Spencer-Fleming, Julia – rote Spur des Zorns, Die

Julia Spencer-Flemings Krimiprotagonistin Clare Fergusson, ihres Zeichens ehemalige Helikopterpilotin bei der Army und nun Pastorin der Episkopalkirche, ist in den USA derart beliebt, dass dort demnächst das fünfte Buch mit ihr erscheint. In Deutschland hat sie derartigen Ruhm noch nicht erlangt. Der |Knaur|-Verlag veröffentlichte im August erst das zweite Buch mit der jungen Dame, das den bedeutungsschwangeren Titel „Die rote Spur des Zorns“ trägt.

Das kleine Örtchen Miller‘s Kill, nördlich von New York, ist eigentlich ganz beschaulich. Clare Fergusson muss sich auf eine Reihe von Trauungen vorbereiten und hat ansonsten nicht viel zu tun, außer an den Sheriff Russ Van Alstyne zu denken, mit dem sie in ihrem ersten Buch zu tun hatte und zu dem sie sich, obwohl er verheiratet ist, stark hingezogen fühlt.

Der Frieden in Miller‘s Kill wird empfindlich gestört, als bei einem Volkswettlauf, der vom Bauriesen BWI finanziert wird, eine Gruppe radikaler Bürger gegen den Bau eines Erholungszentrums demonstriert. Das Zentrum wird von BWI gebaut, und zwar auf Boden, der früher mit PCB verseucht war. Nun befürchten einige Bürger, dass der Bau die alten Chemikalien wieder aufwühlen und an die Oberfläche bringen wird. Russ Van Alstyne ist gezwungen, bei dieser Demonstration seine eigene Mutter festzunehmen, was ihm sichtlich schwer fällt.

Gleichzeitig geschehen aber noch weit schlimmere Dinge in Miller‘s Kill. Mehrere Homosexuelle werden Opfer von Überfällen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, bis schließlich Bill Ingraham bei einem solchen Überfall sogar zu Tode kommt. Dass er in der Chefetage bei BWI gesessen hat, bleibt zuerst unbeachtet, aber schließlich häufen sich die Hinweise, dass er vielleicht gar nicht wegen seiner Homosexualität sterben musste …

Das Ermittlerpärchen wider Willen – Clare und Russ – ist natürlich moralischer als moralisch. Sie als Gottesdienerin und er als verheirateter Sheriff. Trotzdem können die beiden es nicht lassen, immer wieder kleine Anspielungen auf ihre gegenseitigen Gefühle zu machen, ohne dass sich daraus aber etwas entwickelt. Dieser Zustand erinnert etwas an die Telenovelas, die nur deswegen existieren, weil sich die Protagonisten lieben, ohne sich dazu zu bekennen.

Für die Handlung eine Kriminalromans bringt diese Konstellation allerdings herzlich wenig. Das kann natürlich auch daran liegen, weil insgesamt nur wenig Spannung in „Die rote Spur des Zorns“ aufkommt. Zu oft schweift die Autorin vom eigentlichen Kriminalstrang ab und widmet sich dem Alltag der Protagonisten. Ein ordentlicher Spannungsaufbau fehlt beinahe gänzlich. Die Überfälle und Morde passieren derart nebenbei, dass man sich gar nicht so wirklich dafür interessiert, wer jetzt eigentlich schuld ist. Dafür fehlt es an geschickt ausgelegten Ködern, die Skepsis und Neugierde beim Leser wecken.

Der Schreibstil ist eigentlich keiner Erwähnung wert. Ohne großen Wiedererkennungswert reiht Spencer-Fleming Wort an Wort. Handlung und Gedanken halten sich die Waage und sind von wenig Tiefgang geprägt, rhetorische Mittel wie Metaphern sind sehr reduziert und fallen nicht auf. Das Buch lässt sich glatt herunterlesen, ohne dass man die Stirn runzeln, den Mund verziehen oder die Augenbrauen bewegen muss.

Insgesamt erinnert „Die rote Spur des Zorns“ eher an einen amerikanischen Kriminalroman von der Stange. Nette Charaktere, die zwar den einen oder anderen Dreck am Stecken, ansonsten aber wenig Tiefgang haben, eine schöne Landschaft, ein seichter Kriminalfall und ein beliebiger Schreibstil ohne Ecken und Kanten. Wem‘s gefällt, dem wird’s gefallen, aber gepflegte Spannungsliteratur darf man von Ms Spencer-Fleming nicht erwarten.

http://www.knaur.de

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