Takami, Koushun – Battle Royale

_Es kann nur einen geben? Nicht ganz!_

Asien in der nahen Zukunft – oder in einer Parallelwelt. Japan und China haben die Republik Großostasien gegründet, einen totalitären Staat, in dem Furcht und Unterdrückung herrschen. Zum Programm gehört das Experiment „Battle Royale“, ein grausames Spiel, bei dem jedes Jahr Schulklassen ausgewählt und auf eine einsame Insel verschleppt werden. Dort müssen sich die Schüler gegenseitig bekämpfen, bis nur noch ein Überlebender übrig bleibt. Stirbt 24 Stunden lang niemand, werden alle exekutiert. Es gibt kein Entkommen. Oder doch?

_Der Autor_

Koushun Takami, 1969 nahe Osaka geboren, lebt in der Gegend von Shikoku, Südjapan. Er studierte Literatur und arbeitete als Journalist für eine Nachrichtenagentur. Nachdem er diese 1996 verlassen hatte, schrieb er den Roman „Battle Royale“, der es bis in die Endausscheidung eines Literaturwettbewerbs schaffte, dort aber aufgrund seiner kontroversen Thematik abgelehnt wurde. Als der Roman 1999 in Japan dennoch erschien, wurde er vor allem von jüngeren Lesern begeistert gefeiert und ein Millionenbestseller. Er lieferte die Vorlage für mehrere Kinofilme (die auch hierzulande bekannt sind), Comics und Manga. Takami arbeitet an einem zweiten Roman.

_Handlung_

Frühjahr 1997. Die Klasse 9 B der Shiroiwa High School hat sich ihren Schulausflug ans Binnenmeer von Kyushu sicher etwas anders vorgestellt. Die 21 Mädchen und 21 Jungen, alle um die 15 Jahre alt, werden im Schulbus durch ein Gas betäubt und erwachen erst wieder, als sie sich auf der Insel Okishima befinden. Die Insel ist menschenleer bis auf ein einige Soldaten. In einem ehemaligen Schulgebäude erwachen die 42 Schüler, als sie ein Typ, der sich Kinpatsu Sakamochi nennt, anbrüllt. Sie fragen sich natürlich, was das soll. Er erklärt es ihnen. Sie sind die diesjährigen Teilnehmer am allseits bekannten Spiel „Battle Royale“. Es wird zwar von der diktatorischen Regierung Großostasiens als „Programm Nr. 68“ bezeichnet, doch darum schert sich niemand. Aber jeder fürchtet es.

Das Kampfexperiment Nr. 68 sieht vor – und das erklärt auch Herr Sakamochi sehr deutlich –, dass eine Gruppe Schüler auf einer einsamen Insel ausgesetzt wird und dort mit Waffen und Überwachungsgerät versehen so lange kämpfen muss, bis es nur noch einen Überlebenden gibt. Dieser wird dann geehrt. Doch wenn es keine Kämpfe gibt, werden alle binnen 24 Stunden getötet, und zwar durch Fernzündung der kleinen Sprengladung, die sich im Halsband befindet, das jeder Teilnehmer verpasst bekommen hat. Einspruch ist nicht möglich. Damit die Schüler ständig in Bewegung bleiben, gibt Sakamochi über Megafone die zeitweilige Einrichtung von Verbotenen Zonen bekannt, die den Planquadraten auf der Landkarte entsprechen, die jeder Schüler bekommt. Wer sich in einer Verbotenen Zone nach einem vorher bekannt gegebenen Zeitpunkt aufhält, stirbt durch sein Halsband. Ein Wegschwimmen ist nicht möglich, denn das Meer wird von Schiffen des Militärs überwacht.

Als Yoshotoki Kuninobu sich weigert, am Spiel teilzunehmen und verkündet, er werde die Schweinehunde alle umbringen, wird er von Sakamochi kurzerhand erschossen. Die Soldaten legen auf den Rest der Schüler an. Die Schülersprecherein geht ebenfalls drauf. Yoshitokis bester Freund Shuya Nanahara muss schwer an sich halten, um nicht aufzuspringen und dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Es hätte ihn nur das Leben gekostet. Durch Zettel verständigt er sich mit anderen, um Kooperation zu erzielen. Die Überlebenschancen der Beteiligten steigen.

|Das Spiel beginnt|

Schon in den ersten Minuten gibt es Tote. Jeder Schüler bekommt einen Ausrüstungsgegenstand, meist eine Waffe, aber manchmal auch Blödsinn wie eine Klaviersaite. Die Schlauesten warten entweder wie Shuya auf ihren Partner oder rennen gleich los in den umgebenden Wald. Shuya entkommt um Haaresbreite einem Anschlag und schlägt sich mit dem Mädchen Noriko in die Büsche. Sie ist verletzt, und er hilft ihr, einen sicheren Unterschlupf zu finden. Jedenfalls so lange, bis auch diese Stelle zur Verbotenen Zone erklärt wird.

