John Varley – Der Satellit

Das 21. Jahrhundert nähert sich seiner Mitte, als das Forschungsschiff „TRS Ringmeister“ den Gasplaneten Saturn ansteuert. Sieben Männer und Frauen nehmen an dieser Mission teil, die unter dem Kommando von Cirocco Jones steht. Das eigentliche Reiseziel gerät indes ins Abseits, als im Orbit des Planeten kreisend ein bisher unbekannter Mond recht stattlicher Größe entdeckt wird. „Themis“ wird er genannt und die Aufregung ist groß, als er sich als künstliches Gebilde erweist – ein 1300 km durchmessendes Rad mit sechs Speichen, dessen „Felgenumfang“ 4000 km beträgt.

Themis enthält in seinem Inneren eine künstliche Welt, da sind sich die Forscher einig. Diese möchten sie erkunden, doch während der Annäherung an die Konstruktion kommt es zur Katastrophe: Fangarmähnliche Andockmechanismen ergreifen die „Ringmeister“, welche bei diesem Manöver zerbricht. Die Insassen werden aus den Trümmern gepickt und nach Themis geschafft. Dort verbringen sie eine unbekannte Zeit in einer winterschlafähnlichen Starre, bevor sie ins Innere „ausgespuckt“ werden. Nackt, ohne Instrumente, Orientierung oder gar Verbindung mit der Erdstation sehen sie sich als Gefangene einer bizarren Hohlwelt, deren „Oberfläche“ sich steil nach „oben“ zur inneren „Nabe“ und nach „unten“ zur „Felge“ des Themis-„Rades“ erstreckt.

In der Nabe vermutet Jones die Zentrale des Satelliten und eventuell seine Erbauer. Leider ist es bis dorthin ein Weg von vielen hundert Kilometern durch unbekanntes Gelände, der zudem steil „bergauf“ führen wird. Zu den Gefahren durch die seltsame Topografie gesellen sich die Risiken, die eine fremde Tier- und Pflanzenwelt sowie schwer einzuschätzende Intelligenzwesen darstellen: Themis ist keineswegs eine leblose Welt. Zudem herrscht unter den Gestrandeten Uneinigkeit über das weitere Vorgehen. Die nur unbewusst registrierten Erlebnisse während des „Schlafes“ haben offenbar psychische Veränderungen zur Folge. Gibt es „Göttin Gäa“ tatsächlich – eine außerirdische Themis-Intelligenz, die ihre „Besucher“ beobachtet und manipuliert, ohne sich erkennen zu geben? Der Weg „hinauf“ in die Nabe erweist sich unter diesen Umständen als doppelt gefährliches Abenteuer …

Man nehme eine Gruppe von Herkunft und Wesensart möglichst unterschiedlicher Personen und setze sie ohne angemessene Ausrüstung an einem unbekannten Ort aus, wo sie ganz allein auf sich gestellt auf ihre Umwelt reagieren müssen: Ihre Geschichte erzählt sich quasi selbst als lange, an Sackgassen reiche Reise zu jenem Ziel, das Befreiung aus der Not und Aufklärung gleichzeitig verheißt. Dabei gehört der Weg bereits zu diesem Ziel, bietet seine Beschreibung nicht selten sogar den größeren Lesespaß, ist doch ein Geheimnis – hier das von Themis – vor allem so lange interessant, wie man selbst miträtseln kann. Oft kann die Auflösung den Vermutungen nicht gerecht werden; auch John Varleys „Gäa“-Zyklus leidet durchaus unter diesem Manko, das sich indes in diesem ersten Band noch nicht bemerkbar macht bzw. geschickt kaschiert wird. Mehr als 300 Seiten wandern (oder besser klettern) die Männer und Frauen der „Ringmeister“ durch das wundersame Riesenrad von Themis, das dem Verfasser als Spielplatz für eine spannende und überraschungsreiche Story vorzüglich gelungen ist.

Varley nimmt vor allem deshalb für sich ein, weil er seinen Job nicht mit der Konstruktion und Beschreibung von Themis als erledigt betrachtet. Viele Autoren der „harten“ Science-Fiction denken und schreiben so; ihre Werke lesen sich dann, als ließen sie eine Gruppe Mäuse durch ein Experimentallabyrinth irren. „Der Satellit“ ist dagegen bereits als Ort ein Faszinosum. Seine Gestalt ist einfach: ein Rad (oder eine „Donuß“; ein allerliebster Übersetzerklopfer auf S. 24). Die Größe lässt Themis so eindrucksvoll wirken, was Varley mit der Sprachgewalt, die ihm als Schriftsteller zur Verfügung steht, gebührend ins rechte Licht rückt. Darüber hinaus füllt er die gewaltige Leere, die Themis’ Inneres darstellt, mit einer Welt, die man einfach interessant findet. Was lässt sich dramaturgisch nicht alles in eine Kulisse setzen, deren „Oberfläche“ die Innenseite einer Kugelschale darstellt, welche ihrerseits von kilometerdicken Trossen durchzogen wird, die eigene, bizarre Ökosysteme entwickelt haben!

