Ulrich, Andreas – Engelsgesicht, Das. Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland

Omertà (italienisch) = Ehrenkodex der Mafia und auch der anderer organisierten kriminellen Vereinigungen. Dieser Kodex verbietet es sowohl den Aktiven als auch den Inaktiven, den Tätern ebenso wie den Opfern, eine Aussage zu treffen, die der Organisation oder der „Familie“ schaden könnte. Ein Bruch dieses stillschweigenden aber bindenden Versprechens ist gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Ein Urteil ohne Anwälte, ohne Verteidigung, ohne Ausreden – endgültig.

Giorgio Basile hat dieses „Gelübde“, diese Omertà gebrochen und damit ist er des Todes. Töten wird ihn wahrscheinlich sein eigener Bruder – „Gott vergibt – die Mafia nie“ heißt es in verschiedenen Regionen Italiens.

Was klingt wie ein zweitklassiger Mafiathriller, ist die Geschichte und Lebensbeichte des Giorgio Basile. Keine Fiktion – es ist die bittere und ehrliche Biografie eines Profikillers, eines Mafioso, eines Mörders, aber auch eines Menschen, eines liebenden Vaters, der Kronzeuge nach italienischem Recht wurde und aus Angst vor Rache im Zeugenschutzprogramm des Staates sein restliches Leben verbringen wird. Er wird mit seiner Familie immer auf der Flucht sein, die Angst sein ständiger Begleiter.

Das Buch, um das es hier geht, ist Ende 2005 im |Spiegel|-Buchverlag erschienen. Der Autor Andreas Ulrich hat mit dem Mörder gesprochen, der ihm seine Lebensgeschichte erzählte. Aufstieg und Fall eines Killers der kalabresischen |’Ndràngheta|. Ein Einblick in die Organisation und Strukturen dieser gefürchteten und legendären „Familienunternehmen“.

_Die Geschichte_

Wie wurde aus dem netten Gastarbeiterkind aus Süditalien ein berüchtigter, eiskalter Killer? Was musste oder ist geschehen, damit jemand alle Skrupel und jegliche Moral fallen lässt und ohne Gewissensbisse töten kann? Und Jahre später: Warum bricht genau dieser Schwerkriminelle sein Schweigen, die Regeln der |’Ndràngheta| – der größten Mafiavereinigung – und verurteilt sich damit selbst zum Tode? Was für ein Mensch ist dieser Giorgio Basilie – den man „Das Engelsgesicht“ nennt?

Giorgio Basile – geboren 1960 in Corigliano Calabro in Süditalien – kommt als Kleinkind mit seinen Eltern nach Mühlheim an der Ruhr. Seine Kindheit ist hart, der Vater ein ungebildeter Arbeiter, der seine Frustration an seinen Kindern und seiner Frau auslebt, seine Mutter sicherlich die stärke Person in dieser Ehe. Giorgio lernt schnell, dass Geld Macht und Ansehen bedeutet. Nicht zuletzt, als seine Mutter sich mit einem sehr bekannten Mafioso namens Antonio de Cicco einlässt und eine Liebesbeziehung beginnt.

Der leibliche Vater toleriert aus Angst vor diesem Mann die Beziehung, auch deswegen verfolgt Giorgio die kriminelle Karriere des kalabresischen Mafioso sehr genau. Die Mafia ist dabei, sich in Deutschland ein Netzwerk aufzubauen. „La Piovra“, der Krake, wie die Mafia auch genannt wird, baut schnell ein Netz der Angst auf, schließlich leben viele Italiener als Gastarbeiter in Deutschland – Raub, Erpressung, Schutzgeld, Prostitution, und bald wird auch der Drogenhandel fest in kriminell organisierter italienischer Hand sein.

Zuerst nur als Chauffeur tätig, wird Giorgio langsam in die ehrenwerten Kreisen aufgenommen. Er beobachtet das Handeln des Stiefvaters sehr genau, der in seinen Augen ein respektierter Ehrenmann ist. Auf Besuchen in Süditalien lernt der junge Giorgio die Strukturen der |’Ndràngheta| kennen, auch wichtige „Bosse“ werden ihm von seinem Ziehvater Cicco vorgestellt. Die ersten Schritte einer verhängnisvollen Karriere.

