Tiptree jr., James – 10000 Lichtjahre von zuhaus

_Klassische SF-Storys: Zum Wettrennen mit den Dinosauriern_

Dieser erste deutsche Tiptree-Band versammelt die ersten Geschichten der Autorin, die sie veröffentlichte und die in der SF-Gemeinde seinerzeit für Furore sorgten. Zusammen mit dem Band „Beam uns nachhaus“ erschienen die Geschichten unter dem Titel „10.000 Lichtjahre von zuhaus“ später in der SF-Bibliothek des |Heyne|-Verlags.

_Die Autorin_

Alice Hastings Bradley Sheldon alias James Tiptree jr. alias Raccoona Sheldon wurde 1915 in Chicago geboren. Ihre Mutter war eine Reiseschriftstellerin, ihr Vater Anwalt. Sie lebte in ihrer Jugend in Afrika und Indien, aber anscheinend war sie lange Jahre für die Regierung, die CIA (bis 1955) und das Pentagon tätig. Im Jahr 1967 machte sie ihren Doktor in Psychologie. Obwohl sie bereits 1946 ihre erste Story veröffentlicht hatte, machte sie die Schriftstellerei erst 1967 zu ihrem Hobby, und nach ihrer Pensionierung schrieb sie weiter bis zu ihrem Tod 1987. Sie beging Selbstmord, nachdem sie ihren todkranken Gatten erschossen hatte.

Obwohl sie einige Romane schrieb, wird man sich an sie immer wegen ihrer vielen außergewöhnlichen Erzählungen erinnern. Ihre besten frühen Storys sind im |Heyne|-Verlag unter den Titeln „10.000 Lichtjahre von zuhaus“ (1973) und [„Warme Welten und andere“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3638 (1975) erschienen. Unvergesslich ist mir zum Beispiel die Story „Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod“, die den |Nebula Award| 1973 errang. Weitere Geschichten sind in „Sternenlieder eines alten Primaten“, „Aus dem Überall“ und schließlich „Die Sternenkrone“ gesammelt. Ihr Roman „Die Feuerschneise“ (Up the walls of the world, 1978, dt. bei |Heyne|) erhielt ebenfalls hohes Lob.

_Erzählungen_

_1) Und ich erwachte und fand mich hier am kalten Berghang_ (And I awoke and found mere on the cold hill side, 1971)

Ein Reporter befragt auf dem Raumhafen einen Arbeiter, der aussieht, als habe er schon alles gesehen. Auf dem Raumhafen ist ein Raumschiff eingetroffen, das weitere Aliens zur Erde gebracht hat. Doch was der Reporter von dem rotbärtigen Arbeiter zu hören bekommt, ist keineswegs das, was er erwartet hat, sondern eine abstrus klingende Warnung.

Die Aliens, egal woher und wie sie aussehen, seien so faszinierend und sexuell attraktiv für die exogam veranlagten Menschen, dass sich sowohl das sexuelle Interesse als auch die Faszination mit den Aliens so negativ auswirkten, dass man für den Fortbestand der menschlichen Rasse fürchten müsse. Der Reporter fühlt sich ein wenig auf den Arm genommen, doch als die Frau des Arbeiters auftaucht, ist zwischen beiden Menschen tatsächlich keinerlei Anziehungskraft festzustellen. Und als der Reporter zwei Aliens entdeckt, rennt er ihnen sofort hinterher. Quod erat demonstrandum.

|Mein Eindruck|

Der Titel liefert den Schlüssel zu der Story. Es ist ein Vers aus dem berühmten Gedicht „La Belle Dame Sans Merci“ des romantischen Dichters John Keats (1795-1820). Die „schöne Dame ohne Mitleid“ (der Titel zitiert ein französisches Gedicht von Alain Chartier aus dem Jahr 1424) hat einen Ritter verzaubert, nahm ihn zu ihrer „elfischen Grotte“, wo er sie viermal küsste, weil sie ach so kummervoll seufzte. Doch als er schlief, träumte ihm von bleichen Prinzen und Königen, die den Träumer als Sklaven der Dame bezeichneten. Und als er voll Schrecken erwachte, fand er sich auf dem kalten Berghang, wo keine Vögel sangen.

