Spatz, Willibald – Alpendöner

_Kempten zwischen Jugendrabatz und Liebesfrust_

Birne, Anfang 30, hat in Kempten gerade seinen neuen Job als Redakteur bei einem Verlag für Wanderführer angetreten, als seine Nachbarin, die alte Frau Zulauf, blutüberströmt aufgefunden wird. Mord inmitten beschaulicher Alpenidylle – so hatte Birne sich seinen Neuanfang im Allgäu nun wirklich nicht vorgestellt!

Ein türkischer Imbissbudenbesitzer, ein Motiv, ein Kebabmesser – die Polizei hat den mutmaßlichen Mörder der Frau schnell dingfest gemacht. Doch dann stolpert Birne in die Ermittlungen …

_Der Autor_

Willibald Spatz, Jahrgang 1977, hat in Würzburg Biologie und in München Kulturkritik studiert. Er lebt zurzeit in der Nähe seiner Heimatstadt Augsburg und schreibt als freier Autor u. a. für die Süddeutsche Zeitung (Münchner Kultur), die Zeitschrift „Theater der Zeit“ und das Internet-Portal nachtkritik.de. Außerdem schreibt er Theaterstücke und Lyrics, macht Musik mit diversen Bands (Termine gibt es unter www.friedrich-pilsner.de.)

„Alpendöner“ ist sein erster Kriminalroman. „Alpenlust“, die Fortsetzung, folgt im Februar 2010.

_Handlung_

Der Münchner Birne fängt gerade als Redakteur bei einem Kemptener Verlag für Wanderführer an. Er will ein guter Mensch sein und sich anfreunden, einpassen, anbandeln. Mit dem Kollegen Werner geht er also frühmorgens auf die Fuchsjagd und abends in den „Korbinian“ zum Stammtisch, um mit den Stammtischbrüdern zu saufen. Zu denen gehört auch Kommissar Bruno, wie er herausfindet, und der zecht gerne, bis er eingeschlafen ist. Weil ihn die Frau verlassen hat, angeblich. Birne versteht das, auch Birne ist unbeweibt. Deshalb geht er ins Fitness-Studio. Dummerweise geht dorthin auch der Kommissar.

Weil er so ein Gutmensch ist, trägt er der Nachbarin Renate Zulauf, über 80, mal einen Schrank aus dem Keller in die Wohnung im ersten Stock. Der Enkel wollte das nicht tun, erfährt er schwitzend und schnaufend. Immerhin kriegt er einen Zehner und einen Schnaps dafür. Wenige Tage später erfährt er von dem Mord an der Frau Zulauf und stellt sich dem Kommissar als Zeuge zur Verfügung.

Tags darauf bittet ihn die andere Nachbarin, die Türkin Kemal, welcher der Dönerimbiss gehört, um Hilfe. Zunächst kapiert Birne nichts, aber dann geht ihm ein Kronleuchter auf: Man hat ihren Mann unter dringendem Mordverdacht verhaftet. Ob er sich das vorstellen könne? Nur weil die Bullen ein Kebapmesser in der Brust der Frau Zulauf gefunden hatten! Mit den Fingerabdrücken von Herrn Kemal am Griff. Dabei hatte Frau Zulauf sogar so viel Zutrauen zu den Kemals, dass sie ihnen ihren Wohnungsschlüssel gab und verriet, wo sie ihre Ersparnisse versteckte. Wie könne man da verdächtig sei, fragt Frau Kemal. Nach einem Treffen mit ihrem Bruder und dessen deutscher Frau verspricht Birne, ihnen zu helfen und sich die Wohnung anzuschauen. Er lehnt sogar ein Geldangebot ab.

Als ob er ein Profi wäre! Birne könnte sich dafür in den Hintern beißen, dass er seinen Mitmenschen immer helfen will. Nur immer schön alles richtig machen. Er durchsucht die Wohnung, Blutflecken am Boden der Küche. Doch das bezeichnete Geldversteck ist leer. Er befindet sich gerade im Schlafzimmer, als er jemanden kommen hört; Bernd, den Enkel von Frau Zulauf, und dessen Freundin Simone. Rasch versteckt sich Einbruchsprofi Birne – na, wo wohl? – im Schlafzimmerschrank.

