Tey, Josephine – Warten auf den Tod

_Das geschieht:_

Niemand kennt den jungen Mann, dem eines Märzabends vor dem Woffington-Theater zu London ein Dolch in den Rücken gestoßen wird. Obwohl die Schlange der auf Einlass wartenden Thespisjünger sich um das große Haus windet, hat auch niemand die Bluttat beobachtet. Die zuständige Polizeiwache Gowbridge zeigt sich ratlos und bittet Scotland Yard um Unterstützung. Superintendent Barker schickt seinen besten Mann: Alan Grant, den Gentleman-Polizisten, der mit Köpfchen und Eleganz noch jeden Fall gelöst hat.

Dieses Mal lassen sich die Ermittlungen schwerfällig an, denn es gibt zwar Spuren, die jedoch nur ins Leere führen. Die Anonymität des Opfers macht Grant zusätzlich zu schaffen. Ausgerechnet ein ‚alter Kunde‘, der Ganovenkönig Danny Miller, kann dem „verdammten Polypen“ behilflich sein: Den Toten hat er als Buchmacher während eines Pferderennens kennen gelernt.

Jetzt kommt die Polizeiarbeit in Schwung. Unerbittlich verbeißt sich Grant in die sich allmählich mehrenden Spuren. Bald schon bekommt er den mutmaßlichen Mörder zumindest aus der Ferne zu Gesicht. Noch gelingt diesem die Flucht, aber er ist nervös geworden und macht sich nach Schottland davon. Gut verkleidet folgt ihm Grant und waltet seines Amtes, aber die Unschuldsbeteuerungen des Mannes verunsichern ihn. Tatsächlich gibt es da Indizien, die in eine ganz andere Richtung weisen – und Grant ist nicht der Kriminalist, der sich mit dem Offensichtlichen zufriedengäbe!

_Zeit lassen & trotzdem spannend sein_

Ein Mord geschieht und wird aufgeklärt: So kurz lässt sich der Inhalt des hier vorgestellten Kriminalromans zusammenfassen. Ob er deshalb so gut funktioniert? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Schnörkellosigkeit des Plots täuscht; er ist wesentlich kunstvoller komponiert, als er zunächst erscheint. Vor allem in der ersten Hälfte sind es die wenigen Indizien, die den Eindruck erwecken, der Fall sei gelöst, wenn Grant die Bruchstücke in der korrekten Reihenfolge zusammengesetzt hat.

Selten steht in einem klassischen Thriller die profane Kriminalistik so im Vordergrund wie hier. Dabei wird das „police procedural“ im Kriminalroman erst in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg datiert. Vorher hüllte sich der Ermittler üblicherweise in den Dunst der eigenen Genialität, den in der Regel ein ‚Watson‘, der in Vertretung der Leser die dummen Fragen stellt, aufhellen muss. Josephine Tey geht einen anderen, für einen schon 1929 entstandenen Krimi bemerkenswert modernen Weg. Sie lässt uns in ausgedehnten inneren Monologen teilhaben an den Gedankengängen des Alan Grant. Diese machen sehr deutlich, dass der keinen „Assistenten“ benötigt, sondern sehr gut allein seine Arbeit erledigen (und sich dabei tüchtig irren) kann.

Stück für Stück vervollständigt Grant das Puzzle. Harte Arbeit, Beharrlichkeit, die Unterstützung durch Kollegen, Glück und Zufall: Hervorragend und stets überzeugend zeichnet Tey das Bild professioneller Polizeiermittlungen. Entspricht es der Wirklichkeit? Das ist nebensächlich, denn dank Tey glauben wir es zumindest, und das reicht völlig aus.

|Thriller mit Hitchcock-Auftakt|

Zudem hat die Verfasserin ein Händchen für eindrucksvolle Szenen. Die ersten Seiten, die das Ende des unglücklichen Buchhalters schildern, sind eines Alfred Hitchcock durchaus würdig: Inmitten einer Menschenmenge ereignet sich völlig unverhofft ein Mord. (1937 bediente sich der „Master of Suspense“ des Teyschen Grant-Romans „A Shilling for Candles“ als Vehikel für seinen Film „Young and Innocent“.) Dies bettet Tey so genial in eine lebendige Schilderung menschlichen Verhaltens ein, dass es auch den Leser überraschen kann. Auch später gelingen der Verfasserin immer wieder solche Szenen. Zu erwähnen ist beispielsweise Grants Besuch im Woffington-Theater, der in jeder Zeile von der Vertrautheit Teys – die viele Jahre Bühnenstücke schrieb – mit diesem Milieu kündet.

