Varesi, Valerio – Pension in der Via Saffi, Die. Commissario Soneri blickt zurück

_Story_

Winter in Parma. Nebelbänke liegen über der Stadt und versetzen Commissario Soneri in eine melancholische Stimmung, vor allem, seit er mit der Aufklärung des Mordes an der alten Pensionsbesitzerin Ghitta Tagliavini beauftragt worden ist. Soneri kannte das Opfer aus der gemeinsamen Zeit mit seiner ehemaligen Freundin Ada, mit der er einige Nächte in Tagliavinis Gasthaus verbrachte. Nun wird er an diese Zeit zurückerinnert und damit auch an den dramatischen Tod Adas, der ihn die Vergangenheit ein zweites Mal erleben lässt.

Soneri beginnt die Ermittlungen an diesem zwielichtigen Mordfall und findet alsbald heraus, dass Ghitta bei weitem nicht so ehrenhaft war, wie der Commissario immer dachte. Stattdessen hat sie sich illegal als Wunderheilerin einen Namen gemacht und dadurch ihren dubiosen Ruf noch weiter bekräftigt. Soneri fühlt sich mit dem Fall überfordert, weil seine persönliche Vergangenheit immer weiter in den Vordergrund gerät. Doch als er realisiert, wie dicht sein eigenes Schicksal mit dem rätselhaften Mord an die alte Tagliavini verknüpft ist, weiß er, dass es für einen Rückzieher bereits zu spät ist.

_Meine Meinung_

Nach dem spannenden politischen Krimi [„Der Nebelfluss“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1587 bemüht Valerio Varesi ein weiteres Mal seinen Antihelden Soneri, der seiner Rolle als sturköpfiger Eigenbrödler hier ein weiteres Mal vollends gerecht wird. Im zweiten Roman um den verbissenen Commissario geht es wiederum um Inhalte aus Italiens politischer Vergangenheit, die der Autor geschickt in eine spannende Kriminalhandlung eingeflochten und mit der Geschichte des Protagonisten verbunden hat. Allerdings kristallisieren diese sich erst nach und nach heraus, genauer gesagt erst im zweiten Drittel, als Soneri die Spur des seltsam gekleideten Pitti verfolgt, der ebenso wie viele andere Menschen in den umliegenden Häusern von Ghittas Pension direkt oder indirekt in den Fall mit eingebunden zu sein scheint. Ab diesem Punkt nimmt die Handlung aber auch erst richtig Tempo auf, wohingegen die ersten Seiten fast ausschließlich dazu verwendet werden, einzelne Ausschnitte aus Soneris Studentenleben zu reflektieren und die Umgebung des Tatorts zu beschreiben.

Doch dann wird’s mit einem Male interessant; Soneri dringt tiefer in die Geschehnisse in der Via Saffi und stößt dabei zunächst auf Ghattis ehemalige Mitbewohnerin Elvira, deren unsicheres Auftreten den Beamten schnell stutzig macht. Er informiert sich in den umliegenden Kneipen sowie bei seinem dort angesiedelten Friseur über die Dame, holt bei einem neugierigen Landstreicher Infos über die Vergangenheit der involvierten Personen ein, kommt dabei aber immer wieder mit seinen Gedanken zurück zu seiner gescheiterten Beziehung mit Ada. Gleichzeitig muss er aber auch seine derzeitige Geliebte Angela bei Laune halten, die dem neuesten Fall ihres Gefährten mit großer Skepsis entgegenblickt, zumal sie nicht akzeptieren möchte, dass in Soneri alte Gefühle aufkeimen und ihren Rang damit untergraben.

