Stroud, Jonathan / Lucht, Catrin / Roth, Astrid – Spur ins Schattenland, Die (Lesung)

_Bewegend: Gelingt die Überwindung des Todes?_

Charlotte und Max sind unzertrennliche Freunde, bis eines Tages ein Unglück geschieht und Max in einem See ertrinkt. Charlie ist untröstlich und begibt sich in ein Schattenreich, um ihren verlorenen Freund zu suchen. Sie ist davon überzeugt, dass etwas Mysteriöses geschehen ist und sie Max wiederfinden kann. Ihr Bruder James glaubt das allerdings nicht und beginn zu ahnen, in welcher Gefahr Charlie schwebt.

_Der Autor_

Jonathan Stroud wurde im englischen Bedford geboren. Laut Verlag schreibt er bereits seit seinem siebenten Lebensjahr Geschichten. Während er als Lektor für Kindersachbücher arbeitete, verfasste er seine ersten eigenen Kinderbücher. Nach der Publikation seiner ersten beiden Jugendbücher widmete er sich ganz dem Schreiben. Er wohnt mit seiner Frau Gina, einer Grafikerin und Kinderbuchillustratorin, und der gemeinsamen Tochter Isabelle in St. Albans nördlich von London.

Er schrieb neben der Bartimäus-Trilogie noch andere Fantasyromane für Kinder und Jugendliche.

Jonathan Stroud auf |Buchwurm.info|:

[„Bartimäus – Das Amulett von Samarkand“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=353
[„Bartimäus – Das Auge des Golem“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1861 (Lesung)
[„Drachenglut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3381
[„Die Eisfestung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3513
[„Die Spur ins Schattenland“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4635 (Buch)

_Der Sprecher_

Gerd Köster, 1957 in Köln geboren, war mal Kopf der angeblich legendären Musikgruppe „Schröder Roadshow“. Zu seinen Großtaten gehört laut Verlag die Übertragung von Tom Waits („The piano has been drinking“) ins Deutsche – nein, pardon! Natürlich ins Kölsche (ganz was anderes). In den letzten Jahren fand er als Theaterschauspieler und Sprecher Beachtung.

Die Lesefassung stammt von Catrin Lucht. Astrid Roth führte Regie und für die Aufnahmeleitung war Bernd Schönhofen im Tonstudio Köln zuständig.

_Handlung_

Charlotte Fletcher erwacht im Krankenhaus. Schon sechs Nächte hat sie seit jenem schrecklichen Tag hier verbracht. Immer noch spürt sie den Kratzer an ihrem Bein. Es war ein schöner Spätsommertag im September, als sie mit ihrem Freund Max aufs Land hinaus radelte. Sie fuhren zur Mühle am Bach und betrachteten das wilde Wasser des Bachs, das in den Mühlteich schoss und das große Rad drehte …

Max hat kein Glück beim Angeln und klettert auf einen nahen Pflaumenbaum, um sich und Charlie etwas zu essen zu geben. Er schlägt sich regelrecht den Bauch voll, bemerkt sie. Doch dann starrt er unverwandt ins Wasser, als gäbe es dort etwas zu sehen. Und er scheint davor Angst zu haben. Sie ruft ihm zu, doch statt ihr zu antworten, springt er von seinem Ast direkt ins Wasser, als wäre er gerufen worden. Es gibt keine Luftblasen. Sofort springt ihm Charlie nach und taucht in die Tiefe, doch er taucht noch tiefer. Da sieht Charlie die Frauen ebenfalls, die Max umarmen. Sie lächeln und wollen auch Charlie umarmen, doch in letzter Sekunde erinnert sie sich an die Schönheit der Erde und stößt sich ab. Eine der Frauen greift nach ihr und kratzt sie am Bein. Sie erreicht die Oberfläche und holt tief Luft. Max ist fort.

