Tolstoi, Lev / Tolstaja, Sofia – Kreutzersonate / Eine Frage der Schuld

|Kämpfen Sie – bitte|

_1. „Der Mensch ist nicht monogam“_

Man darf dieser These nicht glauben, so wahr, wie sie auch sein mag und verleiten könnte Untreue hinzunehmen oder im Falle des Eintretens zu trösten. Nach dem Traktat Tolstois, anders können wir dessen Kreutzersonate nicht nennen, darf diese Erkenntnis einfach nicht gelten. Er behauptet doch nichts anderes, als dass das Ende des Geschlechtlichen im Sinne von dessen Verbrennendem, Zerreißendem, ja auch Mordendem nichts anderes wäre, als das Ende der Geschichte.

Man muss Ihnen wohl zumuten, auf diese Problematik einen rein männlichen Blick zu werfen. Wenn auch das Gegenstück, das Tolstois Frau Sofja liefert, angeblich ein Spiegelbild ihrer Verletztheit über dieses Outing ihres Mannes, des gefeierten russischen Dichters, ist und viel mehr Einblicke liefert in das reale Leben, mit dem die Frauen sich umgeben, sie einen wirklichen Roman daraus macht, fehlt ihr doch der Mut das Grundsätzliche dieser Sache anzuerkennen.

In ihrer Version des gemeinsamen Grundmusters, dass ein erfahrener Mann eine junge Frau ehelicht in der festen Absicht, nunmehr von seiner Verworfenheit zu lassen, die wohl auch ihre Familiengeschichte ist, gerät der Mord des Ehemanns an seiner vermeintlich untreuen Gattin geradezu zu einem Unfall, ein Zufall fast, dass ein marmornes Wurfgeschoss allzu genau trifft und auch noch tödlich ist, wir aber mehr um die zurückgelassenen Kinder bangen, als um sie.

Hat uns nun Tolstoi die Tür aufgetan zum Verständnis des Ganges der Welt, zu den Quellen der Kultur, dem Erwerb von Wissen, Selbstachtung und jeglicher Betriebsamkeit? Hat er einen Sinn ausgemacht in unserem lebenslangen Treiben und diesen in einem Trieb entdeckt, die Treue des geliebten Menschen sicherzustellen? Man kann das als zwei Varianten von Eifersuchtsdramen abtun, wobei er eine Abhandlung schreibt, die kaum noch romanhafte Züge hat und sie einen Allerweltsroman, um der Sache die Spitze abzubrechen, eine Rechtfertigung durch den Blick in die Wohlgesinntheit der weiblichen Seele, während er zeigt, wie die Imagination davon zum Verbrechen drängt, ohne diese überhaupt darzustellen.

_2. Das Ende der Welt_

Wenn man die Sache nur noch an der Oberfläche betrachtet, nicht gerade auch hinter den Liebesbeteuerungen des Partners das Gegenteil zu erforschen trachtet, wenn man nicht seine Kräfte aufbietet, die Treue des Anderen zu erhalten, wo man doch so großzügig die eigene als zusätzliches Beschwernis für ihn eingesetzt hat, wehrt man auch nicht der Knochenhand, die sich an den Glockenstrang gelegt hat, um das Ende der Welt einzuläuten.

In der modernen Welt ist Untreue eine Frage der Statistik geworden und dabei handelt es sich sogar um die reale und nicht die eingebildete, die diese beiden Romane darstellen. Ein Freund verzieh mir nicht, dass ich seine Attitüde durchschaute, mit der er die Untreue seiner Frau zu einer normalen Angelegenheit stilisieren wollte und als ich selbst eine Frau fand, die nicht nur schön ist, sondern mir auch die Treue hält, war dem Ehepaar der Umgang mit uns nicht mehr angenehm.

