Slaughter, Karin – Gottlos

_Gefährliche Ermittlungen unter Superchristen_

Bei einem Spaziergang im Staatswald stolpert Sara Lintons Ex-Ehemann, Sheriff Jeffrey Tolliver, über etwas, das aus dem Boden ragt. Als sie beide nachschauen, stoßen sie auf eine Grube im Boden. Darin liegt die Leiche einer jungen Frau. Sie wurde darin gefangen gehalten. Die erste Autopsie enthüllt jedoch etwas Entsetzliches: Sie wurde mit Zyankali vergiftet.

Polizeiinspektorin Lena Adams, das Opfer eines religiösen Fanatikers (in „Belladonna“), ermittelt mit dem Sheriff bei der religiösen Kommune, aus der die junge Frau stammte. Stammte von hier das Zyankali?

_Die Autorin_

Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thrillerautorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga.

Ihre Bücher sind über 15 Ländern erschienen, und wenn man sich die Geschichten ihrer neuesten Romane anschaut, so stellt man schnell fest, dass es sich die Autorin keineswegs leicht macht, sondern im Gegenteil schwerwiegende und komplex angelegte Themen aufgreift. Sie scheut nicht vor der Behandlung von Tabus wie Homosexualität, Inzest, Sex mit Behinderten, Rassismus, religiösem Wahn, Drogenmissbrauch und Selbstjustiz zurück. Ein kleiner Teil davon ist auch in „Gottlos“ zu finden.

Ihre Romane:

|Grant County|:
1) Blindsighted (2001): [Belladonna]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1881 (|Wunderlich| 2003)
2) Kisscut (2002): [Vergiss mein nicht]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2402 (|Wunderlich| 2004)
3) A faint cold fear (2003): [Dreh dich nicht um]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1083 (|Wunderlich| 2005)
4) Indelible (2004): [Schattenblume]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2451 (|Wunderlich| 2006)
5) Faithless (2005): Gottlos (|Wunderlich| 2007)
6) Skin Privilege (UK) / Beyond Reach (USA) (2007): Unantastbar

Einzelromane:
7) Triptych (2007)

Mehr Infos unter http://www.karinslaughter.com & http://www.rowohlt.de/magazin/2411681

_Die Sprecherin_

Andrea Sawatzki, Jahrgang 1963, reizen extreme Figuren, ihr Spiel kann in Sekundenschnelle von zarter Verlorenheit zu handfester Vitalität überspringen (FAZ). Für ihre Darstellung der „Tatort“-Kommissarin Charlotte Sänger wurde sie u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. (Verlagsinfo) Sie spielte u. a. in Oliver Hirschbiegels „Das Experiment“ neben Moritz Bleibtreu sehr eindrucksvoll die Rolle einer Verhaltensforscherin, die vergewaltigt wird. Diese Szene wird in TV-Ausstrahlungen stets unterdrückt. Der ganze Film geht an die Nieren, aber diese Szene besonders.

Die Aufnahme erfolgte unter der Regie von Frank Bruder bei „der apparat multimedia“ durch Benjamin Ritter.

_Handlung_

Bei einem Spaziergang im Staatswald stolpert Sara Lintons Ex-Ehemann, Sheriff Jeffrey Tolliver, über etwas, das aus dem Boden ragt. Als sie beide nachschauen, stoßen sie auf eine Grube im Boden. Darin liegt die Leiche einer jungen Frau, die in ein blaues Kleid gehüllt ist. Sie wurde darin gefangen gehalten und erhielt nur durch ein Plastikrohr Atemluft. Starb sie durch Ersticken?

Die erste Autopsie enthüllt jedoch zwei entsetzliche Tatsachen, die Sara Linton taumeln lassen und die Polizeibeamtin Lena Adams, die gerade einen Fötus verloren hat, zum Erbrechen bringt: Die junge Frau wurde nicht nur mit Zyankali vergiftet. Sie war auch schwanger. Der Fötus war lebensfähig. Lena Adams hat schwere Schuldgefühle, weil sie ihr Baby, das sie von Ethan Green (siehe „Dreh dich nicht um“) hatte, abgetrieben hat.