Die beiden Neuankömmlinge haben offenbar vor, alle Möbel zu Geld zu machen. Vermutlich steckt einer von ihnen in Geldnot. Birne verursacht ein Geräusch, und und wird sofort aus dem Schrank gezerrt, kurz und klein geschlagen, bevor er einen Ton herausbringen kann. Er erholt sich gerade ein wenig, als auch schon die Bullen eintreffen und ihn abtransportieren. Nach seinen Blessuren fragt natürlich keiner. Erst als er vor dem Schreibtisch seines Stammtischbruders Kommissar Bruno Abraham hockt, kann er seine Geschichte erzählen, um etliche Erfahrungen reicher. Er kommt buchstäblich mit einem blauen Auge davon.

Aber das ist erst der Anfang seiner Odyssee durchs spießbürgerliche Gewaltdickicht seiner neuen Heimat. Und schließlich heißt es auch für ihn – der oder ich …

_Mein Eindruck_

Es ist eine existentialistische Erfahrung, die unser Jedermann Birne – sein Name ist eine Chiffre – durchmacht. Er ist ein „Geworfener“, wie es der Autor auf Seite 253 selbst deutet. Birne ist wurzellos, relativ unvoreingenommen, guten Willens, aber das hilft ihm alles nichts. Er wird beleidigt, getreten, hintergangen, gefeuert, verführt, verdächtigt und noch vieles mehr, manchmal sogar geküsst und gelobt, bis er kaum noch weiß, wo bei ihm vorne und wo hinten ist, geschweige denn bei seinen lieben Mitmenschen. Denn die Natur der Menschen, zumal in der Provinz, ist zwar manchmal auch die des guten Willens, aber vorwiegend eben die des Eigennutzes, wie eigentlich überall. Das lernt er auf die harte Tour. Zeit wird’s ja.

|Demütigungen|

Doch für diese Lektionen hätte Birne nicht erst nach Kempten umziehen müssen. Kempten ist zwar nicht gerade eine Grenzstadt wie etwa Oberstdorf, aber nicht weit davon entfernt. Hier sind die Polizisten noch die Könige, und wenn es auch bloß um die ordentlich-deutsche Mülltrennung geht (eine weitere, demütigende Szene für Birne), haben sie das Sagen. Da wird die Polizei schon mal von der Lokalpresse gelobt, obwohl sich dies Lob als alles andere als gerechtfertigt erweist.

Ein Kommissar, so lernt Birne, ist eben auch nur ein Mensch – und kein Übermensch. Selbst wenn er von den Türken als „Nazi“ tituliert wird, wie alle „Ausländerfeinde“. Das passiert auch Birne einmal, so schnell kann er gar nicht reagieren, schon hat er den Ehrentitel „Nazi“ weg. Etiketten wie diese gibt es offenbar auf beiden Seiten im Dutzend billiger und sind schnell bei der Hand.

|Juvenile Delinquenten|

Missstände wie Ausländerhass, auf die Birne eher widerwillig stößt bzw. gestoßen wird, sind verbreitet, da muss man nicht erst nach Kempten schauen. Jugendliche Banden besaufen sich und machen „Ausländer“ an bzw. brechen irgendwo ein, um ihre unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen: Drogen, Alk, Frauen, Spiele – was auch immer. Dumme Sache, wenn sich herausstellt, dass einer dieser Jugendlichen der Sohn vom Kommissar ist. Und noch blöder, wenn Birne weiß, wem er in seinem wutentbrannten Todeskampf fast die Eier abgerissen hat …

|Liebesnöte|

Tja, auch die Nöte der Liebe bleiben unserem Jedermann nicht erspart. Erst ist da die süße Praktikantin Alexa („Fräulein Müller“ sagt der Chef zu ihr) im Büro und dann die dralle Simone im Fitness-Studio, die leider schon an den rabiaten Bernd Zulauf vergeben ist. Beide haben eine Menge übrig für Birne, versetzen ihn aber regelmäßig, ohne zu ahnen, welche Existenznot sie damit auslösen. Verleumdungen tun ein Übriges, so dass Birne nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Es dauert dann auch nicht lange, bis unser Sisyphus die Finger von allen Frauen lässt und sich nach einem anderen Domizil umsieht.

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man Birnes Abenteuer liest. Ich musste aber erstaunt feststellen, dass seine Passivität und Unterlegenheit in den meisten Prügeleien – er ist ja weder Jackie Chan noch James Bond – bei mir unvermutete Frust-Aggressionen auslösten. Deshalb konnte ich seine eigene Aggressivität, die eher aus Todesangst resultiert, gut verstehen. Und seinen Frust, als ihn die Frauen regelmäßig versetzten, konnte ich auch gut nachvollziehen.

|Lesehürde Sprache|

Dasjenige Merkmal des Krimis, mit dem die meisten Leser sich erst einmal anfreunden müssen, ist die Sprache. Die Ausdrucksebene ist stark der Umgangssprache angenähert, ohne sie jedoch jemals zu erreichen. Denn sonst würde die Sprache für einen großen Leserkreis unverständlich werden. Daher kommen auch kaum jemals Dialektausdrücke vor. Das macht Fußnoten zum Glück überflüssig.