Die Rede ist von einer Verzauberung durch erotisches Verlangen, nach der es ein böses Erwachen geben wird, weil nichts ist, wie es scheint. Das Gleiche, so legt der Titel nahe, passiert mit der Menschheit, wenn die Aliens unter uns leben. Und die nebenbei erwähnte Liebesbeziehung einer Erdenfrau mit zwei Sirianern, die sie gleichzeitig liebten und mit Schnabelhieben traktierten, liefert einen Hinweis darauf, was das Schicksal der menschlichen Fortpflanzung sein wird.

Wie in vielen von Tiptrees Erzählungen ist das Thema die psychosexuelle Komponente beim Erstkontakt mit Außerirdischen. Damals war dies noch ein tabuisiertes Thema, das von Magazinherausgebern unterdrückt wurde.

_2) Der Schnee ist geschmolzen, der Schnee ist fort_ (The snows are melted, the snows are gone, 1969)

Ein Mädchen ohne Arme macht sich zusammen mit einem intelligenten Wolf an die Arbeit, einen Menschen zu fangen. In einem idyllischen Bergtal finden sie einen kleinen Stamm von Fischern. Dem Mädchen geling es, den stärksten der Männer mit einer Entblößung zu ködern und in eine Falle zu locken. Sie betäubt und fesselt ihn, dann holt sie Verstärkung.

Es ist ihr Bruder Bonz, doch auch er ist missgebildet: Er hat keine Beine. Dennoch ist er in der Lage, einen Traktor zu fahren und den schweren Mann mit der Hilfe des Mädchens abzutransportieren. Endlich haben sie ein Exemplar erwischt, dessen Gene noch intakt sind. Alle anderen Menschen in Äthiopien haben defekte Gene – selbst jetzt noch, lange nach dem Atomkrieg.

|Mein Eindruck|

Die Punchline, also die Pointe, kommt, wie es sich gehört, erst in der letzten Zeile. Und der Tiefschlag ist gehörig. Was zuvor wie eine ländlich-romantische Idylle wirkte, stellt sich nun als der genetische Überlebenskampf der letzten Menschen heraus. Der gefangene Mann ist kein Held, sondern lediglich Beute, die gebraucht wird, um gesundes Genmaterial zu liefern. Vielleicht kann er ja auf diese Weise ein Held werden.

In Sujet und Ausführung ist die Story konventionell, doch die Kombination von Idylle und Atomkrieg macht sie zu etwas Besonderem. Nur die Überschrift gibt mir noch Rätsel auf. Wahrscheinlich beruht sie ebenfalls auf einem Gedicht. Der Schnee könnte sich auf den nuklearen Winter beziehen, der offensichtlich vorüber ist.

_3) Schmerzerfahren_ (Painwise, 1971)

Der Typ, von dem die Rede ist, kann keinen Schmerz empfinden, und deshalb weiß er alles darüber, was ihm keinen Schmerz bereitet. Er wird daher als Aufklärer eingesetzt, von Welt zu Welt geschickt. Doch diesen Mangel beginnt er als unnormal zu empfinden und fängt an, sich selbst Schmerzen zuzufügen. Doch sein Körpermechaniker repariert ihn schnell wieder, schier unendlich oft, bis selbst dem Körpermechaniker die künstlichen Augäpfel ausgehen. Da versagt die Programmierung des Körpermechanikers, und der vollautomatisierte Aufklärer droht abzustürzen.

Da kommt die Rettung in letzter Sekunde. Es sind drei Empathen, die sich seiner annehmen: Buschbaby hat einen goldenen Pelz, Ragglebomb ist ein Schmetterling und Muskel eine große Boa. Sie beruhigen ihn, auch wenn sie ihm nicht beibringen können, was Schmerz ist. Sie zeigen ihm, was Liebe ist, und er beginnt, sich auch an Gaumenfreuden zu erinnern, die er einst auf seiner Heimatwelt Erde genoss. Einer von ihnen ist ein Telekinet und transportiert die künstliche Kugel der Empathen an jenen Ort, von dem die Erinnerung an „Knusperfrische“ stammt: die Erde.

Doch hier, auf seiner Heimatwelt, erlebt er eine böse Überraschung. Denn nur hier erfährt er Schmerz am eigenen Leib, und weil seine Empathen alles fühlen, was auch er fühlt, kommt es zur Katastrophe …

|Mein Eindruck|

Obwohl die Geschichte nur mit jeweils wenigen Sätzen pro Szene erzählt wird, hinterlässt sie einen bleibenden Eindruck. Der Mann, um den es geht, ist in seinem Gehirn falsch „verdrahtet“. Durch Synästhesie nimmt er Schmerz nur als unterhaltsame Farben wahr. Für fremde Welten, die er erkundet, ist das sicherlich eine nützliche Eigenschaft, doch auf seiner Heimatwelt das genaue Gegenteil, wie er leidvoll erfahren muss.