Shuya, eine der Hauptfiguren, sorgt sich um seinen Freund Shinji, der einfach alles weiß. Shinji Mimura ist ein Hacker, und da er sein Handy dabeihat und einen Laptop-Computer findet, gelingt es ihm als gewieftem Hacker, in die Rechner des Regierungspräsidiums der Provinz Kagawa einzudringen. Normalerweise funktionieren Handys auf der Insel nicht, aber sein Handy ist natürlich aufgemotzt. Es gelingt ihm sogar, einen Virus in die Sicherungsdateien der Rechner einzuschleusen. (Darauf bezieht sich das am Anfang abgedruckte „Regierungsmemorandum 00387461“.) Doch als er die Computer zum Absturz bringen will, streikt sein Laptop: Er bekommt keine Verbindung mehr!

Shinji akzeptiert erst nach einer Weile, was die einzig mögliche Schlussfolgerung aus dem Geschehenen ist: Mit Hilfe der Halsbänder können Sakamochis Leute die Schüler nicht nur töten, sondern auch abhören! Jetzt wird Shinji erst recht sauer. Zusammen mit dem nicht so erfahrenen Mitschüler Yutaka baut er eine primitive Bombe, die er auf das Schulgebäude abladen will, in dem Sakamochi die Fäden in der Hand hält.

|Zwischenstand|

Unterdessen schleichen diverse Killer durchs Unterholz. Nach nur zwölf Stunden ist die Zahl der Spielteilnehmer bereits auf 50 Prozent gesunken. Sakamochi freut sich. Er hat mit verschiedenen Regierungsvertretern Wetten abgeschlossen, wer am längsten durchhält und wer der letzte Überlebende sein wird. Das dürfte der eigentliche, perverse Zweck des Spiel sein: eine Wette.

Doch Sakamochi hat weder mit Shinjis Einfallsreichtum noch mit der Kaltblütigkeit und Erfahrung des Überlebenden des vorhergehenden Spiels gerechnet. Irgendwie hat man Shogo Kawada übersehen. Ein verhängnisvoller Fehler.

_Mein Eindruck_

Man sollte meinen, dieses „Zehn-kleine-Negerlein“-Spiel sei ziemlich vorhersehbar, und für viele Szenen trifft dies leider auch zu. Da passiert dann viel Feuerzauber, und jede Menge Geballere hallt durch den Busch auf der Insel. Das sollte man auch erwarten können bei rund fünfzig bis an die Zähne bewaffneten Leuten. Dennoch schafft es der Autor, Spannung zu erzeugen, und das einmal auch auf Kosten des Lesers. Wer sich auf die Angabe zum Spielstand verlässt, wird nämlich ab Seite 280 aufs Kreuz gelegt. In Kapitel 37 sterben zwei Schüler, aber seltsamerweise wird nur einer vom Spielstand subtrahiert. Der Grund wird erst zwei Kapitel später klar: Erst in Kapitel 39 gibt Schüler Nr. 2 endgültig den Löffel ab. Am Schluss gibt es noch eine zweite, ähnliche Überraschung.

Die meisten 15-jährigen Mädchen werden ohne Federlesen abgeschlachtet, und das letzte überlebt nur deshalb, weil sich gleich zwei Jungs schützend um sie bemühen. Eines der Mädchen lebt in einer Scheinwelt aus Videospielfiguren und hält sich für eine unbesiegbare Amazone. Der psychopathische Killer Kazuo erschießt sie, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sich nach ihr umzudrehen. Es gibt aber auch richtig böse Mädels wie Mitsuo, die nicht nur die Konkurrenz abschlachtet, weil sie fies ist, sondern auch weil sie bereits Erfahrungen hat, die man nur bei Erwachsenen erwarten würde: Sie hat sich bereits prostituiert und würde wohl demnächst Drogen nehmen – wenn ihr nicht eine tödliche Waffe den Garaus machen würde. Dennoch: Sie hat es weit gebracht. Wenn man die Spielregeln berücksichtigt.