Doch woher stammt die Frau? Es dauert fast eine Woche, bis eine Vermisstenanzeige aus dem benachbarten Landkreis eingeht, der auf die richtige Spur führt. Genau auf der Grenzlinie zwischen Tollivers Zuständigkeitsbereich und dem des anderen Sheriffs liegt das Anwesen der Familie Ward. Sie leitet eine Soja-Farm nach christlich-fundamentalistischen Prinzipien, allerdings mit Arbeitern, die aus den Gefängnissen von Atlanta entlassen wurden. Daher wird die Farm von den Nachbarn mit Misstrauen beäugt.

Als Tolliver und Lena Adams das Haupthaus endlich finden, ist Lena über die Altersunterschiede und Verwandtschaftsverhältnisse ein wenig verwirrt. Doch die christliche Familie wird von dem Patriarchen Lev Ward und seinen Brüdern straff geführt, so dass die Frauen die meiste Zeit schweigen. Tolliver teilt ihnen mit, dass ihre Tochter Abigail Bennett tot aufgefunden wurde. Er verschweigt, wie sie zu Tode kam und vor allem, dass sie ein Kind erwartete.

Lena gelingt es, in der Küche mit Abigails Mutter Esther Bennett zu sprechen, indem sie ihren Widerwillen gegen jeden religiösen Fanatismus unterdrückt. Esther würde wirklich zu gerne wissen, wie Abby starb und wer das getan hat. Sie will Gerechtigkeit. Da sind die Männer ganz anders. Einer davon, der aus der Art geschlagen ist, arbeitet als Anwalt in Atlanta und weist den Sheriff zurecht, seine Kompetenzen nicht zu überschreiten.

Bevor sie gehen müssen, gelingt es Tolliver und Lena beim Durchsuchen von Abbys spartanisch eingerichtetem Zimmer, deren Schwester Rebecca abzufangen. Wie sich herausstellt, ging die gute Abby des Öfteren für mehr als eine Stunde nach Heartsdale, wo Tolliver sein Büro hat. Wen hat sie dort getroffen – den Vater ihres Kindes? Hatte sie eine Affäre? Und was mag es wohl bedeuten, dass sich gut versteckt unter ihren Sachen ein Streichholzbriefchen aus einem Striptease-Lokal an der Autobahn befindet?

Es gibt nur eine Methode, die Antwort auf diese Fragen herauszufinden. Sie müssen die „titty bar“ namens „The Pink Kitty“ selbst aufsuchen. Sie stoßen auf Zeugen, die ihnen eine andere Seite der „Superchristen“ zeigen …

_Mein Eindruck_

Die Handlung ist breit angelegt und wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Im Gegensatz zu den ersten Romane über Grant County, in denen Sara Linton im Mittelpunkt steht, dominiert nun vor allem ihr Ex-Mann und künftiger Wieder-Ehemann Sheriff Jeffrey Tolliver. Er hat es nicht leicht und wird einige Male verletzt, hat aber stets das Herz auf dem rechten Fleck – und er ist ziemlich gewieft bei seiner Arbeit.

|Sara Linton|

Die Gerichtsmedizinerin und Kinderärztin Sara Linton hilft ihm nicht nur, die vielfältigen Aspekte dieses verzwickten Falles durchzudenken, sondern liefert auch Hinweise von entscheidender Bedeutung. Weil sie keine Kinder bekommen kann (vgl. „Belladonna“) und ihren Mann, Tolliver, verlassen hat, wird sie von ihren Eltern als keine vollwertige Frau angesehen, was in ihr natürlich erhebliche Minderwertigkeitsgefühle verursacht. Aber sie erkennt Aspekte an Menschen, die anderen Leuten entgehen.

|Lena Adams|

An Chief Tollivers Seite arbeitet Lena Adams. Sie ist drei Jahre vor den hier erzählten Ereignissen gefoltert worden, hatte einen rabiaten Freund, erlitt die Abtreibung seines Kindes und lebt nun bei der lesbischen Freundin ihrer ermordeten Zwillingsschwester. Man kann sich also leicht vorstellen, dass Lenas Gefühlsleben ein mittleres Chaos ist. Tolliver muss immer gewärtigen, dass Lena aufgrund ihrer Unsicherheit Mist baut. Und leider tut sie das auch diesmal wieder. Mit schlimmen Folgen. Das Geschehen aus ihrer Perspektive zu erleben, ist äußerst beklemmend.