Der besondere Wert der Story liegt in der einfalls- und nuancenreichen Beschreibung der Sinneswahrnehmungen sowie in der schrecklichen Pointe. Witzig fand ich die Erfindung des Körpermechanikers und der drei Empathen, die sich wie Spielgefährten aufführen und sich zunächst „Herrscher der Galaxis“ nennen lassen. Es gibt eine hübsche Episode mit bukolischer Liebe in einem erotischen Arkadien, doch dann folgt eine groteske Szene mit der Aufzählung grotesker Speisen, die er angeblich kennt.

Die Landung auf der Erde ist dann umso schlimmer. Aus der Spaß, die harte Wahrheit schlägt zu. Ob diese Erde einen Atomkrieg hinter sich hat, lässt sich nicht sagen, aber das ist auch Nebensache. Denn alles an dieser Umwelt bedeutet für ihn Schmerz. Die Frage ist für ihn: „Should I stay or should I go?“ Das soll nicht verraten werden. Aber die bittere Ironie des Schlusses ist mal wieder typisch für Tiptree, siehe ihre Geschichten in „Warme Welten und andere“.

_4) Treu dir, Terra, auf unsere Art_ (Faithful to thee, Terra, in our fashion, 1968)

Peter Christmas hat einen stressigen Job. Er ist der Geschäftsleiter des Hauptveranstalters von zahllosen Wettrennen auf Rennwelt, dem Planeten für die wichtigsten Wettrennen der Galaxis. Und hier treten nicht irgendwelche Erdlinge gegeneinander an wie einst in Olympia, nein, hier treten alle möglichen Aliens an. Natürlich nur in der jeweils passenden Disziplin und Kategorie, also nicht die kleinen Nager bei den großen Sauriern oder so.

Aber wie das nun mal bei galaktischen (und anderen) Wettkämpfen so ist: geschummelt wird immer und von jedem. Mal ist es Schwerkraftdoping, mal etwas Einfallsreicheres. Und es gilt immer Zwischenfälle zu bewältigen. Als eine Amazone das Wettrennen der Saurier verliert, will sie sich in ihr Schwert stürzen. Peter Christmas kann dies in einer heldenhaften Intervention verhindern.

Kurz danach landet eine Rakete mitten auf der Rennstrecke, ist es zu fassen! Die kleinen Nager bringen sich in Sicherheit, die Rakete wird von der Feuerwehr mit Löschschaum zugedeckt. Drei wildgewordene Schimpansen fliegen heraus und zielen mit Lasergewehren auf alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Peter Christmas ist sich nicht zu schade, genau dies zu tun und einen von den Affenartigen auszuschalten.

Seltsamerweise nennt der Abgesandte des Galaktischen Rates Peters Job einen „arkadischen Beruf“! Wo lebt dieses Wesen eigentlich?

|Mein Eindruck|

Wunderbar durchgeknalltes Garn und äußerst flott zu lesen! Streckenweise erinnerte es mich an das Pod-Wettrennen in „Star Wars Episode I“, als Klein-Anakin den anderen Aliens zeigt, was eine Harke ist. Auch „Ben Hur“ stand wohl Pate, denn tatsächlich tauchen hier auch Sicheln an Wagenrädern auf.

Der Titel jedoch weist auf einen ernsten Hintergrund hin: Wozu werden diese „Spiele“ eigentlich abgehalten und wie nahmen sie ihren Anfang? Dieses wohlverborgene Geheimnis Peters wird enthüllt, als zwei Abgesandte aus der Nachbargalaxie an der Redlichkeit der Wettkampleitung zweifeln. Die Magellaner sind ganz in schwarz gewandet und tragen Totenkopfschädel. Sie verständigen sich mit Peter durch ein automatisches Übersetzungsgerät, das nicht besonders genau ist.

