Sternmut, Norbert – Absolut, Du. Liebes-Gedichte

_Eine Feier des Lebens im Eros_

Bereits ein Jahr nach „Photofinish“ (1997) veröffentlichte Norbert Sternmut einen weiteren Gedichtband in der Edition Thaleia. Es ist eine deutliche sprachliche Weiterentwicklung hin zu einem eigenständigen Vokabular festzustellen. Zugleich sind deutliche Anklänge an Celans Dichtung und den späten Trakl zu finden, die sich in düsteren Bildern und Todesmetaphern bemerkbar machen. Insgesamt aber bildet „Absolut, Du“ eine Feier des Lebens, herbeigeführt durch eine erotische Erfahrung und Übersteigerung des Leibes, besonders in der Liebesvereinigung.

_Der Autor_

Norbert Sternmut (= Norbert Schmid), geboren 1958, lebt in Asperg bei Stuttgart und arbeitet als Pädagoge. Er hat seit 1980 zahlreiche Lyrikbände, Dramen und Kurzprosa veröffentlicht.

_Mein Eindruck_

Die Wort- bzw. Bilderwahl und der Gedichtaufbau erinnern häufig an Paul Celan und den späten Georg Trakl. Als würde der Tod, den Celan und Trakl erfuhren und beschreiben, eine Art Geisterlicht auf alles Lebendige und Leibliche werfen, stellt Sternmut in seinen Bilder in auffallender Häufigkeit leibliche Elemente in den Mittelpunkt, vermag diese aber auch zu transzendieren. Der Körper ist ein Mittel, buchstäblich ein Instrument zum Zwecke der Selbstüberhöhung im Reich des Empfindens, des Geistes, der Seele und darüber hinaus.

Das Licht des Tages ist die Gegenwart, und sie wird als Sonnengeflecht, -muster, -gespinst und -teppich beschrieben. In diesem Gewebe findet sich der Körper wieder, gewärmt und fühlend. Im Zentrum des Körpers schlägt das Herz, das zugleich ein Instrument der Empfindung ist. Der „Blutsturz der Tage“ ist ein enger Zusammenhang zwischen diesen beiden Polen.

Dieser Blutsturz wiederum kann durch verschiedene Ereignisse ausgelöst oder wahrnehmbar gemacht werden. Dies kann beispielsweise ganz konkret auf dem Bett der jungfräulichen Braut geschehen. Die blutrote ROSE ist lediglich ein Angramm von EROS und somit Erotik – eine leicht morbide Verknüpfung, die der Fin-de-siècle-Lyrik des frühen Trakl besser ansteht als einem Jünger Celans.

Die „Herzmuschel“ findet sich im „Sommer der Begierde“ unter der erwähnten Sonne der „Sphärenmusik“ und dem „Planetentaumel“ ausgesetzt, so sehr, dass sich der Leib als Instrument der Begierde und der leiblichen Kommunion mit der Geliebten wahrnimmt. In „Instrumental“, einem längeren Stück, wird der Liebesakt Musik, der Leib zum „Klang-körper“ – und nicht nur wegen des Rhythmus‘. Ein Gedicht heißt nicht umsonst „Frühlingsgefühle“.

Gegenbilder des Negativen gibt es genügend: Die „Türme der Trauer“ stehen im „Seelenfeld“ und dem „steinweißen“ „Seelengranit“, gesehen durch „Maskengitter“. Auch lässt sich der Eros in seinen modernen Varianten auf einfache eise durch den Kakao ziehen: In „Fetisch“ führt Sternmut Permutationen mit den Begriffen Lack, Leder, Mutter, Jagd und Sankt Hubertus (Schutzpatron der Jäger) durch und gelangt auf diese Weise zu lustigen bis witzigen Ergebnissen. Permutationstechnik findet sich auch auf das Wort „Fall bzw. fallen“ angewandt, allerdings mit weit weniger reizvollen Resultaten. Die Technik ist zu durchsichtig, die Ergebnisse vorhersehbar, daher unter Wert erreicht.

Wie Celan mit der „Todesfuge“ kann auch Sternmut mit „Echo“ ein langes Werk vorweisen: Es erstreckt sich über rund 17 Seiten. Hier raunt es gar mächtig: Wörter wie „heilig“, „ewig“ und „geheim“ werden keineswegs persifliert oder ironisch gebraucht, sondern als hehre erstrebenswerte Ziele an die Wand der Imagination geworfen. Hier probt Sternmut den hohen Ton Hölderlins, reduziert auf die Vokabeln Celans. Aber wohl ist dem heutigen Leser dabei nicht zumute. Zu oft wurde diese Vokabel in braunen Zeiten missbraucht.

_Unterm Strich_

„Absolut, Du“ ist eine Durchgangsstation im Werke Sternmut, so wie es im Grunde jeder Gedichtband ist. Doch dem Leser bieten sich hier in unscheinbarer Aufmachung – beiger Einband mit schwarz-monochromer Illustration und dunkelblauer Schrift – einige kleine Juwelen von sinnlicher, zuweilen erotischer Dichtung. Diese Edelsteine findet man am Anfang des Bandes häufiger.

Dass Sternmut meines Wissens später einen solchen Ton wie in „Echo“ vermieden hat, ist ebenfalls positiv. Mehr der Gegenwart und ihrem zynischen Urteil zugewandt sind Gedichte wie „Fetisch“, in denen sich erotische „Abweichler“ in sonderbaren Gefilden wie der Jagd wiederfinden. Das zeugt vom Humor und dem kritischen Bewusstsein des Zeitgenossen Sternmut. Angesichts von pathetischen Elogen wie „Echo“ würde man sich mehr davon wünschen.

|Taschenbuch: 128 Seiten
ISBN-13: 978-3924944421|
[www.edition-thaleia.de]http://www.edition-thaleia.de
[ www.sternmut.de]http://www.sternmut.de

_Norbert Sternmut bei |Buchwurm.info|:_
[„Triebwerk. Gedichte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3752
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[„Photofinish“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7067

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