Das Fremde, das Varley hier inszeniert, ist zwar potenziell gefährlich – Spannung muss sein -, aber in erster Linie interessant. Was werden die Bewohner dieser eigenartigen Landschaften tun? Wie reagieren sie auf die Anwesenheit von Menschen? Gibt es eine lenkende Hand, die für teils gefährliche, teils unverständliche Zwischenfälle verantwortlich ist? Varley findet das Gleichgewicht zwischen der Langeweile, die ein Zuviel an Weg heraufbeschwören, und dem Überdruss, den ein Overkill an „dramatischen“ Schlachten zwischen Schiffbrüchigen und Themis-Monstern auslösen könnte. Langsam aber nie gemächlich baut sich die Spannung auf, die stets gewahrt bleibt und keine Durchhänger aufweist.

Erst in den beiden Folgebände, vor allem im allzu voluminösen Abschlussband „Demon“ (dt. „Der Dämon“) gerät das Gleichgewicht allmählich aus dem Lot – ein nur zu bekanntes Problem von Trilogien und Serien, die ehrgeizig starten aber dann an einen Punkt kommen, an dem der Verfasser die Lust verliert oder sich im Gewirr der aufgeworfenen Fragen und Subplots verheddert. Varley geschieht das auf hohem Niveau, doch dies ist eine andere Geschichte, die uns hier (noch) nicht interessieren muss: „Der Satellit“ ist Science-Fiction, die der Leser genauso wie der Kritiker liebt. Nicht umsonst ist dieser Roman u. a. 1980 mit dem „Locus Award“ ausgezeichnet worden. Er gilt als moderner Klassiker und wird seit mehr als einem Vierteljahrhundert immer wieder aufgelegt. (Außer In Deutschland, wo seit „Stahl-Paradies“ ohnehin kein Varley-Roman mehr erschien – in den SF-Regalen der hiesigen Buchläden benötigt man halt Platz für die Reißbrett-Schinken von John Ringo, Ben Bova oder David Weber …)

Eine Geschichte ohne Berücksichtigung der Tatsache, dass Menschen, aber auch Aliens Geschöpfe mit Gefühlen, Sehnsüchten und Ängsten sind, wirkt mechanisch bis langweilig. Was nützt Themis also als grandioser Ort, wenn sich hier Figuren tummeln, die uns herzlich gleichgültig sind? Glücklicherweise ist Varley sich dieser Tatsache nicht nur bewusst, er verfügt auch noch über das Talent, Themis mit interessanten Charakteren zu bevölkern.

Supermänner oder –frauen wird man nicht unter ihnen finden. Als Raumfahrer schickt man wegen der enormen Anforderungen (und Kosten) verständlicherweise nur die „Besten“ der Menschheit ins All. Viele SF-Autoren scheinen den Standpunkt zu vertreten, dass diesen (zwischen-)menschliche Schwächen fremd sein müssen: Tatkräftige Vorzeigehelden (und -heldinnen) erleben rasante Abenteuer und wirken dabei wie Roboter. Natürlich ist auch das Gegenteil möglich: Die Handlungsträger sind so mit internen Problemen beschäftigt, dass darüber die eigentliche Story vernachlässigt wird.

Varley manövriert geschickt zwischen den Polen. Seine Hauptperson ist Cirocco Jones, die es bis zum Kapitän des besten Forschungsschiffes gebracht hat, das die Menschheit je auf eine lange Raumreise geschickt haben. Trotzdem ist Cirocco kein Vorzeigegenie, sondern reich an Fehlern und Tadeln, was sie sehr sympathisch wirken lässt. Schon äußerlich kennzeichnet der Verfasser Jones als alltägliche Person; sie ist intelligent und entscheidungsfreudig, aber kein von Hollywood designtes Actionfrauchen, das in gefährlichen Situationen Mist bauen muss, um sich von starken Männern retten zu lassen.

„Starke“ Männer in diesem Sinn gibt es an Bord der „Ringmeister“ und später auf Themis ohnehin nicht. Dumpfe Machos reisen glücklicherweise primär auf den Schlachtschiffen der „Military SF“, mit der Varley rein gar nichts am Hut hat. Zu den Spannungselementen der Handlung gehört die Tatsache, dass die Schiffbrüchigen etwas Unbekanntes mit sich tragen. Es beeinflusst ihr Denken und Verhalten und macht sie unberechenbar, womöglich zur Gefahr für die eigenen Gefährten.