James Fletcher, Charlottes älterer Bruder, erhält von seiner alleinerziehenden Mutter die Anweisung, auf die heimkehrende Charlie aufzupassen. Doch genau nach dem, was er am dringendsten wissen will, soll er das Mädchen nicht fragen: Was am Teich passiert ist. Inzwischen hat Charlie nämlich ihre Version der Wahrheit geändert, sobald sie gemerkt hat, dass die erste bei ihrer Mutter nur Misstrauen hervorgerufen hat. Und auch ihrem Therapeuten Dr. Tillbrook erzählt sie nur, was sie auch der Polizei gesagt hat: Auf einmal war Max verschwunden.

Von Dr. Tillbrook hat Charlie ein Notizheft bekommen, damit sie ihre Gedanken und Träume aufschreiben kann. Beizeiten könnte sie dann mit ihm darüber sprechen. Sie wehrt die fürsorgliche Zudringlichkeit ihres Bruders ab und denkt immer an Max zurück. Sie akzeptiert nicht, dass er für immer von ihr gegangen sein könnte. Nein, er ist noch irgendwo, dort, im Schattenland ihrer Träume. Doch der Teich selbst ist abgedeckt, es gibt keinen Zugang hier. Sie erinnert sich an das alte verlassene Stahlwerk, wohin sie mit Max immer ging. Und tatsächlich erwacht sie in ihrem Traum an einem anderen Ort als dem Teich. Sie liegt an einem Meeresstrand, völlig von Salz verkrustet.

Als sie den Fußspuren auf dem Sand folgt, merkt sie, dass diese in eine Schlucht führen, die in ein Felsmassiv geschnitten ist. Mühsam kletternd folgt sie den Spuren, bis sie auf den Gipfel eines Berges gelangt. Der Überblick offenbart ihr einen riesigen Wald, in dem es nur eine kleine Schneise gibt. Dort geht eine kleine Gestalt nordwärts – Max! Sie beginnt zu laufen …

James‘ Ablenkungsversuche funktionieren nicht, und nach einem Streit über den Tod von Max trennt sie sich von ihm. Aber da er für ihr Wohlbefinden zuständig ist, wacht er weiterhin über Charlies Schlaf. Er hört ihre Schreie, die sie in den Albträumen ausstößt. Sobald er in ihr Zimmer tritt, sieht er, wie bleich und schweißüberströmt sie ist. Einmal bemerkt er ein halb vollgeschriebenes Heft auf ihrem Nachttisch. Doch später gelingt es ihm nicht, es wiederzufinden. Sie hat es versteckt.

Charlies Schattenwald ist tief, und der Weg ist lang. Sie rückt Max kein Stückchen näher, als sie ihm folgt. Eine unheimliche Gestalt mit einem Totenkopf veranlasst sie, sich zu verstecken. Als sie stolpert und Angst hat, beugt sich ein anderer Mann über sie. Aber er ist so sanft und freundlich, dass sie Vertrauen zu ihm fasst und ihm ihre Geschichte erzählt. Er ist schon lange hier im Schattenland und weiß, wohin Max unterwegs ist. Er will zur großen Kirmes, die nur einmal im Jahr an wechselnden Orten stattfindet. Dort will er am großen Tanz teilnehmen. Doch sobald er das tut, sei er für Charlie verloren, denn er vergesse dann sein früheres Leben und somit auch Charlie.

Da wird es Charlie wird angst und bange. Sie will Max auf keinen Fall verlieren. Doch wie kommt sie nur zum großen Jahrmarkt? Da erzählt ihr Kit, ihr freundlicher Führer, vom Baum, dessen Frucht das sehnlichste Begehren wahr werden lässt …

_Mein Eindruck_

Vordergründig geht es um die Verarbeitung eines rätselhaften Todes. Das ist schon mal ein ziemlich ernstes Thema für ein Jugendbuch, aber Stroud hat schon bewiesen, wozu er in dieser Hinsicht fähig ist. Überraschend ist eher, dass die Fantasy-Elemente, die man seit der „Bartimäus“-Trilogie von ihm erwartet, fast völlig fehlen. Man muss aber beachten, dass „Die Spur ins Schattenland“ zwei Jahre vor der Trilogie erschien und der Stil sich entsprechend unterscheidet.