Als tatsächlich eine Art Betrug auftaucht, äußern die Magellaner ernste Zweifel an den Erdenmenschen, wie Peter einer ist. Er muss erzählen, dass die Terraner ihre eigene Welt durch einen Bruderkrieg verloren und seitdem wie Waisen durch die Galaxis irrten – bis sie auf Rennwelt eine neue Basis gründeten. Auf diese Weise hoffen sie, ihrer untergegangenen, verwüsteten Heimatwelt Treue und Ehre erweisen zu können, indem sie der Galaxis dienen. Und nun entdeckt Peter zu seinem Entsetzen, wer sie verraten hat … Wieder einmal verrät die Autorin bittere Ironie als Pointe der Story.

_5) Der Kerl, den die Türen grüßten_ (The man doors said hello to, 1968)

In einer Bar taucht ein Zweimeterkerl auf, den die Türen grüßen. Unser Chronist denkt, er sei schon blau, aber nein – den Typ grüßen wirklich alle Türen. Der meint: Es ist eben eine freundliche Stadt. Und noch etwas ist merkwürdig an ihm: In seinem Anzug scheinen sechs kleine Frauen heimisch zu sein. Eine streckt ihren Arm aus dem Schlips, um ein Popcorn zu erhaschen. Na, das ist mal ein schräger Typ, denkt unser Erzähler und klappt zusammen.

Aber der Kerl ist nett, und so gehen sie zusammen weiter, um etwas zu essen. Auf dem Weg findet der Typ auf Mauern Kleingeld und einen Zettel, auf dem „Hilfe!“ steht. In einer Wohnung im zweiten Stockwerk geht der Riese an einem Mädchen vorbei zu einem Schrank und findet dahinter ein fast durchgescheuertes Stromkabel. Demnächst hätte es einen Kabelbrand gegeben. Gut, dass sie vorbeigekommen sind, findet der Riese und nimmt das Mädchen mit.

Irgendwie scheint er nicht aus der Zeit unseres Chronisten zu kommen, und schon bald verschwindet er wieder. Man wird die Mauern in den Straßen, deren Namen zwei R enthalten, im Auge behalten. Nur für den Fall, dass der Riese sich mal wieder Kleingeld besorgen muss.

|Mein Eindruck|

Eine nette kleine Vignette über einen Zeitreisenden. Die Einfälle sind hübsch, scheinen aber nicht weiter von Belang zu sein. Immerhin entsteht hier der Eindruck einer Verfremdung unserer Realität: Türen, die freundlich grüßen, winzige Mädchen in einem Anzug sowie ungezogene, selbstmörderische Kleiderschränke und dergleichen. Eine Realität, in der plötzlich wieder alles möglich ist.

_6) Ein Leben für eine Decke der Hudson Bay Company_ (Forever to a Hudson Bay Blanket, 1972)

Im 21. Jahrhundert lebt Dov Rapelle in Calgary, Kanada, und bevorzugt das ruhige Leben in den Bergen. Auf seinem nächsten Bergausflug in die Schneeberge wird seine Ruhe in der Berghütte jedoch jäh beendet, als ein Helikopter ein halbnacktes 16-jähriges Mädchen absetzt, das sich ihm in die Arme wirft. Er wickelt es erst einmal in eine Decke der Haudson Bay Company, um es warmzuhalten, aber davon will Loolie, wie es sich nennt, gar nichts wissen.

Die Dinge nehmen zwangsläufig ihren natürlichen Lauf und nachdem er sie entjungfert hat, verrät sie ihm, dass sie schon 73 Jahre alt ist und einen Zeitsprung gemacht hat. Sie heiße auch nicht Loolie, sondern Eulalia Avrolupa-Rapelle und ist die Tochter eines peruanischen Magnaten, der seine Schergen ausgesandt hat, um Loolie wieder einzufangen. Und um den Kerl, der ihr möglicherweise etwas angetan hat, ins Jenseits zu befördern.

Zum Glück kennt sich Dov in seiner Berghütte und deren Umgebung wesentlich besser aus als diese Peruaner und kann unbehelligt entkommen. Doch das ist nicht das Ende der Geschichte von Dovy und Loolie. Noch längst nicht. Denn irgendwo muss Loolies Zeitsprung ja angefangen haben …

|Mein Eindruck|

Es gibt nicht viele gelungene Zeitparadoxgeschichten. Die besten und bekanntesten stammen von Robert Heinlein, und er schrieb sie bereits im goldenen Zeitalter: „All you zombies“ (1959) und „By his bootstraps“ (1941). Ihr Handlungsverlauf ist derart kompliziert, dass ihn sich niemand merken kann – einer der Gründe, warum sie so selten abgedruckt werden. Da ist „A sound of thunder“ von Ray Bradbury schon wesentlich simpler. Die Zeitreise selbst wird gar nicht erklärt, sondern nur der Verlauf und die (politischen) Folgen einer Dinosaurierjagd.