Mit den Themis-Aliens hat Varley ebenfalls ins Schwarze getroffen. Zentauren, „Engel“ und lebende Zeppeline lässt er auftreten – seltsam vertraut, dies aber keineswegs, weil dem Verfasser nichts Besseres einfiel. Die Ähnlichkeiten zu dem, was die irdischen Besucher von daheim auf der Erde kennen, werden aufgeklärt, als Cirocco Jones und ihre Begleiterin Gaby Gäa persönlich, die Verkörperung der gewaltigen Raumstation, kennen lernen. Auch hier findet Varley seine Erklärung für deren bizarres Auftreten – und gleichzeitig den Dreh, eine an sich fremdartige Lebensform so darzustellen, dass ihr Denken und Handeln für den Leser verständlich wirken, ohne das der „Alienstatus“ darunter unnötig leidet.

Ansonsten zeigen vor allem die einleitenden Kapitel Science-Fiction aus einer anderen, oft naiver wirkenden Epoche. Zwar ist von politischen und wirtschaftlichen Problemen auf der Erde die Rede, doch die ist weit entfernt und spielt in „Der Satellit“ noch keine echte Rolle. Die Besatzung der „Ringmeister“ ist ein buntes Multikulti-Gemisch, das sich vor allem in der Weltsicht eines George W. Bush politisch höchst unkorrekt verhält: Man raucht, entspannt sich mit Rauschgiften, frönt der freien (sogar gleichgeschlechtlichen) Liebe und schmückt sich nicht einmal mit dem Feigenblatt militärischer Etikette. „Der Satellit“ entstand in der Prä-AIDS-Ära und in einer im Vergleich mit der Gegenwart liberaleren Phase, was einen Ausgleich für die inzwischen altmodisch anmutende Technik – auch Science-Fiction altert – bietet. Die jüngeren SF-Leser mögen sich zwar über die disziplin- und ellenbogenarmen Forscherlinge erregen, die so zögerlich und blasterfrei vorgehen, doch siehe da, das Abenteuer funktioniert trotzdem!

John Herbert Varley wurde 1947 in Austin, Texas, geboren und wuchs an der Golfküste auf. Er ging an die Michigan State University, wo er zunächst Naturwissenschaften, später jedoch Englisch studierte, ohne es bis zum Abschluss zu schaffen. Stattdessen zog er ins San Francisco des Jahres 1967 und wurde folgerichtig Hippie, bis er dieses Daseins sechs Jahre später überdrüssig wurde und ihm außerdem das Geld ausging.

Varley beschloss Schriftsteller zu werden. Nach eigener Aussage (http://www.varley.net ) begann er als sehr schneller Schreiber, dessen Tempo mit den Jahren immer weiter nachließ. Fast zehn Jahre erschien sogar überhaupt kein neuer Roman: Varley war nach Hollywood gegangen und arbeitete für die Filmindustrie. Die magere Ausbeute dieser Zeit bestand in einem einzigen realisierten Film: „Millennium“ entstand nach einem Roman Varleys unter Mitwirkung von Kris Kristofferson, Cheryl Ladd und Daniel J. Travanti. Varley nennt ihn freimütig ein „Desaster“ und hat damit die Mehrheit der Filmkritiker auf seiner Seite.

Reumütig kehrte er an den eigenen Schreibtisch zurück. „Steel Beach“ (dt. „Stahl-Paradies“) markierte 1992 sein Comeback als SF-Schriftsteller, doch konnte er an seine früheren Erfolge – im ersten Jahrzehnt seiner Tätigkeit gewann er in jedem Jahr mindestens einen der wichtigen SF-Preise – nur bedingt anknüpfen und damit seinem Status als „aufsteigender Superstar“ und „neuer Robert A. Heinlein“ nie wirklich gerecht werden. Nichtsdestotrotz gehört er weiterhin zu denjenigen Autoren, die das Genre mit gut geplotteten, ideenreichen und lesenswerten Werken bereichern. Varley lebt heute an der kalifornischen Küste.

Die Gäa-Trilogie erschien im Wilhelm Heyne Verlag und besteht aus den Bänden

1. Titan (1979; dt. „Der Satellit“, 1983) – Heyne SF Nr. 3986
2. Wizard (1980; dt. „Der Magier“, 1983) – Heyne SF Nr. 3987
3. Demon (1984; dt. „Der Dämon“, 1986) – Heyne SF Nr. 4313

Broschiert: 365 Seiten