Der Mittelteil spielt in den Highlands, die Tey, der geborenen Schottin, ebenfalls wohl vertraut waren. Auch hier ist Hitchcock nahe: Die Figuren seiner Verfilmung des John-Buchan-Bestsellers „The 39 Steps“ (1935, dt. „Die 39 Stufen“) liefern sich ebenfalls eine Hatz durch Heide und Moor – und dann ist da natürlich |der| Sumpfkrimi-Klassiker [„Der Hund der Baskervilles“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1896 (1901) mit Sherlock Holmes & Dr. Watson von Arthur Conan Doyle.

|Andere Zeiten mit hässlichen Vorurteilen|

Einige heute gewichtige Anlässe zur negativen Kritik liefern unschöne Ressentiments. Josephine Tey (die als Schottin geboren wurde) ist Britin durch und durch. Sie meint ‚ihre‘ Landsleute zu kennen und projiziert dies auf Alan Grant. Der sieht den Dolch im Rücken des Opfers und ‚weiß‘ sogleich: |“Kein echter Engländer würde eine solche Waffe benutzen.“| (S. 19) Deshalb ‚muss‘ ein Südeuropäer die Tat begangen haben: |“Südländer waren in ihren Gefühlen notorisch verletzlich; eine Beleidigung nagte ein Leben lang, ein verirrtes Lächeln auf der Seite ihrer Angebeteten, und sie liefen Amok.“| (S. 20) Solche Passagen verraten dann doch das wahre Alter der ansonsten nur edel gereiften Geschichte. Manchmal verärgern sie sogar, auch wenn man sich vor Augen führt, dass Tey nur schreibt, wie vielen englischen Zeitgenossen der Schnabel gewachsen war: |“[Grant] kannte die fast rattenhafte Vorliebe des Südländers für die Kloake eher als für das Offene.“| (S. 76)

|Mit scharfem Verstand & ohne Privatleben|

Dieser Alan Grant ist ungeachtet seiner Vorurteile ein höchst interessanter Charakter. Es heißt, dass Josephine Tey ihm viele eigene Wesenszüge aufgeprägt hat. Sie hat offenbar stets allein gelebt und das für völlig normal befunden. Bei der Lektüre fällt Grants ausgeprägter Hang zum Alleinsein auf. Darunter leidet er jedoch nicht; es ist sein Lebensstil, so dass Tey keine Zeit darauf ver(sch)wenden muss, dem armen Mann eine Gefährtin finden zu lassen. Die Abwesenheit solcher Seifenoper-Elemente ist durchaus zu verschmerzen.

Grant ruht in sich selbst. Er ist ein scharfer Beobachter mit festen Grundsätzen. Das macht ihn nicht unbedingt sympathisch. Grant ist sehr von sich und seinen Fähigkeiten eingenommen. Dafür gibt es oft gute Gründe, manchmal aber nicht; seine persönlichen Vorurteile lässt Grant sehr wohl in seinen Polizeialltag einfließen. Das hat er mit den Kriminologen seiner Ära gemeinsam. Trotzdem ist da nichts von den Schrullen, mit der beispielsweise Agatha Christie ihren Hercule Poirot oder ihre Miss Marple ausstattet. Außerdem Grant ein Snob; er kann es sich ja erlauben, hat er doch eine Erbschaft gemacht, die ihm finanzielle Unabhängigkeit garantiert. Trotzdem ist er bei Scotland Yard geblieben, denn weniger die Jagd auf Verbrecher als die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung ist seine Passion.

Solche Abstraktionen und Übertreibungen koppeln eine Figur von der Realität ihrer Geschichte ab und verleihen ihr ein Eigenleben, das sie unsterblich werden lassen kann. Grant ist dagegen zu stark und zu kühl, als dass er das Herz der Leser gewinnen könnte. Man akzeptiert ihn, wenn er schließlich begreift, dass die Realität sich dem Verstand nicht zwangsläufig unterordnet, aber man liebt ihn nicht. Für die Konsequenz, mit der Tey dies umsetzt, im Thriller-Genre ihren eigenen Weg geht und nicht den größten gemeinsamen Lesernenner anpeilt, gebührt ihr Anerkennung.

Nur wenige Figuren sind für Tey eindeutig ‚gut‘ oder ‚böse‘. Normalerweise steckt ein bisschen von beidem in ihren Protagonisten. Auch das wirkt heute weniger zeitgenössisch als zeitgemäß. Wie man sich denken kann, bezieht Tey die weiblichen Figuren hier ein. Ihre Frauen sind keine notwendigen Randgestalten, die gerettet oder geheiratet werden müssen, sondern stehen fest im Leben, das sie aktiv – und wiederum im Positiven wie Negativen – gestalten.

|Auch Humor kann subtil sein|

Positiv gilt weiterhin Teys ausgeprägter Sinn für den (in der Übersetzung erhalten gebliebenen) „britischen“ Humor, der nicht ohne Grund so berühmt geworden ist, setzt er doch nie auf den plumpen Furzkissen-Effekt, der z. B. für deutsche „Comedians“ lebensnotwendig ist: |“… der Arbeit brachte seine eigenen Schrecken mit sich in dem hell erleuchteten Gemeindesaal, wo … Frauen umherliefen …, dabei viel redeten und wenig zustande brachte, da keine von ihnen etwas tun konnte, ohne dass eine andere eine Verbesserung vorschlug, was hieß, dass das Komitee schon mitten in der Sitzung war.“| (S. 151). Oder Teys Kommentar zum Dorfleben: |“Die beiden Männer waren niemandem aus der Gemeinde persönlich bekannt gewesen. Sie waren … aus der Ferne als moralische Aussätzige ohnegleichen betrachtet worden, aber als Gesprächsthemen besaßen sie jene nie schwindende Anziehungskraft, die die ausgekochte Verworfenheit auf die Tugend ausübt, und keine Einzelheit ihres Lebens war den Leuten verborgen geblieben.“| (S. 153). Wieso solche Aperçus witzig sein sollen, fragt da jemand? Tja, wer so denkt, der halte sich lieber an die Grimassenschneider der privaten Fernsehsender …

