Teltscher, Wolfgang – DeisterKreisel

Barsinghausen ist eine kleine beschauliche Stadt am Deister – südwestlich von Hannover. Bei Wolfgang Teltscher wird dieses kleine Städtchen nun Schauplatz für seinen Lokalkrimi. Dort, wo die Polizei meist nicht allzu viele Verbrechen aufzuklären hat, gilt es nun, im mysteriösen Todesfall des ehemaligen Kriminalkommissars zu ermitteln …

_Toter im See_

Viele Jahre lang war Alfred Matuschek Leiter der Kriminalpolizei in Barsinghausen, doch nun wurde er aufs Altenteil versetzt. Wehmütig sitzt er in seiner Heimatstadt am See, betrachtet die Enten und wirft seine Uhr ins Wasser, die seine Kollegen ihm zum Abschied geschenkt haben. Denn Zeit ist für ihn nicht mehr wichtig, sondern eher zur Belastung geworden. Mit seiner letzten handgeschmierten Stulle füttert er die Enten und denkt derweil über seinen Abschied von der Polizei nach und über den bevorstehenden Ruhestand. Fast vier Wochen später sitzt ein Liebespaar auf der gleichen Bank am See und küsst sich das erste Mal, doch über die Schulter ihres Begleiters hinweg sieht die junge Frau eine Leiche auf dem Wasser treiben – es ist der tote Alfred Matuschek.

Da die Polizei in Barsinghausen befangen ist, reist Kommissar Manfred Marder aus Stade an, der einst auch schon mit Matuschek zusammengearbeitet hat. Ganz auf sich allein gestellt, versucht er zunächst, sich ein Bild von Matuschek und seiner Familie zu machen. Währenddessen wartet er auf die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung, denn noch ist nicht klar, ob Matuschek gewaltsam ums Leben kam oder gar Selbstmord beging. Doch wieso sollte er sich so kurz nach seiner Pensionierung freiwillig das Leben nehmen? Auf der anderen Seite finden sich keine Zeichen der Gewalteinwirkung, und die Analyse besagt auch lediglich, dass Matuschek eindeutig ertrunken ist. Ob ihn aber jemand unter Wasser gedrückt hat oder ob es doch ein Selbstmord war, muss Marder herausfinden.

Zunächst befragt er Matuscheks Frau, seine Tochter und seinen Sohn, aber auch Matuscheks ehemaligen Arbeitskollegen und seinen einzigen Freund. Das Bild, das diese Menschen Marder von dem Toten vermitteln, scheint ausgesprochen harmonisch. Niemand weiß etwas Negatives über Matuschek zu berichten, aber schnell fängt dieses scheinbar so harmlose Bild an zu bröckeln, als Marder ein wenig daran zu kratzen beginnt. Was haben diese Menschen ihm verschwiegen? Welcher Mensch war Matuschek wirklich? Als Marder tiefer zu graben beginnt, erscheint ein ganz neues Bild des Toten …

_Täuschende Idylle_

Zunächst baut Wolfgang Teltscher eine beschauliche Idylle auf. Er präsentiert Alfred Matuschek, erzählt von seiner Pensionierung und der Abschiedsfeier mitsamt dem unpassenden Geschenk. Auch die Szene am See wirkt nachdenklich und harmonisch, nichts deutet darauf hin, dass bald etwas Schreckliches passieren wird. Als die verliebte Frau auf dem See den Körper eines Menschen treiben sieht, bricht dieses Unglück in eine hübsche Kleinstadtidylle hinein. Doch Teltscher baut zunächst noch mehr Spannung auf, denn zunächst enthält er uns vor, wer denn nun tot im See treibt. Stattdessen widmet er sich seinen weiteren Charakteren. Wir lernen Matuscheks Frau auf dem Tennisplatz kennen und erfahren, dass sie ihrem Mann offensichtlich nicht allzu treu gewesen ist und die Ehe schon längst nur noch auf dem Papier existierte. Aber auch bei der Vorstellung der beiden Kinder Bertram und Anja geht der Autor schonungslos vor. In den Augen von Vera Matuschek sind ihre beiden Kinder Versager, hatte sie ihnen doch immerhin eine großartige Karriere nach einem ordentlichen Hochschulstudium gewünscht. Doch Anja ist lieber Krankenschwester geworden und will das Geld ihren späteren Ehemann verdienen lassen, während Bertram sich als Forstwirt im Wald versteckt.

Auch Matuscheks andere Bekannte – sein ehemaliger Kollege Burt Brenner und sein einziger Freund Knut Wotowski – kommen in ihrer Vorstellung nicht allzu gut weg. Brenner freut sich einfach zu sehr, seinen ehemaligen Chef los zu sein, der in seiner eigenbrötlerischen Art und Weise nie gut mit Brenner zusammengearbeitet hat. Und Wotowski hat einen Berg Schulden bei dem kürzlich verstorbenen Kriminalkommissar, den er auch nur schwerlich zurückzahlen kann, da seine deutsche Gaststube nicht so gut läuft, wie er sich das wünschen würde.

