Soininvaara, Taavi – Finnisches Requiem

Auch Taavi Soininvaara zählt zu den glücklichen Preisträgern eines bekannten Buchpreises, denn sein Roman „Finnisches Requiem“ wurde als bester finnischer Kriminalroman ausgezeichnet. Zugegebenermaßen verliere ich langsam den Überblick über die verliehenen Kriminalpreise, auch wenn mich derlei Werbung auf den Buchdeckeln immer wieder zum Kauf eines Buches überzeugt. Doch „Finnisches Requiem“ zeigt einmal mehr, dass Autoren oft völlig zu Recht ausgezeichnet werden. Der vorliegende Roman stellt allerdings keinen herkömmlichen Kriminalroman dar, Soininvaara präsentiert uns eher einen packenden politischen Thriller, in welchem er aktuelle Probleme und Meinungen im Zusammenhang mit der EU-Erweiterung diskutiert.

In Soininvaaras Helsinki wird nämlich auf brutale Art und Weise der deutsche EU-Kommissar ermordet, als er ein Museum besuchen möchte. Trotz hoher Sicherheitsmaßnahmen konnte diese Tat geschehen, ohne dass auch nur einer der Attentäter identifiziert werden konnte. Die finnische Sicherheitspolizei bildet ein Ermittlungsteam, welches jedoch mit inneren Zwistigkeiten kämpfen muss. Jussi Ketonen, der eigentlich den Vorsitz übernehmen müsste, richtet sich gedanklich schon auf die bevorstehende Pension ein und überlässt dem ehrgeizigen und herrschsüchtigen Erik Wrede die Leitung des Teams, obwohl dieser bei seinen Kollegen alles andere als beliebt ist. Besonders Arto Ratamo und seine Lebensgefährtin Riitta Kuurma haben ihre Probleme mit dem rothaarigen Vorgesetzten.

Gleichzeitig plant ein Erschießungskommando drei weitere Attentate auf EU-Kommissare, die allerdings nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten gehen. An verschiedenen europäischen Schauplätzen machen sich Menschen ihre Gedanken zu den Attentaten, sodass nach und nach die Zusammenhänge deutlich werden. Für die finnische Sicherheitspolizei beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit; sie schickt ihren Mitarbeiter Arto Ratamo zunächst nach Budapest, wo er die dortigen Ermittlungen unterstützt und dabei in immer gefährlichere Situationen gerät. Riitta Kuurma unterhält sich derweil mit Hannele Taskinen, die in psychologischer Beratung steht und sich an den Namen eines Drahtziehers der Attentate erinnern kann und auch zu wissen meint, wo der nächste Anschlag zu befürchten ist.

Am Ende treffen zahlreiche Vertreter der guten und der bösen Seite in einer europäischen Hauptstadt aufeinander, wo die schrecklichen Vorgänge ihren Abschluss finden und uns die wahren Drahtzieher hinter den Morden präsentiert werden …

In Finnland sind Soininvaaras Romane rund um Arto Ratamo ein großer Erfolg und werden und wurden sogar verfilmt. In Deutschland hat der skandinavische Erfolgsautor erst letztes Jahr seinen Einzug gehalten. Aktuell erfreut sein EU-Thriller den Leser auch als handliches Taschenbuch. Thematisch wird „Finnisches Requiem“ wohl auf lange Sicht hinaus aktuell bleiben, denn die EU-Erweiterung wird in den nächsten Jahrzehnten weiter voranschreiten und damit natürlich auch immer wieder Erweiterungsgegner auf den Plan treten lassen, die mit ihren Aktionen auf ihre Ablehnung aufmerksam machen wollen. Im „Finnischen Requiem“ findet sich diese Meinung insbesondere in der Person des Attentäters, der von allen nur |Pastor| genannt wird und von dem wir erst spät seinen wahren Namen erfahren. Pastor hat seine ganz eigenen Gründe für seinen Hass auf die Erweiterungspolitik der Europäischen Union. Nach und nach stellt Taavi Soininvaara seine Protagonisten mitsamt ihren Meinungen und politischen Einstellungen genauer vor und sorgt dafür, dass wir ihre Gründe zumindest erfahren, wenn auch vielleicht nicht nachvollziehen.

