Volkers, Mara – Vampirjagd

Für die Vampire in Mara Volkers‘ „Vampirjagd“ ist ihr Anderssein hauptsächlich ein lästiges Hindernis, dem sie mit Geld, kleinbürgerlichem Verhalten und strikter Angepasstheit zu entfliehen suchen. Sicher, es gibt da diese dumme Angewohnheit, von Zeit zu Zeit Menschenblut trinken zu müssen, aber ansonsten lassen es Daniela und ihr Mann Urban zivilisiert zugehen. Zusammen mit den sonstigen Vampiren von Wien haben sie sich in einem Club organisiert, haben sich strenge Regeln auferlegt und versüßen sich ansonsten das ewige Leben mit regelmäßigen Besuchen im Kaffeehaus und gepflegten Gesprächen mit seinesgleichen.

Die Ruhe wird jäh gestört als Daniela und Dilia mittels ihrer Fähigkeiten die geistige Spur eines unbekannten Vampirs aufnehmen, der sich kurz darauf an einem Menschen vergreift. Ein Sakrileg, finden die beiden. Schließlich verstößt es gegen die Regeln des Clubs (auch wenn der unbekannte Vampir vermutlich noch nie vom Club gehört hat) und kann nur in einem Desaster enden. Das kleine Grüppchen der Club-Vampire vermutet sofort einen großen Gegenspieler, der ihnen ans Leder will und so versuchen sie, sowohl an den unbekannten Vampir als auch an den vermuteten Hintermann zu gelangen. Ein Unterfangen, das, da es ständig durch exzessives Palatschinken-Essen unterbrochen wird, Dreiviertel des Buches einnehmen und sich dementsprechend hinziehen wird.

Was Daniela und ihre Freunde nicht wissen: Am anderen Ende der Stadt verwandelt sich gerade die junge Vanessa in einen Vampir. Und als ein paar Kleinkriminelle sie, ihre Schwester und ihren Mann in einer Holzhütte einem Feuer überlassen, das nur Vanessa überleben wird, schwört diese Rache. Ihrer Ansicht nach hat sie ihren neuen Zustand nur erlangt, um für den Tod ihrer Schwester Gerechtigkeit walten zu lassen.

Und so suchen auf der einen Seite Daniela und Urban nach einem unbekannten Vampir. Vanessa wiederum sucht nach den Mördern ihrer Schwester. Und die Kleinkriminellen um den verwöhnten Milliardärssohn Ferdinand Rubanter rauben eine Bank nach der anderen aus, ohne zu ahnen, dass sie es bald mit Vampiren zu tun bekommen.

_Mara Volkers konstruiert_ ihren Roman durchaus geschickt. Durch die Augen verschiedener Charaktere sieht der Leser die Handlung und weiß somit immer viel mehr als die Figuren selbst. Volkers gelingt es, anfangs scheinbar völlig voneinander unabhängige Handlungsstränge zu präsentieren, nur um diese später langsam immer mehr zueinanderzuführen wie einen Knoten, den man immer fester zieht. Diese Taktik garantiert Lesegenuss, denn sie macht es dem Leser leicht, bei der Stange zu bleiben. Leider unterwandert Volkers ihren guten Ansatz durch den eher dünnen Plot und vor allem durch die völlig austauschbaren Charaktere. Alle ihre handelnden Figuren sind Typen; Klischees auf Füßen, für die man sich nur schwerlich begeistern kann. Da sind Daniela und Urban, das versnobte Künstlerehepaar, das doch herzensgut ist und trotz des ganzen Geldes und der Berühmtheit so sympathisch auf dem Boden geblieben ist. Da ist Vanessa, die frustrierte Ehefrau, die ihrem Mann kaum mehr als eine Putz- und Bürohilfe ist. Da ist Ferdinand Rubanter, dessen Allüren in ihrer Maßlosigkeit bald nicht nur den Figuren, sondern auch dem Leser auf den Wecker gehen. Und da ist der Kleingangster Erwin, der zwar böse, aber auch irgendwie einfältig ist. Keiner der Charaktere erscheint wie ein echter Mensch – pardon, ein echter Vampir -, alle bleiben immer nur zweidimensionale Abziehbilder zwischen zwei Buchdeckeln.

Auch der Vampirismus kommt viel zu kurz. Daniela und ihr Vampir-Club wirken eher wie eine exklusive Clique als wie eine Gruppe Untoter. Man liest nichts, was man nicht schon irgendwoanders besser, schillernder oder zumindest gruseliger gesehen hätte. Es scheint, als wäre der Vampirismus der Figuren ein Anhängsel, aber eben nicht der Aufhänger. Und das ist sehr schade – schließlich lässt der Titel anderes vermuten.

Deshalb berührt es auch letztlich kaum, was mit diesen Charakteren im Laufe der Handlung passiert. Und da passiert durchaus Tragisches! Aber da Volkers‘ Charaktere nicht fähig sind, überraschende, interessante oder wenigstens authentische Reaktionen zu zeigen, bleibt die Tragik auch immer nur ein Element, um zum nächsten Handlungspunkt zu gelangen. Und da sich die Konflikte schließlich in Wohlgefallen auflösen werden und es auch keinen großen Gegenspieler im Hintergrund gibt (eine Tatsache, die der Leser recht bald begreift), hat man den Eindruck, die 400 Seiten des Romans plätscherten gemächlich dahin.

_Zumindest hat sich_ Mara Volkers Mühe gegeben, etwas Wiener Lokalkolorit in den Roman einfließen zu lassen: Da wird im Hawelka Kaffee getrunken und auf der Suche nach der Vampirin der Stephansdom umrundet. Es gibt ein paar typisch wienerische Ausdrücke und Redewendungen (ein Dank ans Lektorat, dass diese nicht glattgebügelt wurden) und es fehlte eigentlich nur noch, dass eine Szene auf dem Hauptfriedhof spielt. Dieser Aspekt von „Vampirjagd“ ist also wirklich gelungen, nur reicht großzügig versprühtes Wiener Flair leider nicht für ein wirklich spannendes Leseerlebnis. Damit steht der ultimative Roman über Vampire in Wien immer noch aus. Freiwillige vor!

|Taschenbuch: 464 Seiten
ISBN-13: 978-3492268141|
http://www.piper-verlag.de

_Mara Volkers bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Reliquie“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3766

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