Die Zeitschleifenstory, in der ein Ereignis zu seiner eigenen Ursache wird und somit zu einem Paradox, ist wohl die anspruchsvollste Untergattung. Die beste Story, die mir hier je untergekommen ist, heißt „Time wants a skeleton“ und stammt von Ross Rocklynne (1941). In „By his bootstraps“ wird aus der Schleife ein Knoten, und in „All you zombies“ wechselt der Protagonist sogar sein Geschlecht, um sowohl sein Vater als auch seine Mutter zu werden.

Natürlich ist auch „Hudson Bay Company“ eine Zeitparadoxstory, und eine ziemlich erotische dazu. Zwei junge Menschen in eine Berghütte zu stecken und dort alle möglichen erotischen Phantasien umzusetzen, das ist genau das, was Dov in der Story schon mehrmals getan hat (er hat sich dabei ebenso erkältet wie seine Freundin). Loolies Erscheinen in einer Zeitschleife hat jedoch eine eher tragische Ursache. Kaum je fehlt in einer Tiptree-Geschichte ein Todesfall.

Oberflächlich gesehen werden alle Klischees erfüllt: Reiches nettes Mädchen ist seines Vater Obhut entschlüpft und hat ihren Traumlover gefunden, allerdings nur, bis die Männer des Vaters auftauchen. Natürlich hat die Sache ein Nachspiel. Im Grunde könnte die Story eine spannende, erotische Ausarbeitung gut vertragen. Und der tragische Todesfall würde einen soliden Ausgleich zur Frivolität des Anfangs bieten.

_7) Ich bin zu groß, aber ich spiele gern_ (I’m too big but I love to play, 1970)

Ein Präsident wendet sich an Jack (gemeint ist Jaqueline) mit der Beschwerde, er fühle sich zu groß und blicke auf die Menschen wie auf winzige Spielfiguren hinab. Bestimmt liege es an einem Gehirntumor, oder?

Ein riesiges Wesen ist aus den äußeren Regionen des Weltraums ins Sonnensystem eingedrungen und versucht hier auf der Erde, die Entropie, von der es wahrlich genug erfahren hat, auf spielerische Weise zu bekämpfen. Viele Wesen auf dieser Welt – sie nennen sich Menschen – legen eine bemerkenswert anti-entropische Energie an den Tag.

Die ersten Simulationen sind noch nicht so gut gelungen, denn so ein Mensch ist unglaublich stark verdichtete Materie, aber nach und nach, mit ein wenig Übung, gelingt es dem Wesen, sogar einen Wissenschaftler zu imitieren und zu verkörpern. Leider kann Colin Mitchell seinen Appell gegen die entropische Militärforschung und für anti-entropischere Forschung über die zwei-Wege-Kommunikation nicht zu Ende führen. Man hat seinen Originalkörper tot an der Küste gefunden. Die anschließende explosionsartige Ausbreitung der komprimierten Materie seines Körpers vernichtet die Stadt San Bernardino sowie die militärischen Forschungseinrichtungen dortselbst.

Der Präsident mit dem Gehirntumor wendet sich erneut an „Jack“. Sie soll Dartmouth absagen und sich auf den Besuch in Dallas konzentrieren …

|Mein Eindruck|

Es ist ein Schock, am Schluss zu erfahren, dass mit dem Mann, der über einen Gehirntumor klagt, John F. Kennedy, der Präsident der Vereinigten Staaten gemeint ist, und zwar kurz vor seiner Ermordung im November 1963. Alle Verkörperungen, die ihm vorausgingen, waren nur Fingerübungen. Er ist also zwar eine Marionette eines Aliens, jedoch eine mit positive, Eigenschaften: ein Mann, der gegen die Entropie kämpfte, gegen den Krieg.

Durch die Assoziation mit Colin Mitchell und dessen Eintreten gegen die (Entropie fördernde) Militärforschung ist Kennedy allerdings auch von vornherein zum Scheitern verurteilt, und zwar durch seine Gegner, woher auch immer sie kommen mögen. Leider hat jedoch Kennedys Ableben nicht Dallas eingeebnet, so dass der nahegelegten Theorie, er könnte die Verkörperung eines hochverdichteten Aliens sein, nicht allzu viel Glaubwürdigkeit zukommt.