Was mir an dieser Geschichte am besten gefallen hat, ist die einfühlsame psychologische Darstellung der beiden Hauptfiguren Charlie und James. Ihre beiden Sichtweisen ergänzen sich. Charlie liefert die subjektive, James die eher objektive Sicht. Sie erlebt das Schattenland direkt, er erlebt es nur mittelbar, indem er ihr Traumtagebuch liest.

Bis zum Beginn des letzten Drittels ist auch Charlie noch in der Lage, die zwei Realitätsebenen auseinanderzuhalten. Doch dann beginnen erst die Wölfe, schließlich auch die Bäume des Traumlandwaldes in ihrer Umgebung zu erscheinen. Sie sieht genau, wie die Bäume die realen Dinge wie etwa Häuser und Autos durchdringen. Dies ist der gleiche Vorgang wie in Lord Dunsanys Klassiker „Die Königstochter aus Elfenland“, als das Elfenland seine Grenzen über die Felder der gewöhnlichen Welt ausstreckt.

Die Folgen für Charlie sind dramatisch. Wo sich die beiden Welten oder Realitätsebenen überlagern, ist es schwierig, mit wachem Verstand hindurchzugehen. James entdeckt zu seinem Entsetzen, dass Charlie schlafwandelt. Mit den Füßen auf der realen Straße, wandelt ihr Bewusstsein auf der Ebene des Traumlandes. Denn dort kann sie der Spur zur Kirmes folgen, auf der sie Max wiederzusehen hofft.

Diese Bewusstseinsspaltung entspricht dem pathologischen Zustand der Schizophrenie. Aber eine klinische Betrachtung Charlies würde den ganzen Zauber zerstören – und auch die Hoffnung, die wir mit James zusammen hegen, dass es ihm gelingt, Charlie vor dem völligen Absturz in den Wahn zu bewahren. Das Finale spitzt den Konflikt auf spannende Weise zu. Ich will nicht verraten, was passiert, aber wer ahnt, dass mit James etwas Schlimmes geschehen könnte, der liegt völlig richtig.

Bemerkenswert ist noch, wie die Außenwelt auf Charlies Verwandlung reagiert. Ihre Mutter ist auf Ablenkung und Beschwichtigung bedacht, Dr. Tillbrook, der Therapeut, auf verständnisvolles Reden mit seiner Patientin (die ihn hinhält), und Max‘ Eltern sind verärgert, als Charlie vor ihrem Haus aufkreuzt. Sie wollen nicht an ihren toten Sohn erinnert werden.

All dies sind legitime, gesellschaftlich sanktionierte Methoden, mit dem Todesfall Max umzugehen, doch nur Charlie will nicht loslassen und Max vergessen. Denn natürlich gibt sie sich die Schuld an seinem Tod. Warum hat sie ihn nicht retten können – oder wollen? Der einzige Weg für ihr von Gewissensbissen und Albträumen geplagtes Herz besteht darin, Max wiederzusehen und entweder Auskunft über sein Schicksal oder Absolution zu erhalten. Nur James bemerkt, auf welchem gefährlichen Pfad Charlie wandelt. Sie transformiert die Realität, sieht Wölfe statt streunender Hunde, und die Gefahren, denen er sich stellen kann, nehmen für sie unüberwindliche Dimensionen an. Der Weg, auf dem sie wandelt, kann durchaus nicht nur Wahn bedeuten, sondern ein sehr reales Ende.