_Autorin_

Josephine Tey wurde 1897 als Elizabeth Mackintosh im schottischen Inverness geboren. Sie besuchte dort die Royal Academy sowie das Anstey Physical Training College in Birmingham, eine typische Frauenschule dieser Epoche, die ‚damengemäße‘ Grundkenntnisse in Medizin und Physik vermittelte sowie viel Wert auf Gymnastik und Tanz legte.

Mackintosh, die echtes Talent als Leichtathletin an den Tag legte, lehrte nach ihrem Abschluss 1918 Sport an diversen Colleges in England. Als 1926 ihre Mutter starb, kehrte sie nach Inverness zurück, um den invaliden Vater zu pflegen. In dieser Zeit begann Mackintosh, die schon immer gern geschrieben hatte, Kurzgeschichten und Gedichte in verschiedenen Zeitschriften zu veröffentlichen. Als der Verlag Methuen in London 1929 einen Wettbewerb ausschrieb, verfasste Mackintosh angeblich binnen zweier Wochen ihren Romanerstling „The Man in the Queue“, der unter dem Pseudonyme „Gordon Daviot“ erschien.

Es dauerte knapp acht Jahre, bis die Autorin einen weiteren Roman vorlegte: „A Shilling for Candles“, wieder ein Krimi mit Inspektor Grant, trug auf dem Titel den Verfassernamen „Josephine Tey“. Mackintosh, die stets die Öffentlichkeit mied, verwendete den Vornamen der Mutter und den Nachnamen der englischen Großmutter. Bei diesem Pseudonym blieb sie. „Gordon Daviot“ lebte aber weiter und verfasste seit den 1930er Jahren Theaterstücke. Mit „Richard of Bordeaux“ verhalf Mackintosh 1932 dem Schauspieler und Regisseur (Sir) John Gielgud (1904-2000) zum Durchbruch. Ihre späteren Werke konnten diesen Erfolg nicht wiederholen. Die intime Kenntnis des englischen Theaterlebens floss indessen positiv in die Kriminalromane der Josephine Tey ein.

Diese schrieb sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig. Kolportiert wird, dass sie dies als Brotarbeit betrachtete, mit der sie freilich außerordentlich gut verdiente: Die Romane der Autorin – die nicht nur Thriller verfasste – waren bei Kritikern und Lesern gleichermaßen beliebt. Tey komponierte nicht nur ausgeklügelte Plots, sondern verfügte über die Gabe einer vielschichtigen Figurenzeichnung. Alan Grant ist weit entfernt von der Eindimensionalität zahlreicher zeitgenössischer Krimi-Detektive.

Teys Werk blieb schmal. Anfang der 1950er Jahre erkrankte sie an Krebs. Sie, die niemals geheiratet hatte, verschwieg ihren Freunden die Krankheit und starb daher überraschend am 13. Februar 1952 in Streatham, London. An ihrem Grab trauerten viele Theaterfreunde, darunter auch Sir John Gielgud.

(Wie es sich gehört, sei hier [ein Link zur Quelle] http://www.r3.org/fiction/mysteries/tey_butler.html#works genannt, aus der Ihr Rezensent u. a. seine Kenntnis über J. Tey schöpfte.

|Die „Alan Grant“-Serie von Josephine Tey|

(1929) Der Mann in der Schlange / Warten auf den Tod (The Man in the Queue / Killer in the Crowd)
(1936) A Shilling for Candles (noch kein dt. Titel)
(1948) Die verfolgte Unschuld (The Franchise Affair) – DuMontKB Nr. 1026
(1950) Wie ein Hauch im Wind (To Love and Be Wise) – DuMontKB Nr. 1036
(1951) Richard der Verleumdete / Alibi für einen König (The Daughter of Time)
(1952) Der singende Sand (The Singing Sands) – DuMontKB Nr. 1013

DuMontKB = Dumont Kriminal-Bibliothek

|Taschenbuch: 285 Seiten
Originalausgabe: The Man in the Queue (London : Methuen 1929)
DuMont Kriminal-Bibliothek Nr. 1120
Übersetzung: Jochen Schimmang
ISBN-13: 978-3-8321-8300-4

Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der Mann in der Schlange“): 1972 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic Nr. 1487)
Übersetzung: Alfred Dunkel
ISBN-13: 978-3-453-10459-4|
[DuMont Buchverlag]http://www.dumont-buchverlag.de

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