Silva, Daniel – Schläfer, Der

Gabriel Allon ist längst zu einer der Kultfiguren im Thrillergenre geworden. Seit er im Auftaktroman der Allon-Reihe in „Der Auftraggeber“ gegen seinen Todfeind angetreten ist, der das Bombenattentat auf Allons Frau und seinen kleinen Sohn Dani verübt hat, haben wir Allon bereits in vielen weiteren brenzligen Situationen begleitet. Ans Herz gewachsen ist er uns aus vielen Gründen, denn er ist nicht nur der kaltblütige Killer, er hat auch Charakter und Stil; so ist einer seiner sympathischsten Tarncharaktere sicherlich der italienische Restaurator Mario Delvecchio, doch genau diese Figur ist es, die im vorliegenden Thriller „Der Schläfer“ wohl endgültig begraben werden muss …

Wie schon im Vorgängerband [„Der Zeuge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4168 startet Daniel Silva mit einem Bombenattentat, das dieses Mal jedoch nicht in Wien stattfindet, sondern in der italienischen Hauptstadt Rom. Und wieder einmal sind jüdische Opfer zu beklagen, denn das Ziel des Anschlags war die israelische Botschaft, die dem Erdboden gleichgemacht wurde. Nicht sofort wird Gabriel Allon in den Fall hineingezogen, doch dauert es nicht lange, bis Ari Schamron dafür sorgt, dass Allon mit seiner Lebensgefährtin Chiara aus Venedig flieht, wo sie gemeinsam leben. Obwohl die beiden mit ganzem Herzen an der Lagunenstadt hängen, müssen sie sich in einer sicheren Wohnung in Israel einrichten, denn Allons Tarnung ist aufgeflogen. Bei der Suche nach dem Drahtzieher hinter dem letzten Attentat ist eine Akte aufgetaucht, die Bilder von Gabriel und Chiara in Venedig zeigt. Jemand hat die beiden aufgespürt und will sich sicherlich nicht nur auf eine Tasse Kaffee mit ihnen treffen. Doch wer hat ein Interesse daran, Allon zu schaden? Die Liste der Verdächtigen ist wohl lang, und so dauert es umso länger, bis der Dienst hinter das Geheimnis kommt.

Allon stellt eine kleine Gruppe Agenten zusammen, die ihn bei der Suche nach dem Verantwortlichen für das Attentat unterstützt. Eine ehrgeizige Agentin, die selbst einen schlimmen Schicksalsschlag überwinden musste, ist es schließlich, die die richtigen Schlüsse zieht und auf eine sagenumwobene Figur stößt, von deren Existenz niemand mehr wusste – Chaled al-Chalifa. Dieser ist kein Unbekannter für Allon, hat er doch einst dessen Vater exekutiert. Nachdem al-Chalifa durch den Anschlag auf seinen Vater zur Waise geworden war, war es kein Geringerer als Jassir Arafat, der zum Ziehvater für den kleinen Jungen wurde und dafür gesorgt hat, dass dieser untertauchen konnte. So existiert nur ein altes Foto aus Kindertagen von dem Jungen, der nun für das Attentat und einige bereits vergangene Anschläge auf israelische Einrichtungen verantwortlich gemacht werden soll.

Durch einen Kollaborateur, der offiziell für Arafat arbeitet, verdeckt aber auch für den Dienst, gelangen Allon und seine Helfer schließlich an die ersten Hinweise auf al-Chalifas möglichen Aufenthalt. So begibt sich Gabriel Allon auf die Suche nach demjenigen, der ihm offensichtlich nach dem Leben trachtet. Doch ist al-Chalifa nicht einfach aufzuspüren; als Gabriel ihm jedoch auf den Fersen ist, erkennt er zu spät, dass al-Chalifa ein ganz besonderes Ass im Ärmel hat und man ihn besser nicht hätte unterschätzen sollen …

Nachdem Daniel Silva nun nach eigenen Aussagen die Allon-Holocaust-Trilogie mit dem letzten Thriller abgeschlossen hat, widmet er sich wieder einmal dem Konflikt zwischen Israeliten und Palästinensern. Hier tritt auch wieder Arafat auf den Plan, den wir bereits aus dem ersten Allon-Thriller kennen, als Allon den Palästinenserführer allerdings vor einem Attentat bewahrt hat. Dieses Mal stehen die beiden jedoch auf gegenüberliegenden Seiten und bekämpfen sich bis aufs Blut. Während Silva noch an dem vorliegenden Roman gearbeitet hat, ist Arafat allerdings gestorben, sodass wir ihn im nächsten Roman womöglich auch nicht wieder treffen werden, aber lassen wir uns überraschen.