Als Giorgios Mutter schwanger wird, muss diese auf Drängen Ciccos, der selbst verheiratet ist, in Deutschland leben; nach katholischem Glauben ist die Familie heilig, und dieser Ausrutscher würde in dem Heimatdorf nicht zu ertragen sein. Giorgio und seine Mutter gehen zurück, diesmal aber mit Geld und Unterstützung der Mafia.

1979 überredet Cicco seinen Schützling dazu, wieder nach Italien zu gehen. Er verführt Giorgio mit Geschichten von schönen Mädchen, gutem Essen, schnellen Autos, Geld, Respekt und Anerkennung. Und genau das wird dieser in den nächsten Monaten bekommen. Er genießt es, wenn fremde Leute ihm achtungsvoll und unterwürfig zunicken.

Doch mit der Zeit begegnen ihm auch die wahren Seiten der Mafia. Ein Mann, der sich mit der |’Ndràngheta| angelegt hat, wird von Cicco auf sein Grundstück gelockt und verprügelt. Der ohnmächtige Körper des respektlosen Mannes wird in den Schweinestall geschleppt. Der Mann wird von den hungrigen Schweinen bei vollem Bewusstsein getötet und gegessen, es bleibt nichts übrig, nicht viel – keine Beweise, keine Leiche, keine Fragen – nur ein Grab mehr in Corigliano.

In Laufe der Jahre baut Giorgio seine Position aus, er wird zwar Mitglied des „Clans“, aber man bezeichnet ihn als „Joker“ als nicht „getauftes Mitglied“ der Mafia. Für diesen Clan, für diese ehrenwerte Familie begeht Giorgio seine ersten Morde, der erste Mord an seinem Ziehvater Antonio de Cicco bringt ihm großen Respekt ein. Der zweite Mord, den er später zugibt, geschieht auf Befehl und wird ohne zögern ausgeführt.

Wenig später ist Giorgio in der Hierarchie ein geachteter Mann, der den Kokain-Handel beherrscht und über seine eigenen Vertrauten gebietet. Wie viele Morde Giorgio beging, sagt er nicht, er gibt nur vier vor deutschen und italienischen Behörden zu. Der letzte Mord an seinem besten Freund belastet ihn selbst schwer, erstmalig beginnt er zu begreifen, dass die ehrenwerte Gesellschaft mit ihren Regeln, ihrem Kodex verlogen und falsch ist. Man vermutet, dass Giorgio Basile an circa 30 Morden beteiligt war.

Eines Tages wird auch Giorgio Basile verraten und verkauft. Die deutschen Behörden verhaften ihn auf einem Bahnhof in München. Giorgio war wegen Drogengeschäften in Deutschland, die Falle schnappt zu. In der Zelle weitab von seiner geliebten Frau und seiner Tochter wird auch ein Killer zum Menschen und fühlt sich von der Organisation betrogen und im Stich gelassen. In Unterredungen mit deutschen Beamten wird ihm klar, dass seine einzige Chance auf ein Leben mit seiner Familie darin besteht, auszusagen gegen diejenigen, für die er gedealt und gemordet hat.

Er wird ein „Kronzeuge“, und sein einziger Schutz wird das Zeugenschutzprogramm der italienischen Regierung sein.

_Meine Meinung_

Giorgio Basiles Aussagen erlauben der italienischen Staatsanwaltschaft, der |’Ndràngheta| einen empfindlichen Schlag zu versetzen. Die Richter und Staatsanwälte rechnen ab und erste Erfolge gegen den internationalen Drogenhandel, ausgehend von Italien, werden erzielt.

Der bekannte Autor Andreas Ulrich, der den Killer interviewte sowie mit Zeitzeugen aus dem Heimatdorf sprach, hat seine Recherchen sauber und absolut eindrucksvoll betrieben. Glaubhaft, nicht überzeichnet oder erdacht. Als Grundlage dienten primär die Interviews mit Basile.

