Stroud, Jonathan – Valley – Tal der Wächter

Seit unserer frühen Kindheit haben wir zahllose Märchen, Fabeln und Legenden gehört, die unser noch kindliches Wesen prägen sollten. In diesen Märchen ging es um Werte wie Ethik, Mut und Verantwortung, auch um Liebe, das Wesen des Guten und das Böse. Darin geht es um Schlüsselerlebnisse, die phantastisch dargeboten werden, oder um Lebensweisheiten, die uns helfen sollen, mögliche Konsequenzen zu überdenken. Märchen dienen als Warnung, sollen aber auch Idealismus entwickeln oder einfach nur soziale Verantwortung nahebringen.

Was Wahrheit und Dichtung ist, lässt sich gerade in frühester Kindheit kaum unterscheiden. Wir übernehmen zumeist Lebensart und Meinungen unserer Eltern und nächsten Verwandten; erst viel später lernen wir durch schicksalhafte und manchmal folgenschwere Erlebnisse auch aus eigener reflektierter Erfahrung. In jedem Kulturkreis gibt es solche Märchen, und manchmal sind sie auch über die Landesgrenzen gewandert, wurden dabei ein wenig abgewandelt und auf die Region abgestimmt, derweil die Botschaft im Grunde unverändert blieb.

Doch hören wir als Kinder in unserer Naivität immer auf die mahnenden Worte unserer Eltern? Manchmal ist die Neugierde doch stärker als alle Warnungen und die Vernunft, und die Folgen übersteigen dann unter Umständen alles, was wir in unseren schlaflosen alpgeträumt haben.

Der britische Autor Jonathan Stroud hat mit seiner aktuellen Veröffentlichung „Valley – Tal der Wächter“ einen großartigen Fantasyroman für Jugendliche und Erwachsene vorgelegt, in dem solche Sagen eine große Rolle spielen.

_Inhalt_

Niemand weiß, wann das Tal besiedelt wurde, woher die Menschen über das hohe Gebirge kamen, wer sie waren. Das Tal ist riesengroß und fruchtbar, die Grenze ist das Gebirge selbst. Mächtige Hünengräber zeugen von den Ahnen der Einwohner und dienen als Mahnung, dieses Land nicht zu verlassen.

Hinter den Gräbern, in den die Helden vergangener und ruhmreicher Taten ruhen, lauern laut den Überlieferungen fürchterliche, grausame Wesen – die Trolde, die im Erdreich lauern und nur darauf aus sind, Menschen, die es wagen, die Grenze zu überschreiten, zu töten und aufzufressen. Besiegt wurden die Trolde vor unzähligen Generationen durch die Ahnherrn der jetzigen Familienoberhäupter, die ruhmreich auf dem Troldfelsen ihr Leben für ihr Tal gaben. Seitdem wachen sie mit Schwert und Rüstung in den Gräbern oberhalb des Tals über ihre Kindeskinder.

Hal Svenssons ist ein kleiner Junge und entstammt, glaubt man den Worten seines Vaters und Onkels, der Linie des berühmten Sven, des größten aller Helden und Bezwingers der grausamen Trolde. Hal ist mit sich und seiner umgrenzenden Welt alles andere als zufrieden, und das äußert sich in ständigen frechen Scherzen und seiner Rivalität mit seinem größeren Bruder, der auch noch der zukünftige Erbe ist.

Als Hal mal wieder wegen eines Streiches von einem wichtigen Fest, das zu Ehren des Besuchs anderer Familien ausgerichtet werden soll, ausgeschlossen wird, hindert ihn das trotzdem nicht daran, weiterhin Unsinn zu treiben. Aud, die junge Tochter von Ulfard, der das Fest besucht, verdreht dem Jungen mit ihrer lebhaften Art den Kopf. Keck und neugierig in ihrem Wesen, steht sie Hal in nichts nach. Als der älteste Sohn der Hakonssons, Ragnar, Hal, der keine festliche Kleidung trägt, für einen niederen Diener hält, rächt sich Hal, indem er das von Ragnar geforderte Bier durch ein wenig Gerberflüssigkeit anreichert. Es kommt, wie es kommen muss; nach dem Fest sorgen Durchfall und Erbrechen für etwas Unfrieden zwischen den Familien des Gastgebers Svensson und den Gästen der Hakonssons.

Um die ohnehin schon angespannte Stimmung ein wenig zu beschwichtigen, gibt es an der Tafel der Svenssons ein Festmahl für die erkrankten Mägen der Besucher. Doch das zunächst friedvolle Zusammensein eskaliert, als sich Hals Onkel Brodir und Olaf Hakonnsson gegenseitig beleidigen. Alte Heldengeschichten des jeweiligen Clans werden übertrieben ausgeschmückt und der gegenteilige Part provozierend verletzt.