Diese Spielregeln führen zu raschen Dezimierung der ausgesetzten Schüler, auf die die Spiellleiter gewettet haben. Es gibt aber eine Regel, die sich die Teilnehmer zunutze machen können: Einer darf überleben, und der wird geehrt und aufs Festland zurückgebracht. Auf der Fahrt steht er dem Spielleiter gegenüber und kann die Situation zu seinen Gunsten ändern. Diese und etliche andere Wendungen sorgen für ironische Aspekte, über die sich der jugendliche Leser, der sich in einer ähnlichen ausweglosen Lebenslage sieht wie die Figuren, sicherlich freut. Es gibt ansonsten herzlich wenig zu lachen im Buch.

Wie die überlebenden Figuren auch, insbesondere die Hauptfigur Shuya, fragen sich die Spieler, was dieses Mistspiel für einen Sinn haben soll. Man hat ihnen und ihren Eltern bzw. der Öffentlichkeit weisgemacht, das Spiel diene einem militärischen Zweck, aber worin soll der bestehen? Von einer koordinierten Kampfweise kann keine Rede sein, denn die Spieler verfügen über keine Kommandostruktur. Und wenn Sakamochi das Spiel leitet, dann doch wohl nicht gegen soldatisch ausgebildete Gegner, sondern gegen (meist) wehrlose Schüler.

Shogo erklärt es auf Seite 227 so, dass irgendeiner der hinrverbrannten Bürokraten einmal auf diese Idee gekommen ist und da ihm niemand widersprechen durfte, ohne als ideologischer Abweichler ins Arbeitslager gesteckt zu werden, hielt niemand diesen hirnlosen Plan auf. Und jetzt habe man den entsprechenden Faschismus. Was Shogo aber nicht sagt, ist, dass der Faschismus zwar so als Schreckensherrschaft und Ideologie funktioniert, dass aber das Spiel auch missbraucht werden kann. Das merkt er erst am Schluss. Sakamochi erklärt ihm, auf wen er gewettet hat. Da wird Shogo stinkesauer und zahlt es ihm heim. Außerdem hat er noch eine Überraschung parat.

Shogo weiß auch – von seinem gebildeten, aber mittlerweile verhafteten Onkel – viel über die Geschichte Großostasiens. Vor 75 Jahren habe es einmal eine Volksrepublik Südkorea gegeben, doch eine Verschwörung der amerikanischen Imperialisten und der Demokratischen Nation der Koreanischen Halbinsel ( = Nordkorea) führte zur Annexion Südkoreas durch Nordkorea. Um die Südkoreaner von den Imperialisten zu „befreien“, musste Großostasien (Japan und China) die Koreanische Halbinsel besetzen. So die offizielle Version. Das ist zwar Expansionspolitik des frühesten 20. Jahrhunderts, aber erstens erscheint sie plausibel und zweitens muss sie ja nicht stimmen: wahrscheinlich nur Propaganda. Tatsache scheint aber zu sein, dass sich Großostasien ohne Lücken ausbreitet: ein Kontinent voller Furcht.

Diese düstere Future History erscheint plausibel und würde jeder SF-Story gut zu Gesicht stehen. Vor dem Hintergrund dieses Szenarios kann man weitere Geschichten spielen lassen und das ist auch in der Tat der Fall. Mangas und Filme wurde bekanntlich schon hier inszeniert. Und da am Schluss zwei der Schüler überleben und zu Untergrundkämpfern werden, kann die Saga von „Battle Royale“ weitergehen.

|Mein Leseerlebnis|

Ich fand das Buch sehr einfach zu lesen, denn es bietet keine stilistischen Probleme oder einen Hintergrund, der schwer zu akzeptieren wäre. Allerdings fiel es mir schwer, die Story weiterzulesen, denn nur einen weiteren gewaltsamen Tod zu erleben, erschien es mir nicht die Mühe wert. Aber ich stand es durch, vor allem deshalb, um herauszufinden, ob und wie die dreiköpfige Kerngruppe überlebt. Meine Mühe wochenlanger häppchenweiser Lektüre (jeweils 50 Seiten) wurde belohnt. Die Listen und die Landkarte erleichterten mir, die Übersicht zu behalten, selbst wenn ich mal eine Woche aussetzte.

Der Vergleich mit dem „Herr der Fliegen“, den das Marketing umsatzträchtig auf dem Cover reklamiert, ist allerdings an den Haaren herbeigezogen. Erstens gibt es keinen Atomkrieg, so dass jederzeit Rettung möglich wäre. Zweitens sind die Kinder absichtlich „ausgesetzt“ worden, natürlich ohne Waffen. Drittens gibt es keinen Teufels- und Jägerkult wie in Goldings Roman. Und viertens rettet niemand die Kinder vor sich selbst, wie es am Ende des Buches (oder zumindest des werkgetreueren Films von Peter Brooks) geschieht.

|Die Übersetzung|

Die Arbeit der beiden Übersetzer ist sprachlich meist gelungen. Stilistisch mussten sie sich nicht sehr abmühen, denn der Stil ist denkbar einfach. Poetische Vergleiche und Metaphern kommen kaum vor, von Stilfiguren wie Alliterationen ganz zu schweigen. Das ist der prekären Lage der meisten Spielteilnehmer wohl angemessen. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Spannung gibt – siehe oben.

