Spatz, Willibald – Alpenlust

_Krimi-Erwartungen gegen den Strich gebürstet_

Birne fängt nach seinem Einstieg in den Polizeidienst in Augsburg an. Doch weder vermeintliche Bombenleger und durchgeknallte Kollegen noch übereifrige Rentner und liebestolle Frauen können seinem unerschütterlichen Optimismus etwas anhaben. Birne geht seinen Weg – und wenn es sein muss, auch über Leichen …

_Der Autor_

Willibald Spatz, Jahrgang 1977, hat in Würzburg Biologie und in München Kulturkritik studiert. Er lebt zurzeit in der Nähe seiner Heimatstadt Augsburg und schreibt als freier Autor u. a. für die Süddeutsche Zeitung (Münchner Kultur), die Zeitschrift „Theater der Zeit“ und das Internet-Portal nachtkritik.de. Außerdem schreibt er Theaterstücke und Lyrics, macht Musik mit diversen Bands (Termine gibt es unter www.friedrich-pilsner.de.)

[„Alpendöner“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6066 war sein erster Kriminalroman, „Alpenlust“ ist die Forsetzung.

_Handlung_

Kommissar Trimalchio hat in dem Münchner Schreiberling Birne das Potential gesehen und ihn als Polizist von Kempten nach Augsburg geholt. Jetzt patrouilliert Birne quasi als Terroristenjäger durch den Hauptbahnhof. Irgendwelche verdächtigen Koffer, die er melden müsste oder schräge Vögel? Auch die Polizeianwärterin Tanja geht hier auf Streife, aber sie steht weiter unter ihm, was für ein Glück. Dann erwischt ihn der Hitzschlag, und es ist Tanja, die ihm Erste Hilfe leistet und ins Krankenhaus schaffen lässt.

Trimalchio findet, dass er Birne woanders besser einsetzen kann: Er will einen Mädchenentführer und -mörder fassen. Neulich ist er wieder in einem Supermarkt aufgetaucht, wo sich ein entführtes Mädchen an einen Angestellten um Hilfe gewandt hat. Den müsste Birne doch zur Strecke bringen können, oder? Wo er doch die Tanja als Lockvogel einsetzen könnte! Es hilft nichts, dass sich Birne erst sträubt, er wird dennoch dazu überredet.

Mit seiner Kooperation mit Tanja ist es jedoch nicht weit her, wie sich bald zeigt: Sie ist wesentlich professioneller als er, hat womöglich auch Kampfsport trainiert, und privat wird auch nichts draus, wegen seiner Begriffsstutzigkeit. Er, der unbeweibte Singlemann, ist nicht mal in der Lage, eine ausgestreckte Hand zum Tête-à-Tête zu ergreifen und sie in seine Wohnung einzuladen. Tanja schüttelt frustriert den Kopf.

Doch Birnes Stunde kommt! Trimalchio nimmt ihn mit in den Puff von Lechhausen. Hat sich als Massage- und Wellness-Klub getarnt, aber die Stripteasetänzerinnen sind so scharf und der Schampus so teuer wie im Bordell. Birne hat unverhofftes Glück: Der große, bärtige Mann, der neulich Tanja zum Mitgehen überreden wollte, macht sich hier an eine der Animierdamen ran. Und entdeckt seinerseits Birne. Als Birne mit der netten Animierdame Nina – mit Trimalchios Genehmigung, versteht sich – ein Nümmerchen schieben will, überfällt der große, bärtige Kerl die beiden in ihrer Bumskammer und entführt sie beide, nicht ohne ein paar blaue Bohnen auf den Sicherheitsdienst abfeuern zu lassen. Der Kerl sperrt sie in einer abgelegenen Jagdhütte ein.

Es ist aber Tanja, die sich als Erste um Birne Sorgen macht, und der ahnungslose Trimalchio muss erst einmal auf Trab gebracht werden, bevor er den verschwundenen Birne suchen lässt. Wenige Tage später hören sie von einer Landstreife, dass ein Mann, auf den Birnes Beschreibung passt, einen Rentner grundlos über den Haufen geschossen und sogar noch dessen fliehende Frau verfolgt hätte! Ist das wirklich ihr Birne? Trimalchio kanns nicht fassen.

Doch das ist erst der Anfang. Sein Chef Kleinmüller verdonnert Trimalchio dazu, seinen Schützling Birne, der nun offenbar mit der entführten Nina und dem Entführer Bernhard Bayer gemeinsame Sache macht, zur Terrorfahndung ausschreiben zu lassen. Flugs ist Birne vom Terroristenjäger selber zum gejagten Terroristen geworden …

_Mein Eindruck_

Wieder ein Birne-Roman, wieder ein zwiespältiger Eindruck. Der Autor greift ein im Jahr 2007/08 aktuelles Thema auf: Die Suche nach Kofferbomben auf deutschen Bahnhöfen, die Furcht vor Bombenlegern wie in London oder Madrid, die Ausweitung der Überwachungstechnologie auf alle Städte, Bahnhöfe, ja, sogar auf Autobahnen. In einem langen Streitgespräch zwischen Tanja und Trimalchio von Seite 160 bis 164 lässt der Autor die Argumente für und wider mehr „Sicherheit“ vom Stapel, als müsse er vor Gericht Plädoyers halten – steif und gekünstelt, wie Worthülsen, die seine Figuren von sich geben müssen, um die Botschaft zu transportieren. Danke, die Botschaft hör‘ ich wohl …