In der Nacht wird Hal von Geräuschen und Stimmen geweckt. Leise stiehlt er sich nach draußen und sieht, dass der Streit vom Vorabend hier bei den Ställen scheinbar weitergeht. Olaf und sein Onkel Brodir geraten wiederum in Streit, der diesmal tödlich für Brodir endet. Als Hal dem Sterbenden zur Hilfe eilt, wird er zwar vom Mörder verschont, doch Hal schwört Rache.

Etwas später wird bei einer Ratsversammlung des Tals Anklage gegen Olaf Hakonsson erhoben, und wieder bricht ein Tumult aus, der in Gewalt endet, und diesmal, das weiß auch Hal, wird es nicht zu Verhandlungen und Abtretungen von Ländereien kommen. Hal behält Recht, denn Olaf Hakonsson will das alleine Recht und Gesetz in dem ehemals friedvollen Tal ausüben und schmiedet Angriffspläne gegen jeden, der sich ihm und seinem Clan widersetzt.

Hal schmiedet eigene Rachepläne, in die er Aud einbezieht, denn auch sie hat Grund dazu, alles und allen den Rücken zu kehren. Gemeinsam brechen sie auf, um einen Weg hinter die Gräber zu finden. Doch sie bringen sich und andere damit in große Gefahr …

_Kritik_

Die Namensgebung in „Valley – Tal der Wächter“ erinnert stark an die nordische Mythologie. Und auch Hal Svensson weist durchaus die typischen Merkmale eines anderen nordischen Lausbuben aus der Literatur auf, auch wenn Hal nicht aus Löneberga stammt.

Jonathan Stroud beginnt seinen Roman recht ruhig und gemessen, die Geschichte entwickelt aber dann schnell eine Eigendynamik, in der die Spannung keineswegs fehlt. Anfänglich erzählt ein namenloser Charakter die Geschichte der zwölf Helden, welche die gefährlichen Trolde aus dem Tal verjagten und den Grundstein der Legende um die Wächter legten.

„Valley – Tal der Wächter“ wird aus der Perspektive der dritten Person erzählt. Meist geschieht dies aus der Sicht des Protagonisten Hal, während die anderen Figuren nur selten zu Wort kommen. Hal Svensson ist die Schlüsselgestalt und fordert leider zu viel Raum für sich ein; etwas mehr davon hätte aber den anderen Protagonisten auch zugestanden werden müssen. Zum Ausgleich gibt es ambivalente Charaktere, verschiebbare Grenzen zwischen Gut und Böse sowie immer wieder Wechsel zwischen Ernst und Humor, zwischen Schwere und Leichtigkeit. Die Spannung allerdings ist die gewichtigste Konstante in dieser Erzählung, denn sie beweist sich als immer präsentes Element.

Ort der Handlung bleibt die ganze Zeit über das geheimnisvolle Tal mit seinen insgesamt zwölf Familien. Hier offenbaren sich eine ländliche Kulisse und eine Vergangenheit, die schon längst im Strudel der Zeit versunken ist und nur noch durch Überlieferungen ihren Platz bei den Bewohnern des Tales hat. Man könnte die Bewohner des Tals auch gleichsetzen mit Insulanern, mit gestrandeten Personen in einen begrenzten Mikrokosmos, einer kleinen Welt, die das Tal letztlich auch ist. Alle Familien haben ihre Vorurteile und ihren Argwohn gegen die jeweils anderen, aber auch ihren Stolz und ihre Ehre, ihre Geschichte und – worauf sie immer wieder verweisen – ihre glorreiche Vergangenheit.

Hal Svensson, die Hauptfigur, entwickelt sich mit der Handlung. Anfangs ein wilder Lausbub mit dem Herzen am richtigen Fleck, wandelt sich unser anfänglicher Antiheld charakterlich völlig. Seine kindliche Naivität formt sich durch tragische und manchmal unglückliche Schicksalsschläge zu einem kühlen Kopf, der erst überlegt und dann handelt, der abwägt und dann konsequent Entscheidungen trifft. Er lernt, wann man „Gewalt“ anwenden muss, dass es dabei auch verschiedene Abstufungen gibt und auch Worte treffen und verletzen können.

Auch Aud ist wunderbar konzipiert. Mit rotzfrechen Sprüchen auf den Lippen ist sie manchmal etwas forsch, aber auch sie ist ähnlich wie Hal mutig und hilfsbereit, und durch ihren Charme bekommt sie meist das, was sie möchte und passt sich wandlungssicher der gewünschten Situation an. Doch auch durch ihr Alter ist sie etwas gereifter und handelt überlegter. Neben Hal wird sie der Leser schnell sympathisch finden und sich gut in ihre schwierige Lage versetzen können.