Dafür gibt es umso mehr Druckfehler. Auf Seite 243 wird aus einem „aus“ ein „auch“. Auf den Seiten 299 und 339 wird Shogo mit Shuya verwechselt, was den Leser ziemlich verwirren kann. Auf Seite 506 erhält Shuya sogar ein weibliches Geschlecht!

Dass die Übersetzer aber in der deutschen Sprache nicht ganz firm sind, verunsichert zusätzlich. Auf Seite 468 steht „preisten“, wie es korrekt „priesen“ heißen müsste, und auf Seite 259 klingt der Satz „Shogo wollte, dass sie mehr isst“ zwar in Odnung, ist aber falsch, denn hier sollte das Präteritum „aß“ stehen.

„Hardcore“? Diese Textfassung ist definitiv „Softcore“!

_Unterm Strich_

Dafür, dass dieser Roman eine Millionenauflage erreicht haben soll, fand ich ihn recht mühevoll zu lesen. Das lag aber nicht an der Verständlichkeit, welche ausgezeichnet ist, sondern an der Vorhersehbarkeit der Aktionen: „Neues Kapitel, neue Tote“, lautet das Prinzip. Zum Glück wird dieser langweiligen Dynamik ab der Hälfte verstärkt entgegengewirkt, indem Widerstand zum Tragen kommt. Der bringt unvorhersehbare Elemente ein, was zu mehr Spannung und Hoffnung Anlass gibt. Schließlich las ich dann weiter, um herauszufinden, wer von der Kerngruppe überlebt – und wurde vom Autor ein ums andere Mal hinters Licht geführt. Das war aber trotzdem nicht wahnsinnig lustig. Denn auch der Endkampf ist so blutig, wie man es befürchtet hat.

Das Ganze hat den Charakter eines Videospiels, und auch der am Ende jedes Kapitels angezeigte „Spielstand“ verstärkt diesen Eindruck. Auch dies nutzt der Autor aus, um den Leser zu täuschen. Was dieses Spiel mit dem aktuellen Leben der Jugend in Japan zu tun, kann ich nicht ermessen und will daher nicht versuchen, darüber zu spekulieren.

Wenn das Buch ein Millionenpublikum gefunden hat, so muss dies wohl an einer gewissen Resonanz liegen. Die unzähligen Biografien, die der Autor erzählt, malen ein breites Panorama einer jungen Generation. Dass dieses Bild weitgehend unpolitisch ist, macht es für heutige Leser umso leichter nachvollziehbar (wären alle Jugendlichen in so etwas wie der Hitlerjugend, sähe das ganz anders aus, denn sie wären alle gleichgeschaltet) und damit interessanter. Sie können sich fragen: Wie würde ich mich in dieser Lage bewähren? Würde ich in den ersten fünf Minuten untergehen? Oder wäre ich bereit, alle anderen zu töten, um selbst zu überleben?

Hintergrund: Einen Vorgeschmack dieses Überlebenskampfes erhalten übrigens fast alle japanischen Schüler und vor allem Schulabsolventen, wenn ihre Eltern sie unbedingt auf die beste Universität des Landes schicken wollen. Davon gibt es nur eine Handvoll, z. B. Haneda in Tokyo, und entsprechend unerbittlich ist der Konkurrenzkampf um die wenigen Zulassungsstellen. Der Numerus Clausus hierzulande ist ein Kindergeburtstag dagegen. Aber wer einen optimalen Uni-Platz ergattert, der hat später in der Wirtschaft automatisch bessere Chancen, einen gutbezahlten Job zu erhalten.)

Die Textfassung ist nicht so optimal, wie ich mir das gewünscht hätte. Eindeutig fehlt hier ein Korrektor. Aber Korrektoren wurden wohl schon vor Jahren abgeschafft, und daher gibt es eine Menge Druckfehler, Verwechslungen und sogar deutschsprachige Fehler, vom Stil ganz zu schweigen (siehe oben unter „Übersetzung“).

Fazit: Ich würde das Buch auf keinen Fall ein zweites Mal lesen.

|Originaltitel: Battle Royale, 1999
624 Seiten
Aus dem Japanischen von Jens und Akiko Altmann|
http://www.heyne-hardcore.de

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