Gelungener, weil nachvollziehbarer ist da schon die Entwicklung der Figuren. Birne ist zunächst Nonkonformist par excellence, eigentlich ein Wolf im Schafspelz. In seiner beflissenen Naivität ist er täppisch wie in der Liebe. Statt in die patente Tanja verliebt er sich in die süße Stripperin Nina aus dem Lechhauser Puff. Und den Geiselnehmer bekämpft er nicht, sondern scheint sich mit ihm zu solidarisieren. Stockholm-Syndrom? Der Begriff fällt mehr als einmal, um das Überlaufen des Entführten zu seinem Entführer zu zitieren.

Aber der wahre Birne bleibt uns ein Rätsel. Und eine Überraschung: Er knallt den nervenden Rentner, der ihn und Ben anzeigen will, einfach über den Haufen. Ist das nur ein Ausraster oder Birnes verkappte Irrationalität oder einfach nur Genervtheit und Furcht? Jedenfalls wird er dadurch für den Entführer zum Komplizen. An dieser Stelle wirds dann interessant. Denn Bernhard Bayer ist kein Terrorist, sondern ein ehemaliger Polizist, quasi einer von den Guten, die in Ungnade fielen: Ein grüner Luzifer, wie er sich nennt.

Und er war der beste Kumpel von Trimalchio. Der gleiche Schürzenjäger wie der wackere Kommissar, der Birne in den Puff schleppte und sich auf Staatsknete die Mädchen besorgte. Der Unterschied, so Bayer, lag darin, dass er selbst keine Bremse gefunden hat, wenn er die Mädchen jagt, Trimalchio aber die Kurve bekam und sich kontrollieren kann. Grundlegend aber waren die beiden gleich. Und das bedeutet, dass es nur eine Frage des Standpunkts ist, wer als Verbrecher und Terrorist gilt – ob du auf der Seite des Gesetzes agierst oder nicht.

|Lust?|

Tja, was ist nun mit der titelgebenden „Alpenlust“? Wo sind die „liebestollen Frauen“, die der Klappentext der Marketingabteilung vollmundig verspricht? Gottseidank gibt es die Damen, und sie retten wohl diesen Roman davor, allzu grimmig und frustrierend zu werden. Tanja legt sich gleich zu Birne ins Bett, angezogen wohlgemerkt. Das ficht diesen nicht an. Und Nina lässt sich auch wieder blicken – allerdings mit einem großen Problem im Schlepptau.

Wieder mal ists Essig mit dem Sex, den der dritte Teil des Buches ankündigt. Der Autor treibt seine Scherze mit den Erwartungen des (männlichen?) Lesers, vielleicht ist er aber bloß realistischer als dieser: So etwas wie reine Liebe kann es hienieden gar nicht geben, denn ständig kommen der Romantik irgendwelche finanziellen oder wirtschaftlichen Interessen in die Quere, von eifersüchtigen Ehemännern ganz zu schweigen. Deshalb ist es wohl am besten, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und die Gelegenheit beim Schopf zu packen.

Nun ist uns Birne auch kein Rätsel mehr: Er ist emotional, leicht wütend, wenn er sich ausgenutzt fühlt (was praktisch ständig vorkommt), hat Ehre im Leib (was Nina zu ihrem Leidwesen herausfindet), will Leidenschaft und Spaß (wenn beidem genügend Platz eingeräumt wird) – und ab und zu rettet er auch mal ein Menschenleben.

_Unterm Strich_

Der Krimi lässt sich leicht lesen, entwickelt durch seine unerwarteten Wendungen einen eigentümlichen Sog. Doch die Geschichte funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten als der schwedische oder amerikanische Krimi. Systematisch bürstet der Autor den Verlauf gegen den Strich und frustriert auf diese Weise die Erwartungen des Lesers, auch und gerade in Sachen Erotik. Daher sollte der Titel eigentlich „Alpenfrust“ lauten.

Das Ergebnis ist alles andere ein flockiges Krimi-Soufflee von Andrea Camilleri und auch kein Politthriller von Mankel oder Larsson, selbst wenn das Thema Terrorismus eine Rolle zu spielen scheint. Allerdings kommt diese Diskussion im Jahr 2010 schon zwei Jahre zu spät, finde ich.

Wenigstens gibt es zwei Showdowns, einer unerwarteter inszeniert als der andere. Insofern kann man dem Plot die Originalität nicht absprechen. Und die Ironie kommt ebenfalls nicht zu kurz. Wenn Birne den Luxuswagen von Trimalchio anvertraut bekommt, kann man fast schon drauf wetten, dass die Nobelkarosse am Schluss ein Totalschaden sein wird. Aber das ist inzwischen schon wieder ein Klischee, oder nicht?

|Taschenbuch: 225 Seiten
ISBN-13: 978-3839210635|
[www.gmeiner-verlag.de]http://www.gmeiner-verlag.de

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