Zurück zur spannenden Handlung: Nach dem ersten Drittel des Romans strafft sich der Spannungsbogen und wird bis zum dramatischen Ende aufrecht gehalten. Geschickt gelingt es dem Autor, am Ende jedes Kapitels so innezuhalten, dass dem Leser nichts anderes übrig bleibt als weiterzulesen.

Nachdenklich stimmend, aber auch spannend ist die Weltanschauung der Einwohner im Tal. Da sie nichts anderes kennen, konzentriert sich über Generationen alles immer noch auf ihre Vergangenheit. Beständige Legenden und Geschichten von Sven, Arn und wie all die Helden noch heißen mögen, lassen Vorurteile über Generationen nicht aussterben. Traditionen wird gegenüber natürlichen Entwicklungen der Vorrang gegeben und oftmals Fragen nach dem Warum, Woher, Wieso gar nicht beantwortet oder nur wieder mit den Ahnen in Verbindung gebracht. Hier genau in diesen Passagen hat es der Autor geschafft, den Leser zum Nachdenken zu bringen, sich auseinanderzusetzen mit Andersartigkeit, Neugierde, Wissendurst und Weiterentwicklung. Im Grunde steht zwischen den Zeilen die Frage: Wie würde ich mich verhalten, wenn ich nichts anderes kennen würde als dieses kleine Tal?

Am Anfang des Romans „Valley – Tal der Wächter“ werden die drei großen Häuser und damit wichtigsten Familien des Tals aufgelistet, zudem befindet sich eine gemalte Übersichtskarte des Tals auf den ersten Seiten, welche die Grenzen und das Gebiet der zwölf Häuser aufzeigt – sehr hilfreich für die Verfolgung von Hals Reise durch das Tal.

_Fazit_

Jonathan Stroud kann stolz sein auf seinen neuen Roman. Wieder beweist Stroud seine schriftstellerische Wandlungsfähigkeit und seine Fähigkeit zu nachdenklichen Ansätzen. In „Valley – Tal der Wächter“ kommt auch die Action nicht zu kurz, aber mit Magie wird in dieser Geschichte nicht gezaubert. Es geht darum, die Vergangenheit zu erfahren, herauszubekommen, woher man kommt, worin die Wahrheit liegt und wohin der Weg, sei dieser auch nur ein Ausweg, führen mag.

Wer zynischen und sarkastischen Humor erwartet, ähnlich wie in der „Bartimäus“-Trilogie, wird diesmal enttäuscht sein. Sicherlich gibt es immer wieder lustige Passagen, doch geht es spürbar ernster zu. Stroud sagt selber, „Valley“ sei einfacher aufgebaut, gerade durch die überschaubare geographische Lage, aber noch viel mehr ist der Roman tiefsinniger und psychologisch komplexer, soll uns anleiten zu hinterfragen, wer wir sind, woher wir kommen und was uns für Möglichkeiten bleiben, unsere Zukunft gestalten zu können.

Als Fazit bleibt zu sagen: „Valley – Tal der Wächter“ ist wärmstens zu empfehlen, gerade für Jugendliche oder ältere Kinder. Denn auch in Märchen oder Legenden steckt immer ein Fünkchen Wahrheit, die sich auf die Lebenswelt anwenden lässt.

_Der Autor_

Jonathan Stroud, Jahrgang 1970, landete mit seiner „Bartimäus“-Trilogie einen sensationellen Überraschungserfolg. Nach einem Studium der Englischen Literatur an der Universität von York verfolgte er zunächst eine Karriere im Verlagswesen, wo er in London als Lektor und Herausgeber von Sachbüchern für Kinder arbeitete. Mitte der 1990er Jahre begann er seine eigenen schriftstellerischen Werke zu veröffentlichen und verzeichnete mit seinen ersten Büchern recht schnell Erfolge. Im Rekordtempo eroberte sein Held, der spitzzüngige Dschinn, die Bestseller-Listen und die Herzen all seiner Leser in über 33 Ländern. Jonathan Strouds Romane wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem |Corine| (Internationaler Buchpreis 2006) und dem Kinderbuchpreis 2007. Er arbeitet und lebt mit seiner Familie in der Nähe von London.

|Originaltitel: Heroes of the Valley
Originalverlag: RH UK
Aus dem Englischen von Katharina Orgaß & Gerald Jung
Empfohlen ab 11 Jahren
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 496 Seiten
ISBN-13: 978-3-570-13493-1|
[Buchtrailer]http://www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=13398
http://www.cbj-verlag.de

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