Hin- und hergerissen von seinen Emotionen und Gedanken, steigert sich der Commissario immer weiter in den Fall hinein und ist irgendwann froh, dass ihn die ersten Resultate zur Vermutung einer politisch motivierten Tat führen. Er verfolgt fortan noch genauer, was besagter Pitti allabendlich in den Straßen der Via Saffi erledigt, berücksichtigt dabei mit wachsender Intensität scheinbare Zusammenhänge zu längst verjährten Mordfällen und erhält dadurch die Ablenkung, die er sich bei all seinen wirren Gedankenspielen wünscht. Doch viel lieber noch würde er das Attentat auf die Tagliavini weiterdelegieren, kann diesen Entschluss aber schon alleine deswegen nicht mehr durchziehen, weil er auf diese Weise auch nicht mit sich selbst Frieden schließen kann. Um mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen, ist er geradezu dazu verpflichtet, zu lernen, das Unumkehrbare zu vergessen oder es zumindest hinzunehmen, um endlich wieder aus seiner Melancholie herauszukommen.

Auf der anderen Seite ist sich der Commissario die Aufklärung der Tat auch als Rechtfertigung vor den schmierigen Figuren der Chefetage der Polizei schuldig. Von dort aus werden ihm stetig neue Hürden in den Weg gelegt, während jeder Fortschritt ohne jegliche verdiente Anerkennung bleibt. Soneri hat es satt, den Spielball für seine Vorgesetzten abzugeben, und wehrt sich mit aller Kraft dagegen, den ihm zugesprochenen Verliererpart anzunehmen. Zwar bleiben seine Ermittlungen bis kurz vor Schluss ergebnislos, doch sobald sich seine Spur als richtig erweist, tritt der Mann sofort eine wahre Lawine los, von der selbst gefürchtete Ex-Genossen zutiefst erschüttert werden. Und damit geht diese Geschichte erst richtig los.

„Die Pension in der Via Saffi“ bleibt aber trotz all dieser emotionalen Energie ein wenig hinter den zuletzt geschürten Erwartungen zurück. Valerio Varesi hat dieses Mal erhebliche Probleme damit, die Geschichte ‚rund‘ zu bekommen. Die Verknüpfung der Zusammenhänge ist die gesamte Zeit über sehr vage dargestellt und könnte bei der umfassenden Rahmenhandlung manchmal etwas mehr Zielstrebigkeit vertragen, gerade was die Verquickung von politischen und kriminalbezogenen Inhalten angeht. Varsi macht nicht wirklich deutlich, was das eine mit dem anderen zu tun, oder um es hinsichtlich der Handlung zu formulieren: Der Mord an Ghitta scheint völlig losgelöst von den hinterlistigen Affären der im Roman aufgeführten Darsteller behandelt zu werden, und wenn sich das Ganze zum Schluss dann als Einheit zusammenfügen soll, wirkt dies ein wenig künstlich.

Dabei sind die Ideen in „Die Pension in der Via Saffi“ sehr interessant, gerade eben, was die historischen Hintergründe betrifft. Aber in diesem Fall sind sie leider nicht so spannend umgesetzt wie noch in „Der Nebelfluss“; der Plot ist bei weitem nicht so stringent, die Stimmung zudem ziemlich ungewöhnlich für einen Kriminalroman (was ja zunächst mal gar nicht falsch sein muss) und die diesmal unheimlich vielen Charaktere manchmal etwas schwammig in die Geschichte eingeführt worden. Und all das sind kleine Schwächen, die in ihrer Summe dafür sorgen, dass Varesis aktuelles Werk sich dem Leser nur bedingt öffnet und dieser wiederum immer nur episodisch Interesse entwickelt, den Faden wieder aufzunehmen und die etwas komplexere Erzählung konzentriert zu verfolgen. Mit anderen Worten: Der Autor schafft es dieses Mal nicht, sein Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde an sein Werk zu fesseln, so dass alles in allem ein recht durchschnittlicher Gesamteindruck steht, der dem guten Ruf eines Valerio Varesi meines Erachtens nicht gerecht wird. Aber das beweist auch, dass viele interessante Ideen noch lange kein Garant für einen spannungsgeladenen Plot sind.

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