Wie so häufig bei Tiptree kommen auch hier zwei witzig gestaltete, erotische Szenen vor: eine hübsche Bikinischönheit am Strand des Balchaschsees und eine Sexszene in einer Villa auf Mallorca. Besonders die männliche Reaktion auf die (entkleidete) Bikinischönheit ist derartig verklausuliert geschildert, dass man schon genau danach suchen, um sie sich als ziemlich drastisch vorstellen zu können.

_8) Mutter im Himmel – mit Diamanten_ (Mother in the sky with diamonds, 1971)

Sicherheitsinspektor Gollem lebt im Asteroidengürtel und hat ein Geheimnis. Sobald er seinen Flugrekorder manipuliert hat, fliegt er zu einem seit langem verlassenen Raumschiff, der „Ragnarok“ (= Götterdämmerung). Es war einst das erste Schiff, das zum Saturn flog. An Bord lebt immer noch eine Frau namens Topanga Orlow. Sie ist steinalt und geistig verwirrt, aber Gollem ist auch alt, und er erinnert sich noch an jene Zeit, als sie jung war und ihr rotgoldenes Haar ihn betörte. Um sie herum schweben die Hologramme jener Heldenzeit der ersten Saturnexpedition, die auf dem Tethysmond landete. Sie lebt in der Vergangenheit.

Aber die Drogenproduzenten tun dies keineswegs, und sie haben, wie Gollem zu seinem Verdruss bemerkt, an Bord der versteckten „Ragnarok“ eine Plantage für biologische Drogen, sogenannte Phagen, eingerichtet. Natürlich ist es ihnen ein Dorn im Auge, wenn ein Schnüffler von der Sicherheit ihnen in die Quere kommt. Nachdem Topanga einen lauten Hilferuf abgesetzt hat, rast Gollem zu ihr an Bord, nur um in eine Falle der Phagenhersteller zu geraten.

Doch beim siegreichen Kampf verliert Topanga einen Fuß und Gollem sein Shuttleboot, außerdem brauchen sie Sauerstoff. Sie lenken die „Ragnarok“, nun ihr einziges Vehikel, zu einer Medizinbasis im angrenzenden Themis-Sektor. Doch diese Basis wird von hereinkommenden Felsbrocken bedroht. Wieder kommt es zu einem Kampf mit dem leitenden Arzt. Topanga, die um keinen Preis in einem Krankenhaus „umgebracht“ werden will, entführt die „Ragnarok“ und steuert einen Kurs, den Gollem vorher festgelegt hat. Der Kurs liegt genau auf dem Weg der bedrohlichen Felsbrocken …

Später erfahren wir, dass Topanga Orlow die Frau von George Gollem war, mit dem sie auf Luna einen Sohn hatte. Aber als sie die „Ragnarok“ entführte, rief sie nicht den Namen ihres Sohnes, „Golly“, sondern den von Valentine Orlow, dem Kommandanten der „Ragnarok“, der auf dem Jupitermond Ganymed vor 30 Jahren starb.

|Mein Eindruck|

Auch diese Erzählung ist also voller Tod, doch der Tod Topangas ist das glorreiche Verlöschen einer untergegangenen, schon längst überholten Vergangenheit – jener Zeit der Eroberung der äußeren Planeten. Inzwischen ist der ganze Saturnsektor und der Asteroidengürtel unter den Minengesellschaften und der verarbeitenden Industrie aufgeteilt worden. Hier tummeln sich die Phager und die Symbionten – schöne neue Welt!

Nur Sicherheitsinspektor Gollem ist noch als Verbindungsglied zwischen diesen beiden Epochen übrig. Er hört noch Rockmusik, sogar die Rolling Stones. Er lauscht „I can’t get no satisfaction“ und dem 1967 (auf „Their satanic majesties request“) veröffentlichten Song „2000 Lichtjahre von zuhaus“, der dem ganzen Band in abgewandelter Form den Titel lieh. 1967 – das war nur vier Jahre vor dem Abdruck dieser Story – und mitten im „summer of love“.