Wolfgang Teltscher konzentriert die Lesersympathien folglich in einer einzigen Person, und zwar in der des ermittelnden Kommissars Marder, dem als Einzigen daran gelegen zu sein scheint, das Verbrechen aufzuklären. Marder quartiert sich in einer hübschen kleinen Pension ein, in der er sich auch sogleich mit der Hauswirtin anfreundet, zumal diese ihm täglich ein fantastisches und wohlschmeckendes Frühstück kredenzt. Marder ist ein Mensch, der das Leben offensichtlich genießt. Ab und an quält er sich zwar zu einer Yogastunde, doch sein Vorsatz, täglich eine Stunde Yoga zu machen, ist schnell vergessen.

Manfred Marder ist es nun, der versucht, hinter die Kulissen in Barsinghausen zu schauen. Denn auf den ersten Blick erscheint alles zu perfekt; Matuscheks Familie trauert zwar nicht um das verstorbene Familienoberhaupt, dennoch beschreiben die drei eine harmonische Familienidylle. Hier passt nichts zusammen, das merkt auch Kommissar Marder – wenn auch erst auf den zweiten Blick und nach einem wichtigen Hinweis seiner Hauswirtin.

_Beschaulich und gemächlich_

Es ist nicht gerade eine reißende Spannung, die Wolfgang Teltscher aufbaut, denn nach seinem ersten großen Spannungsmoment plätschert das Buch so vor sich hin. Wir begleiten Manfred Marder bei seinen Ermittlungen, lauschen den Befragungen und spekulieren selbst, was bloß vorgefallen sein könnte. Doch Teltscher gibt uns kaum Hinweise an die Hand, um eigenständig auf die Lösung zu kommen. Schnell ist klar, dass hinter den Masken einiges verborgen bleibt, doch ist es an Marder, diese Wahrheit aufzuspüren – der Leser hat dazu keine Chance, da er nie mehr weiß als der ermittelnde Kommissar.

Auch passiert über lange Strecken hinweg nichts Neues. Die kriminaltechnische Analyse bringt keine Neuigkeiten, und die Befragungen drehen sich im Kreise, sodass Marder alle Verdächtigen – und davon gibt es später doch so einige – immer wieder neu befragen muss. Der Spannungsbogen flaut über weite Strecken ziemlich ab, um eigentlich erst kurz vor Schluss wieder etwas abzuheben, als ein wichtiges Beweismittel gefunden wird und auf der vorletzten Seite nun auch endlich der Leser erfährt, was hinter dem Tod Matuscheks steckt. Das Ende ist zwar stimmig und überzeugt auch, nur kommt es recht plötzlich und baut sich nicht wirklich spannend auf; hier hätte Teltscher dem Leser zwischendurch einfach schon mehr Informationshäppchen zuwerfen sollen.

_Barsinghausen? Wo ist das denn?_

Lokalkrimis sind „in“. Dank Susanne Mischke hat der Krimi auch endlich seinen Weg nach Hannover gefunden, doch Wolfgang Teltscher verlagert seine Krimihandlung aus Hannover hinaus und siedelt seinen Fall in Barsinghausen an. Das ist gewagt, denn in Barsinghausen und den zugehörigen Ortsteilen wohnen gerade einmal 36000 Einwohner – eine winzige Zielgruppe an ortskundigen Lesern. Und da Teltscher seinen Heimatort im Laufe der Romanhandlung nicht ein einziges Mal verlässt, erkennen nicht einmal Hannoveraner irgendetwas an Lokalkolorit wieder, zumal Teltscher auch nicht allzu viel erzählt von seinem Ort, sodass der Lokalanteil eher uninteressant wirkt. Schade.

_Über den Deister …_

Zunächst begann „DeisterKreisel“ recht vielversprechend. Teltscher baut einiges an Spannung auf und stellt einige interessante Figuren vor, von denen immerhin eine durchaus Sympathiepunkte sammeln kann. Doch über weite Strecken plätschert das Buch dann vor sich hin. Insgesamt bleibt daher ein eher mittelmäßiger Eindruck zurück, zumal etliche Tippfehler den Lesefluss stören und das „ß“ meiner Meinung nach zu arg vernachlässigt wurde. Eine ordentliche Schlusskorrektur hätte diesen Missstand sicher beheben können. Der Schreibstil gefiel mir eigentlich sehr gut und auch die Charaktere, die Teltscher zeichnet, überzeugen. Vielleicht sollte der Autor sich einmal aus Barsinghausen hinauswagen und ein wenig von der Idylle lösen, dann könnte sein nächstes Buch deutlich mehr Leser überzeugen.

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