Shriver, Lionel – Wir müssen über Kevin reden

Auch wenn es dafür keinen aktuellen Anlass gibt, veröffentlichte der |List|-Verlag im Februar das Buch „Wir müssen über Kevin reden“, welches das Thema Schulmassaker aus einer ungewöhnlichen Perspektive behandelt.

Eva ist das, was man eine emanzipierte Frau nennt. Sie hat ihren eigenen Verlag für Reiseführer aufgemacht, der Marktführer ist, sie hat einen liebenden Mann und ein gutes Leben. Nur eins scheint ihr zu fehlen: ein Kind. Ihr gesamter Freundeskreis ist von der Krankheit Schwangerschaft befallen, und obwohl ihnen das kinderlose Leben sehr bekommt, bekniet sie Franklin, etwas daran zu ändern.

Schnitt. Sechzehn Jahre später setzt sich Eva am Anfang des Buches an den Schreibtisch und schreibt einen Brief an Franklin, in dem sie berichtet, wie ihr Leben jetzt aussieht. Dass sie als normale Angestellte in einem Reisebüro arbeitet, dass sie Angst hat, in den örtlichen Supermarkt zu gehen, dass Mary Woolford sie angezeigt hat.

Diesem Brief folgen viele weitere, in denen sie ihrem Mann die Missverständisse der letzten sechzehn Jahre gesteht und dem Leser Fragezeichen in die Augen zaubert. Immer wieder lässt sie durchschimmern, dass an einem „Donnerstag“ etwas Ungeheuerliches passiert ist, an dem ihr Sohn Kevin schuld war.

Kevin – wie der Titel des Buchs schon sagt, spielt der Junge die Hauptrolle. Kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag hat er in seiner Schule in Gladstone mehrere Mitschüler erschossen und sitzt deshalb nun im Jugendgefängnis. Wie immer in solchen Fällen versucht man die Schuld bei den Eltern zu suchen – auch bei Eva, die sich daraufhin vor Gericht rechtfertigen muss.

Doch in ihren Briefen rechtfertigt sie sich letztlich vor sich selbst und offenbart Dinge, die sie vor Gericht nicht hat laut werden lassen dürfen. Dinge wie zum Beispiel Kevins sonderbares Verhalten, das schon bei seiner Geburt beginnt, als er sich weigert, von seiner Mutter gestillt zu werden. Die Abneigung gegen Eva nimmt nicht ab und entwickelt sich mit der Zeit zu Hass. Kevin stellt sich dümmer an, als er ist, doch Franklin übersieht diese Tatsache und nimmt ihn ständig in Schutz, wenn Eva sich darüber beschwert, dass er ihr Arbeitszimmer zerstört hat, oder ihn verdächtigt, Schuld daran zu sein, dass ihre Tochter Celia ein Auge verliert.

Mit der Zeit offenbart sie ein Familienleben, das auf den ersten Blick zwar ganz normal scheint, auf den zweiten aber höchst ungewöhnlich ist. Sie sucht nach Gründen, wie es zu diesem Massaker kommen konnte und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Aufrichtig gegenüber sich selbst und einer schmerzenden Wahrheit erzählt sie Franklin ihre Sicht der letzten sechzehn Jahre.

Evas Monolog geht über 560 Seiten und dafür schafft es die Autorin ausgesprochen gut, den Leser bei der Stange zu halten. Besonders später, wenn man sich dem Massaker nähert und Eva aufhört, jede Erinnerung doppelt und dreifach auszuwalzen, kommt sogar etwas Spannung auf. Die Länge ist das wohl größte Manko von „Wir müssen über Kevin reden“. Normalerweise freut sich ein Buchwurm natürlich über viele Seiten, doch wenn sie sich stellenweise derart in die Länge ziehen, kann er drauf verzichten.

Hierbei fällt außerdem noch Shrivers ausschmückender Schreibstil ins Gewicht. Sie schreibt sehr persönlich aus der Ich-Perspektive in einer guten, klaren Sprache, die jeder versteht und die ein flüssiges Lesen ermöglicht. Allerdings werden Längen noch länger, wenn sie mit viel Ausschweifung und Schmuck versehen sind. Unnötige Details und ein Übermaß an Metaphern, die nicht immer glatt eingebunden sind, trüben das Vergnügen.

Denn davon abgesehen, kann sich Lionel Shrivers Roman durchaus sehen lassen. Die Metaphern stören nicht immer, sondern unterstreichen die interessante Handlung an den meisten Stellen. Die häufige Benutzung der indirekten Rede bringt Vitalität und Farbe ins Geschehen.

Der einzige Kritikpunkt, den ich noch anzubringen habe, bezieht sich auf die Thematik des Buchs. Leider habe ich das Gefühl gehabt, dass die Autorin es sich mit den Schuldzuweisungen etwas zu leicht macht. Richtig gelesen. Wir reden hier über die Autorin, denn schließlich ist sie es, die die Charaktere kreiert, und mit der Darstellungsweise von Kevin bin ich nicht einverstanden. Die Behauptung, dass ein Kind von Geburt an nur Böses im Schilde führen kann, ist mir etwas zu plakativ, zu schwarzweiß gezeichnet. Böses Baby wird zu bösem Killer – das klingt etwas zu sehr nach der amerikanischen Feindbildmafia! Doch nun gut. Es liegt wohl bei jedem Leser selbst, was er darüber denkt. Mich hat diese simple Erklärung für ein Blutbad aber sehr enttäuscht und außerdem verärgert, weil sie es sich ein bisschen zu einfach macht.

Gerade bei einem derart sensiblen Thema kann ich deshalb bei der Bewertung nicht einfach darüber hinwegsehen. Zusammen mit den Längen und dem ab und an zu ausschmückenden Schreibstil ist „Wir müssen über Kevin reden“ trotz der ganzen Lobeshmynen nur ein durchschnittliches Buch in meinen Augen. Thematik und Perspektive sind durchaus interessant, aber der Umgang damit missfällt. Schade.

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