Beim Lesen dieser, nennen wir sie ruhig |Biografie eines Killers| erschreckte mich natürlich die Kaltblütigkeit dieses Mannes. Liest man jedoch, wie und unter welchen Voraussetzungen er aufgewachsen ist, empfindet man Mitleid, jedoch kein Verständnis. Und genau das empfindet auch der Killer persönlich. Aber er bereut seine Morde nicht, außer vielleicht den an seinem Freund, ansonsten war es für ihn eine Pflicht – keinerlei Gewissensbisse wirken störend auf seine Psyche. Er sorgt sich nur um das Wohlergehen seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Das waren die eigentlichen Gründe, seine Kontakte zu verraten.

Andreas Ulrich bietet mit seinem Buch einen umfassenden Eindruck in die kriminelle Welt der Mafia, die von Filmen wie „Der Pate“, „Allein gegen die Mafia“ und „Good Fellas“ einen Stempel aufgedrückt bekommen hat. Die wahre Welt der Mafia ist ein Universum von Verrat und Mord, von geleisteten Treueschwüren, die nichts wert sind, von Skrupellosigkeit und Geldgier.

Das Buch liest sich fast wie eine Drehbuchvorlage, und es würde mich nicht wundern, wenn die Aussagen dieses Killers einmal verfilmt werden sollten. Glaubt man Basiles Worten, so sind die meisten italienischen Restaurants in Deutschland in den Händen der Mafia. Viele, fast alle zahlen Schutzgeld, einige Pizzabäcker von nebenan sind wohl Killer und warten hin und wieder auf einen Einsatz. In den Restaurants wird Geld gewaschen, es werden Kontakte gepflegt, Waffen und falsche Ausweise besorgt und so weiter.

Ich denke, dass Giorgio Basile kein grausamer Mann ist, nichts und niemand ist nur böse oder nur gut. Das wäre ein zu weißes und geradezu unehrliches Klischee. Ich weiß nicht, ob ich dem italienischen Zeugenschutzprogramm vertrauen würde. Basile weiß, dass ihm vielleicht nur noch wenige Jahre im Kreise seiner Familie verbleiben. Seinen Worten nach zu urteilen, sind die italienische Politik, die Wirtschaft, ja selbst das Rechtssystem korrupt und alles andere als sicher. Er rechnet nicht damit, eines natürlichen Todes zu sterben, aber um sich selbst er sich nicht, sondern um seine Familie.

Basile rechnet mit dem märchenhaften Mythos der Mafia ab. Mit seiner schonungslosen Offenheit hält er vielleicht Interessierte davon ab, dem organisierten Verbrechen zu nahe zu kommen, vielleicht bringt er Menschen in ähnlicher Lage dazu, mit den Morden aufzuhören und sich eventuell ebenfalls zu stellen. Noch ist Giorgio Basile am Leben.

_Fazit_

Wer wirklich einen Einblick in diese Schattenwelt bekommen möchte, dem sei dieses Buch zu empfehlen. Es verschönert keine romantischen Ansichten über die ehrenwerte Familie. Der Autor fällt auch kein abschließendes Urteil über einen Mann, den vielleicht der eine oder andere als Monster bezeichnen würde.

Andreas Ulrich schreibt sowohl flott als auch informativ, und obwohl eine Geschichte wie diese nicht in erster Linie spannend und unterhaltend sein sollte, ist sie genau das. Es ist eben das „Leben“. Giorgio Basile – den sie „Das Engelsgesicht“ nannten, ist kein Engel – bestimmt nicht, aber auch kein Teufel in Gestalt eines Menschen. Ein Urteil über diesen Mann sollte jeder selbst fällen. Wenn Masken fallen – was bleibt dann übrig?

_Der Autor_

Andreas Ulrich, geboren 1962, arbeitete in Hamburg jahrelang als Polizeireporter, bevor es ihn 1992 zum |Spiegel| zog. Dort schreibt er im Deutschlandressort, zuständig für Kriminalität und Terrorismus.

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