Auf ihre Space-Opera-hafte Weise ist die Story eine romantische Liebesgeschichte, nicht zwischen Lover und Ex-Geliebter, sondern zwischen Mutter und Sohn. Dadurch ergeben die Generationsunterschiede sowie die emotionalen Bindungen durchaus einen Sinn. Topanga (benannt nach dem bekannten Canyon der Künstler und Bohémiens in Los Angeles) zitiert die Verse des amerikanischen Dichters Hart Crane (gestorben 1932), den sie den ersten Dichter des Raumzeitalters nennt – und den die Autorin in einer Endnote hoch lobt.

Die Gedichtzeilen sind wirklich schön und beschwören die Faszination der Sterne und der Bewegung des Menschen in ihrer Mitte. Dies war der Traum der ersten Saturnexepedition, doch was ist nur daraus geworden? Die Expedition starb in den Saturnringen, die stolze „Ragnarok“ strandete und Topanga ist in einer Art Zeitblase gefangen, die nur Verfall enthält. Fast meint man, die Autorin über sich selbst erzählen zu hören. Sie ist ein Anachronismus in einer vom Kommerz und den Drogen der Phagern beherrschten Epoche. Das Menschsein an sich verändert sich bereits.

Die Geschichte ist ein Abgesang, aber ein einfallsreich inszenierter, und man braucht nicht viel Vorstellungskraft, um sich diese Zukunft der veränderten Menschheit auszumalen. Es ist eine Variation auf die Geschichte „Und ich erwachte und fand mich hier am kalten Berghang“.

Einen Übersetzungsfehler fand ich auf Seite 138. Da wird das englische „radio“ wortwörtlich mit „Radio“ übersetzt, obwohl „Funkgerät“ korrekt wäre, wenn man mit diesem Gerät nicht nur empfängt, sondern auch senden kann.

_Unterm Strich_

Der heutige Leser kann sich wohl nur andeutungsweise vorstellen, welch großen Eindruck diese subversiven, poppigen und mitunter düsteren Erzählungen auf die damalige SF-Gemeinde gemacht haben müssen. Robert Silverberg war sich ziemlich sicher – siehe sein Vorwort zu „Warme Welten und andere“ -, es mit einem männlichen Autor zu tun zu haben, der sich hinter dem Autorennamen „James Tiptree jr.“ verbarg.

Tiptree gab niemals Interviews, antwortete nicht auf Briefe und war auch telefonisch nicht zu erreichen. Aber dieser geheimnisvolle Bursche schrieb umwerfend über Wettrennen auf anderen Welten, über die Ermordung John F. Kennedys, über Sex mit und zwischen Außerirdischen und vieles weitere, was in der ausgelaugten SF-Szene der USA aufhorchen ließ.

In den USA hatte man die britische New Wave assimiliert (von Disch bis Sladek), und die ersten feministischen Stimmen erhoben sich in Gestalt von Ursula K. Le Guin und Joanna Russ. Wenig später wurde auch Tiptree wegen gewisser Storys für eine Feministin gehalten. Zu aller Verblüffung entpuppte sich Alice Sheldon als eine ältere Dame von 55 Jahren. Und sie schrieb weiter bis in die achtziger Jahre hinein.

|Aufforderung|

Es wäre an der Zeit, wieder mal eine kritische Ausgabe ihrer Erzählungen zu veranstalten, denn die alten Storys sind über mehrere Bände verteilt, die heute nur noch im modernen Antiquariat zu bekommen sind. Und deren Anordnung spiegelt die Erzählungen keineswegs in deren chronologischer Reihenfolge wieder, sondern nur in den Zusammenstellungen der Originalausgaben.

Man nehme nur mal den kompletten Band „10.000 Lichtjahre von zuhaus“. Dieser Band Nr. 65 der |Heyne|-SF-Bibliothek erschien 1987, also vor exakt 20 Jahren. Inzwischen wäre den Ausführungen des damaligen Nachwortautors, des Herausgebers Gardner Dozois, doch einiges hinzuzufügen. Was ist von Tiptree übriggeblieben, was hat Bestand, was gälte es für die jetzige Genration neu zu entdecken? Mit dem vorliegenden Band wäre schon mal ein guter Anfang gemacht. Vielleicht ringt sich der |Heyne|-Verlag, der ja auch sämtliche Storys J. G. Ballards und P. K. Dicks veröffentlicht hat, auch zu einer Gesamtausgabe Tiptrees durch.

|Originaltitel: Ten thousand light-years from home, 1973 (1. Teil)
158 Seiten
Aus dem US-Englischen von Walter Brumm|

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