Denn Lena stößt auf eines der zentralen Themen dieses neuen Thrillers aus Heartsdale: Gewalt gegen Frauen. Sie bemerkt zu ihrem Entsetzen an Terri Stanley, der jungen Frau eines Autorestaurateurs, blaue Flecken und Blessuren, doch Terri will ihren Haustyrannen nicht verlassen und auch nicht gegen ihn aussagen – um ihrer kleinen Kinder willen. Lena wird selbst geprügelt: von Ethan Green, ihrem Nazi-verehrenden Freund. Sie verabscheut ihn, kann aber nicht von ihm loskommen, wie es scheint. Und wie Lena hat auch Terri abgetrieben.

|Das Rätsel der Begrabenen|

Alle drei Hauptfiguren müssen sich, ob sie wollen oder nicht, mit dem Rätsel der begrabenen jungen Frau beschäftigen. Warum wurde Abby überhaupt begraben, fragen sie sich. Sollte es eine Strafe sein und war die Vergiftung nur eine Art Betriebsunfall? Chief Tolliver ist der Vorarbeiter Cole auf der Christen-Farm suspekt. Der ist wirklich ein Superchrist, der Feuer und Bimsstein predigt – und notfalls auch die Strafe für Vergehen in die eigene Hand nimmt, vor allem gegen Frauen. Aber als Sara Linton per Zufall herausfindet, dass auf dieser Farm innerhalb von zwei Jahren neun Menschen gestorben sind, meint der Sheriff, dass da wohl noch mehr dahinter stecken muss. Recht hat er: viel mehr.

|Zwei Höhepunkte|

Die Entwicklung des Geschehens erreicht zwei gleichermaßen grauenhafte Höhepunkte. Es ist wahrlich nicht schön, wenn ein Mensch an einer Vergiftung durch Zyankali stirbt – es geht langsam, aber unter grausigen Verrenkungen, denn das Salz der Blausäure entzieht dem Blut des Opfers sämtlichen Sauerstoff. Das Opfer erstickt also innerlich. Auch die Luft, an die das Zyankali gelangt, wird sofort verseucht. Als Tolliver ein solch entsetzliches Sterben mit ansieht, ahnt er nicht, dass er sich selbst in Gefahr befindet …

Der zweite Höhepunkt ist noch weitaus gewalttätiger und blutiger. Zarte Gemüter seien eindringlich davor gewarnt. Es gibt nicht viele Thriller-Autorinnen, die eine solche komplexe Szene derart sauber und glaubwürdig schildern und dennoch dem Leser einen heftigen Schlag in die mentale Magengrube versetzen können. Dennoch: Wer viele Hollywoodthriller gesehen hat, wird denken, dass es sich um einen ziemlich konventionellen Showdown handelt. Dumm nur, dass ein kleines Kind mit Asthma darin verwickelt ist …

|Schwächen|

Wie immer muss sich der Krimiautor mit Informationen behelfen, die er seinen Hauptfiguren irgendwie zukommen lässt, damit die Handlung voranschreitet. Manchen guten Autoren gelingt dies glaubwürdig, denn sie können die Quellen als plausibel erscheinen lassen, vermeiden dabei jedoch die Vorhersehbarkeit. Vielen anderen Autoren gelingt dies weniger gut.

Dass zum Beispiel der Sprecher der christlichen Farm, Lev Ward, nichts von den kriminellen Machenschaften seines Bruders gewusst haben will, kommt mir reichlich unwahrscheinlich vor. Allerdings hat dieser Paul immer Mittelsmänner gehabt, und Lev Ward hat sich selten um die Büroarbeiten gekümmert. Tja, so kann’s gehen, wenn man sich nicht eingehend mit dem eigenen Geschäft befasst, sondern mehr mit dem Seelenheil der Arbeiter und Mitmenschen. Ward ist vor allem Prediger, und als solcher wird er von Sara Lintons Schwester Tessa bewundert – wie von vielen anderen Frauen.

|Stärke|

Das Thema fundamentalchristliche Religiosität im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen zu schildern, ist sowohl innovativ als auch wagemutig und aktuell. Wie jeder weiß, sitzt zurzeit ein Fundamentalchrist im Weißen Haus, der am liebsten Abtreibungen verbieten und Homosexualität unter Strafe stellen würde, von Homo-Ehen ganz zu schweigen. Diese Einstellung als Nährboden für Verbrechen und Missbrauch darzustellen, ist das Verdienst dieses Romans.