Dies ist umso wahrscheinlicher, weil sie sich einem verständnisvollen Führer im Schattenland anvertraut hat. Kit spricht sanft und freundlich, weiß viel mehr als sie über das Traumland und bietet ihr die Hoffnung, das zu finden, was sie am meisten begehrt. Doch am Ende zeigt sich, dass er seine eigenen Ziele verfolgt. Die Frucht des Begehrens ist ein erster Hinweis darauf, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Frucht erinnert an diejenige vom Baum der Erkenntnis, die Verderben über Eva und Adam brachte. Er verspricht, ihr das zu geben, was sie am meisten begehrt, doch wenn sie ein klein wenig überlegt hätte, so würde sie über die Bedeutung dieses Satzes nachdenken. Denn wenn Max wirklich tot ist, dann hat der Satz eine schreckliche Konsequenz …

|Der Sprecher|

Gerd Köster hat wahrscheinlich selbst Kinder. Wie sonst könnte er Charlie und James eine so natürliche Ausdrucksweise verleihen? Charlie klingt mürrisch, trotzig, schläfrig, ängstlich und vieles mehr. Und sie hat eine deutlich höhere Stimmlage als ihr Bruder. Das ist wichtig, weil die beiden abwechselnd in der Ich-Person erzählen, und dieser Wechsel erfolgt am Schluss der Geschichte ziemlich schnell. Ohne die unterscheidbare Stimmlage würde im Zuhörer nur Verwirrung entstehen, aber so klappt das reibungslos.

Männliche Stimmen wie die von James, Kit oder Mr. Tillbrook sind generell „tiefer gelegt“, aber doch ganz unterschiedlich. Wo James bestimmt und besorgt klingt, wirkt Dr. Tillbrook von einer beruhigend sein sollenden, aber im Grunde hilflosen Betulichkeit. James lässt sich von seinen Sätzen, die Mom trösten sollen, nicht täuschen. Ganz anders hingegen Kit, der Charlie freundlich, langsam und sanft zuredet, doch von der Frucht des Begehrens zu kosten.

Besonders im spannenden Finale muss Köster die Szene vor dem geistigen Auge des Hörers erstehen lassen. Er setzt Flüstern, Rufen und undeutliches Nuscheln ein, um die Szene auf der Kirmes und im Steinbruch authentischer wirken zu lassen, denn eine Unterstützung durch Musik oder Geräusche hat er ja nicht. Die Schwierigkeit besteht darin, dass sich Charlie und James, der ihr folgt, auf zwei verschiedenen Realitätsebenen befinden. Charlies Realität ist der wahr gewordene Traum: Sie hat Max gefunden. Doch James ist mit der harschen Wirklichkeit der Dinge konfrontiert: Charlie steht an der Kante eines Abgrunds.

Ein Booklet gibt es nicht, aber in der Verpackung des Einsteckkartons sind Informationen über Autor und Sprecher abgedruckt. Recht interessant ist das Design des Titelbildes: eine Art Scherenschnitt, wie man sie aus alten Märchen der Kinofrühzeit kennt, zum Beispiel über Prinz Aladin.

_Unterm Strich_

Strouds Buch behandelt das wichtige und ernste Thema der psychologischen Überwindung eines Todesfalls, des Verlustes eines geliebten Menschen. Und er zeigt die Gefahr auf, die darin besteht, nicht loszulassen, sondern dem Toten auf einer gefährlichen Traumstraße nachzufolgen, ganz so, als wäre sie Orpheus, der seiner Eurydike ins Totenreich folgt, um sie zurückzuholen.

Mehrmals musste ich an die Sümpfe der Toten in „Der Herr der Ringe“ denken, deren Anblick Frodo so in Trance versetzt, dass er zu ihnen hinabstürzt. Wie Sam Gamdschie muss auch Charlies Bruder James sie ins einzige Leben zurückbringen, in dem ihr Körper überleben kann. Das macht die Erzählung nicht so sehr zu Fantasy, sondern zu einem psychologischen Drama mit phantastischen Elementen.

Mit knapp viereinhalb Stunden ist das Hörbuch keinesfalls lang zu nennen, und es kommt auch nie Langeweile auf. Schnell zieht die Geschichte den Hörer in ihren Bann und lässt ihn bis zur spannenden Auflösung nicht mehr los.

Fazit: ein Volltreffer.

|Originaltitel: The Leap, 2001
Aus dem Englischen übersetzt von Bernadette Ott
Empfohlen ab 11 Jahren
265 Minuten auf 4 CDs|
http://www.random-house-audio.de
[Verlagsspezial zum Hörbuch]http://www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=10654

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