Tränensohn, Tate – Babel, oh mein Babel. Und andere Geschichten

Tate Tränensohn alias Sebastian Gräff, der bisher mit abstrakter Malerei in Erscheinung getreten ist (siehe aktuelle Ausstellung im Nibelungen-Museum Worms), schreibt auch: Das Beste aus über sieben Jahren selbstreflexivem Schreiben ist jetzt im |Mischwesen Verlag München| erschienen. Das Buch mit dem programmatischen Titel „Babel, oh mein Babel“ ist eine Reise in die sehr persönliche und mitunter skurrile Welt des Autors. „Babel, oh mein Babel“ versammelt in erster Linie Gedichte, aber auch Erzählungen und einige Entwürfe für Bühnenstücke. Illustriert wurde das Buch von der Berliner Illustratorin und Malerin S. Beneš, die mit ihren nicht minder bizarren und irgendwie liebenswerten Zeichnungen, die ein wenig an Tim Burton erinnern, das Werk auch optisch zu etwas Besonderem machen.

Das Thema des Buches scheint einfach und wirft doch gleichsam eine komplizierte und elementare Menschheitsfrage auf. „Klebt das Leben an mir fest oder kann ich mich befreien?“ Das ist Tate Tränensohns Übersetzung dieses urmenschlichen Zerwürfnisses: Wem ist mehr zu trauen – dem luftigen Luzifer, der den Rechtsbewahrern dieser Erde sein unbarmherzigen „Non serviam!“ entgegenschmettert, oder dem Ahriman, der uns zurück auf den Boden der Tatsachen zieht, uns im Materiellen verhaftet sehen und jeden Höhenflug im Keim ersticken will? Tate Tränensohn stellt sich die Frage, ob der Mensch über sich hinauszukommen in der Lage ist. Dabei ist er selbst immer wieder Träger ambivalenter Rollen und Identitäten: einmal fliegender Gottkönig, dann wieder ein Gefangener des Lebens. Einmal jongliert er mit Planeten, ein anderes Mal ist er der depressive Madenmeister (allein im Namen steckt die Ambivalenz von Herrschen und Kriechen).

„Babel, oh mein Babel“ ist eine echte Chimäre. Auf den ersten Blick ein Kinderbuch; doch schnell revidiert man die voreilige Bewertung und könnte sagen: ein Fantasybuch. Aber auch das trifft es nicht vollends. Die klassischen Figuren der Fantasyliteratur – Vampire, Trolle & Co. – spielen zwar eine gewisse Rolle; wenn dieses Sujet jedoch derart dekonstruiert wird, wie in Tate Tränensohns Texten geschehen, ist die Bezeichnung unzureichend. Handelt es sich etwa um ein Tagebuch? Das trifft es, denn die Texte in „Babel, oh mein Babel“ sind durchweg in Worte geronnene Biographie. Die einzelnen Kapitel führen durch die Entwicklungsphasen des Autors: von den ersten Reimversuchen aus der Jugend über adoleszente Reflektionen bis hin zu gereifter Lyrik ist alles versammelt. Aber das Buch ist noch mehr. Es ist auch ein Hörbuch, denn Tate Tränensohns Lyrik ist Melodie und Rhythmus pur. Ein unbequemes, radikalromantisches Stampfen tausend kleiner Käferbeine, die wachrütteln und dem Leser einmal mehr zeigen, was aus einer Welt geworden ist, der eine Vernichtungs- und Verdummungsmaschinerie den Takt vorgibt, der Einzelne aber erkennen muss, wie schwer es ist, dagegen anzukämpfen. Wenn man der Melodie von „Babel, oh mein Babel“ also sorgfältig lauscht, wird man einen unterschwelligen Querrhythmus vernehmen können.

|Gedichtprobe

_Alethea_

Ich tauche lange Zeit, phantastische Visionen sehend, in tiefste Welten, in das Meer der Geister.
Weltenflucht von Euch genannt und dabei nichts dergleichen ahnend.
Doch dann dort, noch weiter unten, fliegend, schwebend, stets hinein,
treffe ich sie, mehrfach kostbar.
Sie, von größter Macht der Ketherwesen Weisheit angeleckt, geht mit mir das Gebo ein, wunderbar, von größter Pracht.
Alethea ist ihr Name, und ich nehme sie stets auf, mit in diese Welt,
vor der ich fliehe, voll von Hominidendreck.
Offenbarung, Prophezeiung, erkenntnisreiche Traumvisionen, bringe ich aus ander’n Reichen mit in diese eure Welt.
Ignoranz ist euer Wesen, dummer Vater, träge Mutter, eure Kinder heißen „Zukunftslos“ und „Faul“.
So sollt ihr hören stets auf Neues aus dem Haus der Wiedergötter,
freier Klang und Schrift der Freiheit, Ketten sollen sprengen.
Denn das „non“ vor dienen ist nicht allgemein gemeint, sondern nur der falschen Herren Sklavenfessel vorbehalten.
Kehrt hinein in eure Ebenen des Lebens, folgt dem Käfergeneral, und ihr werdet sehen, der Logos liegt in eurem Selbst.|

http://www.mischwesen-av.de/

Schreibe einen Kommentar