|Der Titel des Originals|

Der Originaltitel „Faithless“ bedeutet nicht nur „untreu“ oder „ungläubig“, sondern nimmt im geschilderten fiktionalen Kontext die Bedeutung „vom Glauben abgefallen“ (faith = Glaube) an. Daher auch die deutsche Übersetzung „gottlos“, die völlig in Ordnung ist. Im Laufe der Handlung jedoch wird – und das ist von der Autorin geschickt herbeigeführt – zunehmend in Frage gestellt, ob die Fundamentalchristen den richtigen Glauben ausüben. Denn das Sprechen und das Tun sind zwei völlig verschiedene Dinge. Und das, was auf ihrer Farm getan wird, spricht sämtlichen neuchristlichen Grundsätzen Hohn.

|Die Sprecherin|

Andrea Sawatzki ist kein große Sprechkünstlerin, aber ihr gelingt der fast fehlerlose und recht flotte Vortrag dieses Textes auf eine Weise, dass wenig Unklarheiten bleiben. Sie legt keinen Wert auf Sentimentalitäten oder den Ausdruck von Kurzatmigkeit, Seufzen usw. Es ist ihr wichtiger, eine Figur durch die jeweils angemessene Sprechweise zu charakterisieren.

Daher spricht die junge Rebecca eben wie ein junges Mädchen und nicht wie ihre ältere Tante Terry, die verbittert und hart klingen kann. Aber in der finalen Auseinandersetzung mit Paul Ward durchläuft Terry alle Höhen und Tiefen der Gefühle, zu denen eine Mutter fähig ist. Paul hat nämlich ihren kleinen Sohn Timmy in seine Gewalt gebracht und droht, ihn zu erschießen. Als Terry um Timmy Leben fleht, wimmert sie und flüstert. Der kleine Timmy klingt kindlich und hat eine entsprechend hohe Stimme. Diese Szene trägt die Sprecherin sehr bewegend vor.

Paul Ward gibt die Sprecherin eine tiefe Stimme und eine hasserfüllte Ausdrucksweise, die mit der energischen Stimme Jeffrey Tollivers, des Sheriffs, kontrastiert. Lena Adams versucht, Tolliver zu sekundieren, hält sich aber befehlsmäßig aus der Action heraus. Sie spricht eindringlich mit Terry und Paul Ward. Später, gegen Ende des Romans, wird sie mit ihrem Lover Ethan konfrontiert, der sehr besitzergreifend und eifersüchtig auftritt. Er zischt sie aggressiv an, und auch dies klingt bei der Sprecherin glaubhaft.

Insgesamt hat mir der Vortragsstil Sawatzkis sehr gut gefallen. Sie bemüht sich, jede Figur unterscheidbar zu machen und zum Leben zu erwecken. Das gelingt ihr in den meisten Fällen auch, aber ich hätte Mühe, Sarah Linton von Lena Adams zu unterscheiden – sie sind beide im ähnlichen Alter, beide energisch, müssen sich gegen Männern behaupten usw.

_Unterm Strich_

Der fünfte Roman Karin Slaughters hat mich ziemlich beeindruckt. Vor allem im letzten Drittel konnte ich den Thriller nicht mehr unterbrechen, denn die Autorin schafft es, einen dramatischen Höhepunkt nach dem anderen aufzubauen. Der Epilog, indem sich die heiratswillige Sarah mit ihrer Familie kabbelt, bildet danach wieder ein heiter-ironisches Gegenstück dazu und lässt den Leser entspannt zurück.

|Das Hörbuch|

Da der Vortrag ohne Musik und Geräusche dargeboten wird, handelt es sich um ein relativ durchschnittliches Hörbuch. Immerhin können die Produzenten mit Andrea Sawatzki eine professionelle Schauspielerin vorweisen, die ihr großes Können unter Beweis stellt. Auch der Preis von rund 30 Euro (rund 18 € bei |amazon.de|) ist in Ordnung, wenn man bedenkt, dass |Argon| noch lange von den Auflagenzahlen des Marktführers |Lübbe Audio| entfernt ist, der so ein Hörbuch unter 20 Euro hätte anbieten können – allerdings um den Preis einer billigeren Verpackung und eines schlechteren Sprechers. Qualität hat eben ihren Preis.

|316 Minuten auf 5 CDs
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sophie Zeitz|
http://www.argon-verlag.de

Schreibe einen Kommentar