Dennoch ist das scheinbare Gestammel der Hauptfiguren nach einer Weile nur noch schwer zu ertragen. Ich sehnte mich jedenfalls wieder nach der gediegenen Ausdrucksweise von Simenon, Le Carré und Highsmith zurück. Aber das ist das Risiko, das man bei Regionalkrimis stets eingeht, so auch etwa bei den Stuttgart-Krimis von [Uta-Maria Heim:]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=95 Hier wird nicht druckreif geredet, sondern so, wie den Leuten der Schnabel gewachsen ist. Das ist einerseits authentisch, andererseits charakterisiert sich eine Figur durch ihre Sprechweise genau so, wie es ein echter Mensch täte.

Was mich aber wirklich nervte, war die Eigenheit des Autors, sich nicht an die Grammatik zu halten. Regelmäßig werden Satzobjekte an den Schluss gestellt, nur um das liebe Verb wie im Englischen nach vorne ziehen zu können. Soll damit gewährleistet werden, dass auch der allerletzte Leser die Sätze kapiert? So kommt es mir zumindest vor.

Vielleicht will der Autor aber als Erzähler den Abstand zu seinen Figuren auch auf stilistischer Ebene möglichst gering halten, denn meist handelt es sich ja beim Erzähltext, im Gegensatz zum Dialog, um Erlebte Rede (wir sehen dabei quasi durch die Augen der Figur und können ihre Gedanken lesen). Wenn ja, dann ist ihm dies vollauf gelungen. Der Übergang zwischen Erzählrede, Erlebter Rede und Dialog ist fließend. Und weil der Roman aus 90 Prozent Dialog und zehn Prozent Erlebter Rede besteht, lässt er sich auch recht flott lesen. 150 Seiten am Abend sind durchaus machbar.

|Sprachliche Zweifelsfälle |

Auf Seite 310 schreibt der Autor „das Maul heben“ statt „das Maul halten“. Birnes Arbeitskollege Werner sagt das. Trotzdem wird der schwäbische Ausdruck – der Autor kommt aus Augsburg – dadurch nicht richtiger.

Auf Seite 315 taucht dann noch ein echter Rechtschreibfehler auf: „Birne fand … die nötige Muse, um … zu telefonieren.“ Birne wird aber nicht von der MUSE geküsst, sondern findet die nötige ZEIT. Es muss also korrekt „Muße“ heißen. Diesen Fehler hätte eigentlich das Lektorat bemerken müssen, hätte es doch bloß die Muse geküsst. Denn so viel Muße muss sein.

_Unterm Strich_

Als Regionalkrimi lässt der Roman noch einiges zu wünschen übrig. Denn dies ist kein Roman über Kempten noch über seine spezifischen Einwohner, sondern über die deutsche Provinz ganz allgemein. Die Handlung könnte auch im Fichtelgebirge oder dem Bayerischen Wald stattfinden (vielleicht mit ein paar Wölfen als Freilanddekoration). Vertreter der Wirtschaft (in nichtalkoholischem Sinne) treten praktisch gar nicht auf, sieht man mal von der Dönerbesitzerin und einem betrügerischen Sportschuhverkäufer ab.

Ausländerfeindlichkeit findet sich nicht bloß im Allgäu, und fiese Machenschaften von Bossen und Bullen kennt man auch aus Rosenheim etc. Wer sich also mehr Infos über Kempten verspricht, ist hier an der falschen Adresse. Vielleicht ändert sich das ja im zweiten Fall von Birne, der nach Augsburg versetzt wird. Wie dann aber in Augsburg „Alpenlust“ aufkommen soll, frage ich mich wirklich.

Den Krimi habe ich flott gelesen, ohne Spaß und ohne Aha-Effekte, aber wenigstens auch ohne Frust (von der Sprache mal abgesehen, siehe oben). Ich dachte mir, der Autor macht hier seine erste Fingerübung in der Romanform.

|Siehe ergänzend dazu auch unser [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=98 mit dem Autor.|

|322 Seiten
ISBN-13: 978-3839210284|
http://www.gmeiner-verlag.de

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