Indem man diese Eifersuchtsgeschichten als Spiegelbild der Ehe der Tolstois einstuft, gibt man dem Impuls nach, diese Probleme nicht mehr bei sich selbst zu suchen, sondern im Sinne dessen, wovon die Boulevardpresse lebt, voyeuristisch auszulagern. Wenn die Liebe zu sich selbst, wie man sagt, immer der Anfang eines romanhaften Lebens ist, dann erzwingt das noch nicht die Selbstliebe, weil die Romanhaftigkeit noch andere Ursachen haben kann.

Doch wollen wir überhaupt noch ein romanhaftes Leben? Wollen wir es nicht nur noch einfach möglichst bequem hinter uns bringen? Legen wir uns noch die Frage vor, ob das nicht eben das Ende der Welt ist? Man muss nicht zur Selbstliebe greifen, die einsam macht, ein billiger Ausweg ist, man kann sich auch den anderen verpflichtet fühlen, die im Begriff sind mit einem zusammen unterzugehen. Gerade das Glück der anderen sichern zu wollen ist eine viel tauglichere Waffe, die man wie jede zuerst gegen sich selbst zu richten hat. Wem es nicht gelingt, sich der Liebe seiner Liebsten zu versichern, der bringe gefälligst sich selbst um und nicht sie, aber umbringen sollte man sich unbedingt, weil das eben zur Romanhaftigkeit gehört und dem Ende der Welt wohl auch am entsprechendsten ist.

_3. Sollte man des Endes der Welt wehren?_

Mit Recht kann man heute pessimistisch sein, ob es legitim ist zu leben. Da wir immer älter werden, könnte man annehmen, dass unsere Aufgabe, die wir auf der Welt zu erledigen haben, größer geworden wäre. Eigentlich halten wir nur aus, oder besser, wir werden ausgehalten von der Medizin, die sich nicht fragt, wie lebenswert dies Leben wirklich noch ist, sondern jeden heilt und am Leben hält.

Tolstoi schmäht die Mediziner, weil sie die Sexualität zu einem notwendigen Bestandteil der Gesundheit erklärt hatten. Tolstaja verehrt sie, weil sie einer Mutter ersparen können, den Tod eines Kindes ertragen zu müssen. Es greift heute die Kritik, dass die Mediziner, die einst auch die führenden Naturforscher waren, heute vor der Beantwortung der Frage zurückschrecken, dass es sein kann, dass unser Leben gar nicht mehr lebenswert ist.

Der ältere Tolstoi – ganz Rigorist – hat radikale Konsequenzen gezogen, indem er den Fleischkonsum eingestellt hat, weil er die Augen nicht mehr vor dem Umbringen der Tiere für diesen Genuss verschließen wollte. Auch der Jagd hat er entsagt. Haben wir doch die ganze bisherige Geschichte darauf verwendet, uns zu sonnen, wie sehr wir doch die Krone der Schöpfung sind, so ist heute die damit verbundene Macht immer mehr infrage gestellt.

„Wären wir Menschen nicht mehr auf der Erde, würde es der Erde besser gehen“, sagte der Dalai Lama, räumt also nicht nur den Tieren, sondern selbst den toten Dingen ein Recht ein, das hinter dem unseren nicht zurücksteht. Das Ende der Menschheit wäre auch gar nicht das Ende der Welt, sondern so eine Art Müllzeitalter, wo unsere Hinterlassenschaften langsam wieder überwuchert würden. Wir erlebten solche Dinge schon des Öfteren mit zu viel gewordenen Bauten des Sozialismus oder das Ende der nicht mehr reparierbaren Dinge. Wer will, kann sich auch den Müllplatz der nicht mehr reparierbaren Liebesbeziehungen ansehen. Sollte man dessen nicht wehren? Ich meine – ja.

|Goethe wollte die Eitelkeit als Wert retten, Tolstoi das Verbrennende der Liebe, nun ist es an uns.|

|Gebunden: 432 Seiten
ISBN-13: 978-3-7175-2260-7|
http://www.manesse-verlag.de

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