Alle Figuren erscheinen uns dabei authentisch, selbst der kaltblütige Attentäter Pastor zeigt seine menschlichen Seiten; einer seiner größten Schwachpunkte ist vielleicht seine Liebe zu Hannele Taskinen, der er zu viel von den Anschlägen verraten hat. Auch lässt er sich zu sehr von seinen eigenen Gefühlen lenken und macht daher auch einige Fehler. Keiner von Soininvaaras Protagonisten ist perfekt, schon gar nicht Arto Ratamo, der schon bei seinem ersten Auftritt Schwächen zeigt. Wir treffen ihn nämlich zunächst bei seiner vierten Marathonteilnahme, auf die er sich offensichtlich zu schlecht vorbereitet hat. Denn nur mit allergrößter Not erreicht er die Ziellinie, wo ihn seine Freundin Riitta schon fröhlich strahlend nach ihrem eigenen Lauf erwartet. Außerdem hat Arto Probleme mit Autoritäten, was sich besonders in seinem Verhalten Erik Wrede gegenüber oft zeigt und den Lesern ein Lächeln auf die Lippen zaubert, wenn Arto ein korrigiertes Manuskript samt seiner Anstreichungen und Verbesserungen aus Protest an den Empfänger faxt.

Obwohl Taavi Soininvaara uns eine Vielzahl von Figuren vorstellt, baut er sämtliche Charaktere weiter aus, gibt auch dem Chef der finnischen Sicherheitspolizei Ketonen ein Privatleben und bringt uns auch die Meinungen der Auftraggeber hinter den Attentätern näher. All diese Informationen fügen sich in ein stimmiges Gesamtbild ein, auch wenn es schwierig erscheint, stets den Überblick zu behalten, da die Hierarchie der Drahtzieher etwas undurchsichtig bleibt.

Im Gegensatz zu anderen Autoren wie beispielsweise Daniel Silva, der in seinen Romanen um Gabriel Allon perfekte Attentäter präsentiert, die jede auch noch so kleine Unwägbarkeit bei ihren Aufträgen eingeplant haben und zu jeder Notsituation eine Lösung kennen, stellt Soininvaara Auftragskiller vor, die alles andere als fehlerlos arbeiten. Auf der einen Seite macht das die Geschichte realistischer und die professionellen Killer auch fast schon sympathisch, auf der anderen Seite übertreibt Soininvaara etwas, wenn die Mörder in einem Raum zahlreiche gelbe Zettel mit dem entscheidenden Hinweis übersehen. Dies erscheint mir dann nicht mehr sehr glaubwürdig.

So harmlos und beschaulich das Buchcover auch anmutet und einen friedvollen Roman vermuten lässt, so hart ist die Realität, mit der der Autor uns konfrontiert. Hier werden wichtige Persönlichkeiten ermordet, weil sie sich für die Erweiterung der EU einsetzen. Soininvaara schildert dabei die Attentate dermaßen plastisch, dass uns beim Lesen ein Schauder über den Rücken hinunterläuft. Schonungslos werden uns alle Details beschrieben, um die Brutalität der Attentäter deutlich zu machen. Am Ende stellt der Autor in nüchternen Worten und ohne Schnörkel einen der Verräter vor und nutzt seine direkte Sprache als Stilmittel, um die Brisanz der Situation hervorzuheben. Im Gegensatz dazu verwendet Soininvaara viele Worte darauf, um seine Figuren und die Handlungsorte darzustellen.

Soininvaara erfreut uns mit einer klug inszenierten Geschichte, die uns zu vielen verschiedenen Schauplätzen führt und von Anfang an mitzureißen versteht. Ein steter Wechsel der Handlungsorte sorgt für immer mehr ansteigende Spannung, die schließlich am letzten Tatort ihren Höhepunkt findet. Der Autor eröffnet viele Handlungsfäden, von denen einige vielleicht überflüssig sind und unnötig auf eine falsche Fährte führen, die jedoch eine spannungsgeladene Atmosphäre hervorrufen und Anlass zu vielen Spekulationen beim Lesen geben.

Am Ende bleibt festzuhalten, dass „Finnisches Requiem“ mit einer packenden und interessanten Story ausgestattet ist, die fast durchweg spannend geworden ist. Taavi Soininvaara präsentiert uns glaubwürdige Figuren, die auch mal Fehler machen können, auch wenn der Autor an dieser Stelle manchmal etwas zu weit geht. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse und manch ein Leser wird angesichts der Fülle von Drahtziehern wahrscheinlich abgehängt; hier hat der Autor etwas zu viele Verdächtige auf den Plan gebracht. Insgesamt gefällt der vorliegende Roman jedoch äußerst gut und macht Lust auf seinen Nachfolger „Finnisches Roulette“.

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