkenswert. – Das Buch entstand zuerst Ende der 70er Jahre und erschien 1980, wurde aber 1996 überarbeitet.

_Handlung_

Die eigentliche Handlung beginnt nach einem kurzen Intro nur wenige Jahrzehnte in der Zukunft, im guten alten San Francisco. Da sind der Welt schon Öl und Benzin ausgegangen. Die gedankenlesende Rocksängerin Catz tritt im Club „Anesthesia“ („örtliche Betäubung“) auf, welcher Stu Cole gehört, einem aufrechten Vierzigjährigen, der als einer der Letzten den Pressionen der Mafia und der korrupten Polizei trotzt, um seinen Club unabhängig zu halten. Catz und Cole sind natürlich zwei der drei Hauptpersonen des Buches.

Eines Nachts taucht bei Catz‘ Rockauftritt ein unheimlicher Typ auf. Während er durchs saufende, koksende Publikum gleitet, ändert sich seine Kleidung, seine Hautfarbe, seine Statur, nur eines nicht: die undurchsichtige Spiegelbrille, die ihm direkt aus den Schläfen wächst: City.

City ist die fleischgewordene, nur nachts sichtbare Gestalt-Persönlichkeit der Stadt San Francisco. Auch die anderen US-Städte haben ihre Persönlichkeiten. City zeigt sich, wenn Cole an ihn denkt, tagsüber eben auf Fernsehschirmen oder als Stimme in Telefonen und Lautsprechern. City hat Cole auserwählt, mit ihm zu kämpfen.

Er hat nämlich die allgegenwärtige Korruption satt, deren massiver Einsatz von Datenkontrolle in Internet und EDV dazu führt, dass erstens die Mafia mit Hilfe der EDV die Bürger unterdrücken kann (schon bald findet Cole sein Konto aufgelöst – die gesellschaftliche Kastration) und zweitens, dass die Bürger sich außerhalb der Stadt niederlassen, weil sie in Heimbüros arbeiten können – die City droht buchstäblich auszusterben.

Catz ist dieser Kampf, in den ihr Freund Cole hineingezogen wird, nicht geheuer. Als Folge davon wendet sich City gegen die vermeintlich Illoyale, was nun Cole nicht besonders witzig findet: Er muss Catz nach einer Entführung befreien, wobei mehrere Menschen draufgehen. Cole kann kein Blut sehen.

Nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht haut Catz nach Chicago, ihre Heimat-City, ab, so dass sich Cole allein gegen die Umzingelung durch die zahlreichen Arme der Mafia wehren muss. Schließlich lässt ihm City keine Wahl mehr und holt ihn zu sich … Das Buch endet mit einem knackigen Kehraus, der unter der amerikanischen Mafia das eine oder andere verdiente Opfer findet, als die jeweilige Stadt lebendig zu werden scheint.

_Fazit_

Knallhart setzt sich dieser Roman gegen die (heute wie auch 1980) übliche Science-Fiction ab, die sich traditionellen Darstellungsweisen und Wertesystemen verpflichtet fühlt. Die Prosa ist hart und rhythmisch, wie guter Rock. Der Leser merkt, dass sich Shirley mit Rockbands selbst der abgefahrensten Sorte auskennt und sie ernst nimmt.

Genau wie die Musik, so wird auch die Stadt selbst lebendig gemacht: Ihre Straßen öffnen sich, ihre Unterwelt bewegt sich. Wie City die elektrischen Leitungen nutzt, so nutzt Cole, sein Mitstreiter, die Adern der Transportwege: Urbanität als Lebensform, die Stadt als Organismus. Und mittendrin fühlt City die neuen Computer-Systeme der Mafia als Krebsgeschwür. Dies ist nachvollziehbar, wenn man die Prämissen akzeptiert. Und der eifrige Cyberpunkleser wird nichts mehr Besonderes dabei finden, wenn sich die technische Realität in seltsamen, interessanten neuen Formen präsentiert. City ist lediglich die Vorstufe zum Cyberspace.

Was allerdings Shirley hier noch kritisch beäugt – die Elektronisierung aller Geldzahlungen und sogar der Postzustellung –, weil damit der illegalen Kontrolle Tür und Tor geöffnet werden, das sehen dann die Hacker-Outlaws des Cyberpunk als Gelegenheit, sich mit den Konzernen und ihren Supercomputern anzulegen und sich in die virtuelle Realität einzustöpseln. Als dieser Roman entstand, tauchten mit den Phonephreaks die ersten Hacker auf. Sie schlugen das System mit seinen eigenen Waffen. Auch in „Stadt geht los“ wird ein Anschlag auf den Zentralcomputer verübt.

Dem |Argument|-Verlag ist es zu danken, dass dieser Klassiker wieder zugänglich ist, in einer von Shirley überarbeiteten Fassung und einer neuen Übersetzung. Das dankbare Vorwort von Gibson, dem literarischen Enkel Shirleys, stimmt auf die Lektüre optimal ein.

|Originaltitel: City come a-walking, 1980/1996
Aus dem US-Englischen übertragen von Hannes Riffel|

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