Im Mittelpunkt steht aber nicht Arafat, sondern es sind Gabriel Allon und Chaled al-Chalifa. Allon muss schweren Herzens sein Leben als Restaurator aufgeben und sich von seinem geliebten Bellini und der schönen Lagunenstadt trennen. Auch Chiara fällt der Abschied aus Italien schwer, doch aus Liebe begleitet sie ihren Lebensgefährten, obwohl dieser es immer noch nicht über sich gebracht hat, die Scheidungspapiere zu unterschreiben, die den Weg hätten freimachen können für eine Hochzeit mit Chiara. Dieser Konflikt ist es schließlich auch, der sich durch das ganze Buch zieht. Hinzu kommt, dass Allons schwerkranke Frau Leah eine größere Rolle denn je spielt. Denn mit Gabriels Flucht nach Israel veranlasst er auch die Verlegung seiner Frau, damit er sie weiterhin besuchen kann. Doch bevor es dazu kommt, wird Leah entführt und damit zum Spielball zwischen Allon und al-Chalifa. Allon steht zwischen allen Fronten. Auf der einen Seite muss er sich zwischen seiner gesunden und schönen Geliebten Chiara und seiner kranken und gebrochenen Frau Leah entscheiden, die zwar kein Wort mehr mit ihm spricht (was sich aber ändern wird), an die er sich aber immer noch gebunden fühlt. Und auf der anderen Seite muss er sich auch zwischen dem Leben vieler hundert fremder Menschen entscheiden und dem seiner immer noch geliebten Frau. Und wie könnte es anders sein, auch mit einer vermeintlich richtigen Entscheidung wird Gabriel am Ende wohl nicht glücklich sein.

Sein Gegenspieler ist dieses Mal Chaled al-Chalifa, der viele Gründe hat, um Allon zu hassen, hat dieser ihn doch zur Waise gemacht. Lange Zeit hat er im Hintergrund die Fäden gezogen, Anschläge verübt, um den Jahrestag des Attentats auf seinen Vater zu „würdigen“ und um seinen Todfeind aufzuspüren und ihn dort zu treffen, wo es diesem am meisten wehtun wird. Und das ist ihm gelungen. Allon begeht den schwerwiegenden Fehler, al-Chalifa und auch Arafat zu unterschätzen, und so steht er bald selbst im Kreuzfeuer und muss um sein Leben fürchten. War im letzten Band Allons Gegenspieler enttäuschend schwach besetzt, so hat Daniel Silva dieses Mal einen Feind auf den Plan gebracht, der Allon ebenbürtig ist und ihn endlich einmal wieder richtig fordert. Zunächst sieht Allon zwar wie der sichere Sieger aus, doch schlagartig soll sich dies ändern, und plötzlich sitzt Gabriel in einer Falle, aus der es scheinbar keinen Ausweg gibt.

Auch der neue Gabriel-Allon-Thriller bedient sich des gewohnten Musters: Zunächst wird ein Anschlag auf eine israelische Einrichtung begangen, dann hat Ari Schamron seinen großen Auftritt und sucht natürlich Gabriel Allon für die Ermittlungen aus. Allon wird wieder einmal von einem Gemälde oder auch Altarbild getrennt, das er gerade restaurieren soll, und dann geht es auf eine Hatz durch die Länder. Wie schon zuvor, so kommt Allon auch hier wieder viel herum. Besonders in seiner Rolle als ekelhafter deutscher Tourist in Kairo hat er mir gefallen – wie er sich zum Hassobjekt des Hoteldirektors macht, ist einfach köstlich. Nicht zum ersten Mal liegen die Gründe für das neue Attentat weit in der Vergangenheit, doch dieses Mal kommt ein Wettlauf gegen die Zeit hinzu, denn die Agenten im Dienst wissen, wann al-Chalifa wieder zuschlagen wird. So wird die Zeit immer knapper und Allon muss immer mehr fürchten, dass er seinem Gegner nicht rechtzeitig auf die Spur kommen wird. Dadurch wird „Der Schläfer“ erneut zu einem packenden und unterhaltsamen Lesevergnügen.

Schon relativ früh lernt der Leser Chaled al-Chalifa in seiner neuen Rolle als angesehener Archäologe kennen, wie er in Frankreich eine Ausgrabung leitet. Zunächst wird der Zusammenhang zwischen dem bekannten Wissenschaftler und den Ermittlungen des Dienstes nicht klar, doch merkt man natürlich schnell, wen man hier vor sich hat. Und al-Chalifas Tarnung scheint perfekt; so hat auch in seinem näheren Umfeld noch niemand etwas von seinem Doppelleben bemerkt oder sich darüber gewundert, dass der Archäologe oftmals plötzlich von der Ausgrabung verschwindet, um sich anderen Dingen zu widmen. Auch eine seiner Studentinnen, die mehr ist als nur eine Hilfe bei der Ausgrabung, weiß nichts von seiner wahren Identität, was ihr später zum Verhängnis werden könnte.

All diese vielversprechenden Puzzleteile setzt Daniel Silva in gewohnt überzeugender Weise zu einem spannenden und gelungenen Ganzen zusammen. Somit muss sich „Der Schläfer“ keineswegs vor den anderen Romanen der Allon-Reihe verstecken – ganz im Gegenteil, mich konnte der vorliegende Thriller deutlich mehr überzeugen als sein Vorgänger. Das Katz-und-Maus-Spiel zweier gefährlicher Agenten, die sich beide kaum jemals einen Fehler geleistet haben, ist so dermaßen spannend, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Und schon jetzt warte ich sehnsüchtig auf die nächste Fortsetzung, die sich nach den jetzigen Entwicklungen vielversprechend anlässt.

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[„Der Engländer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3849
[„Die Loge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1930

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